{"id":75647,"date":"2021-09-01T09:27:11","date_gmt":"2021-09-01T07:27:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75647"},"modified":"2026-01-27T11:39:32","modified_gmt":"2026-01-27T10:39:32","slug":"butterwegge-zu-den-kindern-der-ungleichheit-das-offen-zu-sagen-wagt-kaum-jemand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75647","title":{"rendered":"Butterwegge zu den Kindern der Ungleichheit: \u201eDas offen zu sagen, wagt kaum jemand\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Politiker halten Sonntagsreden, doch die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63671\">Kinderarmut ist eine Realit&auml;t<\/a> in Deutschland und die Ungleichheit, basierend auf den finanziellen M&ouml;glichkeiten, ist &bdquo;Gift f&uuml;r den gesellschaftlichen Zusammenhalt&ldquo;. Das sagt der Armutsforscher <strong>Christoph Butterwegge<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Mit deutlichen Worten zeigt der Politikwissenschaftler auf, was es bedeutet, wenn arme und reiche Kinder in einer Gesellschaft existieren: &bdquo;Nie war eine junge Generation zerrissener als die heutige.&ldquo; Auf der anderen Seite, so f&uuml;hrt Butterwegge aus, steht das, was man als &bdquo;Kinderreichtum&ldquo; bezeichnen kann: &bdquo;90 Kinder unter 14 Jahren bekamen zwischen 2011 und 2014 im Durchschnitt je 327 Millionen Euro geschenkt. Steuerfrei, wohlgemerkt.&ldquo; Butterwegge h&auml;lt zusammenfassend fest: &bdquo;Wo eine Villa ist, da ist auch ein Weg.&ldquo; Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9178\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-75647-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210901_Butterwegge_zu_den_Kindern_der_Ungleichheit_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210901_Butterwegge_zu_den_Kindern_der_Ungleichheit_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210901_Butterwegge_zu_den_Kindern_der_Ungleichheit_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210901_Butterwegge_zu_den_Kindern_der_Ungleichheit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=75647-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210901_Butterwegge_zu_den_Kindern_der_Ungleichheit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210901_Butterwegge_zu_den_Kindern_der_Ungleichheit_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Butterwegge, was bedeutet formale Gleichheit unter faktisch Ungleichen?<\/strong><\/p><p>Nichts als Ungerechtigkeit. Die formale Gleichheit n&uuml;tzt den Mitgliedern einer Gesellschaft wenig, sofern zwischen ihnen materielle Ungleichheit besteht. Damit es in einem Land gerecht zugeht, m&uuml;ssen Gleiche gleich und faktisch Ungleiche ungleich behandelt werden. Das wussten bereits die griechischen Philosophen der Antike. Mich veranlasst diese Tatsache heute zu einer Fundamentalkritik am bedingungslosen Grundeinkommen und an einem Konzept der Kindergrundsicherung, das besser als Kindergrundeinkommen bezeichnet w&uuml;rde, weil Familien unterschiedlicher Klassenzugeh&ouml;rigkeit f&uuml;r jedes Kind denselben Geldbetrag erhalten sollen. Kinder, die in Armut leben, brauchen aber erheblich mehr staatliche Unterst&uuml;tzung als Kinder aus wohlhabenden, reichen oder hyperreichen Familien, die Privilegien unterschiedlicher Art genie&szlig;en.