{"id":75735,"date":"2021-09-05T11:45:24","date_gmt":"2021-09-05T09:45:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75735"},"modified":"2021-09-05T14:23:45","modified_gmt":"2021-09-05T12:23:45","slug":"grenzzaun-ost","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75735","title":{"rendered":"Grenzzaun Ost"},"content":{"rendered":"<p>Die f&uuml;r Wild- und Hausschweine t&ouml;dliche Afrikanische Schweinepest ist in Polen au&szlig;er Kontrolle. Deshalb haben die Bundesl&auml;nder Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern entlang der Ostgrenze einen Zaun gezogen, der die Wildschweine vom Grenz&uuml;bertritt abhalten soll. Von <strong>Florian Schwinn<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nHinter dem ersten Zaun entsteht gerade ein zweiter, und zwischen den beiden Z&auml;unen soll dann eine wildschweinfreie Wei&szlig;e Zone sein &ndash; alles zum Schutz der deutschen Hausschweine und vor allem der gro&szlig;en Schweinebetriebe. Kann man eine Tierseuche, die von Wildtieren verbreitet wird, an einer Landesgrenze aufhalten? Und was sagen die gewaltigen Anstrengungen dazu &uuml;ber unser Verh&auml;ltnis zu unseren Hausschweinen und &uuml;ber das deutsche Schweinehaltungssystem? Dass die Diskussion &uuml;ber Tierwohl f&uuml;r Schweine obsolet ist?<\/p><p><strong>Seuche versus Biohaltung<\/strong><\/p><p>Als die Afrikanische Schweinepest ASP im Juli die deutschen Hausschweine erreicht hat, geschah das, obwohl die Amtstier&auml;rzte in den bedrohten Gebieten den Schweinen den Auslauf gestrichen hatten. Auch in einem Biobetrieb im Landkreis Spree-Nei&szlig;e war den zweihundert Schweinen der Weg nach drau&szlig;en seit September 2020 verwehrt, obwohl dieser Auslauf f&uuml;r Bioschweine vorgeschrieben ist. Trotz der &bdquo;Aufstallung&ldquo; wurde bei einem der Schweine im Juli der ASP-Erreger festgestellt. Das war das Todesurteil f&uuml;r alle Schweine, auch f&uuml;r die gesunden. Man nennt das &bdquo;Keulen&ldquo;, wenn alle Tiere eines Betriebes wegen einer Seuche get&ouml;tet werden. Sprache kann manchmal genauso brutal sein wie die Realit&auml;t. Bei dem zweiten ASP-Ausbruch bei Hausschweinen starben nur zwei und im dritten Fall nur vier Tiere, weil es sich dabei um Kleinsthaltungen handelte. Auch diese Tiere wurden im Stall gehalten, ohne Auslauf.<\/p><p>Kann man daraus schlie&szlig;en, dass das Aufstallen, das die Veterin&auml;r&auml;mter allenthalben verf&uuml;gen, wenn eine Tierseuche naht, gar nicht sch&uuml;tzt? Dass die reine Stallhaltung gar nichts verhindert? Es k&ouml;nnte so sein. Sicher ist, dass die reine Stallhaltung f&uuml;r Schweine, die das Leben im Freien gewohnt sind, eine Qual ist. Der Kampf gegen die Afrikanische Schweinepest scheint aber s&auml;mtliche Diskussionen &uuml;ber Tierwohl und artgerechte Haltung au&szlig;er Kraft zu setzen. Und das, obwohl die Betriebe, die ihre Schweine im Freien halten wollen, sie auch ohne Seuche schon mehrfach umz&auml;unen m&uuml;ssen, damit die Hausschweine auf keinen Fall mit Wildschweinen in Kontakt kommen k&ouml;nnen. Das reicht aber angeblich nicht, wenn es um die Afrikanische Schweinepest geht. Die n&auml;mlich kann auch von Aasfressern &uuml;bertragen werden &ndash; theoretisch. Und sie k&ouml;nnte dabei sogar fliegen.