{"id":76210,"date":"2021-09-20T15:04:01","date_gmt":"2021-09-20T13:04:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76210"},"modified":"2021-09-21T07:33:08","modified_gmt":"2021-09-21T05:33:08","slug":"russland-wahlen-das-siegen-wird-fuer-die-regierungspartei-schwieriger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76210","title":{"rendered":"Russland-Wahlen: Das Siegen wird f\u00fcr die Regierungspartei schwieriger"},"content":{"rendered":"<p>Die Regierungspartei Einiges Russland kann zwar immer noch gewinnen, doch das Siegen wird schwieriger: Kommunisten und andere Parteien werden zu immer st&auml;rkeren Konkurrenten. In die Duma zieht nach der Wahl in Russland mit der Partei &bdquo;Neue Leute&ldquo; das erste Mal seit 2003 eine f&uuml;nfte Partei ein. Aus Moskau berichtet <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDeutlich wurde bei den Duma-Wahlen, dass Einiges Russland bei den W&auml;hlern an Vertrauen eingeb&uuml;&szlig;t hat. W&auml;hrend die Partei bei den Duma-Wahlen 2016 54 Prozent der Stimmen erhielt, bekam sie bei der jetzigen Wahl nur noch 49 Prozent. <\/p><p>Nicht nur die sozialen Belastungen wie Preissteigerungen und Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters haben zugenommen. Auch die immer wiederkehrenden Skandale mit Politikern und Spitzenbeamten der Partei Einiges Russland, die in Korruption verwickelt sind, haben zum Vertrauensverlust von Einiges Russland beigetragen.<\/p><p>Bedenklich stimmt die Tatsache, dass die Wahlbeteiligung bei dem dreit&auml;gigen Wahlgang <a href=\"https:\/\/rg.ru\/2021\/09\/19\/iavka-izbiratelej-na-vyborah-v-gosdumu-sostavila-4515-procenta.html\">bei nur 45 Prozent lag<\/a>. Bei den Parlamentswahlen 2016 und 2011 waren es noch 47 beziehungsweise 60 Prozent gewesen. Die fallende Wahlbeteiligung ist Ausdruck einer Entpolitisierung der Bev&ouml;lkerung und auch Ausdruck von Entt&auml;uschung &uuml;ber die Regierungspolitik. <\/p><p><strong>Einiges Russland stellt zwei Drittel der Abgeordneten<\/strong><\/p><p>In Russland wurde vom 17. bis zum 19. September eine neue Duma gew&auml;hlt. 14 Parteien standen zur Wahl. Gew&auml;hlt wurde &ndash; wie in Deutschland &ndash; &uuml;ber Parteilisten und Direktkandidaten. Sieger der Wahlen wurde nach Ausz&auml;hlung von 95 Prozent der Wahlprotokolle die Regierungspartei Einiges Russland mit 49 Prozent, gefolgt von der Kommunistischen Partei der Russischen F&ouml;deration (KPRF) mit 19 Prozent. Drittst&auml;rkste Partei sind Schirinowskis Liberaldemokraten mit sieben Prozent, gefolgt von der linken Partei &bdquo;Gerechtes Russland &ndash; f&uuml;r die Wahrheit&ldquo; (ebenfalls sieben Prozent). Mit den gem&auml;&szlig;igten &bdquo;Neuen Leuten&ldquo; (5,4 Prozent) zog erstmals seit 2003 wieder eine f&uuml;nfte Partei in die Duma ein. Alle weiteren Parteien kamen nicht &uuml;ber die F&uuml;nf-Prozent-H&uuml;rde. Die Partei der Pension&auml;re bekam 2,4 Prozent. Die westlich orientierte Partei Jabloko nur 1,2 Prozent.<\/p><p>Nach vorl&auml;ufigen Ergebnissen bekommt Einiges Russland 315 von insgesamt 450 Abgeordnetenmandaten. Damit hat die Regierungspartei in der Duma wie bisher eine Zweidrittelmehrheit, was es ihr erm&ouml;glicht, gegebenenfalls Verfassungs&auml;nderungen durchzusetzen. <\/p><p>Nach den bisherigen Wahlergebnissen werden in der Duma vier Klein-Parteien mit jeweils einem Direktkandidaten vertreten sein. Es handelt sich um die Partei Jabloko, die Partei &bdquo;Wachstum&ldquo;, die Partei &bdquo;Vaterland&ldquo; und die Partei &bdquo;B&uuml;rgerplattform&ldquo;. Harte Kritik an der russischen Regierung wird es vermutlich nur vom Direktkandidaten der Partei Jabloko geben.