{"id":76230,"date":"2021-09-21T09:10:35","date_gmt":"2021-09-21T07:10:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76230"},"modified":"2021-09-21T10:33:02","modified_gmt":"2021-09-21T08:33:02","slug":"die-diktatur-der-konzerne-ein-buch-ueber-die-macht-transnationaler-unternehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76230","title":{"rendered":"\u201eDie Diktatur der Konzerne\u201c \u2013 Ein Buch \u00fcber die Macht transnationaler Unternehmen"},"content":{"rendered":"<p>Leben wir noch in einer Demokratie oder eher in einer Oligarchie, in der nicht Volksvertreter, sondern eine relativ kleine Zahl von transnationalen Konzernen die Entscheidungen trifft? Diese Frage dr&auml;ngt sich gerade in der gegenw&auml;rtigen Corona-Krise auf, die vor allem die bekannten Tech-Unternehmen wie Amazon und Facebook genutzt haben, um ihre Gewinne zu vervielfachen. Es ist sogar von einem &laquo;Neofeudalismus&raquo; die Rede, in der jene Big Player &uuml;ber gewisse Privilegien verf&uuml;gen und in Aristokratenmanier nur mit dem Finger zu schnippen brauchen, damit ihre Interessen gegen die Anspr&uuml;che der Gesellschaft durchgesetzt werden. <strong>Thilo Bode<\/strong> geht sogar dar&uuml;ber hinaus und spricht von einer &laquo;Diktatur der Konzerne&raquo;. Um seine These zu untermauern, hat der Publizist ein gleichnamiges Buch vorgelegt, in dem er aufzeigt, welche Macht international agierende Unternehmen in den letzten Jahren erlangt haben und wie dreist sie mittlerweile vorgehen. Eine Rezension von <strong>Eugen Zentner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEine Abrechnung mit gro&szlig;en Konzernen legte Bode bereits vor sechs Jahren vor. In &laquo;Die Freihandelsl&uuml;ge&raquo; widmete er sich damals dem Handelsabkommen TTIP und zeigte auf, dass es vordergr&uuml;ndig dem Zweck diente, die politische Souver&auml;nit&auml;t europ&auml;ischer L&auml;nder auszuhebeln. Profitieren sollten davon allein die gro&szlig;en Konzerne. In seinem j&uuml;ngsten Werk dringt er tiefer in die Materie ein und beschreibt weitere Methoden, mit denen diese Wirtschaftsgiganten ihren Einfluss zu vergr&ouml;&szlig;ern versuchen. Das erfolge vor allem &uuml;ber eine Zusammenarbeit mit der Politik. Bode benutzt den Begriff &laquo;industriell-politischer Komplex&raquo;, der zum Ausdruck bringt, dass zwischen den jeweiligen Vertretern eine klebrige N&auml;he besteht. Plastisch gemacht wird das unter anderem am Beispiel des VW-Skandals, bei dessen Aufarbeitung die Staatskanzlei ihre Pressemitteilungen und andere Ver&ouml;ffentlichungen regelm&auml;&szlig;ig mit dem Autokonzern absprach. <\/p><p>Das enge Verh&auml;ltnis zeige sich aber auch in den Anschlusskarrieren s&auml;mtlicher Politiker in der Wirtschaft. Ihr Insiderwissen sei f&uuml;r die Unternehmen Gold wert, weshalb sie nach ihrer Amtszeit problemlos Lobbyisten- oder Beraterjobs bek&auml;men. &bdquo;Am liebsten sind den Konzernen Lobbyisten mit einschl&auml;gigen Verbindungen zur Macht&ldquo;, schreibt Bode, indem er einen Blick auf die USA wirft &ndash; &bdquo;deshalb stellen fr&uuml;here Kongressabgeordnete und Mitarbeiter von US-Beh&ouml;rden heute 44 Prozent aller Lobbyisten, 1998 waren es nur knapp 18 Prozent.&ldquo; Die Sicherheit, sp&auml;ter bei gro&szlig;en Fischen anheuern zu k&ouml;nnen, ermutige nicht wenige Abgeordnete, politischem Druck standzuhalten und bei der Durchsetzung der Unternehmensinteressen bis zum &Auml;u&szlig;ersten zu gehen.