<\/p><p>&bdquo;Es besteht ein Risiko, das aber meiner Meinung nach sehr gering ist&ldquo;, sagt Deutschlands oberster Tier-Epidemiologe Prof. Franz J. Conraths, der Vizepr&auml;sident des Friedrich-L&ouml;ffler-Instituts FLI: &bdquo;Dennoch empfehlen wir, in den Kerngebieten und den gef&auml;hrdeten Zonen die Aufstallung von Schweinen anzuordnen, um diesem Risiko zu begegnen.&ldquo; Das Institut hat selber in einer Studie festgestellt, dass nicht nur die Aasfresser unter den S&auml;ugetieren, wie Fuchs oder Marderhund, an Wildschweinkadavern fressen, sondern auch V&ouml;gel, die jeglichen Schutzzaun &uuml;berfliegen k&ouml;nnen. Aufnahmen von Wildkameras belegen, dass Kr&auml;henv&ouml;gel mit Gewebe im Schnabel die Kadaver verlassen. Aber wie weit fliegen sie damit? Lassen sie das Gewebe irgendwo fallen? Kann eine solche kleine Gewebeprobe Schweine infizieren? Ist es deshalb vielleicht ganz sinnlos, Schutzz&auml;une gegen die Afrikanische Schweinepest zu bauen &ndash; nicht nur um freilaufende Hausschweine herum, sondern auch entlang der Grenze? Franz Conraths sagt: &bdquo;Wenn der zweite Zaun im Abstand von f&uuml;nfhundert bis tausend Metern zum bestehenden Zaun entlang der Grenze gezogen ist und die Zone dazwischen wildschweinfrei w&auml;re, dann h&auml;tten wir eine wirksame Barriere gegen die Afrikanische Schweinepest aus dem Osten.&ldquo; Der Professor betont, dass er hier bewusst den Konjunktiv w&auml;hlt, weil es nicht einfach ist, eine solche Zone wirklich wildschweinfrei zu halten.<\/p><p>Wenn das aber gelingen w&uuml;rde, dann ginge es nur noch darum, wie wir die Gebiete ASP-frei bekommen, die schon verseucht sind. Und das erweist sich gerade als schwierig.<\/p><p><strong>Einsperren als L&ouml;sung<\/strong><\/p><p>Nach dem ASP-Ausbruch in dem Biobetrieb im Landkreis Spree-Nei&szlig;e hie&szlig; es, Nagetiere h&auml;tten die Seuche in den Stall getragen, also M&auml;use oder Ratten. &bdquo;Davon wei&szlig; ich nichts&ldquo;, sagt Franz Conraths: &bdquo;Wenn so ein Ausbruch geschieht und man keine offizielle Quelle wei&szlig;, dann kocht die Ger&uuml;chtek&uuml;che. Und das k&ouml;nnte bei dieser Nagetierhypothese so sein. Was man sagen kann, ist, dass es in gro&szlig;er N&auml;he zu diesem Betrieb Funde von Wildschweinen mit ASP gegeben hat. Der n&auml;chste war rund vierhundert Meter entfernt.&ldquo; Wie die Seuche von dort allerdings trotz aller professionellen Hygienema&szlig;nahmen, &uuml;brigens inklusive &bdquo;Schadnager-Management&ldquo;, tats&auml;chlich zu den Hausschweinen im Stall gelangte, ist nicht gekl&auml;rt. Dem Betrieb sei nichts vorzuwerfen, sagt der Epidemiologe, dort sei alles richtig gemacht worden. Und dennoch habe es ihn erwischt: &bdquo;&Auml;rgerlich!&ldquo;<\/p><p>Nicht erwischt hat es indes einen Betrieb, der seine Schweine im Freiland h&auml;lt, und das trotz Aufstallpflicht in der gef&auml;hrdeten Zone: das Gut Hirschaue in Birkholz, rund sechs Kilometer &ouml;stlich der Spree. Schon der Vater der beiden heutigen Betriebsleiter Michael und Henrik Staar hatte den Betrieb 1992 von Bioland zertifizieren lassen. Heute bewirtschaften die Br&uuml;der fast sechshundert Hektar, zweihundert davon als Wildgehege f&uuml;r Dam- und Rothirsche. Dazu gibt&rsquo;s die eigene Fleischerei und den Hofladen. Und dann gibt es, seit Michael Staar vor &uuml;ber zwanzig Jahren seinen eigenen Betrieb aufbaute und in den Verbund einbrachte, bis zu zweihundert Schweine in Freilandhaltung.