<\/p><p><strong>Westlich orientierte Parteien haben ausgedient<\/strong><\/p><p>Dass die Partei Jabloko, die zusammen mit der KPRF eine der &auml;ltesten Parteien des nachsowjetischen Russlands ist, bei den Duma-Wahlen nur 1,2 Prozent der Stimmen bekam, sagt viel &uuml;ber die Stimmung in Russland aus. Jabloko geh&ouml;rte in den 1990er Jahren mit zu den Parteien, die den westlich orientierten Umbau von Staat und Wirtschaft vorantrieben. Die Partei war bis 2003 mit Abgeordneten in der Duma vertreten, scheiterte dann aber an der F&uuml;nf-Prozent-H&uuml;rde. <\/p><p>Zwar hat Sergej Mitrochin (bis 2015 Vorsitzender von Jabloko, jetzt Mitglied des Moskauer Stadtparlaments) in der russischen Hauptstadt als Direktkandidat mit 21 Prozent einen Achtungserfolg erreicht. Die vernichtende Niederlage f&uuml;r Jabloko im nationalen Rahmen zeigt aber, dass die Russen westlich orientierte Parteien nicht mehr sch&auml;tzen. Gew&auml;hlt wurden bei den diesj&auml;hrigen Wahlen nur Parteien, die es leid sind, dass der Westen Russland nach seinen Ma&szlig;st&auml;ben misst. <\/p><p><strong>Kein Trost f&uuml;r die westlichen Medien<\/strong><\/p><p>Womit k&ouml;nnen sich die westlichen Medien tr&ouml;sten? Der Trost ist schwach. Oder ist es etwa ein Trost, dass die KPRF bei den Duma-Wahlen gut abschnitt und sich auch die linke Partei &bdquo;Gerechtes Russland &ndash; F&uuml;r die Wahrheit&ldquo; behauptete? Direktkandidaten dieser beiden Parteien waren vom Navalny-Team, das vom Ausland aus agierte, zur Wahl empfohlen worden. <\/p><p>Kommunisten-Chef Gennadi Sjuganow machte am Sonntagabend auf einem Presse-Briefing deutlich, dass er auf die Unterst&uuml;tzung vom Navalny-Team pfeift. Navalny sei eine Kreatur, &bdquo;die von Wladislaw Surkow (2013 Leiter der Pr&auml;sidialverwaltung) geschaffen wurde.&ldquo; Sjuganow spielte darauf an, dass Navalny 2013 unter Billigung des Kreml zu den B&uuml;rgermeisterwahlen von Moskau kandidierte und 27 Prozent der Stimmen erhielt. <\/p><p><strong>KPRF-Erfolge in Sibirien, Kopf-an-Kopf-Rennen mit Einiges Russland in Moskau<\/strong><\/p><p>Die KPRF konnte ihre Position als zweitst&auml;rkste Partei behaupten. In den &auml;rmeren Gebieten im Norden, im sibirischen Gebiet Irkutsk und im Fernen Osten, auf der Insel Sachalin und im Gebiet Primorje (Wladiwostok) erreichte die Partei sehr gute Ergebnisse. Im nordrussischen Nenezki-Gebiet gewann die KPRF mit 31 Prozent gegen die Partei Einiges Russland, die 29 Prozent der Stimmen erhielt. Auch im Gebiet Jakutien wurden die Kommunisten st&auml;rkste Partei. Die Regierungspartei Einiges Russland und Gerechtes Russland forderten dort prompt eine Neuausz&auml;hlung der Stimmen. <\/p><p>Bei den Direktkandidaten in Moskau lieferten sich Einiges Russland und die KPRF ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen. Die KPRF-F&uuml;hrung hat die Wahlergebnisse in zahlreichen Regionen zum Teil angezweifelt und der Zentralen Wahlkommission eine lange Liste von Wahlverst&ouml;&szlig;en vorgelegt.