{"id":76186,"date":"2021-09-20T09:00:35","date_gmt":"2021-09-20T07:00:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76186"},"modified":"2021-09-20T09:59:28","modified_gmt":"2021-09-20T07:59:28","slug":"kinder-als-sprachrohr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76186","title":{"rendered":"Kinder als Sprachrohr?"},"content":{"rendered":"<p>Die Idee, Kinder daf&uuml;r einzuspannen, politische Ziele zu erreichen, ist nicht neu. Schon vor bald 200 Jahren lie&szlig; Hans Christian Andersen in seinem M&auml;rchen &bdquo;Des Kaisers neue Kleider&ldquo; ein Kind aussprechen, was kein Erwachsener zu sagen wagte, dass der Kaiser n&auml;mlich nackt sei. Allerdings kommt im M&auml;rchen das Kind ganz allein auf die Idee, seiner Verwunderung laut Ausdruck zu geben, und dass alle davon erfahren, dazu brauchte es keine Medien, weil die Begegnung des nackten Kaisers mit Volk und Kind in aller &Ouml;ffentlichkeit auf der Stra&szlig;e stattfand. Das ist heute anders. Von <strong>J&ouml;rg Phil Friedrich<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4268\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-76186-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210920-Kinder-als-Sprachrohr-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210920-Kinder-als-Sprachrohr-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210920-Kinder-als-Sprachrohr-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210920-Kinder-als-Sprachrohr-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=76186-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210920-Kinder-als-Sprachrohr-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210920-Kinder-als-Sprachrohr-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der verwunderte Ausruf des Kindes war keine politische Aussage, und auch heute neigen Kinder nur selten dazu, sich aus freien St&uuml;cken mit politischen Anliegen oder Forderungen in die &Ouml;ffentlichkeit zu begeben. Aber dass die &Auml;u&szlig;erung von Kindern im politischen Raum einen besonderen Effekt hat, das haben die Leute, die gern politisch Einfluss nehmen, die gesellschaftlich &bdquo;etwas bewegen wollen&ldquo;, von Andersen gelernt. Also muss man sie anstiften, das zu sagen, was aus dem Mund eines Kindes irgendwie origineller, ber&uuml;hrender, wirkungsvoller klingt, als wenn es ein politischer Kommentator, eine Journalistin, eine Interviewerin oder ein Philosoph sagt. Wer, wie der Autor dieses Textes, in der DDR aufgewachsen ist, wei&szlig;, dass man dieses Mittel dort schon kannte, es war nat&uuml;rlich kein Instrument des kritischen Journalismus, sondern eines der herrschenden Partei. In der Schule malten wir Gru&szlig;karten f&uuml;r Luis Corvalan und f&uuml;r Angela Davis, die, wie wir von der Lehrerin erfuhren, von den Imperialisten eingesperrt worden waren, weil sie f&uuml;r Frieden, Freiheit und Sozialismus k&auml;mpften. Die Vorlagen f&uuml;r die Karten konnten wir sicherheitshalber aus der Zeitung ausschneiden, die Texte wurden mit der Lehrerin besprochen, bevor sie aufgeschrieben wurden.<\/p><p><strong>Textbausteine gegen die &bdquo;Zukunftsangst&ldquo;<\/strong><\/p><p>In den letzten Wochen haben politische Aktivisten und Journalisten die Idee f&uuml;r sich entdeckt, Kinder f&uuml;r ihre Anliegen einzuspannen. Das w&uuml;rden sie nat&uuml;rlich bestreiten. Die Initiatoren von <a href=\"https:\/\/www.enkelkinderbriefe.de\/\">enkelkinderbriefe.de<\/a> etwa sind sicher, dass es nicht ihre Anliegen, sondern nat&uuml;rlich die der Kinder sind, um die es geht. Deshalb wenden sie sich in einem Video an Kinder, um sie davon zu &uuml;berzeugen, den Gro&szlig;eltern Briefe zu schreiben, damit diese wiederum ihre Wahlentscheidung so treffen, dass dabei das Beste f&uuml;r die Zukunft der Kinder herauskommt.