{"id":75349,"date":"2021-08-21T11:45:16","date_gmt":"2021-08-21T09:45:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75349"},"modified":"2021-08-24T07:56:53","modified_gmt":"2021-08-24T05:56:53","slug":"verschwoerungstheorien-ein-entgiftungskurs-in-drei-gaengen-teil-ii-ein-entgiftungskurs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75349","title":{"rendered":"Verschw\u00f6rungstheorien \u2013 ein Entgiftungskurs in drei G\u00e4ngen. Teil II: Ein Entgiftungskurs."},"content":{"rendered":"<p>Dies ist der zweite von drei Artikeln einer Reihe zum Thema &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo;. Es wird dabei auf politische, sprachliche, inhaltliche, historische und aktuelle Aspekte des (Kampf-)Begriffes eingegangen. Den ersten Teil der Reihe finden Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75176\">unter diesem Link<\/a>. Von <b>Wolf Wetzel<\/b>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_850\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-75349-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210823_Verschwoerungstheorien_ein_Entgiftungskurs_in_drei_Gaengen_Teil_II_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210823_Verschwoerungstheorien_ein_Entgiftungskurs_in_drei_Gaengen_Teil_II_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210823_Verschwoerungstheorien_ein_Entgiftungskurs_in_drei_Gaengen_Teil_II_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210823_Verschwoerungstheorien_ein_Entgiftungskurs_in_drei_Gaengen_Teil_II_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=75349-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210823_Verschwoerungstheorien_ein_Entgiftungskurs_in_drei_Gaengen_Teil_II_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210823_Verschwoerungstheorien_ein_Entgiftungskurs_in_drei_Gaengen_Teil_II_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Das Schlagwort &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; wurde &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75176\">wie ausgef&uuml;hrt<\/a> &ndash; schon vor den Corona-Zeiten angewandt. Doch nun hat es als einziger freien Ausgang. F&uuml;r den Vorwurf &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; gibt es keine Ausgangssperre, keinen Lockdown.<\/p><p>Im Gegenteil: Man kann in Corona-Zeiten die Welt und ihre Vermessung leicht &uuml;berschaubar in zwei H&auml;lften teilen. Die erste ist die offizielle Meinung (mitsamt dem Tross an Politikern, Experten, Journalisten, Wissenschaftlern und Psychologen). Die zweite H&auml;lfte umschlie&szlig;t alle, die Kritik an der Corona-Politik und vor allem an den Corona-Ma&szlig;nahmen &uuml;ben. Obwohl die Motive, die Tragweite und die politische Selbstverortung sehr verschieden und vielf&auml;ltig sind, werden sie geradezu zwanghaft in die Gemeinschaftszelle aus &bdquo;Querdenkern&ldquo;, &bdquo;Schwurblern&ldquo; und &bdquo;Aluhuttr&auml;gern&ldquo; gesteckt.<\/p><p>Was will man in diesem Zusammenhang sagen, wenn man die Kritik als Verschw&ouml;rungstheorie denunziert? Man will damit genau das, was man den &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretikern&ldquo; unterstellt: Man will nicht begr&uuml;nden, man will nicht streiten, man will sich nicht der Debatte stellen. Wie leicht w&auml;re doch, die Kritiker in aller &Ouml;ffentlichkeit zu Wort kommen zu lassen, Panels einzurichten, in denen Bef&uuml;rworter und Kritiker zu gleichen Teilen zu Wort kommen? Warum macht man genau das nicht?