<\/p><p>Der unabh&auml;ngige Linke Michail Lobanow, ein Mathematiker, der an der Moskauer Universit&auml;t lehrt und f&uuml;r den westlich vom Moskauer Stadtzentrum gelegenen Kunzewo-Bezirk auf der Liste der KPRF kandidierte, gab am Montagmorgen um neun Uhr Moskauer Zeit bekannt, er f&uuml;hre mit 41.859 Stimmen vor dem bekannten Fernsehjournalisten Jewgeni Popow, der f&uuml;r die Partei Einiges Russland kandidierte und 31.008 Stimmen erhielt. Lobanow schrieb auf Facebook, &bdquo;es ist schon klar, auf wessen Seite die Sympathien der W&auml;hler liegen. Was diesen Abstand ausgleichen kann, sind nur gigantische F&auml;lschungen &uuml;ber die elektronische Abstimmung.&ldquo; <\/p><p>Moskau war eine von sieben russischen Regionen, in denen &uuml;ber das Internet abgestimmt werden konnte. Nach offiziellen Angaben hat Lobanow den Sieg knapp verfehlt. 31 Prozent stimmten f&uuml;r Lobanow, 34 Prozent f&uuml;r Popow.<\/p><p><strong>Erfolg f&uuml;r Anastasia Udalzowa<\/strong><\/p><p>In Moskau gelang nach vorl&auml;ufigen Angaben nur einer Kandidatin der Opposition der Sieg bei den Direktkandidaten. Die Siegerin hei&szlig;t <a href=\"https:\/\/www.rbc.ru\/politics\/20\/09\/2021\/61484a3d9a7947752e7c0a6b\">Anastasia Udalzowa<\/a>. Sie ist Aktivistin der Linken Front und kandidierte im s&uuml;dlichen Nagatinski-Bezirk auf der Liste der KPRF. Ihr Mann &ndash; Sergej Udalzow &ndash; sa&szlig; wegen Teilnahme an Stra&szlig;enprotesten mehrmals f&uuml;r l&auml;ngere Zeit in Haft. <\/p><p>Die KPRF hat nicht mehr das Image einer stalinistischen Partei. Die Partei hat sich ge&ouml;ffnet. Viele neue junge Leute und unabh&auml;ngige Linke haben sich der KPRF angeschlossen. Sogar liberale Russen haben zur Wahl der KPRF aufgerufen, da sie die einzige Partei sei, die Einiges Russland im Parlament Paroli bieten kann. <\/p><p>Dass sich die KPRF schon Anfang der 1990er Jahre von einem revolution&auml;ren Konzept verabschiedet hat und stattdessen auf konsequente Sozialpolitik und Reichtums-Umverteilung setzte, wurde von gro&szlig;en deutschen Medien und Politikern konsequent unter den Tisch gekehrt. Die deutschen Medien hatten sich mit Haut und Haaren Boris Jelzin verschrieben. Sjuganow galt als gef&auml;hrlicher roter Revanchist und Stalinist, dem nur noch Rentner folgen. Doch wenn der KPRF-Vorsitzende Gennadi Sjuganow Stalin lobend erw&auml;hnt, dann nicht wegen der politischen Repression, sondern wegen dem Sieg im Zweiten Weltkrieg.<\/p><p><strong>KPRF &ndash; Kampflustiger als bisher<\/strong><\/p><p>Die KPRF gab sich bei diesen Wahlen wesentlich kampflustiger als in der Vergangenheit. Der Ton gegen&uuml;ber der Regierung war rauer. Einen Clou landete die Parteif&uuml;hrung am letzten Wahltag, als sie eine Stunde vor der Schlie&szlig;ung der letzten Wahllokale im Gebiet Kaliningrad in der Moskauer Parteizentrale mit einem <a href=\"https:\/\/kprf.ru\/activity\/elections\/205563.html\">Presse-Briefing<\/a> begann. <\/p><p>Die Parteif&uuml;hrung begr&uuml;ndete diesen faktischen Bruch der gebotenen Zur&uuml;ckhaltung bis zum Ende des Wahlgangs damit, dass in den Fernsehnachrichten schon die ersten Siegesmeldungen der Partei Einiges Russland eingeblendet worden seien. &Uuml;ber die Wahlsiege der KPRF im russischen Fernen Osten sei im Fernsehen dagegen nichts eingeblendet worden. <\/p><p>Man halte die Pressekonferenz extra so fr&uuml;h ab, um bei der laufenden Stimmenausz&auml;hlung F&auml;lschungsversuche in den zentralen und westlich gelegenen Regionen Russlands zu verhindern:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Mit den F&auml;lschungen provoziert die Macht die Menschen zu einer orangenen Revolution. Die Menschen werden nur