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210905-Schweinepest-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210905-Schweinepest-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><em>Saugutes Leben im Freien: Deutsche Sattelschweine auf Gut Hirschaue im Landkreis Oder-Spree. Weil die Region zum seuchengef&auml;hrdeten Gebiet geh&ouml;rt, wurde diesen Schweinen schon mehrfach Stallarrest verordnet. <\/em><br>\n<em>Foto: Gut Hirschaue<\/em><\/p><p>Zun&auml;chst z&uuml;chtete er Deutsche Sattelschweine, eine in der DDR aus Angler Sattelschwein und Schw&auml;bisch H&auml;llischem Schwein entstandene eigene Rasse, die ehemals zehn Prozent des Schweinebestandes im Osten ausmachte. Heute geh&ouml;rt das Deutsche Sattelschwein zu den gef&auml;hrdeten alten Haustierrassen auf der Roten Liste und das Gut Hirschaue beteiligt sich am Erhaltungszuchtprogramm. Dazu kam eine eigene Rasse, die die Hirschauer &bdquo;M&auml;rkisches Sattelschwein&ldquo; nennen. Diese Schweine entstanden aus mehrfacher Kreuzung von Deutschen Sattelschweinen und Wildschweinen.<\/p><p>&bdquo;Diese Tiere wachsen im Freiland auf und leben das ganze Jahr drau&szlig;en&ldquo;, sagt Henrik Staar: &bdquo;Die k&ouml;nnen wir jetzt nicht pl&ouml;tzlich einsperren. Das verkraften die nicht!&ldquo; Andere Freilandhalter, die ihre Schweine aufstallen mussten, berichten von deren Langeweile und Aggressionen, bis hin zu blutigen Verletzungen. Schweine sind eben eigentlich keine Stalltiere. Nun hat der Betrieb Ende Juli eine &bdquo;Ordnungsverf&uuml;gung&ldquo; des Landkreises zugestellt bekommen, mit der Aufforderung, die Tiere bis zum 22. August aufzustallen. Die Berliner Rechtsanw&auml;ltin Katrin Brockmann hat f&uuml;r das Gut Hirschaue sowohl gegen die spezielle Ordnungsverf&uuml;gung, als auch gegen die Allgemeinverf&uuml;gung des Landkreises zum Umgang mit der ASP, Widerspruch eingelegt. Am 9. August hat der Landkreis eine neue Allgemeinverf&uuml;gung erlassen, gegen die nun ein neuer Widerspruch eingelegt werden muss. &bdquo;Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel&ldquo;, sagt Henrik Staar. Denn es ist nicht das erste Mal, dass die Betriebe des Guts gegen solche Verf&uuml;gungen vorgegangen sind. Bisher wurde allen Widerspr&uuml;chen stattgegeben. Das mag auch daran liegen, dass die Rechtsanw&auml;ltin von Gut Hirschaue einsch&auml;tzen kann, was eine Aufstallung f&uuml;r die Tiere bedeuten w&uuml;rde. Katrin Brockmann ist nicht nur Juristin, sondern auch Agraringenieurin. Die Schweine jedenfalls sind immer noch im Freien.<\/p><p>Wobei das mit der Freiheit &auml;u&szlig;erst relativ ist. Die &Auml;cker, auf denen die Schweine w&uuml;hlen, sind dreifach eingez&auml;unt. Innerhalb des umz&auml;unten Wildgatters steht ein zwei Meter hoher Zaun, der zus&auml;tzlich noch einen halben Meter in die Erde reicht. Anerkannt als wolfssicherer Festzaun, kann er von Wildschweinen nicht unterw&uuml;hlt werden. Der dritte Zaun folgt nach dreihundert Metern Pufferzone und ist ebenfalls zwei Meter hoch. <\/p><p><strong>Tierwohl ade<\/strong><\/p><p>&bdquo;Um die Tiere ging es bei allen Auseinandersetzungen um die Aufstallung eigentlich nie&ldquo;, sagt Henrik Staar. &bdquo;Wie es denen im Stall gehen w&uuml;rde, scheint niemanden zu interessieren. Die sind keine Individuen mit Bed&uuml;rfnissen, sondern werden als Sache behandelt.