{"id":7613,"date":"2010-12-02T09:12:01","date_gmt":"2010-12-02T08:12:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7613"},"modified":"2019-07-05T11:34:57","modified_gmt":"2019-07-05T09:34:57","slug":"griechenland-schock-therapie-oder-schock-ohne-therapie-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7613","title":{"rendered":"Griechenland: Schock-Therapie oder Schock ohne Therapie? (III)"},"content":{"rendered":"<p>Die neuen Berechnungen &uuml;ber das griechische Haushaltsdefizit f&uuml;r das Jahr 2009 waren in Br&uuml;ssel schon seit Monaten bekannt und wurden in der griechischen Presse seit September er&ouml;rtert. Dass die offizielle Zahl &ndash; 15,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts &ndash; erst am 15. November ver&ouml;ffentlich wurde, war kein Zufall: Die EU-Kommission wollte wohl der Regierung Papandreou die d&uuml;stere Botschaft erst nach den Kommunalwahlen zumuten.<br>\nWie erkl&auml;rt sich die um 1,8 Prozent (des BIP) erh&ouml;hte Defizitzahl und was bedeutet sie f&uuml;r die k&uuml;nftigen griechischen Staatsaushalte und das Sparprogramm, zu dem sich die Athener Regierung gegen&uuml;ber der Troika (EU-Kommission, EZB und IWF) verpflichtet hat, als sie im Mai 2005 gezwungen war, den &bdquo;Rettungsschirm&ldquo; eines Kreditpools von 110 Milliarden aus dem EFSF (European Financial Stability Facility) in Anspruch zu nehmen. Von Niels Kadritzke<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Wie erkl&auml;rt sich das erh&ouml;hte Defizit?<\/strong><\/p><p>Zur ersten Frage: Die neue Zahl ist der abschlie&szlig;ende Beleg f&uuml;r die desastr&ouml;se Haushaltspolitik der Regierung Karamanlis und f&uuml;r die verantwortungslose Verschleierung des Zustands der &ouml;ffentlichen Finanzen gegen&uuml;ber der griechischen &Ouml;ffentlichkeit, den EU-Partnern und den globalen M&auml;rkten. Hier  sei daran erinnert, dass die ND-Regierung Anfang 2009 eine Defizitprognose von unter 4 Prozent des BIP nach Br&uuml;ssel meldete und noch im September 2009 ein Defizit von allenfalls 6 Prozent konzedierte. Die im Oktober 2009 gew&auml;hlte Pasok-Regierung, die ihren Wahlkampf mit dem Slogan &bdquo;Das Geld ist da!&ldquo; (n&auml;mlich f&uuml;r weitere Sozialprogramme) bestritten hatte, musste dann schon im November ein Defizit von 12,7 Prozent nach Br&uuml;ssel melden, und diese Zahl im M&auml;rz 2010 auf 13,6 Prozent zu korrigieren. <\/p><p>Und nun also die abschlie&szlig;ende Erh&ouml;hung um weitere 1,8 Prozent (oder fast 4 Milliarden Euro) auf 15,4 Prozent des BIP. Durch diese Korrektur erh&ouml;ht sich des Gesamtsverschuldung des griechischen Staats schon f&uuml;r 2009 auf &uuml;ber 125 Prozent des BIP und wird Ende 2010 auf 140 Prozent angestiegen sein. Das bedeutet, dass mit dem Haushalt 2011 in jedem Fall die 150-Prozent-Grenze &uuml;berschritten wird (selbst wenn die Athener Regierung ihre eigenen Sparziele erf&uuml;llen kann).<\/p><p>Diese letzte Korrektur der Defizitzahlen geht zur&uuml;ck auf:<\/p><ul>\n<li>Defizite bei &ouml;ffentlichen Unternehmen (insb. bei der griechischen Eisenbahn OSE und den kommunalen Verkehrsbetrieben von Athen und Thessaloniki);<\/li>\n<li>das Anwachsen der Defizite bei Sozialkassen und staatlichen Krankenh&auml;user, die h&ouml;here Zusch&uuml;sse aus dem Staatshaushalt n&ouml;tig machten;<\/li>\n<li>hohe Defizite in den Haushalten der Kommunen;<\/li>\n<li>auflaufende Kosten von Swap-Gesch&auml;ften, mit denen die Regierung Karamanlis vor 2009 die Haushaltsdefizite &bdquo;verschleiert&ldquo; hatte (unter satt honorierter Beihilfe von Goldman-Sachs).