{"id":7558,"date":"2010-11-29T09:35:07","date_gmt":"2010-11-29T08:35:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7558"},"modified":"2014-02-17T10:40:34","modified_gmt":"2014-02-17T09:40:34","slug":"studiengebuehren-nach-australischem-vorbild","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7558","title":{"rendered":"Studiengeb\u00fchren nach australischem Vorbild?"},"content":{"rendered":"<p>Es ist erstaunlich, was in der Studiengeb&uuml;hrendebatte alles als neue Vorschl&auml;ge durchgeht. Einerseits feiert die Akademikersteuer fr&ouml;hliche Urst&auml;nde, andererseits wird in NRW mit dem Impetus einer vermittelnden Neutralit&auml;t das Thema <a href=\"http:\/\/idw-online.de\/pages\/de\/news398498\">nachgelagerte Studiengeb&uuml;hren<\/a> wieder aus der Schublade geholt. Diese will auch ein Professor aus Bochum im Landtag pr&auml;sentieren. Es ist klar: Die Studiengeb&uuml;hrenbef&uuml;rworterInnen bekommen kalte F&uuml;&szlig;e: Wenn nach Hessen und dem Saarland nun auch NRW die Geb&uuml;hren abschafft, dann ist dies ein starkes Zeichen. Deswegen werden jetzt wieder alle alten Argumente ausgegraben &ndash; &uuml;ber eine Erh&ouml;hung des Spitzensteuersatzes zur Finanzierung &ouml;ffentlicher Aufgaben h&ouml;rt man nichts. Von Klemens Himpele und Lars Schewe<br>\n<!--more--><br>\nDer Verweis auf Australien ist aus mehreren Gr&uuml;nden aufschlussreich. Erg&auml;nzend zu folgendem Beitrag sei darauf hingewiesen, dass die Geb&uuml;hren in Australien <a href=\"http:\/\/www.studieren-in-australien.com\/australien-studiengebuehren.html\">inzwischen bis zu 6.500 Euro im Jahr<\/a> betragen (f&uuml;r Australier; Ausl&auml;nder zahlen erheblich mehr). Zudem ist es derzeit so, dass die R&uuml;ckzahlungen der Studierenden geringer sind als die Auszahlungen an Krediten, da es vielen Studierenden offensichtlich nicht gelingt, die Einkommensschwelle von 30.000 Australischen Dollar (deutlich) &uuml;berschreiten, ab der die R&uuml;ckzahlung einsetzt.<\/p><p>Aus aktuellem Anlass ver&ouml;ffentlichen die NachDenkSeiten einen Beitrag von Klemens Himpele und Lars Schewe aus dem Jahr 2004. Der Beitrag ist damals in einem Studienheft im <a href=\"http:\/\/www.bdwi.de\/verlag\/gesamtkatalog\/index.html\">BdWi-Verlag<\/a> erschienen und wird nun Online zur Verf&uuml;gung gestellt. Wenn man den Beitrag heute &ndash; sechs Jahre nach seinem Erscheinen &ndash; liest, dann bleibt die Verwunderung &uuml;ber den Stand der heutigen Debatte. <\/p><p>Herzlichen Dank an den Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und die beiden Autoren (BdWi) f&uuml;r das Bereitstellen des Textes.<\/p><p><strong>The Government pockets the difference!<\/strong><br>\nErhellendes zum australischen Modell der &raquo;nachlaufenden Studiengeb&uuml;hren&laquo;<\/p><p>Die australische Variante von Studiengeb&uuml;hren entkr&auml;ftet angeblich alle Bedenken: Mit &raquo;nachlaufenden&laquo; Geb&uuml;hren werde niemand vom Hochschulzugang abgeschreckt, und es werde die Finanzausstattung der Hochschulen deutlich verbessert. Aber was unterscheidet nun &raquo;nachlaufende&laquo; Geb&uuml;hren von anderen Systemen? Und was sagen die australischen Erfahrungen wirklich? Klemens Himpele und Lars Schewe geben Bescheid.<\/p><p>Das australische Modell Higher Education Contribution Scheme (HECS) wurde in den 1980er Jahren durch eine Labour-Regierung eingef&uuml;hrt, nachdem schon vordem geringe &raquo;Verwaltungsgeb&uuml;hren&laquo; zu zahlen waren. Ziel dabei war ausdr&uuml;cklich, die zus&auml;tzlichen Einnahmen zum Bau neuer bzw. zur Erweiterung bestehender Hochschulen zu verwenden und so mehr Studienpl&auml;tze zu schaffen.<\/p><p><strong>Mehr Geld f&uuml;r mehr Bildung?