{"id":75353,"date":"2021-08-22T11:45:59","date_gmt":"2021-08-22T09:45:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75353"},"modified":"2021-08-27T10:43:30","modified_gmt":"2021-08-27T08:43:30","slug":"verschwoerungstheorien-ein-entgiftungskurs-in-drei-gaengen-teil-iii-neue-normalitaet-und-neuer-antifaschismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75353","title":{"rendered":"Verschw\u00f6rungstheorien \u2013 ein Entgiftungskurs in drei G\u00e4ngen. Teil III: \u201eNeue\u201c Normalit\u00e4t und \u201eneuer\u201c Antifaschismus."},"content":{"rendered":"<p>Dies ist der dritte von drei Artikeln einer Reihe zum Thema &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo;. Es wird dabei auf politische, sprachliche, inhaltliche, historische und aktuelle Aspekte des (Kampf-)Begriffes eingegangen. Den ersten Teil der Reihe finden Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75176\">unter diesem Link<\/a> und den zweiten, gestrigen Teil <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75349\">unter diesem Link<\/a>. Von <b>Wolf Wetzel<\/b>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_586\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-75353-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210824_Verschwoerungstheorien_ein_Entgiftungskurs_in_drei_Gaengen_Teil_III_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210824_Verschwoerungstheorien_ein_Entgiftungskurs_in_drei_Gaengen_Teil_III_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210824_Verschwoerungstheorien_ein_Entgiftungskurs_in_drei_Gaengen_Teil_III_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210824_Verschwoerungstheorien_ein_Entgiftungskurs_in_drei_Gaengen_Teil_III_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=75353-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210824_Verschwoerungstheorien_ein_Entgiftungskurs_in_drei_Gaengen_Teil_III_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210824_Verschwoerungstheorien_ein_Entgiftungskurs_in_drei_Gaengen_Teil_III_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Dass Regierung und parlamentarische Opposition bei der aktuellen Corona-Politik mitmachen, ist nicht &uuml;berraschend. Dass es aber auch in der (au&szlig;erinstitutionellen) Linken so derma&szlig;en still ist, ist niederschmetternd. Wenn man gutwillig ist, k&ouml;nnte man annehmen, dass ganz viele Linke in einer Zwickm&uuml;hle stecken: Schlie&szlig;lich geh&ouml;rt es eigentlich zu den Selbstverst&auml;ndlichkeiten einer linken Politik, Herrschaftspolitik anzugreifen, die sich explizit f&uuml;r eine Kapital-Minderheit ins Zeug schmei&szlig;t, also f&uuml;r Standortlogik, f&uuml;r deutsche Weltmarktpositionen, f&uuml;r die Interessen von Gro&szlig;unternehmen.<\/p><p>Macht die schwarz-rote Regierung mit ihrer Corona-Politik pl&ouml;tzlich etwas Anderes? Obgleich wirkliche Begr&uuml;ndungen f&uuml;r diese Ausnahme ausbleiben, wei&szlig; ein lautstarker Teil der Linken daf&uuml;r ganz genau, warum die Kritik der &bdquo;Querdenker&ldquo; an den Corona-Ma&szlig;nahmen falsch, egoistisch und &bdquo;rechtsoffen&ldquo; ist.<\/p><p><b>Der Dreisatz des &bdquo;neuen&ldquo; Antifaschismus<\/b><\/p><p>Man muss nichts f&uuml;r &bdquo;die Querdenker&ldquo; &uuml;brighaben, man kann sie links liegen lassen, ihre Kritik an der Regierungspolitik f&uuml;r vorget&auml;uscht, ihr Eintreten f&uuml;r Grundrechte f&uuml;r scheinheilig halten.