<\/li>\n<\/ul><p>Diese Defizite sind nicht nur einmalige Posten im Haushaltsjahr 2009, sondern resultieren aus langj&auml;hrigen Belastungen der &ouml;ffentlichen Finanzen, die sich unkontrolliert akkumuliert haben. Das gilt insbesondere f&uuml;r die OSE (griechische Bahn), die mit Gesamtschulden von &uuml;ber 10 Mrd. Euro im Grunde schon l&auml;ngst bankrott ist, aber auch f&uuml;r die st&auml;dtischen Verkehrsbetriebe. <\/p><p>Die Kosten der (&uuml;ber hundert) &ouml;ffentlichen Betriebe und Unternehmen, zu denen auch zwei unproduktive R&uuml;stungsfirmen geh&ouml;ren, strapazieren die &ouml;ffentlichen Finanzen schon seit Jahrzehnten. Der unhaltbare Zustand ist also nicht allein der letzten konservativen Regierung anzulasten, auch die Pasok-Regierungen haben seit 1981 den staatlichen Sektor personell aufgebl&auml;ht und die Geh&auml;lter weit &uuml;ber die im privaten Sektor gezahlten angehoben. Die strukturellen Defizite in diesem Bereich sind direkte Folge eines klientelistischen Systems, in dem die &ouml;ffentlichen Betriebe der Versorgung von Parteianh&auml;ngern dienen. Diese traditionelle &ndash; und &uuml;berparteiliche &ndash; G&uuml;nstlingswirtschaft (auf griechisch: rousfeti) ist der wichtigste einzelne Grund, warum Griechenland heute am Rand des Staatsbankrotts steht. <\/p><p>Ein weiterer Grund ist die organisierte &bdquo;Unverantwortlichkeit&ldquo;. Sie zeigt sich am deutlichsten in dem krassen Mangel an Informationen nicht nur der Regierung, sondern des ganzen politischen Systems &uuml;ber sich selbst. Insofern ist die st&auml;ndige Korrektur fundamentaler Daten &uuml;ber den Zustand des Landes geradezu &bdquo;systemisch&ldquo;. Dass realistische Ermittlungen &uuml;ber das griechische Staatsdefizit erst unter dem Druck der Troika &ndash; und mit technischer Hilfe des IWF &ndash; in Gang kamen, hat die Vertrauensw&uuml;rdigkeit des griechischen Staates auf Null gebracht. Fast schon kafkaesk war dann, was die Troika im Fr&uuml;hjahr bei ihren ersten Inspektionen in Athen erleben musste: Die meisten Minister konnten nicht angeben, wie viel Personal ihr Ministerium besch&auml;ftigt. Daraufhin musste die griechische Regierung im Fr&uuml;hjahr die &ouml;ffentlichen Bediensteten auffordern, sich auf einer staatlichen Website anzumelden und registrieren zu lassen. Erst durch eine digitale Beamtenz&auml;hlung konnte also ermittelt werden, wie viel Personal der griechische Staat besch&auml;ftigt und aus Steuergeldern bezahlt.<\/p><p>Die Korrektur der Zahlen f&uuml;r 2009 ist einerseits eine Best&auml;tigung f&uuml;r die Skeptiker im Ausland wie in Griechenland, die prinzipiell davon ausgehen, dass auf &bdquo;griechische Daten&ldquo; kein Verlass ist. Sie ist andererseits aber auch eine Chance, weil sie belegt, dass man das strukturelle Problem in Athen erkannt hat und &uuml;berwinden will. Der Regierung Papandreou bleibt allerdings auch keine andere Wahl, denn ein derart verschuldeter Staat kann der Skepsis der Gl&auml;ubiger &ndash; und &bdquo;der M&auml;rkte&ldquo; &ndash; ohnehin nur mit klaren und unzweifelhaften Informationen entgegentreten. <\/p><p><strong>Konsequenzen f&uuml;r den Haushalt und das Sparprogramm<\/strong><\/p><p>Was bedeuten die korrigierten Zahlen f&uuml;r die n&auml;chsten Haushaltsjahre? F&uuml;r das Defizit 2010 ist aufgrund der ver&auml;nderten Ausgangsbasis das Planziel einer Absenkung auf 8 Prozent nicht mehr