{"id":76130,"date":"2021-09-17T11:30:00","date_gmt":"2021-09-17T09:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76130"},"modified":"2021-09-17T12:14:49","modified_gmt":"2021-09-17T10:14:49","slug":"linksruck-in-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76130","title":{"rendered":"Linksruck in Russland?"},"content":{"rendered":"<p>Die Duma-Wahlen am Wochenende in Russland verdienen mehr Aufmerksamkeit. Nach Umfragen verliert die regierende Partei Einiges Russland drastisch, w&auml;hrend vor allem die Kommunistische Partei (KPRF) zulegt. Entsprechend angespannt ist die Atmosph&auml;re kurz vor dem Wahlgang. Die Moscow Times titelte am 14. September als Zitat: &bdquo;Ein Linksruck ist unvermeidlich&ldquo;. Von <strong>Andrej Hunko<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAuch wenn die Rolle des Parlaments in Russland deutlich weniger bedeutend ist als etwa in Deutschland als parlamentarische Demokratie, k&ouml;nnen die kommenden Wahlen in die Staatsduma eine au&szlig;erordentliche innenpolitische Tragweite haben. Die im September 2021 gew&auml;hlten Abgeordneten werden die russische Legislative bis 2026 bestimmen. Genau in diesem Zeitraum, n&auml;mlich im Jahre 2024, wird die Wahlperiode von Pr&auml;sident Wladimir Putin enden. Ob er dann sein Amt verl&auml;sst oder wieder als Pr&auml;sident kandidiert (zu dem Zeitpunkt im Alter von 72 Jahren) ist noch unklar und Gegenstand von Spekulationen mancher Politologen. Die Verfassungs&auml;nderung von 2020 sieht diese M&ouml;glichkeit f&uuml;r ihn explizit vor, denn seine bisherigen Amtszeiten wurden annulliert. <\/p><p>Unabh&auml;ngig davon, ob Putin versucht, seine Amtszeit bis 2036 zu verl&auml;ngern, oder sich f&uuml;r einen ihm genehmen Nachfolger entscheidet, w&auml;re es f&uuml;r den Kreml auf alle F&auml;lle ung&uuml;nstig, in dieser Zeit ein renitentes Parlament mit einer oppositionellen Mehrheit zu bekommen. Mit ihrem offiziellen Status, mit parlamentarischen Instrumenten und der Abgeordnetenimmunit&auml;t k&ouml;nnten vor allem neue junge Politiker f&uuml;r den Kreml zu einer Herausforderung werden.<\/p><p><strong>Repression<\/strong><\/p><p>Dieser Sachverhalt erkl&auml;rt die angespannte Atmosph&auml;re vor den anstehenden Wahlen. Die liberale Opposition um Alexej Nawalny ist stark geschw&auml;cht, jedoch unter jungen unzufriedenen Menschen immer noch einflussreich: W&auml;hrend Nawalny selbst in der Strafkolonie in Pokrow sitzt, befindet sich der gr&ouml;&szlig;te Teil seines Teams im Exil. Unter Druck geraten sind allerdings nicht nur prowestlich orientierte Oppositionelle, sondern auch linke politische Kr&auml;fte in Russland. Exemplarisch etwa der von der KPRF unterst&uuml;tzte Agrarunternehmer Pawel Grudinin oder der Anf&uuml;hrer der &bdquo;Bewegung f&uuml;r den neuen Sozialismus&ldquo;, Nikolaj Platoschkin. Dasselbe gilt f&uuml;r den Koordinator der &bdquo;Linken Front&ldquo;, Sergej Udalzow, den Blogger Nikolaj Bondarenko (KPRF) oder den ehemaligen Gouverneur der Region Irkutsk, Sergej Lewtschenko (ebenfalls KPRF). Auch der Ausschluss und die weit verbreitete administrative Schikane gegen viele Kandidaten deuten auf eine Nervosit&auml;t in der von der Regierungspartei dominierten staatlichen Verwaltung hin.<\/p><p><strong>Smart voting<\/strong><\/p><p>Das repressive Verhalten russischer Beh&ouml;rden gegen&uuml;ber der Opposition von so unterschiedlicher Couleur scheint diese zu motivieren, im Kampf gegen die Regierungspartei nach Zweckb&uuml;ndnissen zu suchen. So unterst&uuml;tzt das Nawalny-Team &ndash; sicherlich z&auml;hneknirschend &ndash; durch ihr &bdquo;Smart Voting&ldquo; auch und vor allem die aussichtsreichsten KPRF-Kandidaten gegen die Regierungspartei. Das Kalk&uuml;l: Wenn es gelingt, dass in gr&ouml;&szlig;erer Zahl Kandidaten der Opposition gegen das Regierungslager gewinnen, w&uuml;rde das die Position Putins deutlich schw&auml;chen. Dies auch, obwohl das Nawalny-Team Parteien wie die KPRF, &bdquo;Gerechtes Russland&ldquo; und LDPR als &bdquo;Systemopposition&ldquo; sieht.