{"id":75984,"date":"2021-09-13T17:06:34","date_gmt":"2021-09-13T15:06:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75984"},"modified":"2021-09-13T17:15:11","modified_gmt":"2021-09-13T15:15:11","slug":"das-votum-eines-nahestehenden-taxifahrers-zu-den-selbstfahrenden-autos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75984","title":{"rendered":"Das Votum eines (nahestehenden) Taxifahrers zu den selbstfahrenden Autos"},"content":{"rendered":"<p>Joachim Sch&auml;fer, Taxifahrer in Berlin, ist seit langem Leser und Sympathisant der NachDenkSeiten. Er hat uns vor einigen Jahren davon &uuml;berzeugt, dass es Sinn macht, zumindest in Berlin Werbung auf Taxis zu machen. Jetzt hat er sich mit einer Stellungnahme <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75791\">zu diesem Artikel vom 6. September<\/a> zu Wort gemeldet.<br>\n<!--more--><\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210913-selbstfahrenden-Autos-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Sehr geehrter Herr M&uuml;ller, hochgesch&auml;tztes Team der Nachdenkseiten,<\/p><p>als ich den Artikel &uuml;ber selbstfahrende Fahrzeuge las, schmunzelte ich schon innerlich. Sicherlich sind Sie mit Zusendungen mehr als reichlich eingedeckt worden, mehr als ver&ouml;ffentlichbar ist. Als Fahrer eines der beiden meines Wissens einzigen Taxen mit Werbung f&uuml;r die NDS zuckte es mir sofort in den Fingern, Ihnen zu antworten. Dies mu&szlig;te ich leider verschieben, da ich ob der Wahlreise zum 26\/9  als Direktkandidat f&uuml;r dieBasis zum Berliner Abgeordnetenhaus nicht nur mit Diesem, sondern auch mit der Parteiaufbauarbeit dieser j&uuml;ngst (Juli 2020) erst gegr&uuml;ndeten politischen Bewegung f&uuml;r Freiheit, Machtbegrenzung, Achtsamkeit und Schwarmintelligenz in Basisdemokratie einstehenden Organisation mehr als eingespannt bin, alldieweil auch die bis Ende Juni laufende Kurzarbeit beendet wurde und nun zus&auml;tzlich die M&uuml;hen des Broterwerbs (im Taxigewerbe mehr als den Mindestlohn zu verdienen ist eher eine sehr rare Seltenheit) belastet bin.<\/p><p>Aber eine Zuschrift ist Pflicht, schon allein, weil die NDS f&uuml;r die Werbung auf den Taxen einen kleinen Beitrag zum &Uuml;berleben meines Berliner Betriebs leisten, wof&uuml;r ich mich hier tief verneigend bedanke.<\/p><p>Seit 1986 bin ich als Kutscher t&auml;tig und habe die vielen Ver&auml;nderungen stets mit wachem Auge aufgenommen und da sind es vor allem die Aufr&uuml;stungen der Fahrzeuge durch den, damals zumindest noch, f&uuml;hrenden Ausr&uuml;ster des Gewerbes aus dem L&auml;ndle, wo man Alles kann au&szlig;er hochdeutsch (Werbespruch auf einem Doppeldeckerbus der BVG). <\/p><p>Schaltwagen gelernter F&uuml;hrerscheinbesitzer, und hier muss zum Einen erw&auml;hnt werden, das es zwar Fahrzeugf&uuml;hrer gibt, allerdings nur Inhaber einer Fahrerlaubnis und zum Anderen die seltsame Verbundenheit dieser deutschen Geographie mit dem Wort F&uuml;hrer (lateinisch: dux, ducis &ndash; der, die F&uuml;hrer, nicht aber F&uuml;hrerin, hehe, da endet die Genderei meistens), war mir schon das Automatikgetriebe ein Neues. Noch heute erinnern sich die Kollegen, die diese Zeit noch erlebt haben, mit Wehmut an den W123 mit 2,5 Liter Dieselmaschine. Unkaputtbar mit zum Teil eine Million KM auf dem Tacho, der allerdings nur sechstellig z&auml;hlte. Auch mir ist dieses Gef&uuml;hl nicht fremd. Dieser Wagen war eine Freude, vor allem, wenn