<\/p><p><strong>Damit w&auml;ren wir bei dem Titel Ihres neuen Buches: &bdquo;Kinder der Ungleichheit&ldquo; haben Sie es genannt. Dass wir in unserem Land ein reales Problem haben, was Chancengleichheit angeht, ist seit langem bekannt. Aber trotz immer wiederkehrender Medienbeitr&auml;ge und Diskussionen scheint bei Vielen immer noch nicht angekommen zu sein, was es bedeutet, wenn Kinder hinsichtlich der &ouml;konomischen Bedingungen in Ungleichheit aufwachsen. Was sagen Sie denjenigen, die den Kindern aus armen Verh&auml;ltnissen nicht helfen wollen? <\/strong><\/p><p>Das offen zu sagen, wagt ja kaum jemand, erst recht im laufenden Bundestagswahlkampf kein Politiker der etablierten Parteien. Sie halten Sonntagsreden, die Kinderarmut in Deutschland verharrt jedoch seit &uuml;ber 20 Jahren, in denen meine Frau und ich uns damit besch&auml;ftigen, auf einem skandal&ouml;s hohen Niveau. Dabei ist die sich vertiefende Kluft zwischen Arm und Reich nicht blo&szlig; moralisch verwerflich, sondern auch sch&auml;dlich f&uuml;r eine Volkswirtschaft. Letztlich bremst die ungleiche Verteilung der Einkommen und Verm&ouml;gen das Wirtschaftswachstum. Vielleicht kann dieses mit der Standortlogik kompatible Argument sogar Wirtschaftsliberale von der Notwendigkeit &uuml;berzeugen, einer weiteren Polarisierung entgegenzutreten. Die sozio&ouml;konomische Ungleichheit ist zudem Gift f&uuml;r den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der nicht blo&szlig; von Konservativen immer wieder als Ziel ihrer Bem&uuml;hungen benannt wird. Je mehr die Sozialstruktur in Arm und Reich zerf&auml;llt, umso eher bilden sich Parallelwelten und Subkulturen heraus, in denen die Kinder der einzelnen Klassen und Schichten unter sich bleiben. Es geht aber um die Zukunft unserer Kinder in einer wohlhabenden Gesellschaft der Gleichheit, die ihnen ausnahmslos ein gl&uuml;ckliches Leben ohne materielle Sorgen und ohne Diskriminierung wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihres Aussehens, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Identit&auml;t erm&ouml;glicht.<\/p><p><strong>Auch wenn das eigentlich Jedem klar sein sollte: Lassen Sie uns doch einmal genauer darauf schauen, was es bedeutet, wenn Kindern aus den unteren Schichten Mittel fehlen, um am Leben in dieser Gesellschaft teilzuhaben. Was sind Ihre Beobachtungen? Wo f&auml;ngt die Ungleichheit an?<\/strong><\/p><p>Eine gro&szlig;e Rolle spielt die zunehmende Kommerzialisierung von Kultur, Freizeit und Sport. Es gibt Kinder, die so gut wie nie in den Zoo, den Zirkus oder auf die Kirmes gehen k&ouml;nnen, weil ihren Familien das n&ouml;tige Geld fehlt. In einer Gesellschaft, deren wohlhabende Mitglieder viel Wert auf den privaten Konsum, Luxusg&uuml;ter und kostspielige Statussymbole legen, wirken schon eine Minderausstattung mit Kinderspielzeug oder fehlende &bdquo;Markenklamotten&ldquo; f&uuml;r junge Menschen diskriminierend.<\/p><p><strong>Wie gestaltet sich die Ungleichheit, wenn die Kinder etwas &auml;lter sind? <\/strong><\/p><p>Wer als Jugendliche\/r nichts von dem hat, was angesagte Stars und Influencer gerade auf ihren Kan&auml;len promoten, wird im Kreis seiner Peers nicht akzeptiert. Ausgelacht oder sozial ausgegrenzt zu werden, ist zweifellos eine der schlimmsten Konsequenzen von Armut und Unterversorgung im Jugendalter. Gerade junge Menschen sind davon abh&auml;ngig, dass sie im Kreis ihrer Freunde und Klassenkameraden anerkannt werden. Nichts ist schlimmer f&uuml;r ihr Selbstbewusstsein, als bei Gleichaltrigen auf Ablehnung zu sto&szlig;en und keine Freunde zu finden.