{"id":75725,"date":"2021-09-04T11:45:53","date_gmt":"2021-09-04T09:45:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75725"},"modified":"2021-09-04T15:02:50","modified_gmt":"2021-09-04T13:02:50","slug":"zurueckgeblieben-in-der-dystopie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75725","title":{"rendered":"Zur\u00fcckgeblieben in der Dystopie"},"content":{"rendered":"<p>Die Evakuierungsaktionen in Kabul sind vorbei. Der letzte US-Soldat hat Afghanistan verlassen. Viele Menschen lie&szlig; man trotzdem zur&uuml;ck. Der Afghanistan-Abzug des Westens war wom&ouml;glich die gr&ouml;&szlig;te Schande der letzten Jahrzehnte &ndash; und sie wird Berlin und Washington noch lange verfolgen. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1720\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-75725-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210904_Zurueckgeblieben_in_der_Dystopie_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210904_Zurueckgeblieben_in_der_Dystopie_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210904_Zurueckgeblieben_in_der_Dystopie_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210904_Zurueckgeblieben_in_der_Dystopie_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=75725-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210904_Zurueckgeblieben_in_der_Dystopie_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210904_Zurueckgeblieben_in_der_Dystopie_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Montagnacht war es so weit. Der letzte amerikanische Flieger verlie&szlig; Afghanistan. Der Abzug der US-Truppen war vollzogen und die Taliban feierten jenen historischen Moment mit Jubelsch&uuml;ssen und Raketen, die den Nachthimmel erleuchteten. W&auml;hrenddessen konnten viele Einwohner Kabuls nicht schlafen. Sie gerieten in Panik und dachten anfangs, dass Gefechte auf den Stra&szlig;en ausgebrochen seien. Der Abzug der amerikanischen Streitkr&auml;fte h&auml;tte nicht katastrophaler verlaufen k&ouml;nnen. Noch kurz zuvor flogen die USA zwei Drohnenangriffe in Kabul sowie in der &ouml;stlichen Provinz Nangarhar. Get&ouml;tet wurde dabei unter anderem eine zehnk&ouml;pfige Familie. Das Familienoberhaupt war einst f&uuml;r seine M&ouml;rder, die US-Streitkr&auml;fte, als Dolmetscher t&auml;tig. Sein Visum zur Ausreise stand schon bereit, doch evakuiert hat ihn niemand. Stattdessen trat das genaue Gegenteil ein. Man hielt den Mann f&uuml;r einen &bdquo;Terroristen&ldquo; und l&ouml;schte ihn mitsamt seiner Familie aus. US-Pr&auml;sident Joe Biden sprach von einem &bdquo;Racheangriff&ldquo;, der mit dem IS-Anschlag am Kabuler Flughafen, der sich am vergangenen Freitag ereignete, in Verbindung stand. Fast zweihundert Menschen, darunter dreizehn US-Soldaten, wurden bei dem Massaker get&ouml;tet. Sp&auml;ter berichteten Augenzeugen allerdings, dass die meisten Afghanen nicht durch die Explosion, sondern durch die blinden Sch&uuml;sse der Amerikaner get&ouml;tet wurden. Ein Umstand, der von vielen westlichen Medien konsequent ignoriert wurde. &bdquo;Sie haben sich nie wirklich f&uuml;r afghanische Menschenleben interessiert&ldquo;, kommentierte ein Einwohner Kabuls das Geschehen.<\/p><p>Dass er damit recht hat, steht mittlerweile au&szlig;er Frage. Die letzten Tage und Wochen waren in erster Linie f&uuml;r afghanischst&auml;mmige Menschen belastend und traumatisierend. Ich war durchgehend nicht nur beruflich eingespannt, sondern auch emotional. Aus der Distanz versuchte ich, jenen zu helfen, an die niemand dachte &ndash; und denen schon vor langer Zeit Unrecht angetan wurde. Ein Beispiel hierf&uuml;r ist etwa mein Freund Maiwand, ein sogenannter &bdquo;freiwilliger R&uuml;ckkehrer&ldquo;. Seine Abschiebung im Jahr 2018 war allerdings eher unfreiwillig. Nach mehreren Jahren in &Ouml;sterreich wurde Maiwand mehr oder weniger dazu gedr&auml;ngt, ein St&uuml;ck Papier zu unterzeichnen. Der scheinbare Grund: So k&ouml;nne er seine Familie in Afghanistan besuchen. Maiwand hatte wochenlang nichts mehr von ihnen geh&ouml;rt und f&uuml;hlte sich verpflichtet, nach ihnen zu schauen. Sein Onkel wurde in den Jahren zuvor von US-Soldaten get&ouml;tet, sein Vater von den Taliban. Anfang 2021 fl&uuml;chtete Maiwand ein weiteres Mal, diesmal gemeinsam mit seiner Familie nach Pakistan. Er &uuml;berlebte mehrere Anschlagsversuche und kam zu dem nachvollziehbaren Schluss, in Afghanistan keine Zukunft zu haben.