{"id":75730,"date":"2021-09-03T13:30:50","date_gmt":"2021-09-03T11:30:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75730"},"modified":"2021-09-03T14:20:55","modified_gmt":"2021-09-03T12:20:55","slug":"ich-komme-aus-dem-voelkerrecht-robert-von-huehnern-schweinen-und-kuehen-die-macht-des-psychologischen-schattens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75730","title":{"rendered":"\u201eIch komme aus dem V\u00f6lkerrecht, Robert von H\u00fchnern, Schweinen und K\u00fchen\u201c &#8211; Die Macht des psychologischen Schattens"},"content":{"rendered":"<p>Haben Sie schon mal vom &bdquo;psychologischen Schatten&ldquo; geh&ouml;rt? Das ist ein Begriff, den der Psychoanalytiker C. G. Jung gepr&auml;gt hat. Darunter sind all die Eigenschaften zu verstehen, die ein Mensch an sich selbst nicht wahrhaben will und verdr&auml;ngt und verleugnet. Das klassische Musterbeispiel: Der Moralapostel, der &uuml;berall sexuelle Verkommenheit wittert und bek&auml;mpft &ndash; bei anderen wohlgemerkt. Auf diese Weise kann er sich unentwegt mit Sex besch&auml;ftigen, ohne Schuldgef&uuml;hle zu bekommen. Unser Autor <strong>Udo Brandes<\/strong> hat sich Gedanken &uuml;ber den psychologischen Schatten in der Politik gemacht und warnt vor allzu guten Menschen.<br>\n<!--more--><br>\nIn der Politik konnten wir in den letzten Wochen Zeuge sein, wie die Schattenseiten der gr&uuml;nen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock sichtbar wurden: Sie hatte Nebeneinnahmen nicht der Bundestagsverwaltung gemeldet, den Lebenslauf aufgeh&uuml;bscht, f&uuml;rs eigene Buch abgeschrieben, ohne Quellen zu nennen, und m&ouml;glicherweise auch noch zu Unrecht ein Promotions-Stipendium in H&ouml;he von 41.000 Euro kassiert. F&uuml;r die h&ouml;chste Repr&auml;sentantin einer Partei, die allerh&ouml;chsten Wert auf politische Korrektheit legt und h&ouml;chste moralische Anspr&uuml;che hat, ist dies doch ein bisschen viel Unkorrektheit. Aber dies allein h&auml;tte mich nicht sonderlich aufgeregt. Annalena Baerbock beweist nur einmal mehr, dass auch im so gerne moralisierenden linksliberalen Milieu der Satz von Bertolt Brecht gilt: Erst das Fressen, dann die Moral.<\/p><p><strong>Wieso passiert einer Profipolitikerin so ein Lapsus?<\/strong><\/p><p>Aufhorchen lassen hat mich etwas anderes: N&auml;mlich als Annalena Baerbock in einem Interview, das sie gemeinsam mit Robert Habeck dem NDR gab, es nicht lassen konnte, ihren Partei- und Vorstandskollegen herabzusetzen. Dem Sinn nach sagte sie, &bdquo;Ich komme aus dem V&ouml;lkerrecht und Robert von H&uuml;hnern, Schweinen und K&uuml;hen.&ldquo; Mit anderen Worten: Ich komme aus der gro&szlig;en, weiten Welt, Robert aus der Provinz. Das war eine  ganz bewusste Herabsetzung von Robert Habeck, und man konnte ihm deutlich ansehen, wie sehr er sich zusammenrei&szlig;en musste, um die Contenance zu wahren. Wieso erlaubt sich eine Politikerin wie Annalena Baerbock so etwas? Wieso passiert ihr so ein unprofessioneller Lapsus, der ihr nur schaden kann? Meine Antwort: In diesem Moment wurde sie von ihrem psychologischen Schatten beherrscht. Einer Annalena Baerbock, die eitel und geltungss&uuml;chtig ist und die h&ouml;here Qualifikation ihres Konkurrenten nicht ertragen kann. <\/p><p>Denn egal, wie man zu den politischen Inhalten steht, f&uuml;r die Robert Habeck steht: Objektiv betrachtet ist er der wesentlich besser qualifizierte Kandidat f&uuml;r das Amt des Bundeskanzlers als Annalena Baerbock. Er hat Philosophie studiert und sein Studium mit einem Doktortitel abgeschlossen. Er kann als professioneller Schriftsteller, der er vor seiner politischen Laufbahn war, B&uuml;cher schreiben, ohne zu plagiieren. Er ist der bessere Redner und Kommunikator. Er hat f&uuml;r die Gr&uuml;nen in Schleswig-Holstein erfolgreich Wahlk&auml;mpfe gef&uuml;hrt. Und vor allem: Er war sieben Jahre lang Minister in seinem Bundesland &ndash; hat also Regierungserfahrung. Etwas, das Annalena Baerbock nicht vorweisen kann. Offensichtlich f&uuml;hlte sich Annalena Baerbock ihrem Kollegen Habeck deshalb deutlich unterlegen und konnte ihren psychologischen Schatten nicht mehr unter Kontrolle halten. <\/p><p><strong>Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit und absoluten Wahrheiten<\/strong><\/p><p>Warum ist das Thema &bdquo;psychologischer Schatten&ldquo; von Bedeutung? Weil wir in einer Zeit leben, in der die Sehnsucht nach Eindeutigkeit &uuml;berhand nimmt. Und parallel dazu die Unf&auml;higkeit, Ambivalenzen und Spannungen auszuhalten. Also die Tatsache, dass nahezu nichts und niemand zu einhundert Prozent gut oder schlecht ist. Und dass es deshalb in Bezug auf einzelne Menschen oder gesellschaftliche und politische Fragen keine eindeutigen, absoluten Wahrheiten gibt. Immer mehr Menschen aber denken in absoluten Kategorien und wollen nur noch absolute Wahrheiten akzeptieren &ndash; und halten differenzierte Positionen und Meinungen nicht mehr aus. <\/p><p>Das dr&uuml;ckt sich besonders in der Bewegung der Politisch Korrekten aus. Die Politisch Korrekten sind unter anderem gl&uuml;hende Anh&auml;nger von &bdquo;Diversity&ldquo; (= Verschiedenheit). Mit dieser Begeisterung f&uuml;r &bdquo;Diversity&ldquo; ist es aber schlagartig vorbei, sobald jemand sich als politisch andersdenkend outet. Wenn jemand zum Beispiel meint, dass Einwanderung nicht nur gut sei und begrenzt werden m&uuml;sse, dann schl&auml;gt ihm aus politisch korrekten Kreisen mitunter sehr schnell eine extrem feindselige Aggression entgegen, die ganz und gar nicht zu der liberalen Fassade dieses Milieus passt. In solchen F&auml;llen werden Andersdenkende dann ganz schnell als &bdquo;rechtsoffen&ldquo; oder &bdquo;Rassisten&ldquo; diffamiert und ausgegrenzt. Und je nach Thema kann man heute auch ganz schnell zum &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretiker&ldquo;, &bdquo;Querdenker&ldquo; oder &ndash; die h&ouml;chste Form der moralischen Verurteilung &ndash; &bdquo;Antisemiten&ldquo; abqualifiziert werden. Um solche Reaktionen zu ernten, muss man keineswegs ein Radikaler sein. Die Spitzenkandidatin der Berliner Gr&uuml;nen f&uuml;r die kommende Senatswahl, Bettina Jarasch, kann davon ein Lied singen. Sie musste sich auf einem Parteitag der Gr&uuml;nen umgehend einem Entschuldigungsritual unterziehen, weil sie auf eine Frage zu ihrer Biografie spontan geantwortet hatte, dass sie als Kind schon gerne Indianerh&auml;uptling sein wollte. In gr&uuml;nen Kreisen darf man n&auml;mlich das Wort &bdquo;Indianer&ldquo; nicht mehr benutzen. Das gilt dort als ganz b&ouml;ses Wort, das nur von ganz b&ouml;sen Menschen benutzt wird. <\/p><p><strong>Die Politisch Korrekten sind blind f&uuml;r ihre totalit&auml;ren Verhaltensweisen<\/strong><\/p><p>Was hat dies mit dem Thema &bdquo;psychologischer Schatten&ldquo; zu tun? Die Anh&auml;nger der Politischen Korrektheit merken nicht, dass ihre Ideologie und ihre Verhaltensweisen totalit&auml;re und antidemokratische Z&uuml;ge aufweisen. Psychologisch ausgedr&uuml;ckt: Ihr Verhalten zeugt von einem totalit&auml;ren und antidemokratischen Schatten. Und genau wie der eingangs beschriebene, auf Sex fixierte Moralapostel seine eigenen sexuellen Phantasien nicht wahrhaben will, genauso verdr&auml;ngen die Anh&auml;nger dieser Bewegung ihre autorit&auml;ren, antidemokratischen und feindseligen Anteile &ndash; und projizieren sie umso vehementer auf andere Menschen. Im Denken der Politisch Korrekten gibt es keine anderen Meinungen und Standpunkte, die ihnen nicht gefallen und die sie mit guten Argumenten bek&auml;mpfen wollen. Sondern es gibt nur &bdquo;gut&ldquo; und &bdquo;b&ouml;se&ldquo;. Und wer anders denkt als sie, der ist b&ouml;se. Die Synonyme daf&uuml;r sind &bdquo;rechtsoffen&ldquo;, &bdquo;rassistisch&ldquo;, &bdquo;rechts&ldquo; oder auch &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretiker&ldquo;, &bdquo;Querdenker&ldquo; usw.