<\/p><p><strong>Sollten die Kinder aus armen Familien den Weg auf ein Gymnasium geschafft und das Abitur in der Tasche haben, geht das Problem weiter. Was hei&szlig;t es, ohne eine Familie, die einem finanziellen Halt gibt, zu studieren? <\/strong><\/p><p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68082\">Da hat die Covid-19-Pandemie manchem die Augen ge&ouml;ffnet<\/a>. Studierende, deren Eltern sie finanziell nicht unterst&uuml;tzen k&ouml;nnen oder die mit ihrem Baf&ouml;g-Satz nicht auskommen, sondern arbeiten gehen m&uuml;ssen, standen pl&ouml;tzlich vor dem Nichts, als der Nebenjob etwa in der Gastronomie &uuml;ber Nacht wegfiel. Da nur zw&ouml;lf Prozent der 2,8 Millionen Studierenden vor der Pandemie staatliche Unterst&uuml;tzung nach dem Bundesausbildungsf&ouml;rderungsgesetz erhielten und mehr als zwei Drittel von ihnen einen Nebenjob hatten, geh&ouml;rten sie zu den Hauptleidtragenden des wiederholten Lockdowns. Bei einer Gesch&auml;ftsaufgabe oder Betriebsschlie&szlig;ung konnten Studierende weder Kurzarbeiter- noch Arbeitslosengeld I oder II erhalten. Akuter Geldmangel und manchmal der Abbruch des Studiums waren die Folge, es sei denn, dass es ihnen gelang, einen Aushilfsjob im (Lebensmittel-)Einzelhandel oder bei einem Lieferdienst zu bekommen. Auch war der Gang zur Lebensmitteltafel manchmal die einzige Alternative zur dichtgemachten Mensa, wo sie vorher preiswert gegessen hatten.<\/p><p><strong>Ich denke gerade daran, wie schwer es f&uuml;r junge Menschen aus armen Familien ist, wenn sie zum Beispiel den Beruf des Journalisten ergreifen wollen. F&uuml;r viele Medien sind Praktika unabdingbar, um einen Fu&szlig; in den journalistischen Beruf zu bekommen. Aber welche alleinerziehende Mutter, die von Hartz IV lebt, kann ihrem Sohn oder ihrer Tochter schon mehrere Monate dauernde Praktika in Berlin, M&uuml;nchen oder Hamburg finanzieren? <\/strong><\/p><p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60786\">W&auml;hrend der Pandemie<\/a> litten die jungen Menschen unter einem signifikanten R&uuml;ckgang des Lehrstellenangebots in krisengesch&uuml;ttelten Branchen und Betrieben. Offenbar folgte der &bdquo;Generation Praktikum&ldquo;, die zur Jahrtausendwende mit unbezahlten oder minderbezahlten T&auml;tigkeiten abgespeist wurde, statt sozialversicherungspflichtige Arbeitsverh&auml;ltnisse zu erhalten, im Zeichen der Coronakrise eine &bdquo;Generation kein Praktikum&ldquo;, der 2020\/21 weder genug Ausbildungs- noch genug Praktikumspl&auml;tze zur Verf&uuml;gung standen. Deshalb machte die Warnung vor einer &bdquo;verlorenen Generation&ldquo; die Runde, wenngleich sicher nicht alle jungen Menschen &uuml;ber einen Leisten geschlagen werden d&uuml;rfen. Dazu sind ihre Wohn-, Arbeits- und Lebensbedingungen einfach zu unterschiedlich. Nie war eine junge Generation zerrissener als die heutige.<\/p><p><strong>Halten wir fest: Was das Wahrnehmen von M&ouml;glichkeiten in dieser Gesellschaft angeht, zieht sich Ungleichheit wie ein roter Faden durch das Leben der Kinder, die aus armen Verh&auml;ltnissen stammen, oder? <\/strong><\/p><p>Die sozio&ouml;konomische Ungleichheit hat sich in Deutschland wie in allen Klassengesellschaften verfestigt und pr&auml;gt das Leben der Menschen von der Wiege bis zur Bahre. Sie ist bereits in Kindertagesst&auml;tten deutlich sp&uuml;rbar, sofern dort Spr&ouml;sslinge unterschiedlicher Bev&ouml;lkerungsschichten aufeinandertreffen, sie bestimmt die Bildungsbiografien junger Menschen, sie macht sich im (Erwerbs-)Leben stark bemerkbar und pr&auml;gt auch das Alter. Ferner beschr&auml;nkt sich die soziale Ungleichheit nicht auf die asymmetrische Verteilung von Einkommen und Verm&ouml;gen, sie erstreckt sich vielmehr auf s&auml;mtliche Lebensbereiche der Familien.