{"id":76035,"date":"2021-09-15T11:08:58","date_gmt":"2021-09-15T09:08:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76035"},"modified":"2021-09-24T09:36:33","modified_gmt":"2021-09-24T07:36:33","slug":"die-wahlen-sind-wie-eine-pralinenschachtel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76035","title":{"rendered":"Die Wahlen sind wie eine Pralinenschachtel"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich m&uuml;sste ich ja zurzeit schlaflose N&auml;chte haben. Seit meiner Jugend interessiere ich mich sehr f&uuml;r Politik und die Wochen vor den Bundestagswahlen waren f&uuml;r mich fr&uuml;her immer hoch spannend &ndash; vor allem dann, wenn das Ergebnis noch vollkommen offen war und es um eine, wenn auch kleine, Richtungsentscheidung ging. Beides ist auf dem Papier heute ja auch der Fall. Dennoch empfinde ich jetzt, gerade mal 11 Tage vor dem Wahlsonntag, vor allem eins: Desinteresse. Geht es Ihnen &auml;hnlich? Ein kleines Essay von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7415\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-76035-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210915_Die_Wahlen_sind_wie_eine_Pralinenschachtel_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210915_Die_Wahlen_sind_wie_eine_Pralinenschachtel_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210915_Die_Wahlen_sind_wie_eine_Pralinenschachtel_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210915_Die_Wahlen_sind_wie_eine_Pralinenschachtel_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=76035-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210915_Die_Wahlen_sind_wie_eine_Pralinenschachtel_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210915_Die_Wahlen_sind_wie_eine_Pralinenschachtel_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Fr&uuml;her war die Welt sicher nicht in allen Punkten besser, aber sie war doch deutlich einfacher. Es gab mit der CDU und der SPD zwei klar voneinander zu unterscheidende Parteien, die f&uuml;r grunds&auml;tzlich unterschiedliche politische Konzepte standen. Heute w&uuml;rde man wohl sagen, die beiden Volksparteien hatten ihr Alleinstellungsmerkmal und ein dazu passendes Narrativ. Sicher, auch heute gibt es immer noch unterschiedliche politische Konzepte. Aber es gibt keine gro&szlig;en Parteien mehr, die man klar diesen Konzepten zuordnen k&ouml;nnte. Alles wirkt austauschbar. Wir haben die Wahl zwischen einer Mitte-Mitte- und einer Mitte-Mitte-Koalition, egal welche Farben man daf&uuml;r aus dem Hut zaubert. Jeder kann mit jedem und ob die zurzeit in den Umfragen vorne liegende SPD nun mit CDU und FDP oder mit Gr&uuml;nen und der Linkspartei koalieren wird, kann niemand mit Bestimmtheit sagen. Und noch ungewisser ist es, was diese Koalitionen von den programmatischen Forderungen der Parteien eigentlich umzusetzen gedenken. Man w&auml;hlt sprichw&ouml;rtlich die Katze im Sack.<\/p><p>Und das ist keine Petitesse. Die NachDenkSeiten haben in einer <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=bundestagswahl-2021\">Serie zu den bevorstehenden Bundestagswahlen<\/a> die Programme aller gro&szlig;en und einiger kleinen Parteien unter die Lupe genommen und es ist keinesfalls so, dass es da keine gro&szlig;en Unterschiede bei wichtigen Themen g&auml;be. Doch Papier ist bekanntlich geduldig und noch nie standen die programmatischen Forderungen derart offen zur Disposition wie heute. Alles ist verhandelbar, selbst Grundpositionen werden wie billige Handelsg&uuml;ter auf dem Basar als Mittel zum Zweck verschachert. Ein kleines Beispiel: Die SPD fordert 12 Euro Mindestlohn und ein Rentenniveau von 48 Prozent, zudem sollen Selbstst&auml;ndige, Beamte und Abgeordnete in die gesetzliche Rente einbezogen werden. In allen m&ouml;glichen Koalitionen au&szlig;er Rot-Rot-Gr&uuml;n d&uuml;rften diese Punkte jedoch nicht umsetzbar sein und es gibt wohl kaum jemanden, der ernsthaft glaubt, dass die SPD dies zur &bdquo;conditio sine qua non&ldquo; erkl&auml;rt, wenn es darum geht, den n&auml;chsten Kanzler zu stellen. Und selbst wenn es eine Regierungskoalition mit Gr&uuml;nen und Linken geben sollte, ist es keinesfalls sicher, dass programmatische Forderungen, die von allen Koalitionspartnern prinzipiell geteilt werden, auch umgesetzt werden. Die rot-gr&uuml;nen Koalitionen unter Gerhard Schr&ouml;der k&ouml;nnen da als Denkansto&szlig; herhalten. Doch man vergisst ja schnell. Auf der &bdquo;anderen&ldquo; Seite sieht es nicht besser aus, nur dass die CDU es ja ohnehin tunlichst vermeidet, sich in ihren programmatischen Forderungen auf etwas Konkretes festzulegen. Man will den Kanzler stellen und sonst soll eigentlich alles so bleiben, wie es ist. Oder doch nicht?