<\/p><p>Dann w&auml;re es doch gerade eine Aufgabe der Linken, eine bessere, &uuml;berzeugendere Kritik an der Regierungspolitik anzubieten, mit eigenen Aktionsformen und Interventionen zu gl&auml;nzen.<\/p><p>All das bleibt weitgehend aus &ndash; die wenigen linken Gruppen, die das kapitalistische Krisenmanagement kritisieren, bleiben gerade auch innerhalb linker Milieus marginal.<\/p><p>Lautstark und von den Medien beachtet werden jene antifaschistischen und antirassistischen Gruppierungen, die zur Verhinderung von &bdquo;Querdenker&ldquo;-Demonstrationen aufrufen.<\/p><p>Die Begr&uuml;ndung ist schnell erkl&auml;rt: Die &bdquo;Querdenker&ldquo; sind rechtsoffen. Wenn sie nicht selbst faschistisch sind, so gehen sie &bdquo;mit Nazis Hand in Hand&ldquo;. Damit ist bewiesen, dass sie &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorien&ldquo; teilen und diese f&uuml;hren &ndash; &uuml;ber kurz oder lang &ndash; zum Antisemitismus. Geradezu dankbar war man einer Rednerin auf einer Querdenker-Demonstration in Hannover 2020, die mit ihrer Kritik an den Corona-Ma&szlig;nahmen in die Fu&szlig;stapfen von Sophie Scholl treten wollte. Dass sie sich da irrt, ist ebenso richtig wie die Tatsache, dass man damit keine Antisemitin enttarnt hat.<\/p><p>Man lie&szlig; sich nicht aufhalten, &bdquo;Querdenker&ldquo; wie Naziaufm&auml;rsche zu behandeln. Es gilt, sie zu verhindern, zumindest zu st&ouml;ren, denn (in leichter Abwandlung): <i>Querdenken ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.<\/i><\/p><p><b>Solidarit&auml;t &hellip; statt Verschw&ouml;rungstheorien. Echt?<\/b><\/p><p>An die Stelle einer eigenen Kapitalismusanalyse, an die Stelle einer diskussionsw&uuml;rdigen Staatsanalyse tritt ein Wort: Solidarit&auml;t. In ihrem Namen wird zu Gegen-Gegen-Demonstrationen aufgerufen. Damit ist v&ouml;llig klar und gekl&auml;rt, dass man selbstlos und gut ist, w&auml;hrend es auf der anderen Seite fast nur Sozialdarwinisten und Egoisten gibt. <\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich sind Parolen verk&uuml;rzend, doch sie m&uuml;ssen den Kern des Anliegens zum Ausdruck bringen. Und sie m&uuml;ssen in einem Anteil des eigenen Handelns sichtbar sein. <\/p><p>Es ist also wichtig zu kl&auml;ren, was mit &bdquo;Solidarit&auml;t&ldquo; gemeint ist. Zweifellos legt dieser Begriff in Corona-Zeiten nahe, dass damit all die gemeint sind, die jetzt alles geben (Krankenhaus-Pflegepersonal) oder viel verlieren (Selbstst&auml;ndige, Kulturschaffende, Lohnabh&auml;ngige, prek&auml;r Besch&auml;ftigte), und dass es gerecht zugehen m&uuml;sse unter den Opfern der Pandemie-Ma&szlig;nahmen. <\/p><p>Die &bdquo;soziale Frage&ldquo; zu thematisieren, ist also zweifellos wichtig. Denn sie macht sichtbar, dass Corona auf sehr unterschiedliche wirtschaftliche Verh&auml;ltnisse trifft und staatliche Corona-Hilfen diese Gegens&auml;tze nicht beseitigen, sondern versch&auml;rfen (was eine Kapitalismusanalyse sehr eindeutig herausarbeiten k&ouml;nnte).<\/p><p>Wenn man diese Folie zugrunde legt, dann wei&szlig; man auch, was man von einer Bundesregierung zu halten hat, die ebenfalls an die Solidarit&auml;t appelliert, Gro&szlig;unternehmen mit Milliarden-Betr&auml;gen zur Seite steht und f&uuml;r die &bdquo;Helden der Pandemie&ldquo; vor allem warme Worte &uuml;brig hat.