<\/strong><\/p><p>Die Erhebung der Geb&uuml;hr liegt pro forma bei den Hochschulen. Der Staat &uuml;bernimmt diese Geb&uuml;hren f&uuml;r einen Teil der Studienpl&auml;tze und steigert auf diese Weise &ndash; so war es zumindest urspr&uuml;nglich gedacht &ndash; die Einnahmen der Hochschulen. Gleichzeitig werden diese staatlich &uuml;bernommenen Betr&auml;ge den Studierenden als Zahlungsverpflichtung angeschrieben. Diese k&ouml;nnen nun w&auml;hlen, ob sie das Geld sofort zahlen, d.h. etwa bei Semesterantritt mit einem erheblichen Abschlag, oder ob sie es erst nach dem Studium als Zuschlag auf ihre Steuern verrechnet haben wollen. W&auml;hlen sie die zweite Variante, werden ihre Geb&uuml;hren mit der Inflation indexiert, und sobald die Betreffenden eine gewisse Einkommensgrenze &uuml;berschritten haben, m&uuml;ssen sie die &raquo;vorgeschossene&laquo; Geb&uuml;hrensumme abstottern. Die ErfinderInnen legen Wert darauf, dass es sich nicht um ein Darlehen handelt, sondern um einen Steueraufschlag. Insbesondere tauchen die HECS-&raquo;Schulden&laquo; nicht bei Organisationen auf, die unserer SchuFa entsprechen. Dieser letzte Punkt ist den australischen Bef&uuml;rworterInnen dieses Modells sehr wichtig. Sie glauben, dass so der Abschreckungseffekt, den eine hohe Verschuldung mit sich bringt, ausbleibt.<br>\nWie steht es nun mit der sozialen Gerechtigkeit des HECS? Valide empirische Daten zur sozialen Herkunft der Studierenden liegen bis heute nicht vor, was dazu f&uuml;hrt, dass die Aussage je nach politischer Sto&szlig;richtung ausf&auml;llt. Die Beurteilung f&auml;llt aber auch deshalb schwer, weil die Einf&uuml;hrung der Geb&uuml;hren mit einem massiven Hochschulausbau einher ging. Bis dahin waren viele Studieninteressierte nicht an der fehlenden Zugangsberechtigung gescheitert, sondern an dem Fehlen von Studienpl&auml;tzen. Die Aussage, dass sich auch oder gerade nach der Einf&uuml;hrung des HECS die absolute Zahl der Studierenden in Australien gesteigert hat, ist daher unbestreitbar. Das sagt aber nichts &uuml;ber den sozialen Chancenausgleich beim Hochschulzugang aus.<\/p><p>Die sozialen Verzerrungen sind aber in einigen Punkten deutlich: Die M&ouml;glichkeit einer Sofortzahlung mit dem Erlass eines Teils der Gesamtschuld kann nur von denjenigen in Anspruch genommen werden, die &uuml;ber das n&ouml;tige Einkommen verf&uuml;gen. Alle anderen sind auf ein langsames Abtragen der Schulden angewiesen, was sie &ouml;konomisch zum einen l&auml;ngerfristig bindet und zum anderen daf&uuml;r sorgt, dass ihnen der upfront-payer-Rabatt entgeht. Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang ist die geschlechterspezifische Diskriminierung von Frauen. Deren &raquo;Bildungsrendite&laquo; liegt deutlich unter der der M&auml;nner; einfacher gesagt: sie verdienen oft f&uuml;r die gleiche Arbeit in der Regel deutlich weniger und sind daher auch zu einer l&auml;ngeren R&uuml;ckzahlung gezwungen.<br>\nInteressant an der Konstruktion in Australien ist auch, dass nicht alle Studienpl&auml;tze HECS-Pl&auml;tze sind, d.h. dass es auch &raquo;normale&laquo; studiengeb&uuml;hrenpflichtige Pl&auml;tze zu belegen gibt. Das f&uuml;hrt dazu, dass sich die potentiellen Studierenden zun&auml;chst f&uuml;r die g&uuml;nstigeren Bedingungen eines HECS-Platzes bewerben. Sollten sie diesen nicht erhalten, dann k&ouml;nnen sie trotzdem ein (geb&uuml;hrenpflichtiges) Studium aufnehmen, allerdings nur, wenn die Eltern gen&uuml;gend Geld geben.