erreichbar, das korrigierte Ziel liegt bei 9,4 Prozent. Wird es erf&uuml;llt, entspr&auml;che das immer noch einer Reduzierung des Defizits um volle 6 Prozent. Die notwendige zus&auml;tzliche Einsparung muss gro&szlig;enteils im kommenden Budget geleistet werden, weil die Troika darauf besteht, dass Athen f&uuml;r 2011 an dem urspr&uuml;nglichen Ziel einer Absenkung des Defizits auf 7,4 Prozent festh&auml;lt. Das bedeutet f&uuml;r das kommende Haushaltsjahr, dass der griechische Staat gegen&uuml;ber 2010 statt geplanter 8,2 Milliarden fast 14 Milliarden Euro einsparen muss. <\/p><p>Ein bereits extrem getrimmtes Budget f&uuml;r 2011 um weitere 5,8 Milliarden Euro zu beschneiden, scheint auf den ersten Blick fast ausgeschlossen. Und zwar schon deshalb, weil die Steuereinnahmen angesichts der anhaltenden Rezession ein sehr unsicherer Posten sind (dazu sp&auml;ter mehr). Finanzminister Papakonstantinou hat dennoch am 19. November Woche nach ausf&uuml;hrlichen &bdquo;Beratungen&ldquo; mit den Vertretern der Troika einen entsprechenden Haushaltsentwurf vorgelegt, der im Dezember vom Parlament verabschiedet werden soll. Darin sind folgende Ma&szlig;nahmen vorgesehen:<\/p><ol>\n<li><strong>Ausgabenseite:<\/strong> Einsparungen (gegen&uuml;ber 2010) von 6,5 Mrd. Euro\n<ul>\n<li>in der &ouml;ffentlichen Verwaltung, vor allem durch die Verschlankung der kommunalen Verwaltung (die mit der bereits beschlossenen Gemeindereform, dem &bdquo;Plan Kallikratis&ldquo;, eingeleitet wurde) und die Gr&uuml;ndung einer zentralen Kasse f&uuml;r Gehaltsauszahlungen; aber auch durch lineare K&uuml;rzung der Ausgaben jeder Beh&ouml;rde um 5 Prozent;<\/li>\n<li>bei den Personalkosten in den staatlichen Unternehmen, und zwar durch K&uuml;rzung der meisten Zulagen, aber auch durch K&uuml;ndigung von Zeitvertr&auml;gen und Personalumsetzungen;<\/li>\n<li>im Verteidigungshaushalt, insbesondere bei R&uuml;stungsprojekten;<\/li>\n<li>im Gesundheitswesen, vor allem bei den staatlichen Krankenh&auml;usern, u.a. durch Einsparungen bei den Arzneimittelkosten (dank zentraler Beschaffung und administrierter Preise) und Kontrolle der Krankenhausbudgets.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li><strong>Einnahmenseite:<\/strong> h&ouml;here Einnamen (gegen&uuml;ber 2010) von 7,8 Mrd. Euro:\n<ul>\n<li>durch Erh&ouml;hung der mittleren Mehrwertsteuer-Satzes ab Januar 2011 von 11 auf 13 Prozent und der niedrigsten MWS-Kategorie von 5,5 auf 6,5 Prozent (auch f&uuml;r einige Grundnahrungsmittel);<\/li>\n<li>Erh&ouml;hung der Tabaksteuer und ab Herbst 2011 der Heiz&ouml;lsteuer;<\/li>\n<li>Eintreiben von Strafgeldern bei Steuerhinterziehern und Steuers&auml;umigen, wie von Strafen f&uuml;r illegales Bauen;<\/li>\n<li>Verkauf von Immobilien im Staatsbesitz (z.B. 30 % der Kasernenanlagen),  Verpachtung von Flugh&auml;fen und H&auml;fen in der Provinz.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ol><p>Die h&ouml;chsten zus&auml;tzlichen Einnahmen sieht das Budget bei Strafgeldern (rund 1,6 Mrd. Euro) und Immobilienverk&auml;ufen (690 Mio. Euro) vor, die gr&ouml;&szlig;ten Einsparungen im Gesundheitswesens (2,1 Mrd.), bei den &ouml;ffentlichen Unternehmen (knapp 1 Mrd.) und im Verteidigungsetat (500 Mio.). <\/p><p>In diesem Haushaltsentwurf, der noch vor Weihnachten im Parlament verabschiedet werden soll, stecken allerdings diverse Risiken und Probleme. Das erste ist die Frage, ob die Zahlen realistisch sind. Hier gibt es begr&uuml;ndete Zweifel: Einige der gro&szlig;en