<\/p><p>Und was ist mit der gelebten &bdquo;Solidarit&auml;t&ldquo; gemeint, die man den QuerdenkerInnendemonstrationen entgegenh&auml;lt? Tats&auml;chlich demonstrieren dieselben nicht vor Amazon, vor dem Fleischgiganten T&ouml;nnies, vor gro&szlig;en Fabriken, wo alles weitergeht wie bisher. Sie stehen auch nicht vor den Krankenh&auml;usern und Altenheimen, um mehr zu erzwingen als das kostenlose Abklatschen von &bdquo;Helden&ldquo;. Und es gibt auch keine Demonstrationen vor dem Bundeskanzleramt, um der Bundesregierung ins Gesicht zu schleudern, dass sie bisher alles daf&uuml;r getan hat, dass die Lohnarbeitsverh&auml;ltnisse (gerade in Pflegediensten) mies bis unertr&auml;glich sind, und alles daf&uuml;r tut, dass sich daran nichts &auml;ndert. Das w&auml;re erlebbare Solidarit&auml;t und sie w&uuml;rde sicherlich auch guttun, anstatt st&auml;ndig auf Abstand zu bleiben zu denen, die man als Opfer so ins Herz schlie&szlig;t. Fairerweise muss man hinzuf&uuml;gen, dass das auch vor Corona nicht viel anders war. Die Ausbeutungsverh&auml;ltnisse ganz unten standen manchmal zwar ganz oben auf den Flugbl&auml;ttern, aber blieben ganz weit weg vom Alltag, der bei den meisten Linken nichts mit ganz unten zu tun hat.<\/p><p>Dass der Ruf nach Solidarit&auml;t vor allem ein Label ist, konnte man in Leipzig am 7. November 2020 buchst&auml;blich abz&auml;hlen. Etwa 20.000 &bdquo;Querdenker&ldquo; demonstrierten dort gegen die Corona-Ma&szlig;nahmen. Am selben Tag gab es sieben Gegen-Gegen-Demonstrationen mit mehreren tausend TeilnehmerInnen &ndash; unter dem Motto: &bdquo;<i>Ihr seid nicht der Widerstand &ndash; Ihr lauft mit Nazis Hand in Hand<\/i>&ldquo;. <\/p><p>Es gab aber auch einen Aufruf des Zusammenschlusses &bdquo;<i>Nichtaufunseremr&uuml;cken<\/i>&ldquo;, der sich mit dem Ruf nach Solidarit&auml;t nicht an Regierungsappelle angeschmiegt hatte, sondern das &bdquo;Alle gegen Corona&ldquo; in die Tonne trat: <i>&bdquo;Wir sitzen alle in einem Boot &ndash; Kapitalisten, Bosse und Manager in einem anderen&ldquo;.<\/i> Diese Aktion fand auch am selben Tag in Leipzig statt und brachte es auf ein paar Dutzend Unterst&uuml;tzer.<\/p><p>Manchmal hat man das Gl&uuml;ck, an einem Tag die Frage beantwortet zu bekommen, was mit Solidarit&auml;t wirklich gemeint ist.<\/p><p>Wenn man diesen Eindruck verallgemeinert, dann bleibt von der Solidarit&auml;t nur die mit der Regierung und ihrem Corona-Management &uuml;brig. Nat&uuml;rlich sieht man keine Merkel- oder Spahn-Konterfeis auf den Transparenten. Aber im Gegensatz zur vorget&auml;uschten Solidarit&auml;t mit den Unterklassen ist dieses Zusammenhalten sehr praktisch und sehr aktiv: Die Regierung &uuml;bernimmt die Markierung der (Demokratie-)Feinde, die Polizei ist f&uuml;r den repressiven Teil zust&auml;ndig und Teile der Linken flankieren dies, indem sie zur Delegitimierung des Querdenkerprotests erheblich beitragen und dabei bereit sind, weiterzugehen als der Staat &ndash; nat&uuml;rlich nur aus Spa&szlig;: &bdquo;<i>Impfpflicht f&uuml;r Aluh&uuml;te<\/i>&ldquo;.<\/p><p>Es bleibt die Frage, die man sich tats&auml;chlich sehr ernsthaft stellen muss: Warum muss man &bdquo;Querdenker&ldquo; zu Fast-Halb-Dreiviertel-Faschisten machen, anstatt im eigenen Handeln und Denken das Quere daran geradezur&uuml;cken?