{"id":76118,"date":"2021-09-19T11:45:05","date_gmt":"2021-09-19T09:45:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76118"},"modified":"2021-09-19T12:28:36","modified_gmt":"2021-09-19T10:28:36","slug":"verbrandt-verkohlt-und-ausgemerkelt-eine-verfallsgeschichte-deutscher-kanzlerschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76118","title":{"rendered":"\u00abVerbrandt, verkohlt und ausgemerkelt\u00bb &#8211; Eine Verfallsgeschichte deutscher Kanzlerschaften"},"content":{"rendered":"<p>Bis zur Bundestagswahl ist es nicht mehr weit. Die &Auml;ra Merkel neigt sich dem Ende zu. Es waren lange 16 Jahre, in denen die Kanzlerin so manch eine Krise bew&auml;ltigen musste. Doch mit ihrer Politik hat sie sich nicht nur Freunde gemacht. Der R&uuml;ckhalt in der Bev&ouml;lkerung br&ouml;ckelt schon lange, der in den eigenen Reihen ebenfalls. Der Vertrauensverlust wurde immer gr&ouml;&szlig;er und erreichte in der Corona-Krise seinen Zenit. &bdquo;Es wird wohl kein triumphaler Abgang werden&ldquo;, stellt Peter Zudeick fest, der in seinem neuen Buch daran erinnert, dass in Deutschland selbst die erfolgreichsten Kanzlerschaften irgendwie immer mit einem schalen Beigeschmack enden. Der kreative Titel <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/verbrandt-verkohlt-und-ausgemerkelt.html?listtype=search&amp;searchparam=Verbrandt%2C%20verkohlt%20und%20ausgemerkelt\">&laquo;Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt&raquo;<\/a> bringt es sch&ouml;n auf den Punkt. Von <strong>Eugen Zentner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nZudeicks Werk ist eine Art Verfallgeschichte deutscher Kanzlerschaften. In jedem seiner Kapitel nimmt sich der Publizist den jeweiligen Kanzler vor und skizziert markante Ereignisse, die das Fass nach und nach zum &Uuml;berlaufen brachten. Es ist ein interessanter Ansatz, der sich von den bisherigen Geschichtsb&uuml;chern deutlich unterscheidet. Wer sich die deutsche Nachkriegspolitik im Schnelldurchlauf vergegenw&auml;rtigen m&ouml;chte, wird an dem Buch gro&szlig;e Freude haben. Es ist hochinformativ, aber auch sehr unterhaltsam. Zudeicks Prosa kommt leichtf&uuml;&szlig;ig daher, enth&auml;lt pointierte Formulierungen und Wendungen, die nicht selten ein Schmunzeln auf die Lippen zaubern. Hier und da finden sich aber auch &uuml;berraschende Thesen. Sie verweisen auf Details, die kaum Beachtung finden, aber durchaus von Bedeutung sind. Das gilt beispielsweise f&uuml;r die Anf&auml;nge der Kanzlerschaften, die gewisserma&szlig;en auch etwas mit dem Ende der vorherigen Amtstr&auml;ger zu tun haben. <\/p><p>Bis Gerhard Schr&ouml;der, hei&szlig;t es etwa, sind die deutschen Kanzler nicht wirklich aus Wahlen hervorgegangen. Sie wurden entweder von den eigenen Leuten eingesetzt oder nach oben geputscht, wie Zudeick am &Uuml;bergang von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl zeigt. F&uuml;r das Ende der Kanzlerschaften bedeutet das wiederum, dass die jeweiligen Kandidaten &bdquo;aus dem Amt getrickst, geschubst, gequ&auml;lt&ldquo; wurden &ndash; auch Konrad Adenauer. Doch das lag vor allem an dessen Unwillen, den Platz zu r&auml;umen, weil er &bdquo;jeden m&ouml;glichen Nachfolger f&uuml;r unf&auml;hig hielt&ldquo;. Auch Ludwig Erhard scheiterte an der eigenen Partei, wohl auch deswegen, weil er von vornherein als &laquo;&Uuml;bergangskanzler&raquo; gehandelt wurde. Gleiches gilt f&uuml;r seinen Nachfolger Kurt Georg Kiesinger, w&auml;hrend Willy Brandt den &bdquo;Intrigen und Hinterhalten seiner eigenen Leute&ldquo; zum Opfer fiel. Helmut Schmidt verlor sein Amt durch ein Misstrauensvotum, bei dem sein Koalitionspartner eine kl&auml;gliche Rolle spielte.