<\/p><p><strong>Lassen Sie uns die Perspektive wechseln. Wie sieht es auf &bdquo;der anderen Seite&ldquo; aus? Was bedeutet es f&uuml;r ein Kind, in soliden finanziellen Verh&auml;ltnissen oder gar in Reichtum aufzuwachsen? <\/strong><\/p><p>Kinder wohlhabender, reicher und hyperreicher Eltern finden weit bessere Rahmenbedingungen f&uuml;r ein sorgenfreies Aufwachsen vor. Hierzu geh&ouml;ren ein luxuri&ouml;ses Wohnen und ein anregendes Wohnumfeld, optimale Bildungsm&ouml;glichkeiten (z.B. Besuch angesehener Privatschulen oder ausl&auml;ndischer Eliteinternate) und eine hervorragende Gesundheitsversorgung. Ob ein Kind im Umfeld von park&auml;hnlichen G&auml;rten, Garagen mit der Gr&ouml;&szlig;e von Einfamilienh&auml;usern, Gr&uuml;nfl&auml;chen sowie Tennis- und Hockeyclubs oder im Umfeld von Spielhallen, Sonnenstudios, Wettb&uuml;ros, Imbissbuden und Billigl&auml;den aufw&auml;chst, pr&auml;gt sein ganzes Leben. Die tief ins kindliche Gem&uuml;t eingebrannte Erfahrung der pers&ouml;nlichen Benachteiligung oder der famili&auml;ren Privilegierung l&auml;sst Menschen bis ins hohe Alter nie los, beeinflusst ihren Bildungsweg, ihre Berufswahl und ihre Entscheidung f&uuml;r eine Partnerin\/einen Partner ebenso wie ihre Pers&ouml;nlichkeit, Lebenseinstellung und Weltanschauung.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie die Unterschiede vielleicht auch mal an Zahlenbeispielen veranschaulichen?<\/strong><\/p><p>Reichtum bleibt in der Familie. Aus den Steuerstatistiken der Bundesl&auml;nder geht hervor, wie stark sich ein riesiger Kapitalreichtum bei wenigen Kindern konzentriert. Eltern verschenken Unsummen aus steuerrechtlichen Gr&uuml;nden an ihre Nachkommen. Vor allem sogenannte Familienunternehmer, die man in anderen L&auml;ndern als Oligarchen bezeichnet, haben gro&szlig;e Teile ihres Verm&ouml;gens auf ihre Kinder &uuml;bertragen &ndash; aus Furcht, dass die Erbschaftsteuer f&uuml;r Firmenerben erh&ouml;ht werden k&ouml;nnte, was &uuml;brigens wegen der erfolgreichen Lobbyarbeit ihrer Verb&auml;nde gar nicht geschah. 90 Kinder unter 14 Jahren bekamen zwischen 2011 und 2014 im Durchschnitt je 327 Millionen Euro geschenkt. Steuerfrei, wohlgemerkt. Da kann man mit Fug und Recht von &bdquo;Kinderreichtum&ldquo; sprechen, obwohl dieser Begriff im Deutschen ausschlie&szlig;lich f&uuml;r gro&szlig;e Familien und L&auml;nder mit einer besonders jungen Bev&ouml;lkerung verwendet wird. Auf der anderen Seite sind 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Deutschland arm oder armutsbedroht. Leben sie in einer Familie, die von Hartz IV abh&auml;ngt, m&uuml;ssen sie je nach Alter mit 283, 309 oder 373 Euro im Monat auskommen.<\/p><p><strong>Das ist sehr plastisch. Welche Schl&uuml;sse ziehen Sie daraus?