<\/p><p>Von den 225 Direktmandaten unterst&uuml;tzen die Nawalny-Anh&auml;nger 137 der KPRF, 48 der eher sozialdemokratisch orientierten Partei &bdquo;Gerechtes Russland-Patrioten-F&uuml;r Wahrheit&ldquo;, 20 der geschw&auml;chten rechtspopulistischen LDPR von Schirinowski und nur 10 Kandidaten der prowestlich-liberalen Partei Jabloko. Die Parteistimmen sollen laut Nawalny-Aufruf an die drei parlamentarisch vertretenen Parteien KPRF, GR und LPDR gehen, die als Einzige aussichtsreich die 5%-H&uuml;rde &uuml;berspringen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Soziale Frage<\/strong><\/p><p>Der drastische Popularit&auml;tsr&uuml;ckgang der konservativen Regierungspartei Einiges Russland, vergleichbar etwa mit dem hiesigen Absturz der CDU\/CSU, ist vor allem auf soziale Fragen zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, die die &ouml;ffentliche Debatte dominieren: Die Rentenreform, der Umgang mit der Pandemie und ihre Folgen, Rezession, sinkende Reall&ouml;hne, steigende Preise, Waldbr&auml;nde etc. haben das Vertrauen in die Partei der russischen Nomenklatura stark geschw&auml;cht. Laut dem staatlichen Meinungsforschungszentrum WZIOM <a href=\"https:\/\/wciom.ru\/analytical-reviews\/analiticheskii-obzor\/politicheskie-rejtingi\">betrugen<\/a> die Zustimmungswerte von Einiges Russland am 6. August nur noch 27,8%. Zum Vergleich: Mitte Dezember 2016 waren es noch 46,9%. <\/p><p>In diesem Kontext bietet sich f&uuml;r die russische Linke mit ihren traditionellen Themen wie soziale Gerechtigkeit oder Armutsbek&auml;mpfung eine besondere Chance, bei diesen Parlamentswahlen ein gutes Resultat zu erringen. Hier insbesondere die KPRF, die nach j&uuml;ngsten Umfragen auf mehr als 20% Unterst&uuml;tzung hoffen darf, verglichen mit 13,3% bei den letzten Wahlen 2016.<\/p><p><strong>Alles Systemopposition?<\/strong><\/p><p>In Deutschland wird die KPRF, ebenso wie die anderen im Parlament vertretenen Parteien, meist nur als &bdquo;Systemopposition&ldquo;, also als Kreml-loyal, gesehen und entsprechend ignoriert. Dass die Wirklichkeit etwas komplexer ist, zeigt nicht nur die Repression, der ihre Kandidatinnen und Kandidaten ausgesetzt sind. Die gro&szlig;en Proteste gegen die Rentenk&uuml;rzungen wurden ma&szlig;geblich von der KPRF organisiert. Bei den Listenaufstellungen konnten sich auch junge und unabh&auml;ngige Kandidat\/innen durchsetzen, die nicht viel mit der in der Partei verbreiteten Sowjetnostalgie zu tun haben. Von den vier im Parlament in Fraktionsst&auml;rke vertretenen Parteien ist die KPRF zweifellos die unbequemste.<\/p><p><strong>Wahlmanipulationen?<\/strong><\/p><p>Russland ist nicht Belarus. Die M&ouml;glichkeiten zur Manipulation der Wahlen in Russland sind trotz autorit&auml;rer Entwicklungen in den letzten Jahren erheblich eingeschr&auml;nkter als die in Belarus. Aber sie existieren. Neben der Nicht-Zulassung prominenter Kandidaten wie Grudinin und eines enger werdenden Mediendiskurses bietet insbesondere der mit der Pandemie begr&uuml;ndete dreit&auml;gige Wahlzeitraum (von Freitag bis Sonntag) und das vor allem in Moskau eingef&uuml;hrte elektronische W&auml;hlen Raum f&uuml;r direkte Manipulationen. Gleichwohl sind, im Unterschied etwa zu Belarus, in den meisten lokalen Wahlkomitees Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Parteien anwesend und k&ouml;nnen auch lokale Wahlbeobachter schicken.