Etatposten sind entweder nur Extrapolationen der Einnahmentrends von 2010 (Strafgelder) oder lediglich &uuml;ber den Daumen gepeilt (Erl&ouml;se aus Immobilienverk&auml;ufen). <\/p><p>Unsicher sind vor allem die Ans&auml;tze f&uuml;r die indirekten Steuereinnahmen, da diese ma&szlig;geblich von der Konjunkturentwicklung abh&auml;ngen. Die Erfahrung von 2010 muss hier skeptisch stimmen: In diesem Haushaltsjahr wurden fast alle erhofften Einnahmen aus erh&ouml;hten MWS-S&auml;tzen und Sondersteuern (auf Tabak, Alkohol und Benzin) durch Umsatzr&uuml;ckgange nahezu eliminiert. Die Folge ist, dass die Einnahmen des Fiskus Ende 2010 nur etwa ein Drittel der geplanten Ans&auml;tze erreichen werden. <\/p><p><strong>Die Rezession ist das entscheidende Problem<\/strong><\/p><p>Die Rezession ist das also das entscheidende Problem. <strong>Und ganz zweifellos hat das Sparprogramm ma&szlig;geblich dazu beigetragen, dass die Konjunktur im Lauf von 2010 noch st&auml;rker eingebrochen ist als die angenommenen 4,0 Prozent.<\/strong> Die Athener Regierung geht f&uuml;r das laufende Jahr von einem R&uuml;ckgang um 4,3 Prozent aus, die EU-Kommission bef&uuml;rchtet sogar ein Minuswachstum von 5 Prozent. Gravierender noch: Auch f&uuml;r 2011 muss nochmals mit einem Minus von mindestens 3,5 Prozent gerechnet werden, mit einer wachsenden Wirtschaft rechnet die Regierung fr&uuml;hestens Ende 2012; realistischer d&uuml;rfte 2013 sein. <\/p><p>Wegen des versch&auml;rften Sparprogramms wird das Jahr 2011 f&uuml;r die Gesellschaft eine noch h&auml;rtere Belastungsprobe als 2010. Das wird sich auch auf dem Arbeitsmarkt zeigen. Die Arbeitslosenrate liegt derzeit bei etwa 12.5 Prozent, Ende n&auml;chsten Jahres wird sie auf mindestens 15 Prozent steigen, das Arbeitsforschungsinstitut der Gewerkschaften prophezeit einen Anstieg auf 20 Prozent, mithin auf spanisches Niveau. Die steigende Arbeitslosigkeit und die drastische Minderung der Einkommen von Besch&auml;ftigten (im &ouml;ffentlichen wie im privaten Sektor) und Rentnern, die mit dem Sparprogrammen durchgesetzt wurde, bedeuten einen weiteren Kaufkraftentzug. Damit wird die &ouml;konomische Abw&auml;rtsspirale weiter angetrieben; die R&uuml;ckkehr zu positivem Wachstum r&uuml;ckt in noch weitere Ferne. <strong>Auf Wachstum aber ist das Land angewiesen, um langfristig seine Schulden bedienen zu k&ouml;nnen und die verlorene wirtschaftspolitische Souver&auml;nit&auml;t zur&uuml;ck zu gewinnen.<\/strong> <\/p><p><strong>Ein klassischer Fall von &bdquo;Totsparen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Wir haben es hier mit einem klassischen Fall von Totsparen zu tun: <strong>die K&uuml;rzungen verst&auml;rken die Rezession, das schw&auml;cht die staatlichen Einnahmen weiter, das zwingt zu neuen Ausgabenk&uuml;rzungen, die wiederum die Konjunktur schw&auml;chen usw.<\/strong> Hat die &bdquo;Troika&ldquo; diese fatale Abw&auml;rtsspirale nicht vorausgesehen, als sie den Griechen &ndash; als Preis f&uuml;r die 110 Milliarden-St&uuml;tze aus dem EFSF &ndash;  ein zeitlich derart gedr&auml;ngtes Sparprogramm abforderte?