dann im Winter bei zweistelligen Minusgraden nach anderthalb bis zwei Stunden das Differential in der Hinterachse auch warm geworden war. Die schwere Blechkarosse sch&uuml;tzte wirkungsvoll die Insassen und man ist im Innenraum zumindest nicht erfroren. Zwei von diesen fahren noch auf Berlins Stra&szlig;en und werden liebevoll instandgehalten und der geneigten B&uuml;rgerschaft als Taxe zur Verf&uuml;gung gestellt. F&uuml;r all die Umwelt- und Nachhaltigkeitsapostel sei noch erw&auml;hnt das diese Dieselmaschine noch ein getreuer Nachfolger des von Rudolf Diesel erfundenen &Ouml;lmotors war; wenn die Betriebsfl&uuml;ssigkeit gen&uuml;gend Temperatur hatte, ist dieser Motor sogar mit gereinigtem, alten Pflanzenfett zu betreiben, Pommesbudengeruch inclusiv. Genug der Schw&auml;rmerei, das Thema soll nicht verfehlt werden.<\/p><p>Folgemodell war der W124, in meinen Augen die Kr&ouml;nung des deutschen Automobilbaus, vor allem weil die Problematik des Rostens an den Schwellern und anderen unzug&auml;nglichen Ecken der Karosse angegangen worden war und selbstredend bei den als Taxen ausgelieferten Fahrzeugen mit besonderem Augenmerk bedacht worden ist, da die nat&uuml;rliche Werbung f&uuml;r den Hersteller allein durch die Pr&auml;senz auf den Stra&szlig;en erzeugt wurde, was sich dieser Tage massiv ver&auml;ndert hat. Immerhin mit elektrischen Fensterhebern und Schiebedach, optionaler 5-Gang Automatik sowie Klimaanlage und dem ersten f&uuml;r&rsquo;s Gewerbe konzipierten Fahrersitz. Die Werkstattaufenthalte konnten an einer Hand aufgez&auml;hlt werden, was im Betrieb ein wichtiges Kaufargument wurde. Zu dieser Zeit war es dem in v&ouml;lkischer Zeit gegr&uuml;ndeten Betrieb aus lower Saxonia noch nicht gelungen im Gewerbe auch mit nur einem Modell Fu&szlig; zu fassen, die ethanolbetrieben K&auml;fer in Brasilien begannen allerdings den Endspurt dieses Modells auch als Taxen in den weniger wohlhabenden Geographien zu verl&auml;ngern.<\/p><p>Selbstfahrende Fahrzeuge waren damals Science Fiction und wenn dies versucht wurde meistens schienengebunden.<\/p><p>Die Digitalisierung nahm Fahrt auf, C-Netz Mobiltelephone bedurften zwar noch eines k&ouml;rperlichen Trainings, um &uuml;berhaupt mobil sein zu k&ouml;nnen, aber Abstandssensoren konnten schon zuverl&auml;&szlig;lich mit Lautpechern verbunden werden, um Warnt&ouml;ne abzugeben. Das eine, im Gewerbe selbstredend h&auml;ufige, Nachlackierung der noch Sto&szlig;f&auml;nger genannten Front- und Hecksch&uuml;rzen aus Plastik die Funktion beendete mu&szlig;te erst in den Werkstatthandb&uuml;chern eingearbeitet werden. :<\/p><p>Die amerikanische Armee begann mit ihrem Selbstfahrerchallenge in den W&uuml;sten Arizonas, wo bei den ersten Austragungen keiner das Ziel erreichte. Dass es nun ausgerechnet ein VW war, der den Preis gewann, ist auch schon Geschichte. Offroad ist schon eine Herausforderung, da der Steuercomputer Gel&auml;ndeabsch&auml;tzungen erstellen mu&szlig; und das in Echtzeit. Aber zumindest l&auml;uft da keine alte Oma langsamst &uuml;ber die Fu&szlig;g&auml;ngerfurt.