{"id":75936,"date":"2021-09-11T11:45:51","date_gmt":"2021-09-11T09:45:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75936"},"modified":"2021-09-11T12:28:36","modified_gmt":"2021-09-11T10:28:36","slug":"wie-ich-zum-afghanen-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75936","title":{"rendered":"Wie ich zum \u201eAfghanen\u201c wurde"},"content":{"rendered":"<p>Im Westen fand mit dem 11. September 2001 eine Z&auml;sur statt. Eine Welle des antimuslimischen Rassismus nahm ihren Anfang, Menschen wie ich erlebten Hass und Diskriminierung und sie tun es weiterhin. Der Tag war auch der Anfangspunkt einer langen Entwicklung, die mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin: Fortan war ich der ewige Erkl&auml;rer des Krieges in Afghanistan, ein Land, das ich als Jugendlicher zum ersten Mal bereiste. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm 11. September 2001 war ich neun Jahre alt und lebte in Innsbruck. Dort war ich geboren und aufgewachsen, dort ging ich zur Schule. Rund zwei Jahre zuvor hatten meine Familie und ich die &ouml;sterreichische Staatsb&uuml;rgerschaft erhalten. Jenseits der Tiroler Alpen hatte ich noch nicht viel gesehen, &uuml;ber das Land meiner Eltern wusste ich praktisch nichts.<\/p><p>Als ich an jenem Tag nach Hause kam, freute ich mich auf das &uuml;bliche Zeichentrickprogramm im Fernsehen. Doch daraus wurde nichts. Meine Eltern starrten best&uuml;rzt auf das Ger&auml;t, auf allen Sendern lief eine Sonderberichterstattung. Man sah die einst&uuml;rzenden T&uuml;rme in New York. Panische Reporter wurden live zugeschaltet. Dann wurde das Bild eines b&auml;rtigen, Turban tragenden Mannes gezeigt.<\/p><p>Mein Wissen &uuml;ber Afghanistan war beschr&auml;nkt, doch mir war klar, dass Osama bin Laden kein afghanischer Name war. Allerdings sollte er in irgendeiner Art und Weise mit den Taliban zu tun haben, die zum damaligen Zeitpunkt &uuml;ber weite Teile Afghanistans herrschten. Ich wusste damals noch nicht, wie sehr mich diese zwei Begriffe, &bdquo;bin Laden&ldquo; und &bdquo;Taliban&ldquo;, in den darauffolgenden Tagen und Jahren verfolgen w&uuml;rden. In der Schule war ich pl&ouml;tzlich &bdquo;der Afghane&ldquo;.<\/p><p>&bdquo;Emran, ihr seid doch aus Afghanistan. Wei&szlig;t du, warum die das gemacht haben?&ldquo;, fragte mich die Volksschullehrerin vor versammelter Klasse. Stotternd versuchte ich, eine Erkl&auml;rung abzugeben. &bdquo;Bin Laden ist aber kein Afghane &hellip; Das haben meine Eltern gesagt&hellip;&ldquo;, brachte ich schlie&szlig;lich heraus. R&uuml;ckblickend war das wohl der Anfangspunkt einer langen Entwicklung, die mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin: Fortan war ich der ewige Erkl&auml;rer des Krieges in Afghanistan, ein Land, das ich als Jugendlicher zum ersten Mal bereiste.  <\/p><p>In der Pause ging es weiter mit dem Afghanistan-Thema. Meine Mitsch&uuml;ler meinten, dass mein Land bombardiert werden m&uuml;sse und dass wir &bdquo;es verdient h&auml;tten&ldquo;. Der Dritte Weltkrieg, Atombombenabw&uuml;rfe und allerlei m&ouml;gliche Schreckensszenarien wurden an die Wand gemalt. &bdquo;Die machen euch und die Taliban platt!&ldquo;, waren S&auml;tze, die ich h&ouml;rte. Oder: &bdquo;Ist Osama bin Laden dein Onkel?&ldquo; Heute wei&szlig; ich, dass ich damals nicht der Einzige war, dem es so erging. Viele Kinder wurden in der Schule drangsaliert, schikaniert und gemobbt &ndash; und das nur aufgrund der Tatsache, dass sie Muslime waren oder als solche gesehen wurden. Den Erwachsenen ging es nicht anders. Auch meine Eltern wurden regelm&auml;&szlig;ig aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert und ausgeschlossen.