ehrliche Wahlergebnisse anerkennen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der KPRF-Vorsitzende Gennadi Sjuganow polterte &uuml;ber Wahlf&auml;lschungen in der zentralrussischen Provinz &bdquo;unter den Augen der Polizei&ldquo;. &bdquo;Das ist eine kriminelle Mafia&ldquo;, brummte der KPRF-Chef. Als Sjuganow von dem Korrespondenten der Zeitung Komsomolskaja Prawda gefragt wurde, ob eine Pressekonferenz &ndash; w&auml;hrend die Wahl noch l&auml;uft &ndash; keine Gef&auml;hrdung der Stabilit&auml;t im Land sei, antwortete der KP-Chef, &bdquo;Ich bin es leid, Angst zu haben.&ldquo; Die F&auml;lschung von Wahlergebnissen sei der direkte Weg in das Chaos der 1990er Jahre.<\/p><p><strong>Einiges Russland setzt sich bei Gouverneurswahlen durch<\/strong><\/p><p>Parallel zu den Parlamentswahlen wurden in neun russischen Regionen neue Gouverneure gew&auml;hlt. Sechs der neugew&auml;hlten Gouverneure geh&ouml;ren der Partei Einiges Russland an. In drei Regionen siegten ein Kommunist (Gebiet Uljanowsk), ein Parteiloser (Gebiet Tula) und im Gebiet Chabarowsk ein Liberaldemokrat von Schirinowskis LDPR. <\/p><p>Im fern&ouml;stlichen Gebiet Chabarowsk, wo es im Sommer 2020 Proteste wegen der Absetzung des Gouverneurs Sergej Furgal (LDPR) gab, siegte Michail Degtjarow, der ebenfalls der LDPR angeh&ouml;rt, mit 56 Prozent. Das ist das schlechteste Ergebnis bei den Gouverneurswahlen in diesem Jahr. Die meisten Gouverneure bekamen &uuml;ber 70 Prozent. Aber Degtjarow wurde vom Kreml eingesetzt, nachdem der amtierende Gouverneur Sergej Furgal 2020 wegen einer angeblichen Beteiligung an einem Mord in den 1990er Jahren festgenommen wurde und jetzt im Gef&auml;ngnis sitzt. Gegen die Absetzung von Furgal hatte es monatelang Demonstrationen gegeben. Die Demonstranten forderten eine faire Aufkl&auml;rung &uuml;ber den Mord-Vorwurf.<\/p><p>Dass das Gebiet Chabarowsk nach wie vor oppositionell gestimmt ist, zeigen die Ergebnisse der Parlamentswahlen in dem fern&ouml;stlichen Gebiet. Die KPRF siegte mit 26 Prozent der Stimmen. Die Regierungspartei Einiges Russland erhielt in dem Gebiet 24 Prozent, die LDPR 16 Prozent, die &bdquo;Neuen Leute&ldquo; sieben Prozent und Gerechtes Russland sechs Prozent. <\/p><p><strong>Besuch in einem Moskauer Wahlbezirk<\/strong><\/p><p>Im Wahllokal Nr. 2884 &ndash; es lag westlich vom Moskauer Stadtzentrum in einem Arbeiterzentrum &ndash; versuchte ich mir ein Bild vom Wahlvorgang zu machen. Gew&auml;hlt wurde im frisch renovierten Sportsaal einer Schule, der noch nach Farbe roch. <\/p><p>Die Vorsitzende der &ouml;rtlichen Wahlkommission erkl&auml;rte mir, wie die Wahlzettel, die in die beiden Urnen eingeworfen wurden, w&auml;hrend der drei Wahltage aufbewahrt wurden. &bdquo;Die beiden Wahlurnen werden jeden Abend komplett geleert. Die Wahlzettel werden alle zusammen in einen Plastikbeutel gelegt.&ldquo; Man zeigte mir einen der Beutel mit Spezialklebeverschluss. &bdquo;Der Plastikbeutel kommt dann in diesen Stahlschrank&ldquo;. Man zeigte auf einen eineinhalb Meter hohen, schmalen Stahlschrank, der mit einem gr&uuml;nen Siegel verschlossen war. Die ganze Nacht &uuml;ber sei der Sportsaal beleuchtet und werde von der Polizei bewacht, erz&auml;hlte die Vorsitzende des Wahllokals. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Zwei Kameras an der Decke des Wahllokals zeichnen nicht nur tags&uuml;ber, sondern auch nachts alles auf, was im Wahllokal passiert.