&ldquo; Und eine Sache k&ouml;nne man ja eben mal wegstellen. Wobei davon in der Schweinepestverordnung, der Grundlage f&uuml;r das Handeln der Veterin&auml;r&auml;mter in den gef&auml;hrdeten Gebieten, gar nichts steht. Dort hei&szlig;t es in &sect; 14a lediglich: &bdquo;Mit Bekanntgabe der Festlegung des gef&auml;hrdeten Bezirks haben Tierhalter im gef&auml;hrdeten Bezirk (&hellip;) die Schweine so abzusondern, dass sie nicht mit Wildschweinen in Ber&uuml;hrung kommen k&ouml;nnen.&ldquo; Das Wort Aufstallung kommt in der Schweinepestverordnung &uuml;berhaupt nicht vor. Auch das sicherlich ein Grund daf&uuml;r, dass der Landkreis Oder-Spree bislang immer ein Einsehen hatte und den Widerspr&uuml;chen von Rechtsanw&auml;ltin Brockmann gegen die eigenen Verf&uuml;gungen stattgab.<\/p><p>Den Br&uuml;dern Michael und Henrik Staar geht es im &Uuml;brigen bei ihrer Schweinehaltung gar nicht darum, die Tiere zu m&auml;sten. Mast kann man das auch kaum nennen, was da auf den &Auml;ckern von Gut Hirschaue geschieht; dazu wachsen die Schweine viel zu langsam, sowohl die Sattelschweine, vor allem aber die Wildschweinkreuzungen. &bdquo;Die Schweine sind ein Teil unserer Fruchtfolge&ldquo;, sagt Henrik Staar. Zu der geh&ouml;rt im Ackerbau eine f&uuml;nf Jahre dauernde Phase mit Kleegras. Das wird zun&auml;chst vier Jahre lang von Hirschen beweidet. Die sind allerdings sehr w&auml;hlerisch bei der Futtersuche. Am Ende steht auf den Weiden dann nur noch das, was die Hirsche nicht fressen m&ouml;gen. Jetzt kommen, im f&uuml;nften Jahr, die Schweine auf die Fl&auml;chen und brechen sie um. Die Schweine d&uuml;ngen noch einmal und sparen den Pflug. Ein sch&ouml;nes Konzept, das mit Stallhaltung zunichte w&auml;re. Zumal es weder den Stall gibt, noch das Stroh, das dann zur Einstreu n&ouml;tig w&auml;re. Denn Stroh ernten ist im ASP-gef&auml;hrdeten Gebiet verboten, damit die Seuche nicht in den Betrieb eingetragen wird.<\/p><p><strong>Und weiter?<\/strong><\/p><p>Wie geht das nun weiter mit der Afrikanischen Schweinepest und der Schweinehaltung? Mit immer neuen Verf&uuml;gungen und immer neuen Widerspr&uuml;chen? Oder dann doch mit dem Ende der Freilandhaltung und damit der artgerechtesten Haltung, die wir Schweinen antun k&ouml;nnen?<\/p><p>Wenn es nach der Interessengemeinschaft der Schweinehalter IGS in Brandenburg und dem dortigen Bauernverband geht, verschwinden die Schweine aus der Landschaft. Die beiden Organisationen lassen keine Gelegenheit aus, die Freilandhaltung im Gut Hirschaue anzugreifen. Die Schweine sollen in den Stall, damit sie sich nicht infizieren. Wie die Schweine, die sich im Stall befanden und sich doch infizierten. Eine wenig logische Argumentation? Scheint so. Aber nur, weil nicht gesagt wird, worum es wirklich geht: um die wirtschaftlichen Interessen der Schweinehalter, um das gesamte Schweinesystem, nicht um die Tiere. Ach ja, und um unser geliebtes Billigfleisch nat&uuml;rlich. Wer weiterhin Schnitzel oder Nackensteaks f&uuml;r f&uuml;nf oder sechs Euro das Kilo kauft, unterst&uuml;tzt dieses System.