<\/p><p>Meine Mitsch&uuml;ler wurden zu rassistischen Kriegstrommlern. Doch letzten Endes handelte es sich um Kinder, die nachplapperten, was die Erwachsenen zuhause redeten: N&auml;mlich, dass alle Afghanen Terroristen w&auml;ren und man sie mit Bomben und Kampfjets bestrafen m&uuml;sse. Bis heute finden sich zahlreiche Journalisten und vermeintliche Experten, die die Floskeln von damals wiederholen. Sie halten Afghanistan f&uuml;r einen &bdquo;Terrorstaat&ldquo; oder wissen nicht, dass Osama bin Laden aus Saudi-Arabien stammte und nicht aus Afghanistan.  <\/p><p>In meiner Familie hingegen stieg die Angst vor einem Angriff auf Afghanistan durch die USA, der sich nun immer deutlicher abzeichnete. Pl&ouml;tzlich machte man sich nicht nur um Verwandte vor Ort Sorgen, sondern auch um wildfremde Landsleute, die durch Bombardements get&ouml;tet werden k&ouml;nnten. F&uuml;r mich war das ein neues, besorgniserregendes Gef&uuml;hl. &bdquo;Mein Land wird bombardiert&ldquo;, dachte ich mir wieder und wieder. Es gab Tage, an denen mich der Stress erdr&uuml;ckte. W&auml;hrend ich immer unruhiger und nerv&ouml;ser wurde, lechzten die Menschen um mich herum nach Vergeltung und sehnten den Krieg regelrecht herbei.<\/p><p>Tats&auml;chlich war das nicht nur in meinem pers&ouml;nlichen Umfeld der Fall. Kaum jemand stellte einen Angriff auf Afghanistan in Frage. Auch die h&ouml;chsten politischen Institutionen der Welt, darunter die Vereinten Nationen, segneten jenen Krieg ab, den der damalige US-Pr&auml;sident George W. Bush als &bdquo;Kreuzzug&ldquo; bezeichnete. Im US-Repr&auml;sentantenhaus stimmte lediglich eine Abgeordnete, die Demokratin Barbara Lee aus dem Bundesstaat Kalifornien, gegen den Kriegseinsatz. &bdquo;Ich will nicht erleben, dass diese Spirale au&szlig;er Kontrolle ger&auml;t. Falls wir voreilig zur&uuml;ckschlagen, besteht die gro&szlig;e Gefahr, dass Frauen, Kinder und andere Nichtkombattanten ins Kreuzfeuer geraten&ldquo;, sagte sie damals. Au&szlig;erdem warnte Lee vor einem Krieg &bdquo;mit offenem Ende&ldquo; und &bdquo;ohne Exit-Strategie&ldquo;. Die Geschichte hat ihr recht gegeben. Doch damals wurde sie verh&ouml;hnt und als Terrorsympathisantin abgestempelt &ndash; ein Begriff, der in den folgenden Jahren inflation&auml;r gebraucht wurde.<\/p><p>Am 7. Oktober 2001 begann der l&auml;ngste Krieg der amerikanischen Geschichte. Bomben und erstmals auch Kampfdrohnen kamen im gesamten Land zum Einsatz. Am Boden verb&uuml;ndeten sich US-Spezialeinheiten mit verschiedenen afghanischen Warlords, Drogenbaronen und allerlei anderen fragw&uuml;rdigen Akteuren, deren Biografien auf den ersten Blick deutlich machten, dass es Washington und seinen Verb&uuml;ndeten weder um Menschenrechte noch um die Demokratisierung des Landes ging. Innerhalb k&uuml;rzester Zeit wurde das Taliban-Regime zu Fall gebracht. W&auml;hrend in St&auml;dten wie Kabul viele M&auml;nner ihre B&auml;rte abschnitten, Frauen ihre Burkas ablegten und zu den Kl&auml;ngen der vor kurzem noch verbotenen Musik feierten, begann in den l&auml;ndlichen Regionen des Landes ein brutaler Krieg, der zehntausende Zivilisten das Leben kostete.<\/p><p>Im Dezember 2009, zwei Monate nachdem Bundeswehroberst Georg Klein den Befehl zu einem Luftangriff in der n&ouml;rdlichen Provinz Kunduz gegeben hatte, bei dem mehr als 150 Zivilisten get&ouml;tet wurden, behaupteten deutsche Journalisten im &ouml;ffentlich-rechtlichen Fernsehen, dass die westlichen Truppen &bdquo;zu sanft&ldquo; w&auml;ren und &bdquo;viele Afghanen&ldquo; ein h&auml;rteres Vorgehen begr&uuml;&szlig;en w&uuml;rden. Damit schlossen sie sich dem politischen Neusprech Washingtons und anderer Kriegsparteien an.<\/p><p>Diese Rhetorik war letztendlich auch einer der Gr&uuml;nde, warum ich selbst zur Schreibfeder gegriffen habe und Kriegsreporter geworden bin.