<\/strong><\/p><p>Vor allem, dass die extreme Ungleichheit beim Verm&ouml;gen das Kardinalproblem unserer Gesellschaft, wenn nicht der ganzen Menschheit ist. Ob ein Kind nach dem Schulunterricht auf den Bolzplatz oder in die Ballettschule geht, h&auml;ngt nicht blo&szlig; von seinem Geschick und seinem Geschlecht, sondern auch oder vielleicht sogar noch mehr vom Einkommen, vom Verm&ouml;gen und vom sozialen Status seiner Eltern ab. W&auml;hrend die Kinder aus einkommensschwachen Familien im deutschen Schulwesen zu den gr&ouml;&szlig;ten Bildungsverlierern geh&ouml;ren, sind die Kinder reicher Eltern eindeutig im Vorteil. Man kann daher in Abwandlung eines Sprichwortes sagen: Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg, sei es zum Abitur, zum Studium und\/oder zur beruflichen Karriere. Wer das Gl&uuml;ck hatte, in eine Familie hineingeboren worden zu sein, die verm&ouml;gend ist, muss sich gar nicht gro&szlig; anstrengen, um mehr zu erreichen als sein der &bdquo;Unterschicht&ldquo; entstammender Altersgenosse. Habitus, sozialer Status und bekannter Name der Herkunftsfamilie reichen meist schon aus, um Personalchefs gro&szlig;er Firmen, Beratungsagenturen oder Anwaltskanzleien von der &bdquo;Qualifikation&ldquo; eines Bewerbers zu &uuml;berzeugen.<\/p><p><strong>Auch in der Pandemie zeigt sich die Ungleichheit bei den Kindern. Wo liegen die Probleme?<\/strong><\/p><p>Deutlich wurde, dass sich die Verteilungsschieflage bei Einkommen und Verm&ouml;gen der Familien in gesundheitlicher, Wohn- und Bildungsungleichheit der Kinder niederschl&auml;gt. W&auml;hrend viele Minderj&auml;hrige aus sozial benachteiligten Familien w&auml;hrend des wiederholten Lockdowns aufgrund fehlender digitaler Endger&auml;te regelrecht abgeh&auml;ngt wurden, verf&uuml;gen Kinder aus &bdquo;gutem Hause&ldquo; manchmal bereits sehr fr&uuml;h &uuml;ber ein Laptop, ein Tablet oder ein iPhone. Finanzschw&auml;che zieht Immunschw&auml;che nach sich, weil Arbeitslose, Arme und sozial Ausgegrenzte h&auml;ufiger als die &uuml;brigen Gesellschaftsmitglieder schwere Vor- und Mehrfacherkrankungen aufweisen. Auch katastrophale Arbeits- und Lebensbedingungen sowie beengte und hygienisch bedenkliche Wohnverh&auml;ltnisse erh&ouml;hten das Risiko f&uuml;r eine Infektion mit SARS-CoV-2 sowie f&uuml;r einen schweren Krankheitsverlauf. In den Gemeinschaftsunterk&uuml;nften von Werkvertragsarbeiter(inne)n und Fl&uuml;chtlingsheimen, wo selbst gro&szlig;e Familien keine eigenen Sanit&auml;ranlagen haben sowie Abstands- und Hygieneregeln nur mit erheblicher M&uuml;he oder gar nicht einzuhalten sind, ist die Ansteckungsgefahr besonders gro&szlig;.<\/p><p><strong>Sie sind schon lange als Ungleichheitsforscher t&auml;tig und bekannt. Wie reagieren Politiker, wenn Sie mit ihnen reden? Was sagt beispielsweise ein konservativer Politiker der CDU, wenn Sie ihm die Auswirkungen der Ungleichheit schildern?<\/strong><\/p><p>Er setzt in der Regel eher auf karitatives Engagement, auf das Spenden, Stiften und Sponsoring. Je mehr wohlfahrtsstaatliches Handeln um die Jahrtausendwende w&auml;hrend der neoliberalen &bdquo;Reform&auml;ra&ldquo; zur&uuml;ckgedr&auml;ngt wurde, desto umfassender wurde das Bet&auml;tigungsfeld f&uuml;r karitatives, b&uuml;rgerschaftliches bzw. zivilgesellschaftliches Engagement. Einrichtungen wie die Lebensmitteltafeln schossen zu jener Zeit nicht zuf&auml;llig wie Pilze aus dem Boden. Inzwischen gibt es fast 1.000 Tafeln, deren Dachverband angibt, w&ouml;chentlich 1,65 Millionen &bdquo;Kund(inn)en&ldquo; zu haben, wie die Bed&uuml;rftigen im wirtschaftsliberalen, marktfixierten Neusprech genannt werden. Ungef&auml;hr 30 Prozent davon sind Kinder und Jugendliche, 44 Prozent Erwachsene im erwerbsf&auml;higen Alter und 26 Prozent Senioren.<\/p><p><strong>Welche L&ouml;sungsans&auml;tze haben Sie?