{"id":76205,"date":"2021-09-20T13:18:02","date_gmt":"2021-09-20T11:18:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76205"},"modified":"2021-09-20T13:40:54","modified_gmt":"2021-09-20T11:40:54","slug":"die-offenen-adern-lateinamerikas-die-50-jahre-eines-literarischen-meilensteins-historischer-aufklaerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76205","title":{"rendered":"Die offenen Adern Lateinamerikas \u2013 Die 50 Jahre eines literarischen Meilensteins historischer Aufkl\u00e4rung"},"content":{"rendered":"<p>Seit April 2021 zelebrieren Verlage, Universit&auml;ten und Medien mehrerer L&auml;nder das 50. Jahresjubil&auml;um der Erstausgabe eines Buches, das sich &uuml;ber zwei Generationen hinweg nach wie vor eines massiven Leser-Interesses erfreut. Sein Titel: <a href=\"https:\/\/www.peter-hammer-verlag.de\/buchdetails\/die-offenen-adern-lateinamerikas-broschierte-ausgabe\">&bdquo;Die offenen Adern Lateinamerikas&ldquo;<\/a> vom uruguayischen Schriftsteller und Publizisten Eduardo Galeano. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich habe &bdquo;Die offenen Adern Lateinamerikas&ldquo; geschrieben, um die Ideen anderer und meine eigenen Erfahrungen zu verbreiten, die mit realistischem Ma&szlig;stab vielleicht ein wenig helfen, die Fragen zu kl&auml;ren, die uns immer verfolgt haben: Ist Lateinamerika eine Weltregion, die zu Dem&uuml;tigung und Armut verdammt ist? Von wem verurteilt? Ist es Gottes Schuld, etwa Schuld der Natur? Ist das Ungl&uuml;ck nicht ein Produkt der Geschichte, das von Menschen gemacht wurde und das von Menschen daher r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht werden kann? Dieses Buch wurde mit der Absicht geschrieben, bestimmte Umst&auml;nde zu enth&uuml;llen, die die offizielle Geschichtsschreibung &ndash; die von den Siegern erz&auml;hlte Geschichte &ndash; verbirgt oder dar&uuml;ber l&uuml;gt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dies schrieb der gerade 31-j&auml;hrige Galeano im Vorwort zur Erstausgabe des mexikanischen Verlags <em>Siglo XXI<\/em> im April 1971. Mit einem ironischen Nadelstich warnte er auch vor der von ihm gew&auml;hlten Form: &bdquo;Mir ist bewusst, dass es f&uuml;r dieses Handbuch der Popularisierung ein Sakrileg sein k&ouml;nnte, Politische &Ouml;konomie im Stil einer Liebesgeschichte oder eines Seer&auml;uber-Romans zu behandeln.&ldquo; Diese Irreverenz, sollte man meinen, mag allerdings der Schl&uuml;ssel zum Verst&auml;ndnis der Faszination sein, die der Text bei Millionen Lesern mehrerer Generationen ausl&ouml;ste.<\/p><p>Eduardo Hughes Galeano &ndash; mit dem ich seit Ende der 1970er Jahre bekannt war und das seltene Privileg genoss, h&auml;ufigen E-Mail-Austausch &uuml;ber vielfache Themen mit ihm zu betreiben &ndash; starb im April 2015 im Alter von 74 Jahren als <a href=\"https:\/\/www.lovelybooks.de\/autor\/Eduardo-Galeano\/\">Autor eines kolossalen literarischen Nachlasses<\/a>. Es sind 45 B&uuml;cher, das letzte davon, &bdquo;Cazador de Hist&oacute;rias&ldquo;, erschien posthum im Jahr 2016, respektive 2018 in der deutschen Fassung <a href=\"https:\/\/www.peter-hammer-verlag.de\/buchdetails\/geschichtenjaeger\">&bdquo;Geschichtenj&auml;ger&ldquo;<\/a> im Peter Hammer Verlag, im gleichen Wuppertaler Verlag also, der mit der deutschen Fassung von &bdquo;Die offenen Adern Lateinamerikas&ldquo; seit Anfang der 1970er Jahre Galeano die editorische Treue hielt.