<\/p><p><strong>Bildungssteuerung durch den Preis<\/strong><\/p><p>Interessant sind die neueren Entwicklungen des HECS. Waren die Geb&uuml;hren urspr&uuml;nglich f&uuml;r alle F&auml;cher relativ gleich, wurde k&uuml;rzlich erst eine Aufsplittung der Geb&uuml;hren in drei unterschiedliche Preiskategorien vorgenommen. Auff&auml;llig dabei: Besonders &raquo;teuer&laquo; sind Medizin und Jura, besonders &raquo;g&uuml;nstig&laquo; die Geistes- und Kulturwissenschaften, in der Mitte liegen die Naturwissenschaften. Diese Preisbildung steht aber in kaum einem Verh&auml;ltnis zu den realen Kosten des jeweiligen Studienplatzes (Jura ist z. B. eine reine Buchwissenschaft). Viel offensichtlicher ist, dass f&uuml;r diese Preisbildung die Antizipation k&uuml;nftiger Einkommenschancen nach Berufsgruppen Pate gestanden hat. Der Staat will hier offensichtlich potentielle &ouml;konomische Verwertungsm&ouml;glichkeiten abbilden und auf Seiten der StudienplatzbewerberInnen eine indirekte sozialdarwinistische Vorselektion &uuml;ber die Risikowahrnehmung und -bereitschaft erzeugen. Damit wird hier die Studienentscheidung zu einer Investitionsentscheidung, sie wird nur noch unter &ouml;konomischen N&uuml;tzlichkeitskriterien betrachtet, die dann auch das individuelle Verh&auml;ltnis zur Wissenschaft pr&auml;gt. Hier hatte das HECS folglich eine T&uuml;r&ouml;ffnerfunktion. In seiner Urfassung mit der Einheitsgeb&uuml;hr war diese Lenkungswirkung noch nicht vorhanden, aber das HECS-Modell l&auml;sst sich ohne Probleme in diese Richtung ver&auml;ndern. Aktuell wird in Australien ernsthaft geplant, die H&ouml;he der HECS-Beitr&auml;ge in gewissem Rahmen den Hochschulen freizustellen. Dann w&uuml;rde HECS sich immer mehr von einem Studiengeb&uuml;hren- zu einem Studienpreissystem ver&auml;ndern, dessen Preise sich entsprechend der k&uuml;nftigen Marktchancen regulieren.<br>\nEin beliebtes &ndash; wenngleich v&ouml;llig fadenscheiniges &ndash; Argument f&uuml;r Studiengeb&uuml;hren sind die leeren &ouml;ffentlichen Kassen und die schlechte Ausstattung der Hochschulen. Daher, so eine generelle Forderung der Geb&uuml;hrenbef&uuml;rworterInnen, m&uuml;ssen die Hochschulen auch einen finanziellen Zusatznutzen durch Studiengeb&uuml;hren haben, nur solche Modelle seien akzeptabel. <\/p><p>Wie sieht es aber hier mit dem hochgelobten australischen Modell aus? Zun&auml;chst einmal kommen dessen Geb&uuml;hren zweifellos den Hochschulen direkt zu Gute und sind von deren StudentInnenzahlen abh&auml;ngig. Wenn wir aber nun genauer hinschauen, k&ouml;nnen wir feststellen, dass in der Zeitspanne von der Einf&uuml;hrung des HECS bis heute die Finanzsituation der australischen Hochschulen nicht besser geworden ist. Die staatliche Finanzierung hat sich komplement&auml;r zur Steigerung der Geb&uuml;hren deutlich reduziert &ndash; oder, wie die HochschullehrerInnengewerkschaft und der nationale StudentInnenverband die dazugeh&ouml;rige Studie nennen: &bdquo;Students pay more, universities get less, the government pockets the difference!&ldquo;<\/p><p><strong>Deutsche Modelle<\/strong><\/p><p>Die Debatte in der BRD ist von einer bemerkenswerten Ignoranz gekennzeichnet, da hier die verschiedenen Modelle der Re-Finanzierung von Studiengeb&uuml;hren wild durcheinander geworfen werden. Die Diskussion &uuml;ber die nachweisbare soziale Abschreckungswirkung einer hohen Verschuldung scheint hier noch nicht angekommen zu sein. Soziale Gerechtigkeit wird h&auml;ufig schon dann als gegeben angesehen, wenn die juristisch-technische M&ouml;glichkeit best&uuml;nde, einen einkommens- und elternunabh&auml;ngigen Kredit bei nachgewiesener &raquo;Bef&auml;higung&laquo; f&uuml;r einen Studienplatz (&uuml;ber ein entsprechendes Auswahlverfahren) zu erhalten. Derartige Modelle werden dann von ihren VerfechterInnen u.a. mit den angeblich positiven &raquo;australischen Erfahrungen&laquo; begr&uuml;ndet und als nachlaufende Studiengeb&uuml;hren benannt &ndash; obwohl es sich um ganz ordin&auml;re Darlehensmodelle handelt, dessen Betr&auml;ge teilweise einkommensabh&auml;ngig und verzinst zur&uuml;ckgezahlt werden m&uuml;ssen. Solche Modelle werden in Deutschland vom Pr&auml;sidium der TU M&uuml;nchen, dem Bertelsmann-CHE oder dem Hamburger Wissenschaftssenator J&ouml;rg Dr&auml;ger favorisiert.