<\/p><p><strong>Der andere Weg<\/strong><\/p><p>Ein kleiner Hof im nieders&auml;chsischen Wendland hat unterdessen vorgef&uuml;hrt, dass man sich mit Amtstier&auml;rzten auch einigen kann. Kathrin Ollendorf und Holger Linde vom Hutewaldhof z&uuml;chten auch eine vom Aussterben bedrohte alte Haustierrasse: das Angler-Sattelschwein. Die robusten Tiere eignen sich besonders f&uuml;r die extensive Haltung im Freien. Auch auf dem Hutewaldhof leben die Schweine das ganze Jahr &uuml;ber im Freien. Nur wenn die Sauen ferkeln, kommen sie vor&uuml;bergehend in einen Stall, den sie nach wenigen Tagen mit ihrem Nachwuchs wieder verlassen. Sonst leben die Tiere in Gruppen auf den &Auml;ckern, wo sie ihr Futter zum Teil selber ernten k&ouml;nnen. Zum Schutz gegen Regen und K&auml;lte gibt es kleine, isolierte und mit Stroh eingestreute H&uuml;tten. Und im Herbst d&uuml;rfen die Schweine in einen eingez&auml;unten, zwei Hektar gro&szlig;en Wald, um dort Eicheln, Bucheckern, Pilze und Kr&auml;uter zu suchen.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210905-Schweinepest-03.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210905-Schweinepest-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><em>Gutes Leben ganzj&auml;hrig im Freien: Eine Sau der gef&auml;hrdeten Haustierrasse Angler-Sattelschwein mit Ferkeln auf dem Hutewaldhof im Wendland.<\/em><br>\n<em>Foto: Florian Schwinn<\/em><\/p><p>Nun ist der Weiler Riskau bei Dannenberg im Wendland weit von der polnischen Grenze und den umz&auml;unten Kernzonen der Schweinepestausbr&uuml;che in Deutschland entfernt, dennoch haben sich die beiden vom Hutewaldhof schon vor l&auml;ngerer Zeit auf den Weg gemacht, um mit dem zust&auml;ndigen Veterin&auml;ramt zu diskutieren, was mit ihren Schweinen im Fall der F&auml;lle geschieht. Derzeit leben auf dem Hutewaldhof vier ins Herdbuch der Angler-Sattelschweine eingetragene, also f&uuml;r die Zucht zugelassene Sauen. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gef&auml;hrdeter Haustierrassen f&uuml;hrt die Angler-Sattelschweine als extrem gef&auml;hrdet auf der Roten-Liste und gibt den gesamten Bestand mit 96 weiblichen und 28 m&auml;nnlichen Tieren an (die &Uuml;berblickdaten stammen von 2018). Wenn da wegen der Afrikanischen Schweinepest vier Sauen fehlen, ist das schon ein gravierender Einschnitt in den Genpool. Wenn mehrere Betriebe betroffen w&auml;ren, k&ouml;nnte die Schweinepest die ganze Rasse aussterben lassen. Und schon die vier Zuchtsauen vom Hutewaldhof k&ouml;nnten den Genpool in Gefahr bringen, denn sie geh&ouml;ren zur ersten von sieben Zuchtlinien, und diese Linie A z&auml;hlt zurzeit nur sechs Tiere. Bricht eine Zuchtlinie zusammen, wird die genetische Varianz zu klein f&uuml;r die Erhaltungszucht.<\/p><p><strong>Ausnahme Genpool<\/strong><\/p><p>Was also tun, um nicht die Schweinerasse und den eigenen kleinen Betrieb zu gef&auml;hrden? Es gibt in der Schweinepestverordnung den &bdquo;&sect; 8 Ausnahmen&ldquo;. Darin steht: &bdquo;Die zust&auml;ndige Beh&ouml;rde kann bei einem Ausbruch der Schweinepest oder der Afrikanischen Schweinepest in einer Untersuchungseinrichtung, einem Zoo, einem Wildpark oder einer vergleichbaren Einrichtung, in denen Schweine zu wissenschaftlichen Zwecken, zur Arterhaltung oder zur Erhaltung seltener Rassen gehalten werden, Ausnahmen von &sect; 4 (&hellip;) genehmigen.&ldquo; In &sect; 4 wiederum steht, was ohne Ausnahme zu tun ist: &bdquo;die T&ouml;tung und unsch&auml;dliche Beseitigung aller Schweine des Verdachtsbetriebs.