{"id":75438,"date":"2021-08-24T10:37:37","date_gmt":"2021-08-24T08:37:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75438"},"modified":"2021-08-24T11:17:52","modified_gmt":"2021-08-24T09:17:52","slug":"kreuzzuegler-kultur-in-afghanistan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75438","title":{"rendered":"Kreuzz\u00fcgler-Kultur in Afghanistan"},"content":{"rendered":"<p>Mit der Operation Enduring Freedom begann am 7. Oktober 2001 der &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; in Afghanistan, der bis heute zum l&auml;ngsten Krieg der USA und ihrer Verb&uuml;ndeten geworden ist, mit Tausenden Toten und Verletzten, auch unter den deutschen Soldaten. Dieser neokoloniale &bdquo;Kreuzzug&ldquo; hat Wunden hinterlassen, die wom&ouml;glich niemals heilen werden. <strong>Emran Feroz<\/strong> beschreibt diesen Krieg in seinem Buch &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/usa\/der-laengste-krieg.html\">Der l&auml;ngste Krieg &ndash; 20 Jahre War on Terror<\/a>&rdquo; nun erstmals aus afghanischer Perspektive. Er hat mit vielen Menschen vor Ort gesprochen: von Hamid Karzai &uuml;ber Taliban-Offizielle bis zu betroffenen B&uuml;rgern, die vor allem unter diesem Krieg leiden. Ein Auszug aus dem Buch, das gestern erschienen ist.<br>\n<!--more--><br>\nBis heute werden die meisten westlichen Truppen, die in den letzten zwanzig Jahren an der afghanischen Front gek&auml;mpft haben, als &raquo;die Guten&laquo; dargestellt. Egal ob Briten, Amerikaner oder Deutsche, sie waren allesamt am Hindukusch stationiert, um Frieden, Freiheit und Demokratie zu verbreiten. Wer dieses Narrativ hinterfragte, brach ein Tabu. Weder in den Vereinigten Staaten noch in Europa oder Australien wollte man das Handeln der eigenen Soldaten hinterfragen. Die emotionale N&auml;he zu den Soldaten bestand von Anfang an. Man hielt sie medial und politisch aufrecht, indem Journalisten &raquo;embedded&laquo; wurden und die Truppen vor Ort w&auml;hrend ihrer Missionen begleiteten oder westliche Politiker mitsamt kugelsicherer Westen den Milit&auml;rlagern der NATO in neokolonialer Manier einen Besuch abstatteten, um abermals einige Floskeln abzulassen und die Soldaten f&uuml;r den Kampf gegen die &raquo;Barbaren&laquo; einzustimmen. Die Vereinigten Staaten hielten ihre Truppen bei Laune, indem man ihnen bekannte Hollywoodschauspieler oder anderweitiges prominentes Personal zur Unterhaltung schickte. Mithilfe solcher propagandistischen Mittel wurde der westlichen Welt permanent vorgegaukelt, dass in Afghanistan alles in Ordnung sei. Man befinde sich lediglich in einem legitimen Krieg gegen eine der letzten Bastionen der Barbarei. <\/p><p>Im Gegensatz zum Irakkrieg entwickelte sich der Konflikt in Afghanistan zum &raquo;good war&laquo;, zum &raquo;guten Krieg&laquo;. Westliche Kriegsverbrechen, die sich hier in den letzten zwei Jahrzehnten ereigneten, wurden permanent heruntergespielt, beiseitegedr&auml;ngt, ignoriert oder bewusst vertuscht. Jene, die ans Licht kamen, stellte man als &raquo;ungl&uuml;ckliche Einzelf&auml;lle&laquo; dar. Es handelte sich bei ihnen um Ausnahmen, die nichts mit dem Rest der Soldaten zu tun hatten. Doch nach zwanzig Jahren Besatzung br&ouml;ckelt der sch&ouml;ne Schein zunehmend. Viele Afghanen hegen keine Sympathien f&uuml;r die Taliban oder andere militante Bewegungen, doch f&uuml;r ausl&auml;ndische Besatzer haben sie dennoch nicht viel &uuml;brig. Ihnen ist bewusst, dass es sich bei ihnen in erster Linie um Menschen handelt, die mit Gewalt in ihr Land eingedrungen sind, um zu morden und zu foltern. Zeitgleich sahen viele westliche Soldaten die Afghanen nicht als Individuen, denen man auf gleicher Augenh&ouml;he begegnen m&uuml;sse, sondern als Freiwild, das zum Abschuss freigegeben wurde. Im Irak und in Afghanistan betrachteten sich viele westliche Truppen als Kreuzz&uuml;gler des 21.