<\/p><p><strong>Lebensstationen eines Utopisten, der den Stimmen des Lebens lauschte<\/strong><\/p><p>Es war im Oktober 1976, als ich, Student der Publizistik an der FU Berlin, zum ersten Mal mit Eduardo Galeano anl&auml;sslich der Frankfurter Buchmesse zusammentraf. Als Dritter im Bunde beteiligte sich ein damaliger argentinischer Freund an unserer n&auml;chtlichen Zeche in Galeanos Hotelzimmer, wo er uns mit nahezu dramaturgischer Akribie seine Flucht ins spanische Exil beschrieb, nachdem im M&auml;rz 1976 das argentinische Milit&auml;r die damalige peronistische Regierung von der Macht geputscht hatte.<\/p><p>Galeanos journalistische Karriere hatte in den fr&uuml;hen 1960er Jahren als Chefredakteur der einflussreichen uruguayischen Wochenzeitschrift Marcha begonnen, zu deren bereits prominenten Mitarbeitern die Schriftsteller Mario Vargas Llosa, Mario Benedetti und Adolfo Gilly, ferner die Musiker und K&uuml;nstler Alfredo Zitarrosa, Manuel Maldonado und die Br&uuml;der Denis und Roberto Fern&aacute;ndez Retamar z&auml;hlten. Zwischen 1964 und 1966 leitete Galeano zwei Jahre lang die unabh&auml;ngige linke Zeitung &Eacute;poca. Von 1964 bis 1973 gelang ihm innerhalb von neun Jahren die Ver&ouml;ffentlichung von sieben B&uuml;chern, darunter das 1968 erschienene und der Vorzugs-Sportart des Autors gewidmete &bdquo;Su majestad el f&uacute;tbol&ldquo; (frei &uuml;bersetzt: &bdquo;Ihre Majest&auml;t, der Fu&szlig;ball&ldquo;). Ein Thema, dass Galeano zum zweiten Mal in seiner 1995 auch auf Deutsch erschienenen und 2012 von der ARD als <a href=\"https:\/\/hoerspiele.dra.de\/vollinfo.php?dukey=1444184&amp;SID\">H&ouml;rspiel &bdquo;Der Ball ist rund und Tore lauern &uuml;berall&ldquo;<\/a> bearbeiteten Sammlung von begeisternden, jedoch auch bei&szlig;enden Fu&szlig;ball-Chroniken <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Ball-rund-Tore-lauern-%C3%BCberall\/dp\/3872947656\">&bdquo;Der Ball ist rund und Tore lauern &uuml;berall&ldquo; (Taschenbuch &ndash; Amazon)<\/a> (Originaltitel &bdquo;El f&uacute;tbol a sol y sombra&ldquo;) wieder aufgriff und sozusagen polit&ouml;konomisch behandelte. Aus seiner Leidenschaft f&uuml;r auserlesene Fu&szlig;ball-Asse machte der Autor niemals einen Hehl. Maradona erhielt von ihm die W&uuml;rdigung, &bdquo;Die G&ouml;tter gehen niemals in Rente, egal wie menschlich sie sind&ldquo;.<\/p><p>Doch zur&uuml;ck zur unterhaltsamen und durchzechten Nacht im Frankfurter Hotelzimmer. Mit schwarzem Humor legte Galeano Wert auf seine &bdquo;Exil-Pr&uuml;fung&ldquo;, schlie&szlig;lich war er drei Jahre zuvor nach dem 1973er Milit&auml;rputsch in Uruguay schon von Montevideo ins argentinische Buenos Aires gefl&uuml;chtet, wo er drei Jahre lang die legend&auml;re Kultur-Zeitschrift Crisis herausgab, die mehr als vierzig Jahre sp&auml;ter von Bewunderern Galeanos und Kollegen in Argentinien <a href=\"https:\/\/revistacrisis.com.ar\/\">als Online-Publikation wieder angeboten<\/a> wird. In ihrem letzten Erscheinungsjahr hatte die Redaktion mehrfache Attentats- und Morddrohungen erhalten und einige ihrer renommierten Herausgeber und Mitarbeiter wurden entweder von der Milit&auml;rdiktatur verhaftet, gingen ins Exil oder gelten bis zum heutigen Datum als verschwundene Mordopfer; darunter die Journalisten, Dichter und Romanautoren Francisco &bdquo;Paco&ldquo; Urondo, Rodolfo Walsh, Haroldo Conti, Roberto Santoro, Miguel &Aacute;ngel Bustos und Raymundo Gleizer. Crisis musste eingestellt werden, ihr Sammel-Archiv ging nach Galeanos Beschreibung als Farce von Joseph Goebbels&lsquo; inszenierten B&uuml;cherverbrennungen in gro&szlig;en Mengen vor dem Redaktionsgeb&auml;ude in Buenos Aires als &bdquo;kommunistisches Machwerk&ldquo; in den Flammen der Putschisten auf.