<\/p><p>Das ist eine gro&szlig;e Gefahr f&uuml;r die Demokratie. Denn diese Ideologie und die damit zusammenh&auml;ngende &bdquo;Denunziationskultur&ldquo; breiten sich rasant in der Gesellschaft aus. Mit viel Pech kann ein falsches Wort heute schon den Job kosten. Mitunter wird auch ganz bewusst eine falsche Beschuldigung als politisches Instrument eingesetzt, um unliebsame politische Gegner aus dem Weg zu r&auml;umen. Dies ist gegenw&auml;rtig in Berlin bei der Initiative &bdquo;Deutsche Wohnen &amp; Co. enteignen&ldquo; zu beobachten. Diese wurde von der Interventionistischen Linken gekapert. Der urspr&uuml;ngliche Gr&uuml;nder der Initiative wurde von einer Frau beschuldigt, sie sexuell bel&auml;stigt zu haben, was nach den derzeit bekannten Fakten vollkommen haltlos ist und eine bewusste Denunziation, um ihn aus dem Weg zu r&auml;umen (siehe dazu die Analyse von Rainer Balcerowiak <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75361\">auf den NachDenkSeiten<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/wenige-wochen-vor-berlin-wahl-und-volksentscheid-streit-ueber-mutmassliches-sexualdelikt-bei-deutsche-wohnen-und-co-enteignen\/27565148.html\">den Bericht des Tagesspiegels<\/a>). <\/p><p><strong>Das Definitionsmachtkonzept &ndash; mehr als ein exklusiver Spleen linker Sekten<\/strong><\/p><p>Dahinter steckt, so Rainer Balcerowiak auf den NachDenkSeiten, das besonders von der Interventionistischen Linken vertretene Definitionsmachtkonzept (DefMa), <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;das in Teilen der autonomen und radikalfeministischen Linken schon l&auml;nger zum konstitutiven Selbstverst&auml;ndnis geh&ouml;rt. Demnach m&uuml;ssen behauptete sexuelle &Uuml;bergriffe auch ohne jegliche Verifizierung als unhinterfragbare Tatsache eingestuft werden. Der vermeintliche T&auml;ter wird umgehend &ndash; also ohne Anh&ouml;rung und Untersuchung des behaupteten Vorfalls &ndash; aus den jeweiligen Zusammenh&auml;ngen entfernt. (&hellip;) Das Problem: Das ist l&auml;ngst kein Spleen mehr, den durchgeknallte linke Sekten exklusiv haben: DefMa und verwandte Konstrukte sind in j&uuml;ngeren, akademischen Milieus inzwischen teilweise hegemonial, sie fressen sich von den sozial- und geisteswissenschaftlichen Fakult&auml;ten der Universit&auml;ten durch die Jugendorganisationen der &bdquo;linken&ldquo; Parteien, durch NGOs, Stiftungen, Gewerkschaften, Verb&auml;nde und Initiativen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Wenn sich dieser Trend in der Gesellschaft fortsetzt, und dem nicht bewusst entgegengewirkt wird, dann landen wir bald in einer Art smarten Faschismus, in dem politische Gegner zwar nicht gleich umgebracht, aber sozial vernichtet werden. Und das w&auml;re das Ende der Demokratie. Denn Demokratie kann nur funktionieren, wenn auch wirklich offen diskutiert werden kann und man <em>nicht<\/em> Angst davor haben muss, seine Meinung zu &auml;u&szlig;ern. <\/p><p><strong>Der Rat des Psychologen Alfred Adler<\/strong><\/p><p>Was f&uuml;r Schlussfolgerungen sollte man daraus ziehen? Ich pers&ouml;nlich bin inzwischen allergisch in Bezug auf Moralapostel und Gutmenschen, die angeblich nur im Interesse der hehresten moralischen Werte handeln. Die betont guten Menschen und Moralapostel sind nach meiner Erfahrung n&auml;mlich gar nicht so selten ausgesprochene Machtmenschen mit gar nicht so sch&ouml;nen Charaktereigenschaften. <\/p><p>Das ist &uuml;brigens auch wichtig in der ganz gro&szlig;en Politik, wo gerne &ndash; wie beim Krieg in Afghanistan &ndash; massive Aggression mit hehren Werten wie Demokratie, Freiheit und Menschenrechten begr&uuml;ndet wird. Auch hier haben wir es mit einem verdr&auml;ngten Schatten zu tun: Die anderen sind die B&ouml;sen, und wir, in diesem Fall der Westen, sind die Guten. Fakt aber ist: In der Politik geht es immer, wirklich immer, nur um handfeste Interessen. Kein Staat in der Welt f&uuml;hrt Krieg f&uuml;r Menschenrechte und Demokratie. <\/p><p>Was also tun? Sich an einen Rat des Psychologen Alfred Adler halten. Er schrieb in seinem Buch &bdquo;Menschenkenntnis&ldquo;: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn die ideale Haltung eines Menschen ein gewisses Ma&szlig; &uuml;berschreitet, wenn seine G&uuml;te und Menschlichkeit Formen annimmt, die schon auff&auml;llig sind, dann ist Misstrauen vollst&auml;ndig am Platz.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: Zenza Flarini\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haben Sie schon mal vom &bdquo;psychologischen Schatten&ldquo; geh&ouml;rt? Das ist ein Begriff, den der Psychoanalytiker C. G. Jung gepr&auml;gt hat. 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