{"id":76042,"date":"2021-09-15T12:30:56","date_gmt":"2021-09-15T10:30:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76042"},"modified":"2021-09-15T13:01:53","modified_gmt":"2021-09-15T11:01:53","slug":"russische-debatte-die-oktoberrevolution-ein-produkt-aus-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76042","title":{"rendered":"Russische Debatte: Die Oktoberrevolution &#8211; ein Produkt aus Deutschland?"},"content":{"rendered":"<p>In den russischen Medien werden die sozialen Errungenschaften der Sowjetzeit konsequent verschwiegen oder bel&auml;chelt. In russischen Geschichtsfilmen hat sich eine Sicht durchgesetzt, nach der die Oktoberrevolution nicht Folge sozialer Ungleichheit und eines verlorenen Krieges war, sondern dass es sich um einen Putsch der Bolschewisten handelte. Die Putschisten seien angeblich von Deutschland finanziert worden. Dieses Geschichtsbild passt zu der Angst des Kreml vor einer bunten Revolution, an welcher der Westen tats&auml;chlich ein gro&szlig;es Interesse hat. Von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nManchmal kommen aus dem Munde von Wladimir Putin Worte, die einen staunen lassen. Am 1. September <a href=\"https:\/\/www.rbc.ru\/politics\/01\/09\/2021\/612f2ffd9a7947abbc54b178\">erkl&auml;rte der russische Pr&auml;sident<\/a> bei einem Treffen mit Sch&uuml;lern, wenn es 1917 keine Oktoberrevolution und 1991 keine Aufl&ouml;sung der Sowjetunion gegeben h&auml;tte, dann w&uuml;rde die Bev&ouml;lkerungszahl in Russland heute nicht 146, sondern weit mehr betragen. &bdquo;Einige Experten meinen, dass wir eine Bev&ouml;lkerung von 500 Millionen Menschen h&auml;tten.&ldquo;<\/p><p>Putin wei&szlig;, dass es in der Bev&ouml;lkerung nach wie vor eine gro&szlig;e Nostalgie zur Sowjetunion gibt. Und der Kreml ist bestrebt, den aufgel&ouml;sten Superstaat in kleinen Schritten wieder herzustellen. Bald will man mit Wei&szlig;russland eine Staatenunion bilden.<\/p><p>W&auml;hrend Putin vor allem das gro&szlig;e Ganze im Auge hat, sehnen sich die Menschen vor allem nach Stabilit&auml;t und einer ausreichenden sozialen Grundversorgung sowie gleichen Chancen bei Bildung und Gesundheitsversorgung.<\/p><p>Doch hier liegt der Knackpunkt. Der Kreml will keine Sowjetunion, sondern einen modernen kapitalistischen Staat, der sich auf dem Weltmarkt behaupten kann. <\/p><p><strong>&bdquo;Oktoberrevolution von den Deutschen finanziert&ldquo;<\/strong><\/p><p>In den russischen Medien werden die sozialen Errungenschaften der Sowjetzeit konsequent verschwiegen oder bel&auml;chelt. In russischen Geschichtsfilmen hat sich eine Sicht durchgesetzt, nach der die Oktoberrevolution nicht Folge sozialer Ungleichheit und eines verlorenen Krieges war, sondern dass es sich um einen Putsch der Bolschewisten handelte. Die Putschisten seien angeblich von Deutschland finanziert worden. Dieses Geschichtsbild passt zu der Angst des Kreml vor einer bunten Revolution, an welcher der Westen tats&auml;chlich ein gro&szlig;es Interesse hat. <\/p><p>Erst k&uuml;rzlich <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/plugins\/post.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2FKVSyomin%2Fposts%2F1850597361800633&amp;show_text=true&amp;width=500\">schrieb die Sprecherin des russischen Au&szlig;enministeriums<\/a>, Maria Sacharowa, in einem &ouml;ffentlichen Disput auf Facebook mit dem bekannten linken Video-Blogger <a href=\"https:\/\/youtu.be\/952wtvY6sgo\">Konstantin Sjomin<\/a>: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Vergesse nicht, Konstantin Sjomin, dass die Bolschewiken von Deutschland finanziert wurden, bis zu dem Zeitpunkt, als die Revolution siegte. Und danach begann der B&uuml;rgerkrieg in Russland. Wieviele Millionen starben letztlich durch die Hilfe des Auslands?&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Auf Facebook hagelte es harte Kritik an den &Auml;u&szlig;erungen von Sacharowa. Der User Dovran Flint schrieb: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Maria Sacharowa, wenn die Bolschewisten nicht gewesen w&auml;ren, w&auml;ren sie jetzt ungebildete Leibeigene irgendeines Gutsbesitzers.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Der User Aleksandr Viktorowitsch kommentierte: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Dank der jungen Reformer von den Universit&auml;ten Stanford und Yale und dem Stern des amerikanischen Kongresses, Jelzin, starben weit mehr &sbquo;Millionen&lsquo; und ohne Hilfe des Auslands lief das nicht.