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Wahlbeobachtungsorganisation &bdquo;Golos&ldquo;, welche von den russischen Beh&ouml;rden wegen Geldzuwendungen aus dem Ausland als &bdquo;ausl&auml;ndischer Agent&ldquo; eingestuft wird, meldete in der Nacht auf Montag 4.647 Verletzungen der Wahlordnung. Die Leiterin des Zentralen Wahlkomitees, Ella Panfilowa, erkl&auml;rte, es habe in acht Regionen zw&ouml;lf F&auml;lle von illegalem Einwurf von Wahlzetteln in die Wahlurnen gegeben. Wegen dieses illegalen Vorgehens wurden insgesamt 8.500 Wahlzettel f&uuml;r ung&uuml;ltig erkl&auml;rt.<\/p><p>Die Vorsitzende des russischen F&ouml;derationsrates Walentina Matwijenko <a href=\"https:\/\/www.vesti.ru\/article\/2615607\">gestand ein<\/a>, dass es bei der Wahl Unregelm&auml;&szlig;igkeiten gab. Das seien aber vorwiegend &bdquo;menschliche Fehler&ldquo; gewesen. Die Unregelm&auml;&szlig;igkeiten h&auml;tten das Wahlergebnis nicht entscheidend beeinflusst. Die zentrale Wahlkommission habe auch reagiert. Tats&auml;chlich hatte die Leiterin der Wahlkommission, Ella Panfilowa, mehrere Leiter von Wahlkommissionen in den Regionen von ihren Posten abgesetzt, so unter anderem im sibirischen Kohlerevier Kusbass.<\/p><p>Die Videokameras in allen Wahllokalen h&auml;tten nicht nur Unregelm&auml;&szlig;igkeiten, sondern auch &bdquo;Fakes&ldquo; festgehalten, behauptete Matwijenko. Viele Fakes seien vom Ausland bezahlt worden. Details nannte die Politikerin nicht. Aber am Sonntag zeigte das russische Fernsehen, wie Polizisten ein Video-Studio aushoben, wo angeblich mit echten Wahlutensilien Fakes gefilmt wurden, um sie dann ins Netz zu stellen. Derartige Enth&uuml;llungen &uuml;ber organisiertes Wahlf&auml;lschen vonseiten &ouml;rtlicher Machthabender zeigte das Fernsehen nicht. <\/p><p>Die OSZE hatte zur Duma-Wahl keine Beobachter geschickt. Die OSZE wollte 500 Beobachter schicken und war ver&auml;rgert, dass die russischen Beh&ouml;rden nur 60 Beobachter genehmigen wollten. <\/p><p>Matwijenko erkl&auml;rte, seit der Pandemie habe die OSZE weltweit viel weniger Wahlbeobachter in andere Staaten geschickt. So seien in die Vereinigten Staaten nur 50 Wahlbeobachter geschickt worden. Immerhin schickte die Parlamentarische Versammlung des Europarates f&uuml;nf Beobachter nach Russland. <\/p><p><strong>&bdquo;Wir leben in einer Pf&uuml;tze&ldquo;<\/strong><\/p><p>Vor dem Wahllokal 2884 kam ich mit der Rentnerin Ljudmilla ins Gespr&auml;ch. Sie arbeitete fr&uuml;her in einem Bau-Unternehmen. Jetzt war sie extra zum W&auml;hlen von der Datscha angereist. Zwei Stunden nach Moskau und zwei Stunden wieder zur&uuml;ck. Warum sie zur Wahl gekommen ist, wollte ich wissen. &bdquo;Um Lobanow zu w&auml;hlen.&ldquo;<br>\nWarum gerade Lobanow? <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir brauchen junge Leute. Wir leben in einer Pf&uuml;tze. Die alten Politiker bringen es nicht mehr.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Bisher habe sie sich nicht f&uuml;r Politik interessiert. Aber jetzt schaue sie Videos im Internet, von den Linken Nikolai Platoschkin (Bewegung f&uuml;r einen neuen Sozialismus) und Nikolai Bondarenko (KPRF Saratow) und Pawel Grudinin (KPRF-Pr&auml;sidentschaftskandidat 2018). &bdquo;Es geht jetzt um meine Kinder und Enkel. Um ihre Zukunft. Ich m&ouml;chte, dass es ihnen besser geht als mir.