&#8197;Jahrhunderts, deren Aufgabe es war, Rache f&uuml;r die Angriffe auf die &raquo;westliche Zivilisation&laquo; zu &uuml;ben. Sie jagten Afghanen und Iraker bewusst, um sie zu ermorden, und sie unterschieden nicht zwischen bewaffneten K&auml;mpfern und Zivilisten. <\/p><p><em>Straffreiheit f&uuml;r NATO-Kriegsverbrecher<\/em><\/p><p>Trotz zahlreicher aufgedeckter Kriegsverbrechen halten die meisten westlichen Politiker weiterhin an ihren Soldaten fest. Auch dies geschah oftmals, indem man sich in Kabul oder in Bagdad als Kolonialmacht aufspielte. Ein Beispiel hierf&uuml;r ist etwa ein bilaterales Sicherheitsabkommen zwischen der NATO und der afghanischen Regierung, welches 2014 abgesegnet wurde. Der damals noch amtierende afghanische Pr&auml;sident Hamid Karzai verweigerte sich der Unterzeichnung. Da sich Karzai in seinem letzten Amtsjahr befand, wurde klar, dass die Unterzeichnung auf seinen Nachfolger fallen w&uuml;rde. In Washington, London und Berlin reagierte man emp&ouml;rt, dass sich jener Mann, den man selbst an die Macht gebracht hatte, nun gegen das Abkommen stellte. De facto handelte es sich hierbei allerdings nicht um einen Vertrag auf Augenh&ouml;he, sondern um einen neokolonialen Pakt, der auf das Leben der Afghanen keinen Wert legte. Unter anderem garantierte das Abkommen, das von Karzais Nachfolger Ashraf Ghani umgehend nach dessen Wahl unterzeichnet wurde, eine bestehende Straffreiheit f&uuml;r NATO-Soldaten in Afghanistan und machte deutlich, dass n&auml;chtliche &Uuml;berf&auml;lle sowie Bombardements und Drohnenoperationen den Krieg in Afghanistan weiterhin pr&auml;gen w&uuml;rden. Konkret bedeutet dies bis heute, dass bekannte Kriegsverbrecher keinerlei Strafen zu bef&uuml;rchten haben, da die afghanische Justiz nicht dazu befugt ist, sie strafrechtlich zu verfolgen. Die Bestrafung ist ausschlie&szlig;lich den amerikanischen Besatzern selbst sowie ihren westlichen Alliierten &uuml;berlassen&nbsp;&ndash; und findet in den meisten F&auml;llen gar nicht statt. Das Abkommen war sogar f&uuml;r den damaligen deutschen Au&szlig;enminister Frank-Walter Steinmeier ein Grund, um nach Kabul zu reisen und Karzai aufzusuchen. Steinmeier versuchte praktisch, Karzai zu einer Unterzeichnung des Abkommens zu dr&auml;ngen, und machte damit auch deutlich, dass die Straffreiheit der NATO-Soldaten nicht nur w&uuml;nschenswert, sondern auch notwendig sei. Der Spiegel berichtete damals &uuml;ber Steinmeiers Besuch und schrieb von Karzais &raquo;anti-amerikanischer Hetze&laquo;.<\/p><p>Einige Jahre sp&auml;ter meinte Karzai mir gegen&uuml;ber, dass die Straffreiheit der Soldaten einer der Gr&uuml;nde gewesen sei, warum er die Unterzeichnung des Abkommens verweigert habe. Er war davon &uuml;berzeugt, dass die meisten Afghanen ihn als einen &raquo;zweiten Shah Shuja&laquo; betrachten w&uuml;rden. Andere Institutionen wie der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag, dessen Aufgabe die juristische Verfolgung von Kriegsverbrechern ist, werden von den Vereinigten Staaten nicht anerkannt, sondern verh&ouml;hnt und&nbsp;&ndash; wie die Trump-&Auml;ra deutlich gemacht hat&nbsp;&ndash; sogar bedroht und sanktioniert. Bereits 2016 hie&szlig; es in einem Bericht des Gerichtshofes, dass US-Soldaten in Afghanistan &raquo;wahrscheinlich&laquo; Kriegsverbrechen begangen h&auml;tten. Laut den Strafverfolgern existierte eine &raquo;vern&uuml;nftige Basis&laquo;, um zu glauben, dass im Laufe des &raquo;War on Terror&laquo; Gefangene sowohl innerhalb Afghanistans als auch in geheimen CIA-Gef&auml;ngnissen in Polen, Litauen und Rum&auml;nien zwischen 2003 und 2004 