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Der User Iwan Stagis meinte: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Maria Sacharowa, ihr Post zeugt von professioneller Ungebildetheit. Sie sollten nicht die russische Diplomatie repr&auml;sentieren, sondern die ukrainische-baltische. Dort liebt man das M&auml;rchen vom &acute;Spion Lenin&acute;.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Die Warnung vor einem B&uuml;rgerkrieg in Russland zieht sich seit 1991 wie ein roter Faden durch die Argumentation der russischen liberalen Elite. Den letzten gewaltt&auml;tigen Widerstand gegen den neoliberalen Kurs von Boris Jelzin mit einer Besetzung des Fernsehzentrums Ostankino gab es zuletzt 1993. Die M&ouml;glichkeit einer Revanche der Kommunisten auf Wahlebene gab es zuletzt 1996. Heute haben die Kommunisten nicht die Kraft f&uuml;r eine Revanche. <\/p><p>Die russische politische Elite hat seit den 1990er Jahren dazugelernt. Ein stabiles Staatswesen ist nicht zu haben, wenn ein Gro&szlig;teil der Menschen in Armut lebt. Die soziale Situation hat sich seit den 1990er Jahren erheblich verbessert. Doch immer noch leben zwanzig Prozent der Bev&ouml;lkerung an der Armutsgrenze. Kostenlose Bildung und Gesundheitsversorgung gibt es nur noch eingeschr&auml;nkt. Vor einer progressiven Einkommensteuer, wie sie in fast allen Staaten Westeuropas &uuml;blich ist, schreckt Wladimir Putin immer noch zur&uuml;ck. Offenbar ist der Kreml-Chef immer noch der Meinung, dass so eine Ma&szlig;nahme &bdquo;Investoren abschreckt&ldquo;. <\/p><p><strong>Medien-Hype um Hochzeit eines Zaren-Nachkommen<\/strong><\/p><p>Die Einlassung von Maria Sacharowa, der Sprecherin des russischen Au&szlig;enministeriums, gegen&uuml;ber dem Blogger Sjomin bezog sich auf einen Post des Bloggers, in dem er sich &uuml;ber den Film <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=24j4iqVejJo\">&bdquo;Die Romanows. Hochzeit des Jahrhunderts&ldquo;<\/a> lustig gemacht und zugleich vor einer Sch&ouml;nschreibung der russischen Zaren gewarnt hatte. <\/p><p>Der Film &bdquo;Hochzeit des Jahrhunderts&ldquo; wurde im Februar vom russischen Fernsehkanal Pervi gezeigt. Der Film der liberalen Fernsehmoderatorin Ksenija Sobtschak war der f&uuml;r diesen Herbst geplanten Hochzeit eines Zaren-Abk&ouml;mmlings in St. Petersburg gewidmet. F&uuml;r Sjomin ist das gute Verh&auml;ltnis des Kreml zu den Nachkommen der Zaren-Dynastie immer wieder Anlass f&uuml;r Kritik. <\/p><p>Aus dem Film &bdquo;Hochzeit des Jahrhunderts&ldquo; ver&ouml;ffentlichte Sjomin ein Bild, auf dem der Vater von Ksenija Sobtschak  (Anatoli Sobtschak, bis 1996 B&uuml;rgermeister von St. Petersburg) Vertreter der Romanow-Dynastie an der Newa empfing. Unter das Bild schrieb der Blogger: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Sobtschak-Narusowa k&uuml;ssen sich leidenschaftlich mit Wladimir Kirilowitsch, der im Juni 1941 zum Kreuzzug gemeinsam mit Hitler gegen den Bolschewismus aufrief.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Sjomin bezieht sich auf die historische Tatsache, dass der Nachfolger des russischen Zaren, Wladimir Kirilowitsch, der in Frankreich in der Emigration lebte, die russischen Emigranten 1941 zur Zusammenarbeit mit Hitler &bdquo;gegen den Kommunismus-Bolschewismus&ldquo; aufrief. <\/p><p>F&uuml;r den Herbst ist nun in St. Petersburg eine Hochzeit zwischen dem Zaren-Nachfahren Georgi Michailowitsch Romanow und Rebecca Bettarini, der Tochter eines italienischen Diplomaten, geplant. Das teilte das &bdquo;Haus der Romanows&ldquo; mit. Auf historischem Boden will der 40 Jahre alte Georgi Michailowitsch Romanow, Urenkel des Cousins des letzten russischen Zaren, Kirill Wladimirowitsch Romanow, in den Ehestand treten. Die Verlobung wurde bereits in einer russischen Kirche vollzogen. <\/p><p><strong>Die russische Trikolore und der Hitler-Kollaborateur Wlassow<\/strong><\/p><p>Der Video-Blogger Sjomin, der jahrelang beim russischen Staatskanal Rossija 24 arbeitete und Korrespondent in den USA war, sp&uuml;rt seit einigen Jahren immer wieder F&auml;lle auf, bei denen russische Monarchisten oder Hitler-Kollaborateure in Russland zu Ehren kommen. Selbst die wei&szlig;-blau-rote russische Trikolore, die auf dem Kreml flattert, ist Sjomin suspekt. Er w&uuml;rde dort lieber die rote Fahne sehen. Denn die Trikolore war das Erkennungszeichen der &bdquo;Russischen Befreiungsarmee&ldquo; (ROA). Die Armee wurde von General Andrej Wlassow