<\/p><p>Im spanischen Exil setzte sich Galeano an sein neues Projekt, oft als sein Meisterwerk definiert, n&auml;mlich die zwischen 1982 und 1986 geschriebene Trilogie &bdquo;Memoria del fuego&ldquo;, beim Peter Hammer Verlag unter dem Titel <a href=\"https:\/\/www.peter-hammer-verlag.de\/buchdetails\/erinnerung-an-das-feuer\">&bdquo;Erinnerung an das Feuer&ldquo;<\/a> erschienen. In Madrid wohnhaft, verbrachte er hin und wieder einige Zeit in Stockholm als Jurymitglied des internationalen Afghanistan-Tribunals &uuml;ber den Krieg der Taliban gegen die Sowjetunion und erinnerte sich ironisch an die Aussage eines hochrangigen afghanischen Mullahs, der in einer der Tribunal-Sitzungen seufzte: &bdquo;Die Kommunisten haben unsere T&ouml;chter entehrt! Ihnen wurde Lesen und Schreiben beigebracht!&ldquo;.<\/p><p>Nach dem Zusammenbruch der uruguayischen Diktatur kehrte Galeano Anfang 1985 nach Montevideo zur&uuml;ck und gr&uuml;ndete noch im selben Jahr zusammen mit dem befreundeten Schriftsteller und Dichter Mario Benedetti, Hugo Alfaro und anderen Journalisten und Schriftstellern die Wochenzeitung <a href=\"https:\/\/brecha.com.uy\/\"><em>Brecha<\/em><\/a>, deren Beirat er bis zu seinem Tod angeh&ouml;rte. Im Jahr 2004 unterst&uuml;tzte Galeano das linke Wahlb&uuml;ndnis Frente Amplio, dessen siegreicher Pr&auml;sidentschafts-Kandidat Tabar&eacute; V&aacute;zquez Uruguay zum Wohlfahrtsstaat wiedererweckte; ein Programm, das sein Nachfolger Jos&eacute; <em>Pepe<\/em> Mujica mit viel Mut und asketischer Hingabe vertiefte und ausweitete. Im Jahr 2005 trat Galeano mit linken Intellektuellen wie Tariq Ali und Adolfo P&eacute;rez Esquivel dem Beirat des damals im venezolanischen Caracas eingeweihten Fernsehsenders <em>TeleSUR<\/em> bei und schrieb regelm&auml;&szlig;ig als Kolumnist f&uuml;r die progressiv ausgerichtete mexikanische Zeitung <em>La Jornada<\/em>.<\/p><p>Eduardo Galeano war Preistr&auml;ger mehrerer internationaler Verdienst-Medaillen &ndash; darunter des Madrider Zirkels der Sch&ouml;nen K&uuml;nste (2009) &ndash; dreifacher Tr&auml;ger des internationalen kubanischen Literaturpreises Casa de las Am&eacute;ricas (1975, 1978 und 2011), des American Book Award (1989), des Preises f&uuml;r Kulturelle Freiheit der US-amerikanischen Lana-Foundation (1999), des schwedischen Stig-Dagerman-Preises (2010), des Alba-Literaturpreises (2013) und Ehrendoktor von mindestens sieben lateinamerikanischen Universit&auml;ten.<\/p><p><strong>Das Jubil&auml;um eines linken Buch-Klassikers<\/strong><\/p><p>Die Ver&ouml;ffentlichung von &bdquo;Die offenen Adern Lateinamerikas&ldquo; fiel in eine Zeit, die von sozialen, politischen und ideologischen Auseinandersetzungen in Lateinamerika, aber auch vom globalen Kalten Krieg gepr&auml;gt war. Wegen des Buches wurde Galeano rasch zur Zielscheibe von Milit&auml;rdiktaturen, es wurde von den Putschisten Uruguays, Argentiniens und Chiles verboten und Galeano vor&uuml;bergehend in Uruguay inhaftiert. Nicht wenige Kulturschaffende und Politikwissenschaftler betrachten &bdquo;Die offenen Adern Lateinamerikas&ldquo; als die &bdquo;lateinamerikanische Bibel&ldquo; der historischen Neuinterpretation des Kontinents.