<\/p><p>Man k&ouml;nnte zur Einleitung festhalten, dass die Linke mit dem Kampf gegen Faschismus genug zu tun h&auml;tte, wenn man die Beispiele NSU, NSU 2.0, KSK, combat 18 oder Hammerskins als Beispiele anf&uuml;hrt. In dieser sehr konkreten Auseinandersetzung ist die Linke so gut wie abgetaucht.<\/p><p>Im n&auml;chsten Schritt m&ouml;chte man das Beste annehmen und davon ausgehen, dass der Vorwurf an die Querdenker, sei seien &bdquo;so gut wie Faschisten&ldquo;, weniger begr&uuml;ndet als leicht dahergesagt ist. Das f&uuml;hrt zu einer &Uuml;berlegung, die vielleicht an das augenblickliche Dilemma heranreicht: <\/p><p>Nerven die &bdquo;Querdenker&ldquo; vor allem deshalb, weil sie einen Unmut gegen&uuml;ber staatlichen Ma&szlig;nahmen, einen massiven Zweifel daran artikulieren, dass dieser Staat zu unserem Wohle handelt?<\/p><p>Nerven die Querdenker, weil sie etwas nicht hinnehmen wollen, womit sich viele Linke &ndash; mit ganz vielen Verrenkungen und kleinen Dem&uuml;tigungen &ndash; abgefunden haben?<\/p><p>&Uuml;bernehmen die Querdenker mit dem Verweis auf die (inakzeptable Einschr&auml;nkung der) Freiheit eine ganz wesentliche Maxime der Linken, die diese pl&ouml;tzlich und sinnlos mit dem Verweis auf die Gleichheit zu neutralisieren versuchen?<\/p><p>Braucht man die &bdquo;Querdenker&ldquo; als Faschisten, damit man sich nicht selbst diesen Fragen stellt:<\/p><p>W&auml;re es nicht fair und angemessen, dar&uuml;ber &ouml;ffentlich zu streiten, im Namen <i>welcher<\/i> Freiheit man f&uuml;r <i>was<\/i> k&auml;mpft? <\/p><p>Geh&ouml;rt es nicht zur Freiheit dazu, in Opposition zur Regierung zu gehen oder die hehren Ziele f&uuml;r die Freiheitseinschr&auml;nkungen infrage zu stellen? <\/p><p>Welchen Freiheitsbegriff haben die Kritiker der Querdenker? Und wie k&auml;mpfen sie daf&uuml;r, dass die m&uuml;hsam erk&auml;mpften Freiheiten nicht unter die Corona-R&auml;der geraten?<\/p><p>W&auml;re es nicht ein einigerma&szlig;en fairer Ausgangspunkt, herauszubekommen, wer <i>welche<\/i> Freiheit reklamiert und verteidigen will? Und w&uuml;rde es nicht der Linken, uns allen guttun, wenn wir uns, also auch unser Tun, an Rosa Luxemburgs Ausspruch messen lassen: <i>&bdquo;Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.&ldquo; (Die russische Revolution 1918).<\/i><\/p><p>Wenn man diese Fragen in Ruhe an sich herankommen l&auml;sst, dann bekommt man ein Gef&uuml;hl daf&uuml;r, warum es jetzt vielen in den Fingern juckt, schnell das Ass aus dem &Auml;rmel zu zaubern: <i>&bdquo;Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.&ldquo;<\/i><\/p><p>Wenn man wei&szlig;, dass die Mehrheit der Querdenker ganz viel ist, am allerwenigsten Nazis, dann ist dieses Ass keine notwendige Grenzziehung, sondern eine autorit&auml;re Geste, hinter der sich die Unf&auml;higkeit verbirgt, mit Rosa Luxemburgs Aussage <i>&uuml;berzeugend<\/i> umzugehen.<\/p><p>Denn es gibt gute Gr&uuml;nde, die weitgehende Zustimmung aus linken Kreisen zu den Corona-Ma&szlig;nahmen zu kritisieren &ndash; dazu muss man kein Querdenker sein.<\/p><p>Dass also gerade Linke so auf die <i>Querdenker<\/i> einschlagen, hat wenig mit deren abstrusen Ansichten zu tun, sondern damit, dass sie ihr Selbstbild ankratzen. Dass genau dieses gekr&auml;nkt ist, brachte ein Transparent in Leipzig auf den Punkt, das den Querdenkern zeigen sollte, wer Anspruch auf das Original hat:<\/p><p>&bdquo;<i>Ihr seid nicht der Widerstand.