<\/p><p>Stattdessen werden einge&uuml;bte Reflexe und Assoziationsketten abgerufen. Demnach unterstellt man der Kritik, dass sie ganz andere M&auml;chte am Werk sieht als all jene, die nun alle um unsere Gesundheit besorgt sind. Wenn man also zum Beispiel sagt, dass der DAX mehr z&auml;hlt als ein Inzidenzwert, dann beschreibt man nicht mehr eine Wirtschaftsordnung, sondern eine abgedrehte Verschw&ouml;rungserz&auml;hlung.<\/p><p>Wenn man dem allseits gepflegten Schutznarrativ widerspricht, die Corona-Ma&szlig;nahmen w&uuml;rden den Schutzbed&uuml;rftigen (der Alten, der Risikogruppen usw.) dienen, dann beschreibt man nicht eine allt&auml;gliche Realit&auml;t, die man in Altenheimen bis heute beobachten und beklagen kann, sondern &hellip; leidet unter Verschw&ouml;rungsfantasien.<\/p><p>Im Gro&szlig;en und Ganzen geht es um die Weigerung, dass die Corona-Politik den Menschen, unsere Gesundheit in den Mittelpunkt des politischen Handelns stellt. Wer sich dem verweigert, verbreitet Verschw&ouml;rungstheorien.<\/p><p><i><b>Erstes Beispiel:<\/b> <b>#allesdichtmachen<\/b><\/i><\/p><p>Bis April 2021 war die Welt noch in Ordnung. Die gro&szlig;e Mehrheit hat die dritte Welle wie eine biblische Wahrsagung angenommen. Sie haben alles befolgt, selbst den gr&ouml;&szlig;ten Schwachsinn. Diejenigen, die das nicht hinnahmen, hat man als Verschw&ouml;rungstheoretiker denunziert und ausgegrenzt. Und ein nicht klar zu quantifizierender Teil der Bev&ouml;lkerung kann das Schweigen, das eigene Mitmachen kaum noch aushalten.<\/p><p>Dann tauchten &ndash; wie aus dem Nichts &ndash; &uuml;ber 50 Videoclips auf, die von Schauspielerinnen und Schauspielern konzipiert und gedreht wurden. Viele davon hat man gerne gesehen, man hat sie sehr gesch&auml;tzt &ndash; in tollen Rollen, als Charakterschauspieler &ndash; bis dahin.<\/p><p>Das Besondere an den Clips ist, dass sie gar nicht die Corona-Ma&szlig;nahmen kritisieren, sondern in vielen Facetten zeigen, dass es jetzt darauf ankommt, mitzumachen, noch eine Schippe draufzulegen, mit dem Mantra auf den Lippen: alle wollen nur unser Bestes, unsere Regierung, unsere Pharmaindustrie und all die Wirtschafts- und Demokratiekapit&auml;ne, die rund um die Uhr f&uuml;r uns da sind.<\/p><p>Die Clips zeigen uns noch mehr: Es geht nicht einfach darum, Ma&szlig;nahmen und Verordnungen zu befolgen. Es geht darum, selbst Teil der Regierung zu werden, sie zu verinnerlichen, sich und andere anzuspornen, es noch besser zu machen. Fr&uuml;her galt der &bdquo;deutsche Michel&ldquo; als Wahrzeichen des Untertanengeistes. Heute steht er f&uuml;r Co-Gouvernement, f&uuml;r Selbstoptimierung, f&uuml;r ein absolut selbstbewusstes, taffes Mitmachen.<\/p><p>Diesen Spirit-Change haben die brillanten Schauspieler in der ganzen Tiefe, auf ganz hohem Niveau gezeigt. Wie sch&ouml;n hat es der Schauspieler J&ouml;rg Bundschuh zusammengefasst:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<i>Unterst&uuml;tzen Sie die Corona-Ma&szlig;nahmen &ndash; mit und ohne Grund.&ldquo;<\/i>\n<\/p><\/blockquote><p>Oder die Schauspielerin Nadja Uhl: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<i>Hallo ich bin Nadja Uhl. Ich bin Schauspielerin und dank Corona habe ich gelernt zu schweigen.