<\/p><p>Das ist g&auml;nzlich unwahrscheinlich, denn es gab gen&uuml;gend gewichtige Stimmen, die genau vor einer solchen Entwicklung gewarnt haben. Und zwar nicht nur aus dem akademischen Bereich, sondern auch vom Griechenland-Experten des IWF und von der OECD, die inzwischen offiziell konstatiert, dass das Sparprogramm die griechische Konjunktur vollends stranguliert hat. Die plausibelste Erkl&auml;rung ist, dass die Troika &ndash; und vor allem die Partner der Eurozone &ndash; den Griechen unter dem Schock der Athener Defizitzahlen eine <strong>Schocktheraphie<\/strong> verpassen wollten, um die &bdquo;die M&auml;rkte&ldquo; zu beruhigen und den Spekulationen gegen den Euro das Wasser abzugraben. <\/p><p>Das ist ziemlich schief gegangen, wie wir im R&uuml;ckblick wissen (der Anteil der Regierung Merkel an diesem Fiasko im Vorfeld der NRW-Wahlen vom Mai 2010 wurde auf diesen Seiten bereits er&ouml;rtert). Und zwar auch deshalb, weil &bdquo;die M&auml;rkte&ldquo; nie &uuml;berzeugt werden k&ouml;nnten, dass ein so hartes Anpassungsprogramm in einem derart knappen Zeithorizont umgesetzt werden kann. So sieht es auch der US-amerikanische &Ouml;konom Nouriel Roubini (in der <em>Kathimerini<\/em> vom 6. November), der darauf hinweist, dass eine h&ouml;here Produktivit&auml;t der griechischen Wirtschaft, die f&uuml;r ihn die unabdingbare Voraussetzung einer Konjunkturerholung ist, erst mittelfristig zu erwarten sei, also keinesfalls innerhalb der dreij&auml;hrigen Laufzeit des EFSF-Unterst&uuml;tzungsprogramms. <\/p><p>Unter dem verordneten Zeitdruck droht die <strong>Schock-Therapie<\/strong>, die den Griechen verschrieben wurde, zu einem <strong>Schock ohne Therapie<\/strong> zu werden. Die in der griechischen Gesellschaft verbreitete Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit r&uuml;hrt letzten Endes genau daher, dass die zugemuteten &ndash; und von vielen als unvermeidlich akzeptierten &ndash; Opfer mangels therapeutischer Perspektive als vergeblich wahrgenommen werden.<\/p><p><strong>Wie k&ouml;nnte die konjunkturelle &bdquo;Todesspirale&ldquo; gestoppt werden?<\/strong><\/p><p>Sollte das griechische Sparprogramm an seiner Kurzatmigkeit scheitern, w&uuml;rde die Bev&ouml;lkerung nicht nur die &bdquo;Strafe&ldquo; f&uuml;r die uns&auml;gliche Schuldenwirtschaft ihrer politischen Klasse zahlen, sondern auch daf&uuml;r, dass die griechische Krise der &ouml;ffentlichen Finanzen als erste ans Licht gekommen ist. So gesehen hat es eine gewisse Logik, dass sich im Gefolge der Irland-Krise ein Sinneswandel der Troika in Bezug auf den zeitlichen Horizont des griechischen Sparprogramms anbahnt. So jedenfalls wurde in Athen die &Auml;u&szlig;erung von EU-Kommissar Olli Rehn interpretiert, man denke dar&uuml;ber nach, ob die R&uuml;ckzahlungsfristen f&uuml;r die Kredite aus dem EFSF-Programm &ndash; wie f&uuml;r Irland &ndash; erheblich gestreckt werden k&ouml;nnten. Hier deutet sich eine Korrektur an, die dem griechischen Sparprogramm den n&ouml;tigen Zeithorizont konzedieren und die konjunkturelle &bdquo;Todesspirale&ldquo; stoppen k&ouml;nnte, vor der Joseph Stiglitz in Athen schon Anfang des Jahres gewarnt hat.  <\/p><p>Das hie&szlig;e aber auf keinen Fall, dass der Druck auf die Regierung Papandreou nachlassen wird. Im Gegenteil: Die Strenge der Auflagen f&uuml;r den Haushalt 2011 ist geradezu der Preis, der Athen von den Euro-Partnern f&uuml;r die l&auml;ngeren Kreditlaufzeiten abverlangt wird. Zudem ist der europ&auml;ischen &Ouml;ffentlichkeit &ndash; bzw. den nationalen &Ouml;ffentlichkeiten der Hauptgl&auml;ubigerl&auml;nder &ndash; eine verl&auml;ngerte Unterst&uuml;tzung Griechenlands und Irlands nur zu vermitteln, wenn die strengen Auflagen nicht gelockert werden.