&ldquo;<\/i><\/p><p>Das wird noch mehr greifbar, wenn es um die Kritik an den Corona-Ma&szlig;nahmen geht. Viele Fortschrittliche und Linke akzeptieren die Corona-Ma&szlig;nahmen, den Lockdown, auch und gerade in seiner absurden Dichotomie. Sie halten ein, machen mit, sie werden gelegentlich sogar zu Hilfspolizisten, wenn sie zum Beispiel ein Verbot der Querdenkerdemonstrationen fordern, da diese nicht die AHA-Regeln einhalten. Dass sie auf diese Weise in der Tat &bdquo;staatlicher als der Staat&ldquo; agieren, bedarf keiner gedanklichen Verrenkung. Dass die Querdenker dabei und damit auf die Grundrechte und Schutzrechte verweisen, die sie verletzt sehen, die sie verteidigen wollen, macht die Linke rasend. Nicht, weil das absurd ist, sondern weil sie der Linken den Spiegel vorhalten, in den sie nicht hineinschauen will: Wie kann man als Linke die Verteidigung der Schutz- und Grundrechte so derma&szlig;en aufgeben! <\/p><p><b>Was sind die Gr&uuml;nde daf&uuml;r, mit Verschw&ouml;rungstheorien vor Verschw&ouml;rungstheorien zu warnen?<\/b><\/p><p>Die Gr&uuml;nde f&uuml;r Regierungen und regierungsnahe Apparate, die mit Verschw&ouml;rungstheorien vor diesen warnen, sind doch ziemlich offensichtlich: Wenn die US-Regierung gesagt h&auml;tte, wir marschieren in Vietnam ein, bringen dort zwei Millionen Menschen um, weil das einfach der Preis f&uuml;r geopolitische Interessen ist, dann w&auml;re das nicht so gut angekommen. Also sagte man, man sei angegriffen worden, m&uuml;sse sich verteidigen und bei der Gelegenheit die Menschen dort retten &ndash; vor sich selbst und dem Kommunismus.<\/p><p>Folglich tat die US-Regierung alles, um die Kritik daran als Verschw&ouml;rung gegen das gro&szlig;e und gute Amerika zu denunzieren und die Kritiker als Handlanger und Sympathisanten des Kommunismus zu brandmarken. Das passierte zur selben Zeit auch in Deutschland &ndash; nach demselben Muster. Die deutsche Bundesregierung denunzierte die Vietnamproteste als &bdquo;antiamerikanische Umtriebe&ldquo; und tat von ihrer Seite aus alles, um die wahren Gr&uuml;nde f&uuml;r diese Interventionspolitik zu verh&uuml;llen. Der Vietnamkrieg, die Ermordung von J.F. Kennedy (1963) und die CIA-Depesche, die das Brandeisen &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; zur Denunziation all derer entwickelt hatte, die an die Einzelt&auml;terthese der Regierung nicht glauben wollten, d&uuml;rfen als Zusammenhang verstanden werden.<\/p><p>Aber warum sind so viele Linke oder mit linken Argumenten ausgestattete Menschen bereit, ebenfalls das Verschw&ouml;rungsnarrativ zu verwenden? Warum demonstrieren so viele &bdquo;Linke&ldquo; gegen &bdquo;Querdenker&ldquo; anstatt gegen die Regierung? Und warum verhalten sich gerade Linke darin besonders aggressiv und aufopferungsvoll?<\/p><p>Ich bef&uuml;rchte, dass sie ihre eigene Geschichte, ihr eigenes &bdquo;kritisches Bewusstsein&ldquo; ausmerzen und bek&auml;mpfen m&uuml;ssen. Sie m&uuml;ssen genau das denunzieren, was f&uuml;r die Entstehung einer Linken in Deutschland wesentlich und konstitutiv war: Misstrauen, Hinterfragungen, Interessen benennen, die mit den behaupteten Motiven nicht vereinbar sind.