<\/p><p>Nach eigenen Angaben Galeanos nahm die Recherche &ndash; mit Archivdurchforstung, Lekt&uuml;ren und Auswertungen &ndash; vier Jahre in Anspruch, doch brauchte er nicht mehr als &bdquo;90 von Kaffee unterst&uuml;tzte N&auml;chte&ldquo;, um das Buch niederzuschreiben. Seiner Arbeitsmethode gelang es, die herrschende offizielle Geschichtsschreibung, die chiffrierte Sprache von Historikern, &Ouml;konomen oder Soziologen auseinanderzunehmen. Es sind Geschichten, die vor allem den LateinamerikanerInnen vorf&uuml;hren sollen, welche Figuren und Interessen ihr Land Jahrhunderte lang okkupierten, ihre Vorfahren ermordeten, jedoch sie auch zum Nachdenken &uuml;ber empfindliche Fragen anregen sollen, wie &bdquo;Was haben wir getan, um diese schmerzlichen Sch&auml;den zu lindern und zu bek&auml;mpfen?&ldquo; oder &bdquo;Was k&ouml;nnen wir tun, um in der Zukunft besser dazustehen?&ldquo;. Ergreifend und von Episode zu Episode &auml;u&szlig;erst anschaulich erz&auml;hlt, offenbart sich das Buch im Laufe der Lekt&uuml;re als eine Art Wegweiser der Selbstfindung.<\/p><p>Die Struktur des Textes ist alles andere als langweilig. Sie besteht aus einer langen Einleitung mit dem Titel &bdquo;Hundertzwanzig Millionen Kinder im Mittelpunkt des Gewitters&ldquo; und zwei Leitkapiteln. Das erste tr&auml;gt den Zwischentitel &bdquo;Die Armut des Menschen als Ergebnis des Reichtums der Erde&ldquo;, das zweite die ironische Anspielung &bdquo;Entwicklung ist eine Reise mit mehr Schiffbr&uuml;chigen als Seefahrern&ldquo;. Im ersten Teil stellt Galeano die wichtigsten Szenarien der kolonialen Auspl&uuml;nderung Lateinamerikas vor. So zum Beispiel mit &bdquo;Goldfieber, Silberfieber&ldquo;, in dem er die an Besessenheit grenzende Anziehungskraft von Christoph Kolumbus und seiner Gold und Silber jagenden Konquistadoren erkl&auml;rt, die einen erbitterten Kampf zwischen den Ureinwohnern und den &bdquo;Besuchern&ldquo; (genauer: Einbrechern?) entfesselt, bis diese Metalle unersetzlich aufgebraucht waren oder ihr Wert verlorenging.<\/p><p>&bdquo;K&ouml;nig Zucker und andere landwirtschaftliche Monarchen&ldquo; handelt wiederum von ausl&auml;ndischen Interventionen in lateinamerikanischen L&auml;ndern, womit sich Regierungen und Konzerne &uuml;ber Jahrzehnte, oft Jahrhunderte hinweg die Besitzt&uuml;mer und Ressourcen zahlreicher Regionen aneignen wie den Zucker auf Kuba, den Gummi-Rohstoff in Brasilien, die Bananen in Ecuador und Kolumbien usw. In &bdquo;Die unterirdischen Quellen der Macht&ldquo; behandelt der Text das untrennbare Verh&auml;ltnis zwischen der Jagd nach den Bodensch&auml;tzen und den Gr&auml;ueltaten, die als Preis ihrer Ausbeutung begangen wurden und noch immer begangen werden. In &bdquo;Die Entwicklung ist eine Reise mit mehr Schiffbr&uuml;chigen als Seefahrern&ldquo; behandelt Galeano unter dem Zwischentitel &bdquo;Geschichte des fr&uuml;hen Todes&ldquo; historische Marksteine Lateinamerikas, seine Eroberungen und Niederlagen und Wechself&auml;lle aller Zeiten.