&ldquo; Nach langen, kooperativen Diskussionen mit dem Veterin&auml;ramt, einigen erg&auml;nzenden Umbauten, weiteren Sicherheitsma&szlig;nahmen und ausf&uuml;hrlichen Nachweisen des Zuchtverbandes h&auml;lt die Agrar&ouml;kologin Kathrin Ollendorf jetzt eine vielseitige Ausnahmegenehmigung in der Hand, die ihren Schweinen bescheinigt, eine UTR zu sein, eine &bdquo;Unersetzbare tiergenetische Ressource&ldquo;. Gilt allerdings nur f&uuml;r die Zuchtsauen, nicht f&uuml;r deren Nachwuchs.<\/p><p>Dieses Papier musste sich der Betrieb m&uuml;hevoll erarbeiten. Durch zus&auml;tzliche Z&auml;une und Hygienema&szlig;nahmen und vor allem durch einen restriktiven Zutritt f&uuml;r die Besucher. &bdquo;Wir zeigen den Leuten ja auch gerne unsere Schweine&ldquo;, sagt Kathrin Ollendorf, &bdquo;das geh&ouml;rt zu unserem Konzept.&ldquo; Der Hutewaldhof erh&auml;lt keine EU-Agrarzusch&uuml;sse, weil das Agroforstsystem und die wechselnden Futteranbauten f&uuml;r die extensive Schweinehaltung in keine EU-Verordnung passen. Umso mehr ist der Betrieb auf seine Kunden angewiesen, die f&uuml;r das gute Fleisch und die Wurstwaren tiefer in die Tasche greifen. Auch ein Sternekoch stand bereits auf der Kundenliste, der f&uuml;r das Schweinefleisch aus Riskau die ber&uuml;hmten Iberico, die Eichelschweine aus Spanien, von der Karte genommen hat. Kunden, die den Betrieb besuchen, um die Schweine zu sehen, passen aber &uuml;berhaupt nicht zu den Hygienerichtlinien, die allen, die mit den Schweinen zu tun haben, vorschreiben, Schuhe und Kleidung beim Betreten des Betriebs zu wechseln. Deshalb sind Besuche nur im Ausnahmefall m&ouml;glich und es muss Buch gef&uuml;hrt werden &uuml;ber jeden Betriebsfremden, der das Gel&auml;nde betritt. Corona-ge&uuml;bte Restaurantbetreiber kennen das, landwirtschaftliche Betriebe eher nicht.<\/p><p>Die Bereiche der Schweine waren schon zuvor mit doppelten Z&auml;unen und Elektrodraht gesichert. Ohne das wird Schweinehaltung im Freien in Deutschland nicht genehmigt. Jetzt musste auch noch das restliche Hofgel&auml;nde umz&auml;unt und das Hoftor abschlie&szlig;bar werden, auf dem Land eine eher verst&ouml;rende Ma&szlig;nahme. &bdquo;Eine gro&szlig;e Diskussion war das vorgeschriebene Schadnager-Monitoring&ldquo;, sagt Kathrin Ollendorf. Wie soll man bei Freilandhaltung Ratten und M&auml;use fernhalten? Da passt die Verordnung nicht zur Realit&auml;t. Das haben die Veterin&auml;re dann auch bemerkt, denn wo die Schweine frei herumlaufen, h&auml;lt sich freiwillig keine Maus mehr auf. Wenn die Schweine einen Acker neu besiedeln, um sich dort ihr Futter zu suchen, ist nach kurzer Zeit jedes M&auml;usenest ausgegraben und jede Maus verspeist.<\/p><p>Ebenfalls Bedingung f&uuml;r den UTR-Status ist, dass der Hutewaldhof an einem ASP-Fr&uuml;herkennungsprogramm teilnimmt. Das bedeutet, dass zweimal im Jahr der Tierarzt kommt und bei einer gro&szlig;en Zahl der Schweine Fieber misst. Bei jedem Besuch kontrolliert der Tierarzt auch noch einmal s&auml;mtliche anderen Bedingungen, die der Hof erf&uuml;llen muss. Den Tierarzt und seine Kontrollarbeit muss der Betrieb bezahlen. Der Vorteil, den der Hutewaldhof davon hat, ist ein neuer Status: ASP-frei! Der Status als schweinepestfreier Betrieb bringt im Seuchenfall den Vorteil, dass