&ldquo;<\/i>\n<\/p><\/blockquote><p>Auch der Schauspieler Volker Bruch ist eine Wucht, wenn er mit seinen ewig traurigen Augen uns wissen l&auml;sst: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<i>Es ist so wichtig, dass wir alle genug Angst haben. Bleiben Sie gesund. Und halten Sie sich an ihrer Angst fest.&ldquo;<\/i>\n<\/p><\/blockquote><p>Und dass das noch nicht alles ist, dass wir noch zu viel mehr bereit sind, hat uns die Schauspielerin Kathrin Osterode vorgemacht. Sie will die Corona-Regeln einhalten, sie will sie auch in ihr Familienleben integrieren. Sie ist, das sp&uuml;rt man sofort, eine aufgeschlossene, ganz coole Mutter: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<i>F&uuml;r viele ist das Virus ja abstrakt. F&uuml;r Kinder ist es das aber ganz besonders. Damit sich aber auch meine Kinder verantwortungsvoll verhalten, haben wir bei uns zuhause die Inzidenz-Regel eingef&uuml;hrt. Jeden Morgen schreiben wir hier den g&uuml;ltigen Inzidenzwert auf diese Tafel, um das Ganze f&uuml;r die Kinder sp&uuml;rbar und erlebbar zu machen. Und deshalb hat dann dieser Wert (<\/i>sie macht nun das Licht dieser Schautafel an<i>) auch ganz konkrete Auswirkungen auf das, was wir als Familie d&uuml;rfen und eben nicht. Ab einem Wert von 100 gibt&rsquo;s zum Beispiel sofort Fernseh- und Internetverbot. Ab einen Wert von 80 gibt es lediglich keine S&uuml;&szlig;igkeiten und nur einmal am Tag raus. (&hellip;) Und wenn dann hier irgendwann einmal eine 30 steht, dann &ndash; das ist fest versprochen &ndash; dann machen wir alle zusammen eine Fahrradtour. So. Und damit das aber auch m&ouml;glich wird, gibt es eben ab einem Wert von 150 kein Abendessen. Ab einem Wert von 200 Isolation im eigenen Zimmer und ab einem Wert von 250 wird das erste Kind zur Adoption freigegeben. Ab einen Wert von 300 dann das zweite<\/i>. (Die alles opfernde Mutter macht eine kurze Pause) <i>Bitte, bitte helfen auch Sie, dass ich meine Kinder behalten darf.<\/i>&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Clips, die Aktion der meist beliebten und bekannten Schauspielerinnen und Schauspieler schlug ein und erreichten ein Millionenpublikum. Dann schlug das Imperium samt Hofstaat zur&uuml;ck (siehe auch <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72153\">hier<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71825\">hier<\/a> ):<\/p><p>Es hagelte Vorw&uuml;rfe: #allesdichtmachen sei ein Akt von verw&ouml;hnten Million&auml;ren, die sich auf Kosten der Toten &bdquo;bereichern&ldquo;, sie w&uuml;rden die Opfer der Corona-Pandemie verh&ouml;hnen und\/oder verleugnen. Sie seien einfach nur abscheulich und asozial. Es sei allerh&ouml;chste Zeit, sie nicht l&auml;nger f&uuml;r uns schauspielern zu lassen.<\/p><p>Die Schauspieler kamen so gut wie nie zu Wort. Man fragte sie nicht, was sie damit bewirken wollten, man lud sie nicht zur Diskussion ein. Man richtete sie in Abwesenheit. Alles zusammen zeigte Wirkung. Fast 20 der an der Aktion beteiligten Schauspieler zogen ihre Videoclips zur&uuml;ck.