<\/p><p>Es geh&ouml;rt zur Entstehungsgeschichte der Linken, dass sie nicht mehr glaubten, was die Herrschenden ihnen als Gr&uuml;nde ihres Regierungshandelns genannt haben. Sie glaubten den Herrschenden nicht, dass sie mit dem Faschismus gebrochen haben, obwohl sie das immer beteuerten und keinen Gedenktag auslie&szlig;en, um sich dort zu zeigen. Man nahm der Regierung nicht (mehr) ab, dass sie zu unserem Schutz Grundrechte au&szlig;er Kraft setzen will wie mit den &bdquo;Notstandsgesetzen&ldquo; 1968. Man glaubte ihnen kein Wort mehr, wenn die Regierenden beteuerten, dass sie gegen Diktaturen eintreten, w&auml;hrend sie gleichzeitig &ndash; meist verdeckt &ndash; Diktaturen unterst&uuml;tzten, sogar f&uuml;r den Sturz demokratisch gew&auml;hlter Regierungen sorgten (wie in Chile 1973). Und man glaubte ihnen kein Wort, als sie die Atomkraft f&uuml;r einen Segen der Menschen und die dabei freigesetzte Radioaktivit&auml;t f&uuml;r absolut ungef&auml;hrlich bis &bdquo;vitalf&ouml;rdernd&ldquo; verkauften.<\/p><p>Um diesen Regierungspolitiken nicht zu folgen, musste man Hintergr&uuml;nde ausleuchten, nach Zusammenh&auml;ngen suchen, Widerspr&uuml;che herausarbeiten und Interessen offenlegen. Und nat&uuml;rlich musste man bei der Analyse ein Risiko eingehen: Wenn alle relevanten Medien die Behauptung verbreiten, dass sich die USA in Vietnam verteidigen m&uuml;ssten (weil sie angegriffen wurden), wenn alle regierungsnahen Medien verbreiten, dass man Saddam Hussein in Irak st&uuml;rzen m&uuml;sse, um einen &bdquo;zweiten Holocaust&ldquo; zu verhindern, dann musste man den ganz wenigen Stimmen und Zeugnissen vertrauen, die dem widersprachen. Denn niemand gab uns damals die geheimen Unterlagen, niemand stellte uns geheime Protokolle zur Verf&uuml;gung, die die wahren Absichten h&auml;tten offenbaren k&ouml;nnen.<\/p><p>Den Herrschenden zu allererst zu misstrauen, war die Geburtsstunde der Linken. Das Risiko, erst viel sp&auml;ter recht zu bekommen, musste und muss eine Linke eingehen.<\/p><p>Das trifft auf die 1970er Jahre genauso zu wie auf die Jetztzeit. Ich glaube nicht, dass die Regierenden uns heute mehr bel&uuml;gen als vor 50 Jahren. Etwas anders hat sich gewaltig ver&auml;ndert &ndash; die Linke.<\/p><p>Wenn uns in den 1970er Jahren die Regierung gesagt h&auml;tte, dass sie uns vor einem t&ouml;dlichen Virus sch&uuml;tzen will, indem sie unsere Grundrechte einschr&auml;nkt, indem sie eine Ausgangssperre verh&auml;ngt und uns verbietet, auf einer Bank in Freien zu verweilen, dann h&auml;tte man diese Regierung schallend ausgelacht!<\/p><p>Dazu musste man kein Virologe, kein Epidemiologe sein, sondern einfach die Erfahrungen aufrufen, die man mit dieser Regierung hatte: Wer die Atomkraft mit aller Brutalit&auml;t durchsetzte, dem geht es nicht um die Gesundheit der Menschen, sondern um etwas ganz Anderes.<\/p><p>Wenn heute Linke gegen &bdquo;Querdenker&ldquo; demonstrieren, sogar ein Demonstrationsverbot f&uuml;r sie fordern, dann geht es nicht um schr&auml;ge, merkw&uuml;rdige und kaum haltbare Kritiken aus dem Querdenkerspektrum. Wenn es nur darum ginge, w&auml;re es Aufgabe einer Linken, einfach eine <i>bessere<\/i> Kritik an der Regierungspolitik zu &uuml;ben. <\/p><p>Die Wut auf die &bdquo;Querdenker&ldquo; r&uuml;hrt woanders her. Was viele, zu viele Linke so wahnsinnig macht, ist die Tatsache, dass sie genau das zum Teufel w&uuml;nschen, was man zur Grundausstattung einer Linken z&auml;hlen sollte: Herrschaftswissen infrage stellen, Motive hinterfragen und verdeckte Interessen und Zusammenh&auml;nge sichtbar machen, die die vorgegebenen Motive blo&szlig;stellen.