{"id":75926,"date":"2021-09-12T14:00:42","date_gmt":"2021-09-12T12:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75926"},"modified":"2021-09-24T09:38:11","modified_gmt":"2021-09-24T07:38:11","slug":"der-marktkonforme-mensch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75926","title":{"rendered":"Der marktkonforme Mensch"},"content":{"rendered":"<p>Wo ist die politische Phantasie geblieben? Wo die Vision, die Utopie? Die fatalen Folgen der politischen Ideenlosigkeit werden durch die drohende Klimakatastrophe, den neoliberalen Sozialraub und die internationale Entsolidarisierung heute sichtbarer denn je, zeigen <strong>Nina Horaczek<\/strong> und <strong>Walter &Ouml;tsch<\/strong> in ihrem neuen Buch &bdquo;Wir wollen unsere Zukunft zur&uuml;ck&ldquo;. Und streiten f&uuml;r eine neue, bessere, partizipativere Politik. Nicht von oben, sondern von unten. Ein Auszug.<br>\n<!--more--><br>\nHinter all den Theorien und Rechtfertigungen f&uuml;r bestehende Strukturen und Missst&auml;nde steht letztlich immer eine Vorstellung &uuml;ber den Menschen, ein Menschenbild&nbsp;&ndash; auch wenn das in vielen F&auml;llen nur stillschweigend erfolgt und kaum erkannt wird. Welches Menschenbild liegt den Visionen der erw&auml;hnten Eliten zugrunde? Welches Menschenbild braucht eine Gesellschaft, um die vielen Krisen der Umwelt bew&auml;ltigen zu k&ouml;nnen? &Uuml;ber ein solches Bild zu reden, ist auch deshalb wichtig, weil jedes Bild vom Menschen immer auch eine Handlungsaufforderung an Menschen darstellt&nbsp;&ndash; n&auml;mlich so zu sein oder so zu werden, wie das Bild es besagt. Denn ein allgemeines Bild vom Menschen kann als &raquo;nat&uuml;rlich&laquo; hingestellt und als &raquo;nat&uuml;rlich&laquo; verteidigt werden. Wer argumentiert, es sei offensichtlich und entspreche der Natur des Menschen, gierig zu sein und auf die Mitmenschen wenig zu achten, findet in der Regel auch den Kapitalismus als nat&uuml;rlich, dessen Kritiker als naiv und die Sorge um die Zukunft als vergeblich.<\/p><p>Aber was soll im sozialen Leben &raquo;nat&uuml;rlich&laquo; sein? Die Kulturgeschichte zeigt, dass Verhalten, das heute als selbstverst&auml;ndlich gilt, auch einmal ganz anders beurteilt wurde. Im europ&auml;ischen Mittelalter galt Geiz als Tods&uuml;nde und wurde ge&auml;chtet. Wer im Zustand dieser S&uuml;nde starb, musste damit rechnen, sofort in die H&ouml;lle zu kommen&nbsp;&ndash; und diese H&ouml;lle war f&uuml;r die Menschen damals eine bittere Realit&auml;t. Das hei&szlig;t nicht, dass es im Mittelalter keine geizigen Menschen gegeben hat, und auch nicht, dass diese ohne Einfluss waren, aber Geiz war eben nicht &raquo;geil&laquo;.<\/p><p>Wenn es gelingen soll, einen Aufbruch in der Gesellschaft zustande zu bringen, dann m&uuml;ssen wir unsere dominanten Bilder vom Wesen des Menschen &auml;ndern. Es geht darum, selbstbewusst alle Menschenbilder zur&uuml;ckzuweisen, die in den Theorien &raquo;des Marktes&laquo;, in marktfundamentalen Politiken und in den Praktiken einer &ouml;konomisierten Gesellschaft enthalten sind. Am besten erkl&auml;rt sich dieser Gedanke in einer Gegen&uuml;berstellung: Auf der einen Seite steht das Bild eines marktkonformen Menschen, auf der anderen Seite das eines Menschen mit imaginativer Kraft&nbsp;&ndash; und