<\/p><p>Nachdem man die Angeklagten um die H&auml;lfte dezimiert hatte, startete man die zweite Phase. Ein &ouml;ffentlich-privates Ermittlungsverfahren a la McCarthy. Die Anklage lautete:<\/p><p>Die daran beteiligten Schauspielerinnen und Schauspieler sind vielleicht nett und naiv. Sie sind aber Marionetten in einem gro&szlig;en Spiel, mit dem ganz geheime und heimt&uuml;ckische Ziele verfolgt werden. Also gilt es, Drahtzieher, Hinterm&auml;nner und geheime M&auml;chte ausfindig zu machen, die hinter der biederen Maske der Mitmenschlichkeit ihr b&ouml;ses Spiel treiben. Man stellte Teams zusammen, man stampfte sie aus dem Boden, wie beim Berliner &bdquo;Tagesspiegel&ldquo;, und lie&szlig; sie nach Strich und Faden recherchieren.<\/p><p>Der Tagesspiegel und die Guten bekamen das, was man bestellt hatte:<\/p><p><i>#allesdichtmachen<\/i> ist das Werk eines besonders gemeinen Drahtziehers. Wenn man wie die tapferen Tagesspiegel-Rechercheure hinter die Kulissen schaut, dann kann man den Kopf dieser perfiden Kampagne liefern: <\/p><p><i>Dietrich Br&uuml;ggemann<\/i>. Bekannt als Regisseur, Gewinner des Silbernen B&auml;ren f&uuml;r das beste Drehbuch bei der Berlinale 2014. Nun enttarnt als &bdquo;tragende Rolle&ldquo; in diesem Machwerk.<\/p><p>Aber ein Kopf alleine reicht ja nicht. Dahinter steht eine ganze Organisation, mit ganz b&ouml;sen Absichten, die man nun ans Licht zerrt und dabei kein Risiko scheut: &bdquo;Querdenker&ldquo;, nicht ganz, aber so gut wie. Nennen wir es ein &bdquo;<i>antidemokratisches Netzwerk<\/i>&ldquo;. Das reicht.<\/p><p>Der Fall ist aufgekl&auml;rt: Die Idee der Schauspieler mag vielleicht gut gemeint gewesen sein. Aber sie sind benutzt worden, wie Puppen in einem Puppenspiel. Jetzt haben sie die letzten Sympathien verspielt. <\/p><p>Kaum war der Skandal in allen Medien verbreitet, kam das Dementi. Der &bdquo;Tagesspiegel&ldquo; musste &ouml;ffentlich zugeben, dass seine Drahtzieher-Netzwerk-Story nicht zutreffend ist: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<i>Der Tagesspiegel besch&auml;ftigte sich in mehreren Artikeln mit den Hintergr&uuml;nden der Video-Aktion #allesdichtmachen von mehr als 50 Schauspielerinnen und Schauspielern. In <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/filmbranche-und-querdenker-die-geschichte-hinter-allesdichtmachen\/27149604.html\">einem Text verfolgten die Autoren Hinweise auf ein &sbquo;antidemokratisches Netzwerk&lsquo;<\/a><\/i><i> als Ausgangspunkt der Aufnahmen; dies stellte sich im Nachhinein als nichtzutreffend heraus.&ldquo; (tagesspiegel.de vom 10.6.2021)<\/i>\n<\/p><\/blockquote><p>Dieser R&uuml;ckzieher ist keiner emp&ouml;rten &Ouml;ffentlichkeit, keinem journalistischen Fakten-Check zu verdanken, keiner Demonstration, die gegen diese Ver&auml;chtlichmachung auf die Stra&szlig;e gegangen ist. Der R&uuml;ckzieher ist vielmehr dem &bdquo;Drahtzieher&ldquo; zu verdanken, Dietrich Br&uuml;ggemann, der sich nicht wegduckte, sondern den &bdquo;Tagesspiegel&ldquo; zu dem zwang, was Dietrich Br&uuml;ggemann mit Vorsatz und Absicht verweigert wurde: Eine Stellungnahme als Betroffener.<\/p><p>Dennoch hat diese Kampagne ihr Ziel erreicht: Die Auseinandersetzung um den Inhalt der Clips ist vollst&auml;ndig im Denunziationsstrom untergegangen. Die meisten Schauspieler werden sich es das n&auml;chste Mal zehnmal &uuml;berlegen, sich politisch einzumischen. Und die neutralen Zuschauer haben gelernt, dass es besser ist, sich rauszuhalten &ndash; und mitzumachen.