<\/p><p>Dass diese Suche schwierig ist und sich nicht auf in Besitz gebrachte Geheimdokumente st&uuml;tzen kann, m&uuml;sste der Linken, wenn sie sich in ihrer Geschichte noch bewegen will, bekannt sein.<\/p><p>Dass es hinter den Verlautbarungen, den Regierungserkl&auml;rungen eine verdeckte Wahrheit gibt, dass diese Annahmen sehr oft stimmten, hat die Linke starkgemacht.<\/p><p>Jetzt ist ein Teil der Linken in Deutschland in der Situation, wo sie von diesem Hinterfragen genervt ist, weil dieses Hinterfragen massiv dabei st&ouml;rt, sich mit dem, was ist, abzufinden.<\/p><p>Denn es geht schon lange nicht mehr um eine Vision, die &uuml;ber das Bestehende hinausweist. Dieser Teil der Linken will statt Trump, Bolsonaro und Orban &hellip; eine Merkel-Version.<\/p><p>Diesen sehr begrenzten Horizont will sie sich nicht nehmen lassen und sie will erst recht nicht damit vorgef&uuml;hrt werden.<\/p><p><b>Quellen und Hinweise:<\/b><\/p><ul>\n<li>In welchem politischen Kontext diese Beitragsserie eingebettet ist, kann man dem folgenden Thesenpapier entnehmen: <i>Corona. Die Krise. Die Linke. Thesen: <\/i><a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2021\/01\/22\/corona-die-krise-die-linke-ein-thesenpapier\/\">wolfwetzel.de\/index.php\/2021\/01\/22\/corona-die-krise-die-linke-ein-thesenpapier\/<\/a>\n<\/li><li>\n<\/li><li><i>Was machen wir hier eigentlich? Dietrich Br&uuml;ggemann &uuml;ber die Aktion #allesdichtmachen<\/i>: <i><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/was-machen-wir-hier-eigentlich-dietrich-brueggemann-ueber-die-aktion-allesdichtmachen\/27273610.html\">tagesspiegel.de\/kultur\/was-machen-wir-hier-eigentlich-dietrich-brueggemann-ueber-die-aktion-allesdichtmachen\/27273610.html<\/a><\/i>\n<\/li><li>\n<\/li><li><i>Sonderrechte f&uuml;r Geimpfte. War das wirklich die richtige Entscheidung? <\/i><i><a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/War-das-wirklich-die-richtige-Entscheidung-article22541629.html?fbclid=IwAR0FVD9mhiMlw7KlEN3JzW6YeWpBrmsefHrScvOWei0ItFPnV82hOS830lc\">n-tv.de\/politik\/War-das-wirklich-die-richtige-Entscheidung-article22541629.html?fbclid=IwAR0FVD9mhiMlw7KlEN3JzW6YeWpBrmsefHrScvOWei0ItFPnV82hOS830lc<\/a><\/i>\n<\/li><li>\n<\/li><li><i>Mit Volldampf zum Impf-Zwang &ndash; Wen interessiert schon das Geschw&auml;tz von gestern? <\/i>Tobias Riegel, NDS vom 13. Juli 2021: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74216#more-74216\">nachdenkseiten.de\/?p=74216#more-74216<\/a>\n<\/li><li>\n<\/li><li><i>Stiko-Chef bei &ldquo;Lanz&ldquo;, &bdquo;Long-Covid ist kein Krankheitsbild der Kinder&rdquo;<\/i>: <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/kultur\/kino_tv\/stiko-chef-bei-lanz-long-covid-bei-kindern-stiko-chef-bei-lanz-das-ist-kein-krankheitsbild_id_13501591.html\">focus.de\/kultur\/kino_tv\/stiko-chef-bei-lanz-long-covid-bei-kindern-stiko-chef-bei-lanz-das-ist-kein-krankheitsbild_id_13501591.html<\/a>\n<\/li><li>\n<\/li><li><i>Coronavirus Update<\/i>, Folge 86, Korinna Henning (Wissenschaftsredakteurin\/NDR Info) und Christian Drosten (Virologe\/Charit&eacute; Berlin), S.19\/20: <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/info\/86-Coronavirus-Update-Das-Beispiel-Indien,podcastcoronavirus308.html#Bundesnotbremse\">ndr.de\/nachrichten\/info\/86-Coronavirus-Update-Das-Beispiel-Indien,podcastcoronavirus308.html#Bundesnotbremse<\/a>\n<\/li><li>\n<\/li><li><i>Die Impfdebatte entgleist, <\/i>Jens Berger, NDS vom 27. Juli 2021: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74668\">nachdenkseiten.de\/?p=74668<\/a>\n<\/li><li>\n<\/li><li><i>Kreative Buchf&uuml;hrung. Intensivbetten kommen und gehen &ndash; wie es in die Bilanz passt<\/i>, Ralf Wurzbacher: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72019#more-72019\">nachdenkseiten.de\/?p=72019#more-72019<\/a>\n<\/li><li>\n<\/li><li><i>B&uuml;ndnis warnt vor mehr als 30 Klinikschlie&szlig;ungen<\/i>: <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/nachrichten\/122735\/Buendnis-warnt-vor-mehr-als-30-Klinikschliessungen\">aerzteblatt.de\/nachrichten\/122735\/Buendnis-warnt-vor-mehr-als-30-Klinikschliessungen<\/a>\n<\/li><li>\n<\/li><li><i>Offener Brief von Aerosolwissenschaftlern<\/i> vom 11. April 2021: <a href=\"http:\/\/docs.dpaq.de\/17532-offener_brief_aerosolwissenschaftler.pdf\">http:\/\/docs.dpaq.de\/17532-offener_brief_aerosolwissenschaftler.pdf<\/a>\n<\/li><li>\n<\/li><li><i>Die Welt ist unsere Klinik<\/i>: <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-Welt-ist-unsere-Klinik-4999402.html\">heise.de\/tp\/features\/Die-Welt-ist-unsere-Klinik-4999402.html<\/a>\n<\/li><li>\n<\/li><li><i>Wann h&ouml;rt das endlich alles auf &hellip; und wie soll es weitergehen? Was unter Corona links sein k&ouml;nnte, <\/i>Thomas Rudhof-Seibert, Neues Deutschland vom 2.1.2020\n<\/li><li>\n<\/li><\/ul><p>Titelbild: Atstock Productions\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist der dritte von drei Artikeln einer Reihe zum Thema &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo;. Es wird dabei auf politische, sprachliche, inhaltliche, historische und aktuelle Aspekte des (Kampf-)Begriffes eingegangen. Den ersten Teil der Reihe finden Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75176\">unter diesem Link<\/a> und den zweiten, gestrigen Teil <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75349\">unter diesem Link<\/a>. Von <b>Wolf Wetzel<\/b>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":75177,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,123,11],"tags":[1933,3058,441,2999,682],"class_list":["post-75353","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-kampagnentarnworteneusprech","category-strategien-der-meinungsmache","tag-antifaschismus","tag-diffamierung","tag-freiheit","tag-querdenken","tag-verschwoerungstheorie"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/shutterstock_1122397568.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75353","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=75353"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75353\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":75461,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75353\/revisions\/75461"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/75177"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=75353"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=75353"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=75353"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}