zwar jenseits der Imagination und Zukunftsprojektionen, die ihm eine &ouml;konomisierte Gesellschaft andauernd auferlegt oder auferlegen will. <\/p><p>Das marktliberale Denken hat unsere Politik ver&auml;ndert und es w&auml;re naiv, zu glauben, dass Jahrzehnte des Marktliberalismus an unserer individuellen Pers&ouml;nlichkeit spurlos vorbeigezogen sind. Ganz im Gegenteil. Der Neoliberalismus hat nicht nur die Politik in Fesseln gelegt (beziehungsweise hat sich die Politik die Fesseln anziehen lassen). Er hat auch in vielen K&ouml;pfen eine Art neoliberaler Pers&ouml;nlichkeit geformt. Der klinische Psychologe Paul Verhaeghe von der Universit&auml;t Gent beschreibt die ihr zugrunde liegenden Praktiken so: <\/p><blockquote><p>\n&raquo;Bestimmte Eigenschaften sind f&uuml;r das berufliche Weiterkommen heute unabdingbar. Am wichtigsten ist es, sich gut ausdr&uuml;cken zu k&ouml;nnen, denn man muss so viele Menschen wie m&ouml;glich f&uuml;r sich gewinnen. Der Kontakt kann dabei nur oberfl&auml;chlich sein, das f&auml;llt nicht weiter auf. Schlie&szlig;lich trifft dies heutzutage auf die meisten zwischenmenschlichen Kontakte zu.&laquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Und: <\/p><blockquote><p>\n&raquo;Des Weiteren muss man sich und die eigenen F&auml;higkeiten &rsaquo;gut verkaufen&lsaquo; k&ouml;nnen&nbsp;&ndash; man kennt viele Leute, verf&uuml;gt &uuml;ber jede Menge Erfahrung und hat erst vor kurzem ein gr&ouml;&szlig;eres Projekt beendet. Wenn sich sp&auml;ter herausstellt, dass das meiste davon hei&szlig;e Luft war, ist dies lediglich der Ausweis f&uuml;r eine andere n&uuml;tzliche Eigenschaft: Man ist in der Lage, &uuml;berzeugend zu l&uuml;gen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Deshalb &uuml;bernimmt man auch nie Verantwortung f&uuml;r sein Verhalten. Au&szlig;erdem ist man flexibel und impulsiv, immer auf der Suche nach neuen Anreizen und Herausforderungen. In der Praxis f&uuml;hrt das zu riskantem Verhalten, aber keine Sorge&nbsp;&ndash; nicht man selbst wird hinterher die Scherben zusammenkehren m&uuml;ssen.&laquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Nat&uuml;rlich sei diese Art der Charakterisierung &uuml;berspitzt, sagt auch Verhaeghe. Aber diese permanente Selbstoptimierung, die st&auml;ndige Flexibilit&auml;t, die in der Arbeitswelt von uns verlangt wird, das Sich-st&auml;ndig-gut-verkaufen-M&uuml;ssen, das ver&auml;ndert auch das Denken vieler.<\/p><p><em>Walter &Ouml;tsch, Nina Horaczek: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/wir-wollen-unsere-zukunft-zurueck.html?listtype=search&amp;searchparam=Walter%2520Otto%2520%25C3%2596tsch\">Wir wollen unsere Zukunft zur&uuml;ck. Streitschrift f&uuml;r mehr Phantasie in der Politik<\/a>&ldquo;, Westend Verlag 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo ist die politische Phantasie geblieben? Wo die Vision, die Utopie? Die fatalen Folgen der politischen Ideenlosigkeit werden durch die drohende Klimakatastrophe, den neoliberalen Sozialraub und die internationale Entsolidarisierung heute sichtbarer denn je, zeigen <strong>Nina Horaczek<\/strong> und <strong>Walter &Ouml;tsch<\/strong> in ihrem neuen Buch &bdquo;Wir wollen unsere Zukunft zur&uuml;ck&ldquo;. 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