<\/p><p>Was bleibt, ist ein wunderbar ausgebreitetes Beispiel daf&uuml;r, dass diejenigen, die so sehr und so inbr&uuml;nstig gegen &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorien&ldquo; wettern, genau dieses Denunziationswerkzeug bestens benutzen. Sie sind die wahren Meister in diesem Metier.<\/p><p>Was bleibt, ist die erzwungene <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/was-machen-wir-hier-eigentlich-dietrich-brueggemann-ueber-die-aktion-allesdichtmachen\/27273610.html\">Stellungnahme von Dietrich Br&uuml;ggemann im &bdquo;Tagesspiegel&ldquo;<\/a> . Ein wertvolles Dokument f&uuml;r die Tatsache, dass jene, die am lautesten &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; schreien, selbst jene sind, die solche in die Welt setzen, buchst&auml;blich aus dem Nichts zusammenbauen, um die Kritik an der Corona-Politik und den vielen professionellen Mitmachern (auch beim &bdquo;Tagesspiegel&ldquo;) zum Schweigen zu bringen.<\/p><p>Es ist aber auch ein Dokument daf&uuml;r, dass jene, die &uuml;berall vor Fake News warnen und nach Zensur rufen, die Profis in Sachen Fake News sind &ndash; und es bleiben wollen.<\/p><p><i><b>2. Beispiel: Der Vorwurf, man wolle eine (indirekte) Impfpflicht durchsetzen, sei ein perfides Beispiel f&uuml;r eine Verschw&ouml;rungserz&auml;hlung<\/b><\/i><\/p><p>Vor einem Jahr war der Vorwurf der (expliziten\/impliziten) Impfpflicht ein sicheres Merkmal f&uuml;r eine &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo;. Wer so etwas behaupte, verbreite Panik, sauge sich etwas aus den Fingern und versuche damit, ein tadelloses Anliegen zu diskreditieren. Nur ein Jahr sp&auml;ter ist der Impfnachweis der barrierefreie Zugang zu Grundrechten.<\/p><p>Viele k&ouml;nnen sich sicherlich noch daran erinnern, dass der Vorwurf, die ganzen Corona-Ma&szlig;nahmen liefen auf eine (explizite\/implizite) <b>Impfpflicht<\/b> hinaus, als eine ungeheure und infame Unterstellung zur&uuml;ckgewiesen wurde. Jene, die dies bef&uuml;rchteten oder davor gewarnt hatten, wurden au&szlig;ergerichtlich als Verschw&ouml;rungstheoretiker angeklagt, also verurteilt.<\/p><p>Zur selben Zeit traten hochrangige Zeuginnen und Zeugen auf, die beteuerten und beschworen, dass es keine Impfpflicht g&auml;be, dass alles ganz freiwillig sei und dass niemand auch nur im Entferntesten an etwas Anderes denke. Wer dennoch vor einem &bdquo;Zwei-Klassen-System&ldquo; (Geimpfte\/Nichtgeimpfte) warne, betreibe das Gesch&auml;ft mit der Angst. So erkl&auml;rte beispielsweise Sachsens Ministerpr&auml;sident Michael Kretschmer bereits <a href=\"https:\/\/twitter.com\/mpkretschmer\/status\/1257619155810951168?lang=de\">im vergangenen Mai<\/a> :<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<i>Auch die Behauptung, dass diejenigen, die sich nicht impfen lassen, ihre Grundrechte verlieren, ist absurd und b&ouml;sartig. Lassen Sie uns Falschnachrichten und Verschw&ouml;rungstheorien gemeinsam entgegentreten.&rdquo;<\/i>\n<\/p><\/blockquote><p>Seitdem die &bdquo;Impfkampagne&ldquo; Fahrt aufgenommen hat, debattieren jene, die den Impfpflicht-Vorwurf f&uuml;r infam hielten, in aller Ruhe und Breite dar&uuml;ber, wie man jene privilegieren kann und muss, die geimpft sind. Es m&uuml;sse jetzt darum gehen, dass jene ihre Grundrechte zur&uuml;ckbekommen sollen, die sich haben impfen lassen. Das sei man aus Gerechtigkeitsgr&uuml;nden denen schuldig.