<\/p><p><strong>Internationale Wahlbeobachter<\/strong><\/p><p>Traditionell laden die russischen Beh&ouml;rden internationale Wahlbeobachtungsmissionen, etwa der Organisation f&uuml;r Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und des Europarats, aber auch anderer internationaler Organisationen, ein. Mit Verweis auf Corona hatte die Zentrale Wahlkommission jedoch die Zahl ausl&auml;ndischer Beobachter\/innen auf insgesamt 300 beschr&auml;nkt und die der OSZE auf 60. Das h&auml;tte etwa der Gr&ouml;&szlig;enordnung der OSZE-Wahlbeobachtungsmission bei den Pr&auml;sidentschaftswahlen in den USA entsprochen, die ebenfalls Corona-bedingt eingeschr&auml;nkt war. Die OSZE wollte jedoch 500 Beobachterinnen und Beobachter schicken und sagte deshalb ihre Wahlbeobachtung am 4. August vollst&auml;ndig ab. Das ist bedauerlich, entspricht aber den Statuten der OSZE, demnach die Anzahl ausschlie&szlig;lich von der OSZE festgelegt wird. Der Europarat wiederum hat daraufhin entschieden, nur eine kleine Delegation mit einem Vertreter aus allen Fraktionen zu schicken, die nicht den Anspruch erhebt, eine vollst&auml;ndige Wahlbeobachtungsmission zu sein.<\/p><p>Dieser weitgehende Verzicht der beiden internationalen Organisationen, die noch am neutralsten gelten k&ouml;nnen, auf eine ernsthafte Wahlbeobachtung ist au&szlig;erordentlich bedauerlich, erleichtert er doch m&ouml;gliche Manipulationen oder Unregelm&auml;&szlig;igkeiten. Es ist vielfach erwiesen, dass die Pr&auml;senz internationaler Wahlbeobachtungsmissionen einen signifikant positiven Effekt auf Wahlen hat.<\/p><p><strong>Anerkennung der Wahl?<\/strong><\/p><p>Schon jetzt werden Stimmen laut, etwa im EU-Parlament, die fordern, nicht nur m&ouml;gliche Manipulationen oder Repressionen zu kritisieren, sondern auch die gesamte Parlamentswahl nicht anzuerkennen und den gew&auml;hlten russischen Abgeordneten, damit auch denen der Opposition, die Teilnahme an internationalen Organisationen wie dem Europarat zu verwehren, sollte Betrug festgestellt werden. Die Frage ist nur, wer dann &bdquo;Betrug&ldquo; definiert, wenn keine international anerkannten unabh&auml;ngigen Wahlbeobachter im Land sind. Ein solches Vorgehen in Richtung weiterer Isolierung w&uuml;rde zweifellos die autorit&auml;ren Entwicklungen in Russland beschleunigen.<\/p><p>Dieser Text wird auch auf der Seite <a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\">diefreiheitsliebe.de<\/a> publiziert. <\/p><p>Titelbild: Alexey Borodin \/ Shutterstock<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75674\">Duma-Wahlen in Russland &ndash; Der Kreml warnt vor westlicher Einmischung und f&uuml;hrt zus&auml;tzliche Kontrollen ein<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74658\">Ehemaliger russischer Diplomat Platoschkin &uuml;ber russische und deutsche Linke<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69118\">Was die Bundesregierung zu Repressionen gegen russische Linke sagt<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61897\">Der Ton zwischen dem Kreml und der russischen Linken wird rau<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Duma-Wahlen am Wochenende in Russland verdienen mehr Aufmerksamkeit. Nach Umfragen verliert die regierende Partei Einiges Russland drastisch, w&auml;hrend vor allem die Kommunistische Partei (KPRF) zulegt. Entsprechend angespannt ist die Atmosph&auml;re kurz vor dem Wahlgang. Die Moscow Times titelte am 14. September als Zitat: &bdquo;Ein Linksruck ist unvermeidlich&ldquo;. 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