<br>\nDie Verzinsung dieser Darlehen liegt bei g&auml;ngigen Berechnungen um 7% per annum. Damit w&uuml;rden die pers&ouml;nlichen Schulden weiter explodieren. Bedenkt man, dass die Bundesregierung im Jahr 2001 die Baf&ouml;g-Schulden auf 10.000 Euro begrenzt hat, weil zu hohe Schulden Menschen aus bildungsfernen Schichten vom Studium abschrecken, so wird deutlich, was nachgelagerte Studiengeb&uuml;hren f&uuml;r eine Auswirkung auf die soziale Zusammensetzung der Studierendenschaften haben werden. Interessant ist in dem Zusammenhang der Hinweis, dass die Darlehen z. B. bei Dr&auml;ger und der TU M&uuml;nchen auch lebenshaltungskostendeckend sein und damit das Baf&ouml;g gleich mit ersetzen sollen. Entsprechend hoch m&uuml;ssen sie folglich sein.<br>\nDas M&uuml;nchener Modell ExcellenTUM macht es deutlich: Nachgelagerte Studiengeb&uuml;hren, d.h. hierzulande nichts anderes als ein kreditfinanziertes Studium, machen eine Ver&auml;nderung der Hochschulzugangsbedingungen notwendig. Wenn die Immatrikulation an einer bestimmten Hochschule gleichzeitig die Kreditw&uuml;rdigkeit sicherstellen soll, dann m&uuml;ssen die Kreditgeberinnen &ndash; also die Banken &ndash; wie im M&uuml;nchener Modell mitreden k&ouml;nnen. Die TU M&uuml;nchen schl&auml;gt ein vom CHE &uuml;bernommenes &raquo;abi-plus&laquo; vor. In diesem Modell schafft die traditionelle Hochschulreife keinen Rechtsanspruch auf einen Studienplatz mehr, sondern berechtigt h&ouml;chstens noch zu einer Bewerbung auf einen solchen. Die eigentliche Studienplatzzuteilung erfolgt durch die Hochschule und deren Auswahlkommissionen. Das ist eine zus&auml;tzliche soziale H&uuml;rde, da es sich Menschen aus bildungsfernern Schichten in der Regel nicht leisten, f&uuml;r zahlreiche &raquo;Bewerbungsgespr&auml;che&laquo; durch die Republik zu reisen. Dies w&auml;re aber erforderlich, nicht nur um auf &raquo;Nummer sicher&laquo; zu gehen, sondern um zum gew&uuml;nschten Zeitpunkt auch einen Studienplatz zu bekommen.<\/p><p>Vor allem wird sich jedoch die Struktur der Studieng&auml;nge &auml;ndern: &Ouml;konomisch besser verwertbare Studieng&auml;nge bieten den GeldgeberInnen nat&uuml;rlich ein gr&ouml;&szlig;ere Sicherheit, da die Wahrscheinlichkeit eines geregelten Einkommens nach dem Studium bei JuristInnen ungleich h&ouml;her ist als bei AltphilologInnen. Es werden sich daher genau diese Studieng&auml;nge durchsetzen, bei denen das Ausfallrisiko der Kreditr&uuml;ckzahlung nicht so hoch ist. Wer jedoch einen Studiengang studieren will, der aus diesem F&auml;cherkanon herausf&auml;llt, wird wohl k&uuml;nftig andere Sicherheiten mitbringen m&uuml;ssen. In diesem Punkt treffen sich im Kern die Elitediskussion der SPD und die Studiengeb&uuml;hrendebatte quer durch alle Parteien.<\/p><p><strong>Gute Geb&uuml;hren, schlechte Geb&uuml;hren<\/strong><\/p><p>Die Debatte um nachlaufende Studiengeb&uuml;hren hat in Deutschland vor allem eine Initialfunktion. Nachdem die Bef&uuml;rworterInnen von Studiengeb&uuml;hren feststellen mussten, dass diese nicht so ohne weiteres &ouml;ffentlich akzeptiert werden, erfolgte eine Differenzierung in &raquo;gute&laquo; und &raquo;b&ouml;se&laquo; Studiengeb&uuml;hren. Die Rolle der &raquo;guten&laquo; &uuml;bernehmen hierbei wahlweise und anlassbezogen Bildungsgutschein- bzw. Studienkontenmodelle oder eben nachlaufende Studiengeb&uuml;hren, die den Hochschulen zu Gute kommen. Dabei wird suggeriert, dass diese erstens sozialvertr&auml;glich und zweitens gerecht seien.