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<i>Auf einmal musste es schnell gehen. Am Donnerstag (6. Mai 2021) stimmte der Bundestag der R&uuml;cknahme von Corona-Beschr&auml;nkungen f&uuml;r vollst&auml;ndig Geimpfte und Genesene zu, am Freitag folgte der Bundesrat. Bei privaten Zusammenk&uuml;nften sollen sie k&uuml;nftig nicht mehr mitgez&auml;hlt werden. Auch die n&auml;chtlichen Ausgangsbeschr&auml;nkungen gelten f&uuml;r sie nicht.<\/i><\/p>\n<p><i>Vollst&auml;ndig geimpft, das hei&szlig;t im Sinne der Verordnung, die an diesem Wochenende in Kraft tritt, dass &sbquo;seit der letzten erforderlichen Einzelimpfung mindestens 14 Tage vergangen sind&lsquo;. Am Sonntag betrifft das knapp sechs Millionen Menschen (&hellip;) Die Geschwindigkeit und Einigkeit, mit der die <\/i><i><b>Sonderrechte<\/b><\/i><i> f&uuml;r Geimpfte beschlossen wurden, war erstaunlich &ndash; schon der Begriff &sbquo;Sonderrechte f&uuml;r Geimpfte&lsquo; provozierte bei vielen heftige Gegenwehr. In einem Rechtsstaat m&uuml;sse klar sein, dass Einschr&auml;nkungen nur mit gutem Grund m&ouml;glich seien, um Leben und Gesundheit von anderen zu sch&uuml;tzen, sagte etwa Bundesjustizministerin Christine Lambrecht. &sbquo;Sobald dieser Grund wegf&auml;llt, muss genauso klar sein, dass dann auch diese Einschr&auml;nkung nicht mehr erfolgen darf&lsquo;.&rdquo;<\/i> (n-tv.de vom 8. Mai 2021)\n<\/p><\/blockquote><p>Das hei&szlig;t, wenn man nur halbwegs auf dem Boden der Verfassung steht, dass Grundrechte ab nun an (Vor-)Leistungen gekn&uuml;pft werden. Wer wei&szlig;, dass man sich Grundrechte nicht verdient, sondern dass man sie hat, dass sie kein Privileg sind, sondern voraussetzungslos allen zustehen, der handelt nicht f&uuml;rsorglich, sondern verfassungsfeindlich.<\/p><p>Nun wird ein zentraler Verfassungsgrundsatz in aller &Ouml;ffentlichkeit auf den Kopf gestellt und die Impfung als Zugangsberechtigung zu bzw. R&uuml;ckgabe von Grundrechten festgeklopft.<\/p><p>Wie schleichend und sicher man vom <i>Impfangebot<\/i> zur (moralischen) Impfpflicht chargiert, macht die gut getimte Aussage des Kanzleramtsministers Helge Braun am 25. Juli 2021 deutlich: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<i>Geimpfte werden definitiv mehr Freiheiten haben als Ungeimpfte.&ldquo;<\/i>\n<\/p><\/blockquote><p><b>3. Beispiel: Wenn der an &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorien&ldquo; erhobene Vorwurf, sie seien unwissenschaftlich, einer Selbstschussanlage gleicht<\/b><\/p><p>F&uuml;r Verschw&ouml;rungstheorien oder -erz&auml;hlungen sei besonders markant, dass sie unwissenschaftlich seien. Sie w&uuml;rden sich nicht den (wissenschaftlichen) Fakten stellen, sich jeder inhaltlichen Debatte entziehen und seien f&uuml;r Argumente unzug&auml;nglich. Anstatt wissenschaftlichen Standards zu gen&uuml;gen und evidenz-basiertes Wissen zu verbreiten, w&uuml;rden sie vielmehr auf Affekte anstatt auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu setzen.<\/p><p>Das folgende Beispiel zeigt, dass sich gerade jene, die mit diesem Verdikt arbeiten, jeder inhaltlichen Diskussion entziehen, mit der Begr&uuml;ndung, alles andere seien Verschw&ouml;rungstheorien, also indiskutabel.