<\/p><p>Darauf folgt &bdquo;Die derzeitige Struktur der Pl&uuml;nderung&ldquo;, die die Fortsetzung der Ausbeutung als indirektere, allerdings nicht weniger effektive Pl&uuml;nderung beschreibt, die ein von au&szlig;en nach innen wirkendes System der neokolonialen Unterdr&uuml;ckung darstellt, das sich deutlich an der damals trendsetzenden lateinamerikanischen &bdquo;Dependenz-Theorie&ldquo; orientierte, zu deren renommiertesten Vertretern unter anderem die Soziologen und National&ouml;konomen Celso Furtado, Andr&eacute; Gunder Frank und Rui Mauro Marini geh&ouml;rten. Die Buch-Auflagen nach 1978 enthalten die &bdquo;Erg&auml;nzung 1978: Sieben Jahre danach&ldquo;. Galeano hielt es f&uuml;r erforderlich, klarzustellen, dass sich die Lage auf dem Kontinent seit der Erstver&ouml;ffentlichung eher verschlechtert als gebessert habe. Ab 1997 enthalten die meisten Ausgaben ein <a href=\"https:\/\/lamerolica.wordpress.com\/2018\/04\/13\/prologo-a-las-venas-abiertas-de-america-latina\/\">feierliches Vorwort<\/a> der preisgekr&ouml;nten chilenischen Romanautorin Isabel Allende.<\/p><p><strong>Kritik und Selbstkritik schm&auml;lern keinen Verdienst<\/strong><\/p><p>Genau jene vermeintliche Orientierung an der &bdquo;Dependenz-Theorie&ldquo; &ndash; die in ihrer Interpretation der historischen Wurzeln Lateinamerikas eigentlich nicht falsch lag, jedoch als &bdquo;&uuml;berm&auml;&szlig;ig vereinfachte Sicht der Geschichte&ldquo; gewertet wurde &ndash; machten nicht wenige Kritiker und Rezensenten dem Buch zum Vorwurf. Die Kritik richtete sich jedoch vor allem gegen das letzte Kapitel &uuml;ber die moderne Ausbeutung des Kontinents, dem unkritische N&auml;he zu den &bdquo;Dependenzlern&ldquo; und gar der von ihnen angeblich beeinflussten UN-Kommission f&uuml;r die &Ouml;konomische Entwicklung Lateinamerikas (CEPAL) unterstellt wurde.<\/p><p>Mehr als 40 Jahre sp&auml;ter erkl&auml;rte Galeano selbst, dass er sein erfolgreichstes Buch nicht noch einmal lesen w&uuml;rde. &bdquo;Ich k&ouml;nnte es nicht mehr lesen. Ich w&uuml;rde bewusstlos werden&ldquo;, <a href=\"https:\/\/brasil.elpais.com\/brasil\/2014\/05\/04\/cultura\/1399232315_232658.html\">witzelte er w&auml;hrend einer Pressekonferenz<\/a> auf der 2. Buch-Biennale von Bras&iacute;lia im April 2014. Auf die Frage von Journalisten, welche die aktuellen offenen Adern Lateinamerikas seien, antwortete der bescheidene Autor mit der Bitte um Verst&auml;ndnis, jedoch mit ungebrochenem Humor:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es w&auml;re mir unm&ouml;glich, eine solche Frage zu beantworten, zumal ich mich nach so vielen Jahren nicht mehr so sehr mit diesem Buch verbunden f&uuml;hle wie damals, als ich es geschrieben habe. Die Zeit verging, ich begann, andere Dinge auszuprobieren, um der menschlichen Realit&auml;t im Allgemeinen und der politischen &Ouml;konomie im Besonderen n&auml;herzukommen. Zweifellos lag den &bdquo;Offenen Adern&ldquo; der Versuch zugrunde, ein Buch der Politischen &Ouml;konomie zu sein, doch daf&uuml;r hatte ich noch nicht die notwendige Ausbildung. Ich bereue es nicht, es geschrieben zu haben, aber das ist inzwischen Vergangenheit. Ich k&ouml;nnte das Buch nicht noch einmal lesen, ich w&uuml;rde ohnm&auml;chtig werden. Ich muss der Ehrlichkeit halber zugeben, dass ich es an dieser Stelle als einen schweren Stil empfinde. F&uuml;r mich ist diese traditionelle linke Prosa sehr langweilig. Mein K&ouml;rper hielte es nicht aus. Ich m&uuml;sste in die Notaufnahme eingeliefert werden&hellip; &ndash; Hallo, haben Sie noch ein freies Bett?&rsquo;&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>So spa&szlig;te Galeano mit bewusster &Uuml;bertreibung und erntete tosendes Gel&auml;chter und Applaus.