<br>\nAllerdings steht diese Sozialvertr&auml;glichkeit nur auf dem Papier: Denn alle Modelle, die debattiert werden, verlangen eine gro&szlig;e Verschuldungsbereitschaft. Damit versch&auml;rfen sie zugleich soziale, ethnokulturelle und geschlechtsspezifische Diskriminierungen, von denen die jeweils individuellen Bildungsentscheidungen vorgepr&auml;gt sind. Gerecht, so die Bef&uuml;rworterInnen, seien nachlaufende Studiengeb&uuml;hren, weil diejenigen, die den unmittelbaren Nutzen des Studiums h&auml;tten, auch daf&uuml;r bezahlen sollen. Damit offenbaren die VerfechterInnen solcher Aussagen allerdings nur ihr merkw&uuml;rdig politisch verk&uuml;rztes Bildungs- und Gerechtigkeitsverst&auml;ndnis.<\/p><p>Erstens bildet sich der Nutzen eines Studiums nicht nur in individuellen (auch monet&auml;ren) Vorteilen ab, sondern kommt grunds&auml;tzlich der gesamten Gesellschaft zu gute. Eine Patientin hat im Zweifelsfall sogar mehr vom qualitativ hochwertigen Studium der Medizinerin als diese selbst. Diese so genannten positiven Externalit&auml;ten von Bildung rechtfertigen neben anderen Argumenten gerade die &ouml;ffentliche Finanzierung der Hochschulen aus Steuern; sie machen diese geradezu zur staatlichen Verpflichtung. Zweitens kann eine Gerechtigkeitsdebatte nur an der H&ouml;he der Einkommen und deren Abgaben- und Steuerbelastung ansetzen. Mit anderen Worten: Wenn der Staat Geld von seinen B&uuml;rgerInnen gerecht eintreiben will, dann kann er dies nicht am (formalen) Bildungsgrad festmachen. Warum soll ein taxifahrender Akademiker mehr Abgaben t&auml;tigen als sein nichtstudierter Kollege? Oder warum soll ein nichtstudierter Kleinunternehmer weniger zur Finanzierung &ouml;ffentlicher Aufgaben herangezogen werden als der gleich viel verdienende Akademiker in einer Anwaltskanzlei? Es ist schon entlarvend, dass die gleiche politische Richtung, mittlerweile (fast) eine Allparteien-Koalition, die jetzt f&uuml;r Studiengeb&uuml;hren aus Gerechtigkeitsgr&uuml;nden pl&auml;diert, permanent den Spitzensteuersatz senken will.<\/p><p><strong>Profiteure der Debatte<\/strong><\/p><p>Kernziel der Debatte um nachlaufende Studiengeb&uuml;hren scheint zu sein, dass Studienverhalten und somit auch die gesellschaftliche Funktion der Hochschulen selbst zu ver&auml;ndern. Daher wird das Studium in eine Investition umdefiniert &ndash; f&uuml;r Fehlinvestition (was hier bedeutet: sp&auml;terem niedrigen Einkommen oder gar Arbeitslosigkeit) tr&auml;gt man bekanntlich selbst die Verantwortung. Erst k&uuml;rzlich hat der Bundesfinanzhof deutlich gemacht, dass Studiengeb&uuml;hren als Verlustvortrag steuerlich absetzbar sind. Deutlicher kann einem potentiellen Studierenden kaum gemacht werden, dass er bitte &ndash; im Falle von Studiengeb&uuml;hren &ndash; schon die Wahl seines Studienplatzes unter einem &ouml;konomischen Kalk&uuml;l zu betrachten habe.<\/p><p>Die Debatte macht weiterhin deutlich: In Deutschland hat niemand derjenigen, die sie forcieren, das australische Modell wirklich verstanden. Schon dieses australische Modell ist abschreckend und politisch abzulehnen. Was die selbsternannten BildungsexpertInnen von Matschie (SPD) bis Frankenberg (CDU) daraus machen, steigert diese negativen Auswirkungen noch. Aus dem Beispiel Australien k&ouml;nnen wir lernen, dass die Einf&uuml;hrung nachlaufender Studiengeb&uuml;hren kurzfristig vor allem den Landesregierungen zu Gute kommt: Sie werden weniger Geld in die Hochschulen investieren m&uuml;ssen.