<\/p><p>Gelegentlich bekommt man davon eine &ouml;ffentlich-rechtliche Auff&uuml;hrung. In diesem Fall ist es die Talksendung von Markus Lanz. Thema ist die erw&uuml;nschte Impfung von Jugendlichen ab 12 Jahren. Was vorher nie in der Diskussion war, schon gar nicht in der wissenschaftlichen, soll nun medial auf allen regierungsnahen Kan&auml;len f&uuml;r Akzeptanz sorgen. Der Grund sei ein ganz einfacher und sorgenvoller: Kinder und Jugendliche sollen gesch&uuml;tzt werden. Zur Flankierung wird hinzugef&uuml;gt, dass damit alle etwas zur Bek&auml;mpfung der Pandemie beitragen w&uuml;rden, eben alle. Wer dem nicht folgt, sei ein &bdquo;Gef&auml;hrder&ldquo;.<\/p><p>Bei &bdquo;Lanz&ldquo; am 15. Juni 2021 sollte das mit geladenen G&auml;sten diskutiert werden. Es ging um die neue, letzte Etappe der Impfkampagne, dieses Mal f&uuml;r Jugendliche ab 12 Jahren.<\/p><p>Dazu war auch der Chef der St&auml;ndigen Impfkommission (Stiko), Prof. Dr. Thomas Mertens, eingeladen. Ganz ruhig f&uuml;hrte er aus, warum die Stiko eine entsprechende Empfehlung ablehnen muss. Es g&auml;be keine Studien, die belegen w&uuml;rden, dass von dieser Altersgruppe eine Gefahr ausginge: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<i>Dabei ist sehr klar herausgekommen, dass die Krankheitslast Covid-19 f&uuml;r die Kinder dieser Altersgruppe, von der die Rede ist, keine wesentliche Rolle spielt<\/i>.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Auch zum ber&uuml;hmten Long-Covid-Syndrom gebe es in der weltweiten Literatur keine brauchbaren Daten. Daraufhin wurde er vom SPD-Chef Walter-Borjans s&uuml;ffisant angegriffen. Er habe doch eine Vorbildfunktion! Er m&uuml;sse doch wissen, wenn er so etwas im Fernsehen sagt, dass das (sch&auml;dliche) Auswirkungen auf die Impfkampagne habe. Dr. Mertens blieb ausgesprochen gelassen und bei der Sache: Er habe jahrzehntelang gelernt, evidenzbasiert zu arbeiten, warum soll er das jetzt unterlassen? Nur weil es gerade nicht passt? Im &Uuml;brigen sei die StiKo nicht dazu da, das f&uuml;r wissenschaftlich zu halten, was der Politik in den Kram passt. Der SPD-Chef verzog die Miene und schwieg. Daf&uuml;r setzte Lanz noch einmal nach: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<i>Zuletzt wollte Lanz noch vom Virologen wissen, ob er seine Enkel impfen lassen w&uuml;rde. &sbquo;Nein, gesunde Kinder w&uuml;rde ich jetzt im Augenblick nicht impfen lassen&lsquo;, erkl&auml;rte Mertens und r&uuml;ffelte indirekt den Moderator: Es sei &sbquo;grotesk&lsquo; anzunehmen, dass er als Gro&szlig;vater eine andere Auffassung vertrete, die sich nicht mit den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen deckt<\/i>.&ldquo; (focus.de vom 16.7.2021)\n<\/p><\/blockquote><p>Ein wirklich eindrucksvolles Beispiel daf&uuml;r, dass es sich bei der Impfkampagne f&uuml;r Jugendliche um keine wissenschaftlich begr&uuml;ndbare Ma&szlig;nahme handelt. An deren Stelle treten vielmehr Unterstellungen und dringende &bdquo;Empfehlungen&ldquo;, die bisherige Haltung zu &bdquo;&uuml;berdenken&ldquo;.<\/p><p>Es wird sicherlich der berechtigte Einwurf kommen, dass ein paar kleine wissenschaftliche Aussetzer nicht alle Corona-Ma&szlig;nahmen diskreditieren. Schlie&szlig;lich bewegt man sich bei einer t&ouml;dlichen Krankheit immer auf wackligem Terrain &ndash; sonst w&auml;re es keine t&ouml;dliche Krankheit. Das stimmt &ndash; aber eben in beide Richtungen: Wenn es keinen wissenschaftlichen Zaubertrunk gegen dieses Virus gibt, dann ist Kritik an einzelnen Ma&szlig;nahmen nicht unwissenschaftlich, sondern elementarer Bestandteil wissenschaftlicher Vorgehensweise, die verschiedene Arbeitsthesen, verschiedene &bdquo;Therapien&ldquo; entwickelt und pr&uuml;ft, solange es keinen eindeutigen Favoriten gibt.