gef&uuml;hrt und operierte im Zweiten Weltkrieg unter dem Kommando der Hitler-Wehrmacht. Tats&auml;chlich beschr&auml;nkt sich die Geschichte der russischen Trikolore nicht auf die ROA. Die Trikolore spielte schon unter dem Zaren Peter dem Gro&szlig;en eine Rolle. <\/p><p>Die Sprecherin des russischen Au&szlig;enministeriums, Maria Sacharowa, entr&uuml;stete sich &uuml;ber die Kritik des Bloggers an der russischen Fahne:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Die Kriegsveteranen sitzen unter dieser Flagge auf dem Roten Platz. Nur ein Provokateur kann so vorgehen. Bei uns kann jeder seine politischen Ansichten haben. Aber die gemeinsame staatliche Symbolik mit dem Feind gleichzusetzen, der uns fast vernichtet hat, ist sch&auml;ndlich.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><strong>Verh&auml;ngtes Lenin-Mausoleum<\/strong><\/p><p>Seit der Aufl&ouml;sung der Sowjetunion sucht Russland nach einer neuen Identit&auml;t. Wladimir Putin hat bei seinem Machtantritt einige Zugest&auml;ndnisse an die Sowjet-Nostalgie in der Bev&ouml;lkerung gemacht. Er f&uuml;hrte 2000 die alte Melodie der sowjetischen Hymne wieder ein, gab ihr aber einen neuen Text, der vom Autor der sowjetischen Hymne geschrieben wurde. Boris Jelzin hatte die sowjetische Nationalhymne durch eine neue Hymne mit neuer Melodie und Text ersetzt. Diese Hymne wurde aber nicht popul&auml;r. <\/p><p>Unter Putin wurde bei Milit&auml;rparaden neben der russischen Trikolore auch wieder verst&auml;rkt die historische rote Fahne gezeigt, mit welcher die sowjetischen Soldaten 1945 den Reichstag st&uuml;rmten. <\/p><p>Doch das Verh&auml;ltnis des Kreml zur sowjetischen Geschichte ist trotz der Wiedereinf&uuml;hrung der sowjetischen Hymne zwiesp&auml;ltig. Das kann einen eigentlich nicht verwundern, denn Russland ist ein kapitalistisches Land und es w&auml;re h&ouml;chst erstaunlich, wenn die sozialistischen Prinzipien von Volkseigentum und Einheitslohn im neuen Russland fortleben.<\/p><p>Die besitzende Klasse in Russland m&ouml;chte ruhig leben. Der in den letzten 30 Jahren erworbene Reichtum und die Privilegien m&ouml;chte man nicht nur behalten, sondern vermehren. Es gibt in Russland Schulen f&uuml;r die Kinder der Bessergestellten, Privatkliniken, &uuml;ppige Anwesen, Konsum- und Reisem&ouml;glichkeiten und Immobilien im Ausland. Die Kinder der Unternehmer und Spitzenbeamten besuchen Universit&auml;ten in England und den USA. <\/p><p>So ist es eigentlich kein Wunder, dass das Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz bei festlichen Anl&auml;ssen und Paraden verh&auml;ngt wird und die geplante Hochzeit eines Zaren-Abk&ouml;mmlings zum Medien-Hype wird. <\/p><p>Bildnachweis: Everett Collection \/ shutterstock.com<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/f0120042776b43f888417cd7a7a7ec37\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den russischen Medien werden die sozialen Errungenschaften der Sowjetzeit konsequent verschwiegen oder bel&auml;chelt. In russischen Geschichtsfilmen hat sich eine Sicht durchgesetzt, nach der die Oktoberrevolution nicht Folge sozialer Ungleichheit und eines verlorenen Krieges war, sondern dass es sich um einen Putsch der Bolschewisten handelte. Die Putschisten seien angeblich von Deutschland finanziert worden. Dieses Geschichtsbild<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76042\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":76043,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,11],"tags":[881,1451,915,1418,2283,259,2147],"class_list":["post-76042","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-landerberichte","category-strategien-der-meinungsmache","tag-armut","tag-monarchie","tag-putin-wladimir","tag-regime-change","tag-revolution","tag-russland","tag-sowjetunion"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/shutterstock_248203054.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76042","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=76042"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76042\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":76048,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76042\/revisions\/76048"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/76043"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=76042"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=76042"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=76042"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}