{"id":75386,"date":"2021-08-23T09:00:53","date_gmt":"2021-08-23T07:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75386"},"modified":"2021-08-23T10:06:58","modified_gmt":"2021-08-23T08:06:58","slug":"abschreckung-statt-integration-symbol-geplanten-versagens-aus-dem-hause-seehofer-100-000-zugewanderte-aus-afghanistan-in-deutschland-mit-prekaerer-bleibeperspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75386","title":{"rendered":"Abschreckung statt Integration \u2013 Symbol geplanten Versagens aus dem Hause Seehofer. 100.000 Zugewanderte aus Afghanistan in Deutschland mit prek\u00e4rer Bleibeperspektive."},"content":{"rendered":"<p>Dies ist ein Beitrag aus der Praxis eines Integrationsberaters. Er stammt von <strong>Reiner Siebert<\/strong> aus Duisburg. Danke vielmals f&uuml;r diesen mit Fakten belegten, erhellenden Text. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nWenn es der Bundesregierung ernst w&auml;re mit ihrem Bedauern &uuml;ber die von ihr verschuldete Ausweglosigkeit der Ortskr&auml;fte und ihrer Familien im taliban-dominierten Afghanistan, dann k&ouml;nnte sie das im Umgang mit Afghanen zeigen, die schon seit Jahren in Deutschland sind.<\/p><p>Doch das geschmacklose Fabulieren &uuml;ber Abschiebungen nach Afghanistan vor dem Zusammenbruch des vom Westen durch Milit&auml;r, Dollars und Kumpaneien mit Verbrechern aller Art m&uuml;hsam zusammengehaltenen Kartenhauses staatlicher Ordnung in Afghanistan bekamen wir &ndash; nachdem das Staatsversagen nicht mehr zu leugnen war &ndash; in Form eines Appells, 2015 d&uuml;rfe sich &bdquo;nicht wiederholen&ldquo;, als &bdquo;Wahlkampf&ldquo; serviert.<\/p><p>Dass humanit&auml;re Hilfe und die vielzitierten Werte auf der Liste der Kriterien nicht oben stehen, macht schon ein Blick auf die seit Jahren in Deutschland lebenden Afghanen deutlich, die hautnah erleben, dass Sicherheit vor den Taliban und jahrelange Perspektivlosigkeit in Deutschland leider nah beieinander liegen. Nicht deren Integration, sondern Abschreckung weiterer Zuwanderung scheint das Leitmotiv der Zuwanderungspolitik sp&auml;testens seit 2016. <\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/210822-Siebert.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Die Zahl in Deutschland lebender Afghanen, mehr als ein Drittel davon Frauen, lag seit den neunziger Jahren, also auch w&auml;hrend des ersten Taliban-Regimes, deutlich unter 100.000. Daran &auml;nderte auch die NATO-Intervention nach dem 11. September 2001 nichts. Erst ab 2015, als angetrieben durch die Kriege in Syrien und im Irak f&uuml;r mehr und mehr Gefl&uuml;chtete im Nahen und Mittleren Osten auch die Nachbarl&auml;nder nicht mehr sicher waren, stieg auch die afghanische Zuwanderung nach Deutschland an. Viele von ihnen kamen &ndash; gemeinsam mit persischen Fl&uuml;chtlingen &ndash; aus dem Iran, wohin sie vor dem B&uuml;rgerkrieg einst geflohen waren. Eine R&uuml;ckkehrperspektive nach Afghanistan hatten auch 15 Jahre NATO-Besatzung kaum jemandem verschafft. Schon eine genaue Betrachtung der Fluchtgr&uuml;nde, -ursachen und Hintergr&uuml;nde der afghanischen Fluchtbewegung ab 2015 h&auml;tte der Bundesregierung jede &Uuml;berraschung &uuml;ber den Dominoeffekt vom August 2021 ersparen k&ouml;nnen, doch konzentrierte man sich jahrelang darauf, die Erfolge des Milit&auml;reinsatzes sch&ouml;nzureden, die Glaubw&uuml;rdigkeit der Asylbegehren anzuzweifeln und den in Deutschland angekommenen Afghanen mit Verweis auf vermeintlich sichere R&uuml;ckzugsorte in Afghanistan eine Bleibeperspektive zu verwehren.<\/p><p>Seit 2016 leben konstant gut eine Viertelmillion Afghanen in Deutschland. Seit mehr als 20 Jahren stabil niedrig ist allerdings die Zahl derer aus Afghanistan mit dauerhafter Bleibeperspektive, sie liegt konstant bei gerade einmal 5-6 Prozent. Ende 2020 sind das gut 16.000 Personen, die aufenthaltsrechtlich und beruflich als integriert gelten k&ouml;nnen, w&auml;hrend gut 150.000 Menschen nur eine Aufenthaltserlaubnis auf Zeit haben. Doch selbst diese besitzen zum Jahresbeginn 2021 mehr als 100.000 Personen nicht, denn ihre Bleibeperspektive ist prek&auml;r: Sie haben eine Duldung, befinden sich in jahrelangen Asylverfahren, in monatelangen Antragsverfahren oder sind g&auml;nzlich ohne Status, mit gravierenden Auswirkungen auf die Integrationsm&ouml;glichkeiten und -f&ouml;rderungen.