<\/p><p>Das Arsenal der Werkzeuge, mit dem Konzerne ihre Macht ausbauen, ist jedoch weitaus gr&ouml;&szlig;er. Um die Methoden aufzuzeigen, arbeitet sich Bode im kritischen Ton von Branche zu Branche vor. Er taucht in die Automobil- und Lebensmittelindustrie ein, beleuchtet den Finanzsektor und nimmt die Entwicklungen in der Tech-Branche unter die Lupe. &Uuml;berall lassen sich die gleichen Tendenzen feststellen: Die Big Player tun alles, um den Markt unter sich aufzuteilen. Die Bem&uuml;hungen neuer Konkurrenten werden im Keim erstickt. Den Platzhirschen ist jedes Mittel recht, um sich die Konkurrenz vom Leibe zu halten. &bdquo;Offenbar ist es f&uuml;r neue Unternehmen immer schwieriger, gegen die Macht der etablierten Konzerne zu bestehen&ldquo;, so Bode. &bdquo;Und wenn sich die Gr&uuml;nderfirmen doch l&auml;nger behaupten als erwartet, werden sie einfach aufgekauft.&ldquo; Dadurch sicherten sie sich quasi eine Monopolstellung.<\/p><p>Strafen wegen Wettbewerbsverzerrungen zahlen Konzerne aus der Portokasse. Diese scheinen im Gesch&auml;ftsmodell eingepreist zu sein. &bdquo;Noch nie hatten Konzerne so viel Geld, noch nie waren sie so gro&szlig;&ldquo;, schreibt Bode. Daraus ergebe sich enormes Erpressungspotential, das sich nicht nur in der Finanz-, sondern auch in der Corona-Krise gezeigt hat. Die wirtschaftlichen Flaggschiffe verweisen einfach auf ihre Systemrelevanz und schon mobilisieren Regierungen Steuergelder, um ihnen zur Seite zu springen. Ihre Macht besteht aber auch darin, dass sie sich unvergleichlich reicher Stiftungen und Thinktanks bedienen, um ganze Politikfelder zu beeinflussen und den &ouml;ffentlichen Diskurs zu steuern. Wie das im Einzelfall aussieht, f&uuml;hrt Bode minuti&ouml;s aus. <\/p><p>Bei seinen Ausf&uuml;hrungen st&uuml;tzt sich der Publizist auf eigene Recherchen, zieht aber auch Zeitungsartikel, Fachpublikationen und Studien heran. Zu den interessantesten Unterlagen geh&ouml;ren die sogenannten &laquo;Monsanto Papers&raquo;, aus denen hervorgeht, mit welcher Kreativit&auml;t gro&szlig;e Konzerne teilweise zu Werke gehen. So sollen im Zuge des damaligen Glyphosat-Skandals mehrere wohlgesinnte Wissenschaftler Leserbriefe an ein Fachmagazin geschrieben haben, damit es einen kritischen Bericht zur&uuml;ckzieht &ndash; &bdquo;offenbar eine von Monsanto konzertierte Aktion&ldquo;, vermutet Bode. Mehrere Monate danach habe das Fachblatt auch noch einen fr&uuml;heren Monsanto-Mitarbeiter in seinen Beirat berufen. Kurze Zeit sp&auml;ter wurde die kritische Ver&ouml;ffentlichung f&uuml;r nichtig erkl&auml;rt.<\/p><p>Der Fall veranschaulicht, inwiefern gro&szlig;e Konzerne nicht nur eine N&auml;he zur Politik, sondern auch zur Wissenschaft pflegen. Aber auch in diesem Bereich zeigt sich, dass die Strategien zunehmend perfektioniert werden: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Konzerne beschr&auml;nken sich nicht mehr darauf, externe Wissenschaftler zu beeinflussen und gegebenenfalls zu diskreditieren, sondern dringen tiefer ein in den Wissenschaftsbetrieb, in die Universit&auml;ten selber, um Einfluss von innen zu nehmen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Diesem Problem widmet Bode gleich mehrere Kapitel. An solchen Stellen wirkt sein Werk &uuml;beraus aktuell. Denn gerade in der Corona-Krise f&auml;llt es auf, dass bestimmte Wissenschaftler eine gewisse Sonderstellung genie&szlig;en. Sie werden in Talkshows eingeladen, sitzen in Pressekonferenzen und geben den Takt f&uuml;r politische Entscheidungen vor. Wissenschaftler, die eine entgegengesetzte Meinung vertreten, kommen hingegen &uuml;berhaupt nicht zu Wort. Ihnen wird die Expertise abgesprochen, mit Begr&uuml;ndungen, die bisweilen sehr manieriert wirken.