&ldquo; Ljudmilla lebt bescheiden. Sie bekommt inklusive Moskau-Zuschlag 190 Euro Rente. <\/p><p>Als wir uns unterhalten, kommt eine zweite Frau, sie ist klein, schm&auml;chtig und auch im Rentenalter. Ljudmilla begr&uuml;sst die Frau. &bdquo;Wir wohnen im gleichen Treppenaufgang&ldquo;, erkl&auml;rt sie mir sp&auml;ter. Ljudmila fragte die Schm&auml;chtige, &bdquo;wen willst du w&auml;hlen?&ldquo; Die Schm&auml;chtige st&ouml;hnt, &bdquo;oh, ich wei&szlig; nicht.&ldquo; Ljudmilla: &bdquo;W&auml;hl KPRF und Lubanow!&ldquo; &bdquo;KPRF, das ist doch eine Pf&uuml;tze&ldquo;, meint die Schm&auml;chtige, worauf Ljudmilla antwortet, &bdquo;Sjuganow tritt bald ab und dann &uuml;bernehmen die Jungen das Ruder. Wenn Du eine der kleinen Parteien w&auml;hlst, ist das eine verlorene Stimme. Das st&uuml;tzt die Macht.&ldquo; Nachdenklich zieht die Nachbarin weiter.<\/p><p>Was sie von Navalny halte, frage ich Ljudmilla. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. &bdquo;Sehr gut. Er deckt auf, in welchem Luxus unsere Spitzenbeamten leben&ldquo;. Ob sie nicht wisse, dass Navalny 2009 beim nationalistischen russischen Marsch mitmarschiert ist und ein rassistisches Video gegen Arbeitsmigranten aus dem Kaukasus gemacht hat, frage ich. Sie sch&uuml;ttelt mit dem Kopf. Davon wisse sie nichts. <\/p><p>Ob sie die Entwicklung in der Ukraine nicht besorge, frage ich Ljudmilla. Sie weicht aus. Nur so viel sagt sie zur Ukraine: Die Macht in Russland lenke mit dem Thema Ukraine von den Problemen in Russland ab. <\/p><p>Danach komme ich noch mit einem b&auml;rtigen Mann von etwa 35 Jahren ins Gespr&auml;ch. Er sagt, er sei Physiker. Wen er gew&auml;hlt habe? &bdquo;Die, welche das Land retten&ldquo;. Und welche Partei ist das? &bdquo;Die KPRF&ldquo;. Er grinst und hat einen Blick, als wollte er sagen, was soll die Frage, das wei&szlig; doch jeder.  <\/p><p>Das Wahllokal 2884 hatte 1.918 Wahlberechtigte. Dazu kamen 715 Personen, die sich f&uuml;r die elektronische Abstimmung via Internet angemeldet hatten. Deren Stimmen werden getrennt ausgez&auml;hlt. Als ich das Wahllokal am Sonntag um 17 Uhr besuche, hatten rund 400 Menschen gew&auml;hlt, sagt mir die Vorsitzende des Wahllokals. <\/p><p>Das Wahllokal wurde von zahlreichen Polizisten inner- und au&szlig;erhalb des Geb&auml;udes bewacht. Es gab aber nicht &ndash; wie bei fr&uuml;heren Wahlen &ndash; Tische, wo man g&uuml;nstig Leckereien kaufen konnte. Und es gab auch keine Musik. Offenbar hat man erkannt, dass die Menschen in Moskau das als Wahlbeeinflussung durch die Macht werten k&ouml;nnten. <\/p><p>Titelbild: Ulrich Heyden<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75674\">Duma-Wahlen in Russland &ndash; Der Kreml warnt vor westlicher Einmischung und f&uuml;hrt zus&auml;tzliche Kontrollen ein<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74658\">Ehemaliger russischer Diplomat Platoschkin &uuml;ber russische und deutsche Linke<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69118\">Was die Bundesregierung zu Repressionen gegen russische Linke sagt<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61897\">Der Ton zwischen dem Kreml und der russischen Linken wird rau <\/a><\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/2862c85f07d84c11b5332e0b8a4accae\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Regierungspartei Einiges Russland kann zwar immer noch gewinnen, doch das Siegen wird schwieriger: Kommunisten und andere Parteien werden zu immer st&auml;rkeren Konkurrenten. 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