<\/p><p>Die Praxis des Bundesamtes f&uuml;r Migration und Fl&uuml;chtlinge (BAMF), die Zulassung zu Integrationskursen an eine &bdquo;gute Bleibeperspektive&ldquo; zu binden, hat Zigtausende (freilich nicht nur aus Afghanistan) teils jahrelang von Sprach- und Integrationsf&ouml;rderungen ausgeschlossen, mit entsprechenden Folgen f&uuml;r die berufliche Integrationsf&auml;higkeit. Die Abh&auml;ngigkeit von Sozialleistungen wird seit der letzten Versch&auml;rfung des Aufenthaltsrechts 2019 wieder verst&auml;rkt durch Arbeitsverbote staatlich herbeigef&uuml;hrt, wenn Geduldete ihre Identit&auml;t nicht nachweisen k&ouml;nnen, weil keine &sbquo;legalisierte&lsquo; Geburtsurkunde verf&uuml;gbar ist und damit kein Pass ausgestellt werden kann. Dabei gelten Gefl&uuml;chtete aus Afghanistan als besonders bestrebt, eine Integration durch Arbeit zu schaffen, was allerdings zumeist nur im Niedriglohnsektor unter prek&auml;ren Arbeits- und Lebensbedingungen gelingt.<\/p><p>Die restriktiven &Auml;nderungen und Anwendungen des Asyl- und Aufenthaltsrechts als &sbquo;Abschreckungsmechanismus&lsquo; haben dazu gef&uuml;hrt, dass zahlreiche Afghanen dieser Tage in zweifacher Hinsicht &Auml;ngste ausstehen m&uuml;ssen: Einerseits die Sorge um Angeh&ouml;rige in Afghanistan und andererseits die Unsicherheit ihrer Bleibeperspektive in Deutschland.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210822-Siebert-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\">\n<p>Besonders prek&auml;r sind die Auswirkungen dabei in chronisch &uuml;berschuldeten Kommunen wie Duisburg sp&uuml;rbar: Sie sind einerseits (wegen vergleichsweise niedriger Mietpreise) f&uuml;r Zugewanderte (ohne Wohnsitzauflage) attraktiv, was wiederum die Konkurrenz im Niedriglohnbereich und Wohnungsmarkt verst&auml;rkt; andererseits sind St&auml;dte wie Duisburg von der Umsetzung des Asyl- und Aufenthaltsrechts durch die kommunalen Ausl&auml;nderbeh&ouml;rden erheblich &uuml;berlastet, weil das Personal der Stadtverwaltung bei Weitem nicht ausreicht, die komplexen asyl- und aufenthaltsrechtlichen Verfahren zu bearbeiten. Mehr als 1.200 Duisburger:innen ohne deutschen Pass, ziemlich genau ein Prozent der ausl&auml;ndischen Bev&ouml;lkerung, stammen aus Afghanistan, aber nur gut zwei Dutzend von ihnen haben eine dauerhafte Bleibeperspektive. 800 von ihnen m&uuml;ssen alle ein bis drei Jahre bei der Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde vorsprechen, 400 mehrmals pro Jahr (wie knapp 35.000 mit prek&auml;rem Aufenthaltsstatus aus allen Herkunftsl&auml;ndern).<br>\nDie Wartezeit auf einen Termin in der Duisburger Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde betr&auml;gt im August 2021 bis zu 6 Monate.<\/p>\n<p>Wenn schon keine politische Verantwortung f&uuml;r das eklatante Versagen hinsichtlich der Rettung der Ortskr&auml;fte &uuml;bernommen wird, sollte f&uuml;r Afghanen in Deutschland nun schnell und pauschal eine dauerhafte Bleibeperspektive geschaffen werden. Zur&uuml;ckkehren werden sie f&uuml;r lange Zeit nicht k&ouml;nnen, es sei denn, die Bundesregierung paktiert mit den Taliban, damit sie Abschiebungen erm&ouml;glichen. Das m&uuml;ssten unsere Grundwerte zwar verbieten, aber der Zweck k&ouml;nnte die Mittel wieder einmal heiligen, damit sich &bdquo;2015 nicht wiederholt&ldquo;. Was mit Libyen und dem Iran m&ouml;glich ist, sollte dann auch bald mit Assads Syrien und dem afghanischen Emirat gelingen. Vielleicht k&ouml;nnten die Partner in Saudi-Arabien eine Vermittlerrolle einnehmen?<\/p>\n<div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p>&copy;Reiner Siebert, 20.08.2021<br>\n<strong>Reiner Siebert<\/strong>, Integrationsberater, Autor f&uuml;hrt im Auftrag des ver.di-eigenen BiG-Bildungsinstituts das Integrationsb&uuml;ro im DGB-Haus Duisburg. Als Lehrbeauftragter der Bildungswissenschaften an der Universit&auml;t Duisburg-Essen erstellt und diskutiert er gemeinsam mit Studierenden Fallstudien zum Integrationsverlauf von Gefl&uuml;chteten.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist ein Beitrag aus der Praxis eines Integrationsberaters. 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