{"id":76248,"date":"2021-09-22T09:30:55","date_gmt":"2021-09-22T07:30:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76248"},"modified":"2021-09-22T11:54:42","modified_gmt":"2021-09-22T09:54:42","slug":"die-coronapandemie-im-spiegel-der-amtlichen-sterbefallstatistik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76248","title":{"rendered":"Die Coronapandemie im Spiegel der amtlichen Sterbefallstatistik"},"content":{"rendered":"<p>Seit eineinhalb Jahren beherrscht das Thema &bdquo;Corona&ldquo; die t&auml;gliche Debatte. Massive Einschnitte in unser Leben wurden ergriffen, um uns vor der Gefahr durch das Virus zu sch&uuml;tzen. Wie gro&szlig; die Gefahr f&uuml;r die Allgemeinheit tats&auml;chlich ist, l&auml;sst sich aus den offiziellen Zahlen jedoch nur schwer herleiten. Der Statistiker <b>G&uuml;nter Eder<\/b> hat sich f&uuml;r die NachDenkSeiten auf eine Reise in die verschiedenen Sterbefallstatistiken begeben und dabei auch einen Vergleich zwischen der Gef&auml;hrdung durch Corona und durch die saisonale Grippe aufgestellt.<br>\n<!--more--><br>\n<i>Vormerkung Jens Berger: Dieser wichtige Artikel ist sehr umfangreich, da er die verwendete Methodik pr&auml;zise offenlegt. Uns ist klar, dass dies f&uuml;r einige Leser, die sich bislang nicht so sehr mit Statistik besch&auml;ftigt haben, vielleicht nicht immer leicht verst&auml;ndlich ist. Wir werden daher in der n&auml;chsten Woche in einem Folgeartikel zum &bdquo;Zahlenchaos bei Corona&ldquo; die Ergebnisse von G&uuml;nter Eder auch noch einmal verst&auml;ndlicher aufbereiten. <\/i><\/p><p>Das Robert Koch-Institut (RKI) ist in Deutschland verantwortlich f&uuml;r die Erhebung, Ver&ouml;ffentlichung und Bewertung von Daten zum Krankheitsgeschehen. Im Zuge der Ausbreitung des Coronavirus und des zunehmenden Interesses an aktuellen Informationen ist die Beh&ouml;rde dazu &uuml;bergegangen, regelm&auml;&szlig;ig Daten zu Corona zu ver&ouml;ffentlichen. Auf sogenannten <a href=\"https:\/\/experience.arcgis.com\/experience\/478220a4c454480e823b17327b2bf1d4\">Dashboards<\/a> kann man sich tagesaktuell unter anderem &uuml;ber die Entwicklung der 7-Tagesinzidenz oder die Zahl der Coronaverstorbenen informieren. Die Einzelwerte werden zu Wochen- und Monatswerten zusammengefasst und drei Wochen sp&auml;ter in Form einer EXCEL-Datei der Allgemeinheit zur Verf&uuml;gung gestellt. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Damit k&ouml;nnen Interessierte das durch Corona ausgel&ouml;ste Sterbegeschehen sehr gut nachvollziehen.<\/p><p>Auf der anderen Seite gibt es die vom Statistischen Bundesamt (StBA) schon immer erhobenen Daten zum allgemeinen Sterbegeschehen in Deutschland. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Die beiden Datens&auml;tze sind f&uuml;r die vorliegende Auswertung zusammengef&uuml;hrt und so aufbereitet worden, dass sie vergleichend bzw. sich gegenseitig erg&auml;nzend analysiert werden k&ouml;nnen. Die Auswertung erfolgt auf Basis von Wochenwerten.<\/p><p>Abbildung 1<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210921-uebersterblichkeit-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210921-uebersterblichkeit-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Abbildung 1 gibt einen ersten Eindruck davon, wie sich die Ausbreitung des Coronavirus auf das allgemeine Sterbegeschehen in Deutschland ausgewirkt hat. Coronatote machen in dem betrachteten Zeitraum durchschnittlich 6,4% der Verstorbenen aus. Der h&ouml;chste Anteilswert ist mit 22,9% w&auml;hrend der Weihnachtszeit zu verzeichnen. Im Sommer gehen die Coronasterbezahlen auf Werte nahe Null zur&uuml;ck. Sie folgen damit einem Muster, das von Grippewellen her allgemein bekannt ist.