<\/p><p>Frei nach Forrest Gump m&uuml;sste man also sagen: Die Wahlen sind wie eine Pralinenschachtel &ndash; man wei&szlig; nie, was man bekommt. Und dass man dann irgendwann einmal das Interesse verliert, ist ja eigentlich auch verst&auml;ndlich. Man f&uuml;hlt sich ohnm&auml;chtig. Die eigentliche Idee einer Demokratie, man k&ouml;nnte mit seinem Wahlentscheid den Kurs der Politik ma&szlig;geblich beeinflussen, ist heute nicht mehr greifbar. <\/p><p>Dabei mangelt es ja nicht an wichtigen Themen. Ganz im Gegenteil. Nehmen wir die allgegenw&auml;rtige Corona-Debatte. W&auml;hrend in unseren Nachbarl&auml;ndern wie D&auml;nemark l&auml;ngst der Pragmatismus die Oberhand gewonnen hat, gibt es hierzulande eine &uuml;bergro&szlig;e Koalition, die mehr oder weniger voll hinter der jetzigen Corona-Politik steht. Aber nicht nur das. Die Rentenpolitik der letzten Regierungen war und ist eine einzige Katastrophe. Au&szlig;en- und sicherheitspolitisch steuert das Land voll auf Konfrontation. Die Verm&ouml;gen sind ungleicher verteilt denn je, wir befinden uns in voller Fahrt in Richtung Klassengesellschaft; wenn wir denn da nicht bereits angekommen sind. Diese Themen spielen in der politischen Debatte jedoch bestenfalls eine untergeordnete Rolle und es ist ohnehin nicht absehbar, dass sie von der n&auml;chsten Regierung ernsthaft angegangen werden. Man hat die Wahl, aber es wird sich nicht viel &auml;ndern. <\/p><p>Ist das Politikverdrossenheit? Keinesfalls. Nennen wir es lieber &bdquo;Systemverdrossenheit&ldquo;. Warum sollte man sich auch f&uuml;r ein politisches System begeistern, bei dem man bei den entscheidenden Themen an der Wahlurne gar keinen wirklichen Einfluss aus&uuml;ben kann? Man f&uuml;hlt sich ausgesto&szlig;en aus dem politischen Diskurs, gerade so, als sei man ein Wirrkopf mit exotischen Randpositionen. Dass dies nicht so ist, zeigen Gespr&auml;che im Freundeskreis und nat&uuml;rlich vor allem der rege Kontakt zu unseren Lesern. Dennoch f&uuml;hlt man sich wie in einer Blase. Aber man beh&auml;lt seine &Uuml;berzeugungen sonst ja meist lieber f&uuml;r sich. Man will &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51326\">lieber dazugeh&ouml;ren, als aufgekl&auml;rt sein<\/a>&ldquo;, wie es die Kollegin Anette Sorg so treffend formuliert hat. <\/p><p>Dabei g&auml;be es so viel zu tun und anzupacken. Doch dann f&uuml;hlt man eine bleierne Schwere in sich und sieht auf Plakaten und in TV-Triellen Kandidaten, die daran leider nichts &auml;ndern werden. Und so wird man sich am 26. September die &uuml;bliche Berichterstattung zu den Wahlen distanzierter denn je anschauen. Man wird lachende Sieger und zerknirschte Verlierer sehen und wissen, dass sich nicht viel &auml;ndern wird, egal wer jetzt der Sieger und wer der Verlierer ist. Und man wird hoffen, dass sich die eigene Rat- und vielleicht auch Mutlosigkeit so weit und so konstruktiv auf viele eigentlich politisch interessierte und engagierte Mitmenschen ausweitet, dass irgendwann einmal eine kritische Masse erreicht ist, die den Mut und die Tatkraft hat, wirklich etwas zu &auml;ndern. <\/p><p>Titelbild: Massimo Todaro\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/b2c8ffcf198e4d4780036e1f5028106f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich m&uuml;sste ich ja zurzeit schlaflose N&auml;chte haben. Seit meiner Jugend interessiere ich mich sehr f&uuml;r Politik und die Wochen vor den Bundestagswahlen waren f&uuml;r mich fr&uuml;her immer hoch spannend &ndash; vor allem dann, wenn das Ergebnis noch vollkommen offen war und es um eine, wenn auch kleine, Richtungsentscheidung ging. 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