<\/p><p>Als das Chaos in Kabul losging und die Stadt von den Taliban erobert wurde, rief mich Maiwand an. &bdquo;Zum Gl&uuml;ck bist du nicht mehr in Afghanistan&ldquo;, war meine erste Reaktion. Doch dann kam der Schock. Maiwand hielt sich wieder in seiner Heimatstadt Dschalalabad auf. Vor wenigen Wochen wurde er mitsamt seiner Familie von den pakistanischen Beh&ouml;rden abgeschoben. Nun brauchte er meine Hilfe, doch ich war &uuml;berfordert. Maiwand war n&auml;mlich nicht der Einzige, um den ich mich &bdquo;k&uuml;mmern&ldquo; musste. Im Juni wurde Jahanzeb, ein weiterer Freund von mir aus &Ouml;sterreich, nach Kabul abgeschoben. W&auml;hrend die Taliban Kabul einnahmen, schickte er mir Videos aus seinem Dorf nahe der Hauptstadt. Vor seiner Haust&uuml;r lag ein toter Soldat. Ich machte mir Sorgen, doch ich wusste auch, dass niemand Jahanzeb evakuieren w&uuml;rde. Keine einzige Beh&ouml;rde der Welt interessierte sich f&uuml;r ihn. Dennoch nahm ich Kontakt mit einer &ouml;sterreichischen Nationalratsabgeordneten auf. Sie wollte seinen Namen und sprach von einer m&ouml;glichen Evakuierung. Doch passiert ist seitdem nichts.<\/p><p>Und Deutschland? Die Bundesrepublik hat w&auml;hrend der j&uuml;ngsten Entwicklungen ihre h&auml;sslichste Fratze gezeigt. Sie hat (abermals) deutlich gemacht, dass ihr afghanische Menschenleben vollkommen egal sind. Bereits vor Wochen erfuhr ich aus sicherer Quelle, dass Deutschland die gest&uuml;rzte afghanische Regierung in Sachen Abschiebungen weiterhin bedr&auml;ngte. Die Message: &bdquo;Wir haben bald Wahlen. Ihr m&uuml;sst die Abgeschobenen aufnehmen.&ldquo; So und nicht anders sprach der deutsche Botschafter im Kabuler Gefl&uuml;chtetenministerium. Seit Ende 2016 fanden vierzig deutsche Abschiebefl&uuml;ge statt. Die Sicherheit der Betroffenen kann niemand garantieren. Und ja, es muss auch Folgendes gesagt werden: Abgesehen davon, dass viele Abgeschobene keine Straft&auml;ter sind, hat auch kein Dieb, Vergewaltiger oder gar kein M&ouml;rder eine externalisierte Todesstrafe durch einen Drohnenangriff oder ein Selbstmordattentat verdient. Doch die deutsche Rechtsstaatlichkeit scheint in Afghanistan ohnehin verloren gegangen zu sein. Im Fokus stehen Wahlen und die Angst, W&auml;hler an die AfD zu verlieren.<\/p><p>&bdquo;Ich versuche jetzt mein Gl&uuml;ck&ldquo;, sagte mir ein Abgeschobener in Deutschland vor wenigen Tagen. Er kam im Februar in Kabul an. Sein Vergehen: Er ist vor seiner eigenen Abschiebung gefl&uuml;chtet. Nun wollte er versuchen, einen Evakuierungsflieger zu erwischen. Er war erfolgslos und muss weiterhin in Afghanistan verharren. Warum &uuml;ber solche Skandale niemand sprechen will, ist mir mittlerweile nicht mehr schleierhaft. Die gescheiterte Luftbr&uuml;ckenaktion und die Ignoranz des Ausw&auml;rtigen Amtes haben deutlich gemacht, dass afghanische Menschenleben nichts wert sind. Selbst jene Menschen, die mit der Bundeswehr zusammengearbeitet haben, wurden zur&uuml;ckgelassen. Man k&ouml;nnte fast meinen, sie h&auml;tten nie existiert. Stattdessen bringt man schon Ann&auml;herungsversuche mit den Taliban in den Raum. Dass man mit diesen das Gespr&auml;ch suchen muss, steht au&szlig;er Frage. Dass man mit diesen Abschiebedeals unterzeichnen muss, hingegen nicht. Dass es eines Tages dazu kommen wird, ist allerdings alles andere als unwahrscheinlich. <\/p><p><em>Von Emran Feroz ist am 23. August im Westend Verlag sein neuestes Buch zum Afghanistan-Krieg <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/usa\/der-laengste-krieg.html\">&bdquo;Der l&auml;ngste Krieg &ndash; 20 Jahre War on Terror&ldquo;<\/a> erschienen. Einen Auszug aus diesem Buch k&ouml;nnen Sie in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75438\">diesem Beitrag<\/a> nachlesen.<\/em><\/p><p>Titelbild: Simon Vandamme\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Evakuierungsaktionen in Kabul sind vorbei. Der letzte US-Soldat hat Afghanistan verlassen. Viele Menschen lie&szlig; man trotzdem zur&uuml;ck. Der Afghanistan-Abzug des Westens war wom&ouml;glich die gr&ouml;&szlig;te Schande der letzten Jahrzehnte &ndash; und sie wird Berlin und Washington noch lange verfolgen. 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