<\/p><p>Dabei stellt sich die Frage, wieso gerade die <a href=\"http:\/\/idw-online.de\/pages\/de\/news398459\">HochschulrektorInnen<\/a> sich so vehement f&uuml;r Studiengeb&uuml;hren aussprechen? Schlie&szlig;lich werden die Hochschulen finanziell nicht besser gestellt, wenn Studiengeb&uuml;hren eingef&uuml;hrt sind. Nun vertreten aber HochschulrektorInnen nicht unbedingt die Interessen der Hochschulen &ndash; und vor diesem Hintergrund sieht die Frage schon etwas anders aus: Mit einer Reduktion der staatlichen Mittel und einer Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren wird unter den jetzigen Hochschulgesetzen vor allem der Spielraum der RektorInnen als Hochschulleitung gr&ouml;&szlig;er. Polemisch formuliert: Die RektorInnen erkaufen sich mit dem Geld der StudentInnen ihre gesteigerte Autonomie.<br>\nVor diesem Hintergrund wird klar, dass die Diskussion, ob Geb&uuml;hren nachlaufend erhoben werden oder nicht, relativ unwichtig ist. Stattdessen wird die bislang staatliche Finanzierung der Hochschulen privatisiert. KritikerInnen m&uuml;ssen &ouml;ffentlich deutlicher die Frage aufwerfen, welchem gesellschaftlichen Zweck Hochschulen dienen sollen. Daraus w&uuml;rde sich auch ergeben, wer sie finanziert! Die Fragestellung nach der Bildung, die gesellschaftlich gebraucht wird, muss in den Mittelpunkt der Debatte zur&uuml;ckkehren.<\/p><p>Klemens Himpele war 2004 Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Aktionsb&uuml;ndnisses gegen Studiengeb&uuml;hren (ABS). Er ist heute Referent im Bereich Hochschule und Forschung beim Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Lars Schewe war 2004 Vorstandsmitglied des freien zusammenschlusses von studentInnenschaften (fzs). Er ist promovierter Mathematiker.<\/p><p>Siehe zur nachgelagerten Geb&uuml;hr auch:<\/p><ul>\n<li><a href=\"?p=3918\">Rhetorik der Sozialvertr&auml;glichkeit &ndash; zum Studiengeb&uuml;hren-Urteil des Bundesverwaltungsgerichts<\/a><\/li>\n<li><a href=\"?p=1876\">Kann es &uuml;berhaupt sozialvertr&auml;gliche Studiengeb&uuml;hren geben?<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist erstaunlich, was in der Studiengeb&uuml;hrendebatte alles als neue Vorschl&auml;ge durchgeht. Einerseits feiert die Akademikersteuer fr&ouml;hliche Urst&auml;nde, andererseits wird in NRW mit dem Impetus einer vermittelnden Neutralit&auml;t das Thema <a href=\"http:\/\/idw-online.de\/pages\/de\/news398498\">nachgelagerte Studiengeb&uuml;hren<\/a> wieder aus der Schublade geholt. Diese will auch ein Professor aus Bochum im Landtag pr&auml;sentieren. Es ist klar: Die Studiengeb&uuml;hrenbef&uuml;rworterInnen bekommen kalte<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7558\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[34,17,146],"tags":[699,232,409,231,408,234],"class_list":["post-7558","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildung","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-soziale-gerechtigkeit","tag-australien","tag-bertelsmann","tag-bildungschancen","tag-che","tag-soziale-herkunft","tag-studiengebuehren"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7558","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7558"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7558\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7567,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7558\/revisions\/7567"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7558"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7558"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7558"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}