<\/p><p>Vom Volk eindeutig abgew&auml;hlt wurden lediglich die zwei darauffolgenden Kanzler, so Zudeicks These. Ihr Abgang fiel dennoch alles andere als ruhmreich aus. W&auml;hrend Helmut Kohl am Ende seiner Amtszeit in Skandalen versank, kegelte sich Gerhard Schr&ouml;der selbst aus dem Spiel. Dass dieser aber bis zum Ende bockig blieb, ist nur eine Anekdote am Rande, die der Autor mit viel Witz erz&auml;hlt. Es geht um die &bdquo;denkw&uuml;rdigste &laquo;Elefantenrunde&raquo; in der Geschichte des deutschen Fernsehens&ldquo;, in der sich Schr&ouml;der als Sieger ausgab, weil Angela Merkel zwar ein knappes P&uuml;nktchen vorne lag, aber Schwarz-Gelb nicht m&ouml;glich war. Der Noch-Kanzler &bdquo;scheint an diesem Abend die Verfassung neu erfunden zu haben&ldquo;, schreibt Zudeick s&uuml;ffisant. &bdquo;Das Ereignis zeige eindeutig, &laquo;dass niemand au&szlig;er mir in der Lage ist, eine stabile Regierung zu stellen, niemand au&szlig;er mir&raquo;, zitiert er Schr&ouml;der. &bdquo;Niemand au&szlig;er ihm sah das so.&ldquo;<\/p><p>Solche Passagen machen das Buch aus. Anders als in den meisten Publikationen &uuml;ber vergangene Politiker wird nicht deren Schokoladenseite pr&auml;sentiert, sondern deren Entgleisungen und Verfehlungen, aber so, dass der ironisch-kritische Unterton charmant klingt. Die Leser erfahren viel &uuml;ber die &bdquo;Hinterzimmerpolitik&ldquo; der letzten knapp 70 Jahre, ohne dass der Autor sie durch ein un&uuml;bersichtliches Labyrinth von Verstrickungen f&uuml;hren muss. Einige wenige Ausf&uuml;hrungen reichen aus, um die Politik als schmutziges Gesch&auml;ft zu entlarven. Korruption und Machtkampf geh&ouml;ren seit jeher dazu. Auch das wird &uuml;beraus deutlich. Im Grunde greifen die Akteure zu den immer gleichen Strategien und Tricks. Was sie voneinander unterscheidet, ist der jeweilige Charakter. Ihn in seinem Wesensgehalt genau darzustellen, gelingt Zudeick volltrefflich.<\/p><p>Harsch f&auml;llt die Charakterisierung bei der amtierenden Kanzlerin Angela Merkel aus. Doch sie ist zutreffend, wenn der Autor schreibt, sie sei nie als Strategin, politische Denkerin oder gar Vordenkerin aufgefallen. Schon in ihrer Anfangszeit als Spitzenpolitikerin habe niemand erkennen k&ouml;nnen, wof&uuml;r sie steht: &bdquo;Soziale Marktwirtschaft, ja sicher, christliches Menschenbild, klar&ldquo;. Und so wurden Positionen, die einmal als selbstverst&auml;ndlich galten, im Laufe der Merkel-Jahre mehr oder weniger m&uuml;helos ger&auml;umt. Schon als &bdquo;CDU-Chefin r&auml;umt sie Positionen und wechselt &Uuml;berzeugungen wie andere die Socken&ldquo;, hei&szlig;t es an einer Stelle. <\/p><p>Politik sei f&uuml;r Angelika Merkel in erster Linie Machtpolitik und weniger inhaltliche Orientierung: &bdquo;Mach andere von dir abh&auml;ngig, verteile Posten und Einflussbereiche&ldquo;, schreibt Zudeick, &bdquo;halte die Regionalf&uuml;rsten klein, vertraue nur allerengsten Vertrauten &ndash; und vor allem halte dich aus gro&szlig;en Debatten heraus. Familienpolitik, Sozialpolitik, innere Sicherheit, Bundeswehr &ndash; immer sch&ouml;n die anderen machen lassen. Wenn&rsquo;s funktioniert, geh&ouml;rt der Applaus der Chefin, wenn nicht, kriegen die anderen die faulen Tomaten ab. Eine perfekte Arbeitsteilung. Sie hat ihre Kontrahenten &ndash; ob mit Pakt oder ohne &ndash; ausgesessen, weggelobt, ausgetrickst, weggebissen.