<br>\nDie Regierung Papandreou ist also nach wie vor zum Erfolg im Sinne des &bdquo;Memorandums&ldquo; verdammt. Dabei steht sie bei der Umsetzung ihres Sparprogramms im kommenden Jahre vor noch gr&ouml;&szlig;eren Problemen als 2010. Und das nicht nur angesichts des Widerstands in der Gesellschaft, der sich in Streikaktionen ebenso artikuliert wie in Verdrossenheit und Apathie. Das viel gr&ouml;&szlig;ere Problem ist, wie das f&uuml;r 2012 angestrebte Wirtschaftswachstum erreicht werden soll. Im Haushaltsentwurf f&uuml;r 2011 konnte die Regierung nur zwei Wachstumsakzente setzen, und die sind bislang nur Hoffnungszeichen: <\/p><ul>\n<li>Der Etatansatz f&uuml;r produktive Investitionen wurde immerhin nicht gek&uuml;rzt;<\/li>\n<li>F&uuml;r das Hotelgewerbe wurde der MWS-Satz gesenkt, um der Tourismus-Branche einen Wachstumsimpuls zu geben, der im zweiten Halbjahr eine konjunkturelle Trendwende einleiten soll.<\/li>\n<\/ul><p>Das gr&ouml;&szlig;te kurzfristige Problem, das die Regierung angehen muss, ist in jedem Fall die Verbesserung der staatlichen Einnahmen, vor allem aus direkten Steuern. Hier steht das Finanzministerium vor einer Aufgabe, deren Bew&auml;ltigung f&uuml;r die Abwendung des Staatsbankrotts entscheidend ist. Diese Aufgabe ist so komplex, dass sie in einem dritten Teil analysiert werden soll. Darin wird auch einigen Fragen nachgegangen, die sich f&uuml;r eine Bewertung der griechischen Krise aus dezidiert &bdquo;linker Sicht&ldquo; stellen. Es folgt also: <\/p><ul>\n<li>eine kritische Einsch&auml;tzung des &ouml;ffentlichen Sektors und seiner &bdquo;griechischen&ldquo; Besonderheiten;<\/li>\n<li>ein strenger Blick auf die griechische Gewerkschaftsbewegung, deren Forderungen und Aktionsformen nicht immer als &bdquo;gewerkschaftlich&ldquo; gelten k&ouml;nnen;<\/li>\n<li>eine Er&ouml;rterung der Frage, was die von den M&auml;rkten beschworene &bdquo;Umschuldung&ldquo; f&uuml;r Griechenland bedeuten w&uuml;rde, und ob sie eine &bdquo;fortschrittliche&ldquo; L&ouml;sung f&uuml;r die Probleme des Landes bringen k&ouml;nnte, wie einige &bdquo;linke&ldquo; Analysen suggerieren.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die neuen Berechnungen &uuml;ber das griechische Haushaltsdefizit f&uuml;r das Jahr 2009 waren in Br&uuml;ssel schon seit Monaten bekannt und wurden in der griechischen Presse seit September er&ouml;rtert. Dass die offizielle Zahl &ndash; 15,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts &ndash; erst am 15. November ver&ouml;ffentlich wurde, war kein Zufall: Die EU-Kommission wollte wohl der Regierung Papandreou die d&uuml;stere<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7613\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[139,22,173,20,156],"tags":[423,672,588,413,325,654],"class_list":["post-7613","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-euro-und-eurokrise","category-europaische-union","category-griechenland","category-landerberichte","category-schulden-sparen","tag-austeritaetspolitik","tag-esmefsf","tag-personalabbau","tag-schlanker-staat","tag-staatsschulden","tag-troika"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7613","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7613"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7613\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53144,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7613\/revisions\/53144"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7613"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7613"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7613"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}