<\/p><p>Sicherlich freut sich jede Oma und jeder Opa &uuml;ber Post von den Enkeln. Ich selbst habe schon Ansichtskarten von meiner Enkelin erhalten, auf denen sie mit etwas ungelenken Druckbuchstaben aus dem Urlaub gr&uuml;&szlig;t. Wenn ich von ihr eine solche Karte erhalten w&uuml;rde, auf der sie mir mit wenigen Worten von ihrer Zukunftsangst berichten w&uuml;rde, w&uuml;rde mich das sehr beeindrucken.<\/p><p>Allerdings sp&uuml;re ich im Umgang mit jungen Menschen wenig Zukunftsangst. Die meisten von ihnen genie&szlig;en die fragw&uuml;rdigen Segnungen der Globalisierung, wenn sie in ihren schicken Fast-Fashion-Klamotten, mobil jederzeit mit den Freunden verbunden, auf E-Scootern geschickt durch die Fu&szlig;g&auml;ngerzone gleiten. Ich muss das nicht m&ouml;gen, um es ihnen dennoch zu g&ouml;nnen. Allerdings w&uuml;rde ich gern mal mit ihnen dar&uuml;ber reden, welches &ouml;konomische System sie damit am Leben halten und dass dieses &ouml;konomische System es ist, das den Klimawandel zur Gefahr macht.<\/p><p>Aber damit die Kommunikation nicht zu komplex wird und vielleicht gar an den wirklichen Ursachen drohender Katastrophen r&uuml;hrt, haben die Macher der Enkelbriefe-Initiative die Sache einfach gemacht. Die Enkel sollen sich nicht selbst &uuml;berlegen, was sie ihren Gro&szlig;eltern gern zum Thema Klimawandel sagen wollen, sie d&uuml;rfen sich ein paar Textbausteine auf der Webseite zusammenklicken, daraus entsteht dann eine &bdquo;pers&ouml;nliche E-Mail&ldquo;, die sie schnell an die Gro&szlig;eltern verschicken k&ouml;nnen. Das nennt man wohl niederschwellig.<\/p><p>Es kann dahingestellt bleiben, ob die Einsch&auml;tzungen und Ziele der Aktivisten zutreffend sind. Stutzig machen k&ouml;nnte die Initiatoren, dass sie selbst eigentlich nicht mehr die J&uuml;ngsten sind und der Gro&szlig;elterngeneration eigentlich n&auml;her stehen als den Kindern: Die ersten vier Protagonisten des Werbevideos, Joko Winterscheid (42), Jan Delay (45), Pheline Roggan (40) und Annette Frier (47), werden in sp&auml;testens zehn Jahren selbst zur Gro&szlig;eltern-Generation geh&ouml;ren. Warum glauben sie, dass sie selbst sich mehr Sorgen um die Kinder und deren Zukunft machen als andere in ihrer Generation?<\/p><p>Bedenklich ist aber vor allem, dass hier der Versuch unternommen wird, Kinder f&uuml;r eigene Ziele einzuspannen, indem man ihnen einredet, die eigenen Gro&szlig;eltern w&uuml;rden sich f&uuml;r die Sorgen ihrer Enkel sonst nicht interessieren. Damit wird ein Generationenkonflikt konstruiert und Kindern eingeredet, dessen tats&auml;chliche Existenz sehr fragw&uuml;rdig ist. Vor allem aber wird von den politischen und &ouml;konomischen Mechanismen abgelenkt, die das Klimaproblem weiter versch&auml;rfen und deren Teil die Kinder selbst l&auml;ngst sind. Das Kreuz auf dem Wahlzettel als Entlastungstat befreit von weitergehender politischer Aktion und von radikalem &Uuml;berdenken unseres &ouml;konomischen Systems, der damit verbundenen Anreizstrukturen und letztlich der Bereitschaft der Konsumenten, dieses System weiter zu st&uuml;tzen. Dieser Ablasshandel wird nun erg&auml;nzt durch Textbaustein-Ablassbriefe, erdacht von Erwachsenen, die sie Kindern unterschieben, um sich selbst als Klimaaktivisten im Spiegel ansehen zu k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Eingespannte Kinderreporter<\/strong><\/p><p>Die zweite Form der Instrumentalisierung von Kindern im politischen Kampf greift die Andersen-Idee noch