<\/p><p><strong>Die Mario-Vargas-Llosa\/Eduardo-Galeano-Fehde<\/strong><\/p><p>Als Galeano 1960 als Chefredakteur von &bdquo;Marcha&ldquo; seine journalistische Karriere begann, hatte er, wie bereits erw&auml;hnt, unter anderem die Autoren Mario Benedetti, Manuel Maldonado, die Br&uuml;der Denis und Roberto Fern&aacute;ndez sowie Mario Vargas Llosa als Mitarbeiter bestellt.<\/p><p>Vargas Llosa schlug bereits in den 1960er Jahren mit vielgelobten und preisgekr&ouml;nten Romanen Wellen in der literarischen Weltszene, die ihm Ruhm und &bdquo;Unsterblichkeit&ldquo; einbrachten. Der in Spanien lebende Peruaner gilt zweifellos als einer der bedeutendsten lateinamerikanischen Romanciers und Essayisten, ist Tr&auml;ger des angesehenen spanischen Cervantes-Preises (1994) und des Literatur-Nobelpreises (2010). Doch schon bald trennten sich des Peruaners und des Uruguayers kollegialen Wege mit harten ideologischen Zerw&uuml;rfnissen, die mit Vargas Llosas harscher und deplatzierter Kritik an der kubanischen Revolution begann, sich mit seinen Angriffen auf den verstorbenen venezolanischen Pr&auml;sidenten Hugo Ch&aacute;vez fortsetzte und schlie&szlig;lich in seiner schamlosen, verkommenen und systemdestabilisierenden Umarmung des Neoliberalismus gipfelte, die ich vor vier Jahren mit dem Titel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37277\">&bdquo;Der Nobel-Preistr&auml;ger als neoliberaler Propagandist&ldquo;<\/a> vorstellte.<\/p><p>Der Zufall wollte es, dass ich einem dieser ersten Zerw&uuml;rfnisse als Zeuge beiwohnen durfte, als nach der Frankfurter Buchmesse 1976 die dort anwesenden lateinamerikanischen Schriftsteller sich in der Westberliner Carmerstra&szlig;e ein literarisches-politisches Stelldichein gaben.<\/p><p>Es hatte sich &uuml;ber Frankfurt hinaus der damals beginnende &bdquo;Boom der lateinamerikanischen Literatur&ldquo; herumgesprochen und die Berliner Kulturszene war sozusagen ganz Ohr und offene Augen. Nach Galeanos &bdquo;Die offenen Adern Lateinamerikas&ldquo; waren nun die ersten Werke des Peruaners Mario Vargas Llosa, des Kolumbianers Gabriel Garc&iacute;a M&aacute;rquez, des Argentiniers Julio Cort&aacute;zar und der Mexikaner Carlos Fuentes und Octavio Paz vorgestellt und schlugen Wellen der Begeisterung in deutschen Feuilletons. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es sich um eine Veranstaltung der damals in der Carmerstra&szlig;e gerade eingeweihten Autorenbuchhandlung (Anteilseigner: G&uuml;nter Grass) oder des Literarischen Colloquiums Berlin handelte. Jedenfalls platzten im Saal zwei ideologische Zeitz&uuml;nderbomben.<\/p><p>Zum einen mit einer widerw&auml;rtigen Attacke des zweifellos renommierten mexikanischen Romanautors und Dichters Octavio Paz gegen Werk und Person des nicaraguanischen Priesters Ernesto Cardenal. Zum anderen mit einer Provokation Vargas Lllosas, die nicht nur die anwesenden G&auml;ste verwunderte, sondern den auf der Trib&uuml;ne zuh&ouml;renden Eduardo Galeano zutiefst emp&ouml;rte. Der n&auml;mlich, doch nicht nur er, sondern auch Cardenal und Garc&iacute;a M&aacute;rquez, von den Gr&auml;ueltaten, Ermordungen und vermissten Opfern der lateinamerikanischen Diktaturen berichtet hatte. Worauf Vargas Lllosa mit dem vor sich hin geg&auml;hnten Satz reagierte, &bdquo;Was jucken mich die politisch motivierten Gr&auml;ueltaten, wenn mich auf der Suche nach dem Sinn der Existenz die Gr&auml;uel schlafloser N&auml;chte qu&auml;len!&ldquo;. Ein paar Sekunden lang, wom&ouml;glich die l&auml;ngsten in einem literarischen Caf&eacute;, herrschte eisiges Schweigen, bis Galeano kopfsch&uuml;ttelnd und emp&ouml;rt f&uuml;r einige Minuten den Raum verlie&szlig;; ihm hinterher eine satte Anzahl angewiderter Zuschauer.