<\/p><p>Heut&rsquo; r&uuml;stet die russische Armee auf und best&uuml;ckt die Einheiten mit selbstfahrenden Panzern und die amerikanischen Drohnen sind durchaus f&auml;hig, selbstt&auml;tig ihre totbringenden Funktionen auszuf&uuml;hren. Es gab ja auch schon den ersten Vorfall einer selbstt&auml;tigen T&ouml;tung durch eine t&uuml;rkische Drohne in Lybien. Dies schreib ich, um den milit&auml;risch getriggerten Innovationsdrive zu erw&auml;hnen, der hinter diesem &lsquo;selbstfahrenden Fahrzeugen&rsquo; steckt. Es geht vor allem darum, dem Milit&auml;r diese Technik kosteng&uuml;nstiger zur Verf&uuml;gung stellen zu k&ouml;nnen und das bedarf der weltweiten Konsumentenmasse, die die n&ouml;tigen St&uuml;ckzahlen zur Reduzierung dieser Kosten bringt. Ich versteige mich hierbei zur Behauptung, dass jedes selbstfahrende Fahrzeug, das von dem Marsreisenden E.Musk auf die Stra&szlig;e gebracht wird, dem ein klein wenig Vorschub leistet. Nicola Tesla steigt sicher bald aus seinem Grab, um mit &lsquo;freier Energie&rsquo; diesem ein Ende zu bereiten.<\/p><p>Um nun dem Dystopichen noch mehr Nahrung zuzuleiten:<\/p><p>Wie will die strengst auf dem Bin&auml;rsystem aufgebaute Logik des Steuercomputers auf die emotionale Nutzung von eScootern, auf Fahrradfahrer, die das StVG und StVO als vern&auml;chlissigbare Behinderung ansehen reagieren? Verweigert diese dann die Weiterfahrt? Mitnichten m&ouml;chte ich eScooternutzer und Fahrradfahrer als Verkehrsgef&auml;hrder in ihrer Gesamtheit betrachten, aber ein Tr&ouml;pfen Maschinen&ouml;l versaut nun mal bis zu zehntausend Liter auch des lebendigsten Wassers. Und waren nicht only bad news are good news. <\/p><p>Mir zischen die zum Teil stark angetrunkenen jungen Leute in meinen Schichten in die Fahrt, wie sie quer zur Fahrtrichtung Haken schlagend sich fortbewegen und ich bin immer froh, dass mich meine guten Reaktionszeiten vor schwerer K&ouml;rperverletzung bewahren. Irrational trifft auf mathematische Logik? Was kommt dabei heraus? Wird es bald eine KI sein, die sich auf solche Situationen einstellen kann? Und ist nicht auch die KI-Forschung origin&auml;r eine milit&auml;rische Forschung? W&auml;r doch sch&ouml;n, wenn der autonom agierende Panzer den eigenen vom feindlichen Soldaten unterscheiden kann, oder?<\/p><p>Und mit KI kommt ja auch das &lsquo;selbstfahrend&rsquo; ins Wanken. Sind es nicht in den meisten F&auml;llen Fahrzeuge, die &uuml;ber das Mobilfunknetz mit zentralen Rechenzentren verbunden sind? Der Ausbau von 5G und bald auch 6G schreitet gerade mit dem Druck der Autohersteller weiter voran. Es sind die Autohersteller, die derzeit die Massendaten sammeln, die die audio-visuelle Richtung der KI best&uuml;ckt und immer f&auml;higer macht. Ohne diese Internetverbindungen sind die meisten Selbstfahrerautomobile dann doch wieder selbst zu lenken. Schwummerig wird mir dabei, dass so viele Leute bereitwilligst die Daten abgeben.<\/p><p>Wird der Zutritt zum selbstfahrenden Fahrzeug von sozialen, &ouml;konomischen und mittlerweile sogar gesundheitlichen Vorbedingungen gepr&auml;gt sein? W&auml;re nat&uuml;rlich sch&ouml;n, wenn Herr Olaf Scholz solch ein Fahrzeug besteigt und direkt zur Staatsanwaltschaft gefahren wird, ob seiner Verwicklungen in die CUM-EX Aff&auml;re und seinem mutma&szlig;lich illegitimen Eingriff zu Gunsten der Warburg Bank. Und dort von Robocops dem Roborichter zugef&uuml;hrt wird, der dann das Robourteil, unbestechlich, f&auml;llt?<\/p><p>Paul Kirchhoff hat mal geschrieben, dass er seine Steuererkl&auml;rung nicht mit der Zusicherung nach bestem Wissen und Gewissen unterschreibt, weil es gar nicht mehr m&ouml;glich ist, alle gesetzgegebenen Vorschriften zu kennen? Bedeutet das dann, dass ein Fehler in der Steuererkl&auml;rung das selbstfahrende Taxi direkt zur Polizei f&auml;hrt und dem wachhabenden Beamten alle Beweise gleich ausdruckt und der &lsquo;Delinquent&rsquo; der vollen H&auml;rte der Strafgerichtsbarkeit anheimgestellt wird?