<\/p><p>Das hie&szlig;e sehr einfach und sehr deutlich, dass anstelle von Denunziationen offene Diskussionen treten m&uuml;ssten, wo &uuml;ber das F&uuml;r und Wider gestritten werden kann und muss. Warum setzt sich die (au&szlig;er-)parlamentarische Linke nicht daf&uuml;r ein? Warum organisiert sie nicht genau dies?<\/p><p>Genau das Gegenteil wird gemacht &ndash; nicht nur auf Regierungsseite, sondern auch von Teilen der Linken. Dabei sind sich beide anscheinend einig, dass sie wissenschaftsbasiert handeln, w&auml;hrend die Kritiker vor allem Hokuspokus veranstalten.<\/p><p>Bereits hier wird eine Verschiebung sichtbar, die stillschweigend hingenommen, die gedankenlos angenommen wird und damit eine linke Selbstverst&auml;ndlichkeit in den M&uuml;lleimer wirft: Wer mit &bdquo;der Wissenschaft&ldquo; argumentiert, wer behauptet, das und das sei wissenschaftlich evident (also unumstritten), folgt einem Herrschaftsnarrativ und am allerwenigsten der Wirklichkeit wissenschaftlicher Apparate, die weder neutral noch unabh&auml;ngig von Herrschaftsinteressen arbeiten und Ergebnisse produzieren.<\/p><p>Wenn also Teile der Linken den gegenw&auml;rtigen Konflikt um die Corona-Ma&szlig;nahmen in <i>wissenschaftlich<\/i> und <i>unwissenschaftlich<\/i> aufl&ouml;sen, dann haben sie nicht die Scheidelinie markiert, sondern die Aufgabe essentieller linker Wissenschaftskritik.<\/p><p>Titelbild: Atstock Productions\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist der zweite von drei Artikeln einer Reihe zum Thema &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo;. Es wird dabei auf politische, sprachliche, inhaltliche, historische und aktuelle Aspekte des (Kampf-)Begriffes eingegangen. Den ersten Teil der Reihe finden Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75176\">unter diesem Link<\/a>. Von <b>Wolf Wetzel<\/b>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":75177,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,149,123,11],"tags":[3064,1112,2970,3058,2880,1163,2999,827,239,682,2834],"class_list":["post-75349","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-gesundheitspolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","category-strategien-der-meinungsmache","tag-allesdichtmachen","tag-buergerrechte","tag-denunziation","tag-diffamierung","tag-impfungen","tag-meinungspluralismus","tag-querdenken","tag-stigmatisierung","tag-tagesspiegel","tag-verschwoerungstheorie","tag-virenerkrankung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/shutterstock_1122397568.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75349","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=75349"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75349\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":75423,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75349\/revisions\/75423"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/75177"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=75349"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=75349"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=75349"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}