<\/p><p>Dabei lebt echte Wissenschaft vom Diskurs, vom Argument und Gegenargument. Doch die Realit&auml;t sieht anders aus, wie Bode zu berichten wei&szlig;. Universit&auml;ten seien zunehmend Zielobjekte des neuen Lobbyings, das sich auf enorme Geldmittel st&uuml;tzen k&ouml;nne. Das gehe so weit, dass Konzerne sogar ganze Lehrst&uuml;hle finanzieren. Ein Interessenkonflikt ist nur schwer von der Hand zu weisen: &bdquo;Wie viel Einfluss nehmen die privaten Stifter auf die Auswahl der Professoren&ldquo;, fragt Bode provokativ &ndash; &bdquo;auf Forschungsfelder, auf Forschungsergebnisse? Werden die Lidl-Professoren auch &uuml;ber die sch&auml;dliche Marktmacht von Discountern forschen, &uuml;ber deren Pr&auml;gekraft f&uuml;r die Ern&auml;hrung von Millionen Menschen? Wagen sich Professoren auf Banken-Lehrst&uuml;hlen auch an die Frage, wie die Zocker-Banken der Finanzkrise ohne Haftung davonkamen? Gibt es noch eine Pluralit&auml;t von Meinungen, wenn Stiftungsprofessoren die Mehrheit eines Fachbereichs stellen?&ldquo;<\/p><p>Gegenw&auml;rtig werden solche Fragen als &laquo;Verschw&ouml;rungstheorien&raquo; abgetan &ndash; genauso wie die Vermutung, das m&auml;chtige World Economic Forum (WEF) arbeite an einer neuen Weltordnung, in deren Zentrum eben gro&szlig;e Konzerne stehen. Aber auch diesbez&uuml;glich finden sich in Bodes Buch Passagen, die belegen, dass es sich dabei nicht um Hirngespinste handelt. &bdquo;Davos, das ist die offizielle B&uuml;hne des industriell-politischen Komplexes, der Welt-Standort f&uuml;r globale Ideologieproduktion&ldquo;, hei&szlig;t es dort. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Auf seinen Podien ist zu besichtigen, wie sich wirtschaftliche Macht in konkrete politische Macht verwandelt hat, wie sich die Idee vom souver&auml;nen Staat mit demokratischen Regeln schleichend in Konzerninteressen aufl&ouml;st.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Zu Beweiszwecken wird aus einem bereits 1999 ver&ouml;ffentlichten Artikel des Wirtschaftsmagazins Forbes zitiert, das damals ein Interview mit WEF-Chef Klaus Schwab f&uuml;hrte. In dem Text weise dieser weit von sich, eine &laquo;Weltregierung&raquo; installieren zu wollen. Es gehe ihm allein darum, weltweite Allianzen zu schmieden und globale Entscheidungsprozesse f&uuml;r die gro&szlig;en Probleme der Welt voranzutreiben. In diesem Zusammenhang soll Schwab sogar gesagt haben: &bdquo;The sovereign state has become obsolete&ldquo; &ndash; der souver&auml;ne Staat ist &uuml;berfl&uuml;ssig geworden.<\/p><p>Solche Parallelen zu der gegenw&auml;rtigen Diskussion rund um Corona machen &laquo;Die Diktatur der Konzerne&raquo; zu einer informativen wie spannenden Lekt&uuml;re. Thilo Bode gelingt es, die Zusammenh&auml;nge packend zu erz&auml;hlen und mit vielen griffigen Beispielen zu unterf&uuml;ttern. Auf knapp 180 Seiten bildet er ein breites Panorama der Konzernmacht ab, ohne populistisch zu wirken. Seine Kritik ist schonungslos, aber &uuml;berzeugend. Streckenweise h&ouml;ren sich seine Ausf&uuml;hrungen sehr d&uuml;ster an. Allerdings unterbreitet er auch Vorschl&auml;ge, wie den m&auml;chtigen Konzernen entgegengewirkt werden kann. &bdquo;Unser System muss sich &auml;ndern&ldquo;, lautet sein Appell:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir brauchen einen Schritt zur&uuml;ck &ndash; zur&uuml;ck zu einer sozialen Marktwirtschaft, die diesen Namen verdient, und zur&uuml;ck zu einer Demokratie, in der wir nicht von Konzernen regiert werden, sondern von den gew&auml;hlten Vertretern des Volkes.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><em><a href=\"https:\/\/www.fischerverlage.de\/buch\/thilo-bode-die-diktatur-der-konzerne-9783103973624\">Thilo Bode: Die Diktatur der Konzerne<\/a>, S. Fischer Verlage, 240 Seiten, Paperback, 18 Euro<\/em><\/p><p>Titelbild: hallojulie \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leben wir noch in einer Demokratie oder eher in einer Oligarchie, in der nicht Volksvertreter, sondern eine relativ kleine Zahl von transnationalen Konzernen die Entscheidungen trifft? 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