die Tiere dann noch bewegt werden d&uuml;rfen &ndash; &bdquo;verbracht&ldquo; hei&szlig;t das im Amtsdeutsch. Wenn das Veterin&auml;ramt die &bdquo;Aufstallung&ldquo; verh&auml;ngt, dann m&uuml;ssen die Tiere in einen Stall gefahren werden, denn vor Ort gibt es keinen. Wenn es aber gleichzeitig ein Verbot gibt, die Tiere vom Hof zu fahren, k&ouml;nnten die Hutewaldh&ouml;fer nur warten, bis ihnen s&auml;mtliche Schweine, weil nicht &bdquo;aufgestallt&ldquo;, get&ouml;tet werden. &bdquo;Das m&ouml;chte ich auf keinen Fall erleben&ldquo;, sagt Kathrin Ollendorf.<\/p><p><strong>Leiden f&uuml;rs Schweinesystem<\/strong><\/p><p>Also was jetzt: vorsorglich einen Stall bauen oder pachten? Obwohl man doch &uuml;berzeugt ist, dass die Sau raus muss, und ihre Ferkel mit ihr. Der Stall f&uuml;r die Tiere vom Hutewaldhof m&uuml;sste deutlich &uuml;berdimensioniert sein, weil die Tiere ja das Leben im Stall gar nicht kennen. Und das Gef&uuml;hl, eingepfercht zu werden, f&uuml;hrt nicht nur bei Menschen zu Aggressionen. Also m&uuml;sste ein gro&szlig;er und entsprechend teurer Stall gepachtet werden. &bdquo;Das wollen wir aber nicht,&ldquo; sagt Kathrin Ollendorf, &bdquo;denn wir sind ja von unserer Haltungsform im Freiland &uuml;berzeugt und wollen nun nicht noch eine zweite Haltungsform finanzieren. L&auml;ngerfristig k&ouml;nnen wir uns das auch gar nicht leisten.&ldquo;<\/p><p>Aus der offiziellen Risikoabsch&auml;tzung des Friedrich-L&ouml;ffler-Instituts FLI, des Bundesforschungsinstituts f&uuml;r Tiergesundheit, entnimmt Kathrin Ollendorf den eigentlichen Grund f&uuml;r all die Seuchenschutzma&szlig;nahmen wie die Aufstallungspflicht. Dort hei&szlig;t es: &bdquo;In einer Studie, die einen ASP-Eintrag in d&auml;nische Hausschweinebest&auml;nde simulierte, wurden direkte Kosten von 12 Millionen Euro und Verluste durch Exportverbote von 349 Millionen Euro errechnet.&ldquo; In D&auml;nemark werden, gemessen an der menschlichen Bev&ouml;lkerung, noch mehr Schweine gehalten als in Deutschland. Das Prinzip ist dabei das gleiche: Wir importieren Futter, zum Beispiel Soja aus abgebranntem Regenwald, und exportieren Schweinfleisch, zum Beispiel nach China. &bdquo;Deutschland leidet schon jetzt nach dem bisher ausschlie&szlig;lichen Eintrag der ASP in die Wildschweinpopulation unter deutlichen Exportverlusten&ldquo;, schreibt das FLI: &bdquo;Ein Eintrag in einen Hausschweinebestand w&uuml;rde die wirtschaftlichen Verluste noch vergr&ouml;&szlig;ern. Dar&uuml;ber hinaus k&ouml;nnten sich Probleme im Zusammenhang mit der Annahme von schlachtreifen Schweinen durch Schlachth&ouml;fe weiter versch&auml;rfen und zu erheblichen Schwierigkeiten bei der Gew&auml;hrleistung des Tierschutzes f&uuml;hren.&ldquo; (Die Risikoabsch&auml;tzung des FLI datiert vom 19.04.21.)<\/p><p>Nun denn, der Eintrag in Hausschweinebest&auml;nde ist inzwischen geschehen. Was die Risikobewertung versch&auml;rft, allerdings nur in finanzieller Hinsicht. Es geht mal wieder nicht um die Tiere, auch nur mittelbar um die Seuche. Es geht ums Geld. Den Hausschweinen, die weit genug weg sind von der polnischen Grenze, von wo die Seuche kommt, kann das einstweilen egal sein. Nicht aber den H&ouml;fen, die sich artgerechter Tierhaltung verschrieben haben. Sie d&uuml;rfen sich jetzt schon mal darum k&uuml;mmern, ihren Tieren das gute Leben zu versauen. Oder auch nicht. &bdquo;Wenn wir jetzt den teuren Stall pachten, finanzieren wir ein Haltungssystem, was wir nicht wollen&ldquo;, sagt Kathrin Ollendorf, &bdquo;und das nur, um die konventionellen Schweinehalter vor wirtschaftlichen Verlusten zu sch&uuml;tzen.