<\/strong><\/p><p>Karitatives Engagement reicht jedenfalls nicht aus. Ja, sie kann sogar kontraproduktiv sein, wenn Tafeln an die Stelle des Sozialstaates treten und zur Legitimation seiner neoliberalen Transformation beitragen. Armut l&auml;sst sich in einem reichen Land nur politisch bek&auml;mpfen, und zwar, indem eine Um- oder R&uuml;ckverteilung des privaten Reichtums stattfindet. Wenn unsere Ursachenanalyse richtig ist, muss die Bek&auml;mpfung der Ungleichheit von Kindern bei einer Anhebung der nicht existenzsichernden L&ouml;hne ihrer Eltern beginnen. Neben einer sofortigen Anhebung des Mindestlohns auf deutlich mehr als 12 Euro ist die Schaffung einer solidarischen B&uuml;rgerversicherung n&ouml;tig, in die alle Wohnb&uuml;rger\/innen einzahlen, also auch Selbstst&auml;ndige, Freiberufler, Beamte, Abgeordnete und Minister. Au&szlig;erdem bedarf es einer sozialen Grundsicherung, die den Namen im Unterschied zu Hartz IV verdient. Sie muss armutsfest, bedarfsgerecht und repressionsfrei sein, also ohne Sanktionen auskommen. Was Familien und Kinder in Armut &uuml;berdies brauchen, ist ein Ausbau der sozialen, Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur. N&ouml;tig w&auml;re eine bedarfsgerechte Konzentration staatlicher Ressourcen auf (junge) Menschen, die Unterst&uuml;tzung ben&ouml;tigen, um in W&uuml;rde leben zu k&ouml;nnen. <\/p><p>Wohlhabende m&uuml;ssten hingegen nicht mehr Geld f&uuml;r ihre Kinder erhalten, sondern ebenso wie Reiche und Hyperreiche durch h&ouml;here Steuern st&auml;rker in die Pflicht genommen werden. Zwar l&auml;sst sich der Kapitalismus mit steuerpolitischen Ma&szlig;nahmen nicht abschaffen, es l&auml;sst sich auf diesem Weg jedoch etwas mehr Gerechtigkeit schaffen. Solange sich die Ungleichheit im bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem reproduziert, stellt sich dar&uuml;ber hinaus die Frage, wie durch Staatseingriffe unter Wahrung der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit daf&uuml;r gesorgt werden kann, dass Armut gar nicht mehr entsteht. Wenn die sozio&ouml;konomische Ungleichheit ein strukturelles, das hei&szlig;t ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, kann sie nur durch tiefgreifende Strukturver&auml;nderungen beseitigt werden.<\/p><p>Ttielbild: Kiselev Andrey Valerevich \/ Shutterstock<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Prof. Dr. <strong>Christoph Butterwegge<\/strong> hat von 1998 bis 2016 Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln gelehrt. K&uuml;rzlich hat er zusammen mit seiner Frau Carolin Butterwegge das Buch &bdquo;Kinder der Ungleichheit&ldquo; bei Campus (303 Seiten, Ladenverkaufspreis: 22,95 Euro) ver&ouml;ffentlicht.<\/em><\/p><p><em>Und ein weiterer Lesetipp: Butterwegge, Christoph: Ungleichheit in der Klassengesellschaft. Neue Kleine Bibliothek 294, Paperback, 2. Aufl. 2021. 183 Seiten. 14,90 Euro. <\/em><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/4ba46ec5ac6f45a592e48932e995f1d5\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politiker halten Sonntagsreden, doch die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63671\">Kinderarmut ist eine Realit&auml;t<\/a> in Deutschland und die Ungleichheit, basierend auf den finanziellen M&ouml;glichkeiten, ist &bdquo;Gift f&uuml;r den gesellschaftlichen Zusammenhalt&ldquo;. Das sagt der Armutsforscher <strong>Christoph Butterwegge<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. 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