<\/p><p>Und da ja Frau Karliczek auch schon Forschungsgelder f&uuml;r eine Social Scoring System a la Xi Jinping ausgibt &ndash; wird ein selbstfahrendes Fahrzeug tats&auml;chlich nur von meinem Fahrtwunsch geleitet oder das scoring System mich wegen meinem &ouml;ffentlichen Urinieren (OWi kostet 35.- &euro;) an der letzten Eiche anprangern. Usw. usw. der geneigte Leser kann sich da ja selbst in die Abgr&uuml;nde begeben, ich m&ouml;cht&rsquo; mir meine gute Morgenlaune nicht weiter verderben.<\/p><p>Meine nun schon dreieinhalb Jahrzehnte Erfahrung mit tausenden von Fahrg&auml;sten sagt mir, dass die Menschen den Taxifahrer als ein Gegen&uuml;ber nutzen , mit dem gesprochen werden kann, den man fragen kann, und ich habe unz&auml;hlige Erlebnisse, wo es mir gelang, den Schwermut des Geistes zu l&uuml;ften, was sich nicht nur am Trinkgeld zeigt, sondern auch in einem kr&auml;ftigen H&auml;ndedruck zum Abschied, was im &Uuml;brigen der eigentliche Grund meiner T&auml;tigkeit als Kutscher ist, sozusagen ein fahrenden Friseur, dem man frei besprechen kann, da die Wahrscheinlichkeit das ein n&auml;chstes Treffen mit dem Wissen aus dem Gespr&auml;ch belastet ist, sehr gering ist, zumindest in diesem sich zu einem Moloch entwickelnden Berlin.<\/p><p>Zum Schlu&szlig; &ndash; nein wir brauchen keine selbstfahrende Technik. Der &Ouml;PV ist in diesem Lande ein Thema der &ouml;ffentlichen Daseinsf&uuml;rsorge, wer weite Strecken zur&uuml;cklegen will, kann mit der Bahn fahren, so Vorst&auml;nde dieser auch mit ihren Lokf&uuml;hrern reden und gewillt sind Streiks zu vermeiden und in den St&auml;dten und Landkreisen soll der Nahverkehr so organisiert sein, dass er auch brauchbar ist. Und wer nen PKW nutzen m&ouml;chte, mu&szlig; halt in den sauren Apfel bei&szlig;en und sich ne Taxe nehmen. Menschentransport ist die Creme de la Creme des Transports und nicht umsonst schon von dem gro&szlig;en Churf&uuml;rsten von Brandenburg zum Beginn des Jahres 1688 reglementiert worden.<\/p><p>Und letztendlich wei&szlig; der lokale Kutscher dann sogar unter Umst&auml;nden, wo sich die Klingel von Oma Ernas H&auml;uschen versteckt, weil er sie jede Woche zum Arzt f&auml;hrt. Und Arbeitspl&auml;tze schafft Menschentransport halt zu Hauf.<\/p><p>Autistische Neigungen hin zu menschenscheuen Einsamkeitsriten in selbstfahrenden Fahrzeugen sind echt nicht mein Ding.<\/p><p>M&ouml;gen Sie dort bei den NDS uns noch viele Gelegenheiten geben, solche grunds&auml;tzlichen Lebensdinge debattieren zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Vielen Dank f&uuml;r Ihren Einsatz, wir m&uuml;ssen mehr Demokratie wagen und daf&uuml;r m&uuml;ssen wir miteinander reden und nicht auf irgendwelchen Bildschirmen an der Zielsuche verzweifeln.<\/p><p>Sehr herzlich und mit warmen Gef&uuml;hlen<\/p><p>Ihr<br>\nJoachim Sch&auml;fer<\/p><p>F&uuml;r alle, die sich noch eigene Gedanken machen<br>\nwww.NachDenkSeiten.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joachim Sch&auml;fer, Taxifahrer in Berlin, ist seit langem Leser und Sympathisant der NachDenkSeiten. Er hat uns vor einigen Jahren davon &uuml;berzeugt, dass es Sinn macht, zumindest in Berlin Werbung auf Taxis zu machen. 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