gefoltert wurden. Der Bericht hob hervor, dass sowohl physische als auch psychische Folter zum Einsatz kam, unter anderem etwa das ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigte Waterboarding sowie das Schlagen und Vergewaltigen von Gefangenen. Au&szlig;erdem kam der Strafgerichtshof zum Schluss, dass es sich bei den beschriebenen F&auml;llen keineswegs um &raquo;Einzelf&auml;lle&laquo; gehandelt habe. Vielmehr wurden die Folterpraktiken gezielt und systematisch angewendet. Die Befehle kamen von h&ouml;chster F&uuml;hrungsebene. <\/p><p>Doch die Vereinigten Staaten verweigern nicht nur die Kooperation bei der Aufkl&auml;rung, sie blockieren die Strafverfolgung sogar: Der sogenannte American Service-Members Protection Act, ein im Jahr 2002 erlassenes US-Gesetz, sorgt daf&uuml;r, dass die Mitglieder der amerikanischen Regierung sowie des Milit&auml;rs vor einer Strafverfolgung Den Haags gesch&uuml;tzt werden. US-B&uuml;rger und Alliierte sollten notfalls auch mit Gewalt vor dem Zugriff des Internationalen Gerichtshofs gesch&uuml;tzt werden. Seitens der Obama-Administration hie&szlig; es damals, dass eine Untersuchung weder angemessen noch berechtigt sei. Dennoch respektiere man selbstverst&auml;ndlich internationales Recht. <\/p><p>Der Ton wurde rauer, als Donald Trump in Washington an die Macht kam. Im September 2018 meinte Trumps damaliger Sicherheitsberater John Bolton, dass der Internationale Strafgerichtshof &raquo;bereits tot&laquo; sei. Er wetterte gegen die Mitarbeiter des Gerichts und drohte ihnen mit heftigen Sanktionen und einer Strafverfolgung in den Vereinigten Staaten. Im M&auml;rz 2020 genehmigten die obersten Richter in Den Haag eine Untersuchung von mutma&szlig;lichen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Afghanistan. Nach der Ank&uuml;ndigung griff Trumps Au&szlig;enminister Mike Pompeo die Entscheidung prompt an und bezeichnete sie als &raquo;r&uuml;cksichtslos&laquo;. Er k&uuml;ndigte an, dass seine Regierung entsprechende Schritte einleiten werde, um zu verhindern, dass amerikanische B&uuml;rger vor Gericht gestellt werden k&ouml;nnen. Im M&auml;rz 2020 setzte die Trump-Administration wirtschaftliche Sanktionen sowie Einreiseverbote gegen mehrere f&uuml;hrende Vertreter des Internationalen Strafgerichtshof durch. Anfang April 2021 wurden diese Schritte von Trumps Nachfolger Joe Biden r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht. Allerdings machte auch die Biden-Administration deutlich, dass sich an der grundlegenden Haltung Washingtons gegen&uuml;ber Den Haag nichts ge&auml;ndert habe. &raquo;Bez&uuml;glich der Situation in Afghanistan und Pal&auml;stina stimmen wir mit dem Internationalen Gerichtshof weiterhin eindringlich nicht &uuml;berein&laquo;, hie&szlig; es seitens US-Au&szlig;enminister Anthony Blinken. Einige Wochen zuvor hatte der Gerichtshof angek&uuml;ndigt, etwaige Menschenrechtsverbrechen der israelischen Regierung gegen die pal&auml;stinensische Bev&ouml;lkerung zu untersuchen. Auch Israel, einer der wichtigsten Verb&uuml;ndeten der USA, erkennt Den Haag nicht an. <\/p><p>Titelbild: Ryanzo W. Perez\/shutterstock.com<\/p><p><em>Buchtipp: Emran Feroz: &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/usa\/der-laengste-krieg.html\">Der l&auml;ngste Krieg &ndash; 20 Jahre War on Terror<\/a>&ldquo;, 224 Seiten, Westend Verlag, 23.8.2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Operation Enduring Freedom begann am 7. Oktober 2001 der &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; in Afghanistan, der bis heute zum l&auml;ngsten Krieg der USA und ihrer Verb&uuml;ndeten geworden ist, mit Tausenden Toten und Verletzten, auch unter den deutschen Soldaten. 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