<\/p><p>Die westliche Kriegsberichterstattung hat mich meistens frustriert &ndash; nicht nur in Sachen Afghanistan. Oftmals war sie gepr&auml;gt von rassistischen und orientalistischen Stereotypen. Allein schon von &bdquo;den Afghanen&ldquo; zu sprechen, offenbart gro&szlig;e Ignoranz, denn die verschiedenen Gruppen und Ethnien des Landes sind &uuml;beraus heterogen. Dennoch glauben viele westliche Journalisten, aus ihren Beobachtungen in den urbanen Ballungszentren wie Kabul allgemeing&uuml;ltige R&uuml;ckschl&uuml;sse ziehen zu k&ouml;nnen. Dabei reichte oftmals eine kurze Autofahrt aus, um auf jene Menschen zu treffen, die von den Entwicklungen in den St&auml;dten ausgeschlossen waren und Sympathien f&uuml;r die Taliban hegten. Sie waren nicht nur  Opfer der Korruption und der damit verbundenen Armut, sondern wurden vom US-Milit&auml;r und ihren Verb&uuml;ndeten regelm&auml;&szlig;ig bombardiert und drangsaliert. Ihr Blick auf Freiheit, Frauenrechte und Rechtsstaat unterschied sich fundamental von meinem eigenen, westlich gepr&auml;gten. &bdquo;Westlich und liberal&ldquo; war meist nur eine kleine, elit&auml;re Schicht. Die Mehrheit Afghanistans &ndash; und die l&auml;sst sich in den D&ouml;rfern finden und nicht in den St&auml;dten &ndash; war stets traditionell und konservativ. Dass man das nicht nicht mit Gewalt aus den Menschen herauspr&uuml;geln kann, haben nicht nur die Kriege in Afghanistan gezeigt, sondern auch ein Mann namens Andreas Hofer, der im Tirol des 19. Jahrhunderts einen Bauernaufstand gegen die bayrischen Truppen Napoleons anzettelte und seinen K&auml;mpfern den &bdquo;M&auml;rtyrertod&ldquo; w&uuml;nschte. Der vollb&auml;rtige Hofer gilt bis heute als unantastbarer Nationalheld Tirols. H&auml;tte er im heutigen Afghanistan agiert, h&auml;tten ihn wohl US-Drohnen gejagt. <\/p><p>Nun haben die Amerikaner ihren &bdquo;l&auml;ngsten Krieg&ldquo; am Hindukusch verloren. Berichten zufolge wurden die letzten Soldaten ausgerechnet von jenen Taliban-K&auml;mpfern zum Flughafen eskortiert, die sie zwei Jahrzehnte lang bek&auml;mpft haben. In zuk&uuml;nftigen Geschichtsb&uuml;chern wird wom&ouml;glich geschrieben, dass Afghanistan sich wieder einmal als &bdquo;Friedhof der Imperien&ldquo; bewiesen habe. F&uuml;r mich pers&ouml;nlich wurde in den vergangenen zwanzig Jahren allerdings nur eines deutlich: Afghanistan ist in erster Linie ein riesiger Friedhof.<\/p><p>Heute wei&szlig; ich, dass ich in meiner Innsbrucker Volksschule nicht der Einzige war, der geh&auml;nselt und ausgeschlossen wurde. Im Westen fand mit dem 11. September 2001 eine Z&auml;sur statt. Eine Welle des antimuslimischen Rassismus nahm ihren Anfang, Menschen wie ich erlebten Hass und Diskriminierung und sie tun es weiterhin. Vor wenigen Tagen kam meine achtj&auml;hrige Nichte zu mir. Sie hatte sich heimlich mein k&uuml;rzlich erschienenes Buch, in dem ich unter anderem &uuml;ber jene Erfahrungen geschrieben habe, geschnappt und einige Seiten gelesen. &bdquo;Onkel Emran, zu mir sagen sie auch Taliban&ldquo;, sagte sie zu mir pl&ouml;tzlich. Ich war schockiert, fassungslos und traurig &ndash; und doch nicht &uuml;berrascht. Wir werden weiterhin als &bdquo;anders&ldquo; gebrandmarkt &ndash; oder, wie in meinem Fall, &bdquo;zum Afghanen&ldquo; gemacht. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Emran Feroz, geboren 1992 in Innsbruck, ist ein austro-afghanischer Journalist. Gerade ist von ihm das Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/usa\/der-laengste-krieg.html\">Der l&auml;ngste Krieg: 20 Jahre War on Terror<\/a>&ldquo; (Westend Verlag, 176 Seiten, 18 Euro) erschienen. Der Text ist ein &uuml;berarbeiteter Auszug aus dem Buch. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Westen fand mit dem 11. September 2001 eine Z&auml;sur statt. Eine Welle des antimuslimischen Rassismus nahm ihren Anfang, Menschen wie ich erlebten Hass und Diskriminierung und sie tun es weiterhin. 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