<\/p><p>Einen ihrer letzten Schlagabtausche trugen beide Autoren &uuml;ber die Person von Hugo Ch&aacute;vez aus. &bdquo;Das Schlimmste des Caudillismo&ldquo;, &bdquo;das schlimmste Erbe des spanischen Imperiums in Amerika&ldquo;, &bdquo;der gro&szlig;e Destabilisierer der Demokratie in Lateinamerika&ldquo;. Mit diesen Bezeichnungen war Vargas Llosa &ouml;fter &uuml;ber Ch&aacute;vez hergefallen, von dem er ferner behauptete, dass er ohne die vom &Ouml;lexport eingenommenen Dollar ein &bdquo;Nichts&ldquo; gewesen w&auml;re. Worauf Galeano mit charakteristischer Ironie antwortete: &bdquo;Genau, Hugo Ch&aacute;vez ist ein D&auml;mon! &hellip; Er hat zwei Millionen Venezolaner alphabetisiert, die weder lesen noch schreiben konnten, obwohl sie in einem Land lebten, das &uuml;ber den wichtigsten Naturreichtum der Welt verf&uuml;gt&ldquo;. Als Zusatz-Ironie k&ouml;nnte man fragen, ob Vargas Llosa etwa auf Galeano neidisch war, dessen &bdquo;Die offenen Adern Lateinamerikas&ldquo; der humorvolle Pr&auml;sident Hugo Ch&aacute;vez demonstrativ US-Pr&auml;sident Barack Obama w&auml;hrend eines gesamtamerikanischen Gipfels im Jahr 2009 <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9r3eGoNROCg\">als autographiertes Geschenk &uuml;berreichte<\/a>, dessen Momentaufnahme zum weltweiten Trendsetter wurde.<\/p><p>F&uuml;r Vargas Llosa war Galeano kein Literat, sondern ein &bdquo;blo&szlig;er Essayist&ldquo;. &bdquo;Die offenen Adern Lateinamerikas&ldquo; kritisierte der Peruaner mit dem Urteil, das Buch sei &bdquo;die Beschreibungsweise eines marxistischen Dogmatismus, der die Realit&auml;t Lateinamerikas karikiert und zutiefst verzerrt&ldquo;. Diesen Tritt vor Galeanos Schienbein machte der Nobelpreistr&auml;ger am Todestag Galeanos publik. Den er dennoch f&uuml;r seine &bdquo;hohe Bildungskultur&ldquo; mit den Worten w&uuml;rdigte, &bdquo;Wir m&uuml;ssen Galeano auch ein literarisches Talent, eine intellektuelle Qualit&auml;t und auch diese Bereitschaft zur Teilnahme am b&uuml;rgerlichen Leben, am politischen Leben unserer Zeit anerkennen. Etwas, das leider immer seltener wird&ldquo;. Die versp&auml;tete Anerkennung kam jedoch nur zustande, weil die Deutsche Welle den Nobelpreistr&auml;ger vor allem um eine <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/pt-br\/vargas-llosa-escritores-t%C3%AAm-de-dar-contribui%C3%A7%C3%A3o-%C3%A0-pol%C3%ADtica\/a-18384054\">Stellungnahme zum Tod eines anderen Literatur-Nobelpreistr&auml;gers<\/a> gebeten hatte. N&auml;mlich zu G&uuml;nter Grass, der am 13. April 2015, dem gleichen Todestag wie Eduardo Galeano, starb.<\/p><p>&bdquo;Wenn die Worte nicht die W&uuml;rde des Schweigens besitzen, ist es besser, zu verstummen und abzuwarten&ldquo;, sagte einst Eduardo Galeano.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit April 2021 zelebrieren Verlage, Universit&auml;ten und Medien mehrerer L&auml;nder das 50. Jahresjubil&auml;um der Erstausgabe eines Buches, das sich &uuml;ber zwei Generationen hinweg nach wie vor eines massiven Leser-Interesses erfreut. Sein Titel: <a href=\"https:\/\/www.peter-hammer-verlag.de\/buchdetails\/die-offenen-adern-lateinamerikas-broschierte-ausgabe\">&bdquo;Die offenen Adern Lateinamerikas&ldquo;<\/a> vom uruguayischen Schriftsteller und Publizisten Eduardo Galeano. 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