&ldquo; <\/p><p>Das Kapitel zu Merkel ist das umfangreichste von allen, was nicht nur an der langen Amtszeit liegt, sondern auch an den f&uuml;nf internationalen Krisen. F&uuml;r den Autor seien sie entscheidend, um die Politik der Kanzlerin insgesamt beurteilen zu k&ouml;nnen. Das Urteil f&auml;llt jedoch negativ aus. In der Finanzkrise habe sie nicht dazu beigetragen, die Weltfinanzindustrie neu zu ordnen oder zu regeln. Noch schlechter schneidet sie bei der Betrachtung der Eurokrise ab. Merkel habe auf ein Programm gedrungen, mit dem wie in Griechenland haupts&auml;chlich die Bankschulden beglichen wurden. &bdquo;Keine Rede von Aufbau, Wachstum, Hilfe zur Selbsthilfe&ldquo;, so Zudeick. Die Fukushima-Katastrophe nutzte Merkel hingegen f&uuml;r eine spektakul&auml;re Kurs&auml;nderung. Zwischen der Laufzeitverl&auml;ngerung von Atomkraftwerken und der Ausstiegsank&uuml;ndigung lagen gerade mal sieben Monate. Allerdings sei nicht Fukushima Anlass zum Handeln gewesen, kreidet der Autor an, sondern das schlechte Abschneiden der CDU gegen&uuml;ber den Gr&uuml;nen bei den Wahlen in Baden-W&uuml;rttemberg und Bremen. <\/p><p>In der Fl&uuml;chtlingskrise wird ihr Planlosigkeit vorgeworfen, die viele Menschen zweifeln und verzweifeln lie&szlig;: &bdquo;Und ein entscheidender Fehler war, die europ&auml;ischen Partner nicht rechtzeitig einzubinden. Viele hatten den Eindruck, dass Madame Merkel die Richtlinien der europ&auml;ischen Fl&uuml;chtlingspolitik bestimmen wollte und alle anderen hinterherdackeln m&uuml;ssten.&ldquo; Etwas entt&auml;uschend f&auml;llt die Bewertung von Merkels Handeln in der Corona-Krise aus. Daf&uuml;r, dass sie ma&szlig;geblich dazu beigetragen hat, die Grundrechte extrem einzuschr&auml;nken, die Gesellschaft zu spalten und einen indirekten Impfzwang einzuf&uuml;hren, kommt sie bei Zudeick glimpflich davon. &bdquo;Die vielen Pannen und Fehlentwicklungen hat sie am allerwenigsten zu verantworten&ldquo;, hei&szlig;t es blo&szlig;.<\/p><p>Am Gesamteindruck d&uuml;rfte das nichts &auml;ndern. Zudeick sieht es genauso: &bdquo;So trug die Pandemie mit dazu bei, den Machtverfall Merkels zu illustrieren, ein Verfall, der schon lange vorher eingesetzt hatte.&ldquo; Bleibt die Frage, wie sie in Erinnerung bleiben wird. Sie &bdquo;h&auml;tte die Chance gehabt, ihre Kanzlerschaft nach 16 Jahren geordnet und in W&uuml;rde zu beenden, auch sie hat es nicht geschafft&ldquo;, schreibt der Autor. F&uuml;r die Zeit nach der Politik-Karriere muss das nicht viel bedeuten. W&auml;hrend Kurt Georg Kiesinger nach seiner Amtszeit noch weniger Sympathien genoss, rangiert Helmut Schmidt in den Umfragen noch immer ganz vorne. Anders als beim Abgang decken die deutschen Kanzler beim Nachruhm ein breites Spektrum ab.<\/p><p><em>Peter Zudeick: Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt &ndash; Vom Ende deutscher Kanzlerschaften, Westend Verlag, 200 Seiten, Softcover, 18 Euro<\/em><\/p><p>Titelbild: Billion Photos\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/ceb8ccf69227434c9282ed846b734a59\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis zur Bundestagswahl ist es nicht mehr weit. Die &Auml;ra Merkel neigt sich dem Ende zu. Es waren lange 16 Jahre, in denen die Kanzlerin so manch eine Krise bew&auml;ltigen musste. Doch mit ihrer Politik hat sie sich nicht nur Freunde gemacht. 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