&ldquo; Soll hei&szlig;en: Wenn die Schweinebetriebe, die ihre Hybridschweine in engen St&auml;llen turbom&auml;sten, Angst, vor allem finanzielle Angst, vor der Afrikanischen Schweinepest haben, dann sollten sie es sein, die den Betrieben, die ihre Tiere artgerecht im Freiland halten, die Seuchen-Aufstallung finanzieren.<\/p><p>Wir Fleischesserinnen und -esser k&ouml;nnen einstweilen die Betriebe unterst&uuml;tzen, die die alten Rassen halten und ihre Schweine w&uuml;hlen und suhlen lassen. Das ist viel teurer als das Schweinefleisch von der Billigtheke &ndash; aber es ist Schweinefleisch, das diesen Namen noch oder wieder verdient! Und die Tiere hatten ein gutes Leben.<\/p><ul>\n<li><a href=\"https:\/\/hutewaldhof.de\/\">Hutewaldhof Riskau<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.gut-hirschaue.de\">Gut Hirschaue<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.g-e-h.de\/index.php\/rote-liste-menu\/rote-liste\">Rote Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gef&auml;hrdeter Haustierrassen GEH<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.openagrar.de\/servlets\/MCRFileNodeServlet\/openagrar_derivate_00036860\/FLI-Risikoeinschaetzung_ASP_2021-04-19-bf.pdf\">Risikoeinsch&auml;tzung des Friedrich-L&ouml;ffler-Instituts zur Afrikanischen Schweinepest<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.openagrar.de\/servlets\/MCRFileNodeServlet\/openagrar_derivate_00036860\/FLI-Risikoeinschaetzung_ASP_2021-04-19-bf.pdfhttps:\/\/www.buzer.de\/gesetz\/7039\/index.htm\">Schweinepest-Verordnung<\/a><\/li>\n<\/ul><p>Titelbild: Paul Henri Degrande \/ Pixabay<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die f&uuml;r Wild- und Hausschweine t&ouml;dliche Afrikanische Schweinepest ist in Polen au&szlig;er Kontrolle. Deshalb haben die Bundesl&auml;nder Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern entlang der Ostgrenze einen Zaun gezogen, der die Wildschweine vom Grenz&uuml;bertritt abhalten soll. Von <strong>Florian Schwinn<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":75736,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[149,165],"tags":[2884,2327,2834],"class_list":["post-75735","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesundheitspolitik","category-innen-und-gesellschaftspolitik","tag-lebensmittelindustrie","tag-tierschutz","tag-virenerkrankung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/210905-Schweinepest-titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75735","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=75735"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75735\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":75771,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75735\/revisions\/75771"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/75736"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=75735"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=75735"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=75735"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}