unmittelbarer auf &ndash; das so genannte Kinderreporter-Interview. Es ist in den letzten Tagen bereits viel &uuml;ber den manipulativen Charakter dieses Formats geschrieben und gesagt worden. Jedem, der sich ein solches &bdquo;Interview&ldquo; einmal angesehen hat, d&uuml;rfte klar sein, dass hier Kinder f&uuml;r die Zwecke von Erwachsenen in hochgradig manipulativer Form missbraucht werden. <\/p><p>Besonders verwerflich ist dabei, dass offenbar niemand in den Redaktionen dar&uuml;ber nachdenkt, welchen langfristigen Schaden diese Interviews vor allem bei den Kindern selbst anrichten. Mag sein, dass sie sich gerade als Star, als Prominente f&uuml;hlen. Wenn sie aber wirklich, wie sie in den Interviews vorgeben, so eifrige Medien-Konsumenten sind, wird ihnen schon in diesen Tagen auch die Kritik an dem, was da mit ihnen gemacht wird, nicht entgehen. Wer begleitet diese Kinder dabei? Sp&auml;testens aus der Distanz einiger Jahre wird der einen oder dem anderen dieser Kinder aufgehen, welches Spiel da mit ihnen gespielt wurde. Entweder werden sie darunter leiden oder sie werden zu der Ansicht kommen, dass Manipulation von Anderen nun einmal wesentlicher Bestandteil des Journalismus ist. Wir sollten uns jetzt schon vor dem Moment sorgen, in dem eine Kinderreporterin von heute zur Moderatorin der Tagesschau wird.<\/p><p>Kinder haben politische Interessen und sind von Politik betroffen. Das gilt f&uuml;r ihre gegenw&auml;rtige Situation, etwa, wenn es um die Schul-Pandemiepolitik geht, genauso wie f&uuml;r ihre Zukunft, f&uuml;r die heute Entscheidungen getroffen werden. Es ist eine gute Idee, diese Generation in den Medien zu Wort kommen zu lassen und sie in den politischen Dialog gleichberechtigt einzubeziehen. Wir sollten mit ihnen sprechen, erkl&auml;ren und zuh&ouml;ren, sie ernst nehmen und sie darin unterst&uuml;tzen, ihre eigene gesellschaftliche, politische und &ouml;konomische Situation zu verstehen. Das Ergebnis geh&ouml;rt in die &Ouml;ffentlichkeit. Aber jede Form von Instrumentalisierung, wie sie sich gerade auszubreiten beginnt, ist letztlich Missbrauch und sollte so schnell wie m&ouml;glich zum Tabu erkl&auml;rt werden.<\/p><p>Titelbild: KanKhem<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Idee, Kinder daf&uuml;r einzuspannen, politische Ziele zu erreichen, ist nicht neu. Schon vor bald 200 Jahren lie&szlig; Hans Christian Andersen in seinem M&auml;rchen &bdquo;Des Kaisers neue Kleider&ldquo; ein Kind aussprechen, was kein Erwachsener zu sagen wagte, dass der Kaiser n&auml;mlich nackt sei. Allerdings kommt im M&auml;rchen das Kind ganz allein auf die Idee, seiner<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76186\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":76187,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,11,190],"tags":[],"class_list":["post-76186","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-strategien-der-meinungsmache","category-wahlen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/shutterstock_1856897089.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76186","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=76186"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76186\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":76197,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76186\/revisions\/76197"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/76187"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=76186"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=76186"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=76186"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}