<\/p><p><b>&Uuml;bersterblichkeit w&auml;hrend der Coronaepidemie<\/b><\/p><p>Zwischen der 10. Woche 2020 und der 31. Woche 2021 sind dem RKI zufolge insgesamt 90.832 Personen an oder mit Corona verstorben. Auf das Jahr 2020 entfallen 41.587 Tote, auf das Jahr 2021 49.245. Vergleicht man die Zahlen mit den Sterbedaten des Statistischen Bundesamtes (StBA), so stellt man fest, dass sie sich darin nicht ad&auml;quat widerspiegeln. Die &Uuml;bersterblichkeit, die aus den allgemeinen Sterbedaten abgeleitet werden kann, ist deutlich niedriger als die vom RKI ausgewiesene Zahl an Coronatoten. Woran liegt das? Warum besteht zwischen den beiden Datens&auml;tzen eine gro&szlig;e Differenz? Sind die RKI-Daten m&ouml;glicherweise falsch? Liegt es daran, dass das RKI nicht unterscheidet zwischen Personen, die AN und die MIT Corona verstorben sind? Oder ist die &Uuml;bersterblichkeit als Ma&szlig;zahl gar nicht geeignet, die Zahl der Coronatoten verl&auml;sslich abzusch&auml;tzen? Um zu verstehen, woher die Differenz r&uuml;hrt oder zumindest r&uuml;hren k&ouml;nnte, muss man sich die Daten und das Verfahren, nach dem die &Uuml;bersterblichkeit ermittelt wird, genauer ansehen.<\/p><p>Das Konzept der &Uuml;bersterblichkeit beruht auf wahrscheinlichkeitstheoretischen Annahmen und &Uuml;berlegungen. Im Prinzip geht man davon aus, dass Verl&auml;ufe, die in der Vergangenheit zu beobachten waren, sich in gleicher oder &auml;hnlicher Weise in der Zukunft wiederholen. Basierend auf dieser Annahme wird eine <b>Basislinie <\/b>f&uuml;r die Zahl der zu erwartenden Todesf&auml;lle ermittelt (Basismortalit&auml;t). Auftretende Abweichungen von der Basislinie werden als &Uuml;ber- bzw. Untersterblichkeit interpretiert. Die H&ouml;he der &Uuml;bersterblichkeit h&auml;ngt folglich wesentlich davon ab, wie die Basismortalit&auml;t definiert bzw. wie sie berechnet wird.<\/p><p>Das Statistische Bundesamt berechnet die Basislinie als Mittelwert aus den Verl&auml;ufen der vorangegangenen vier Jahre. Die Basislinie f&uuml;r 2020 beruht folglich auf den Werten der Jahre 2016 bis 2019, die f&uuml;r 2021 auf den Werten von 2017 bis 2020. Da jedes Jahr mit gewissen demographischen Besonderheiten verkn&uuml;pft ist, wird der ermittelte Verlauf noch um sogenannte Alterstruktureffekte korrigiert. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Der offizielle Wert f&uuml;r die Jahres&uuml;bersterblichkeit wird von der Beh&ouml;rde in der Regel im Laufe des darauffolgenden Sommers bekanntgegeben. F&uuml;r 2020 sollte er mittlerweile eigentlich vorliegen (vgl. Pressemitteilung des StBA vom 29. Januar 2021). [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Bis heute wartet die interessierte &Ouml;ffentlichkeit allerdings vergeblich auf die Bekanntgabe.<\/p><p>Um trotzdem zumindest einen ersten Eindruck von der H&ouml;he der &Uuml;bersterblichkeit im Coronajahr 2020 zu gewinnen, habe ich im Februar 2021 und dann noch einmal im Juli 2021, in Anlehnung an das Verfahren des Statistischen Bundesamtes, die &Uuml;bersterblichkeit f&uuml;r 2020 abgesch&auml;tzt. Auf Basis der Daten, die Ende Januar 2021 vorlagen, ergab sich eine &Uuml;bersterblichkeit von 1,19%. [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Die im Juli 2021 zur Verf&uuml;gung stehenden Daten waren etwas verl&auml;sslicher und lieferten einen Wert auf 1,55%. [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Mit den aktuellen Werten vom 17. August steigt die Quote noch einmal geringf&uuml;gig an und betr&auml;gt jetzt 1,59%. Der Wert liegt damit h&ouml;her als in den Jahren zuvor, aber nur geringf&uuml;gig &uuml;ber der Quote des Grippejahres 2018.<\/p><p>Bevor weitere jahresbezogene &Uuml;berlegungen angestellt werden, soll das Coronageschehen zun&auml;chst einmal isoliert f&uuml;r sich betrachtet werden. In der Zeit von der 10. Woche 2020 bis zur 31. Woche 2021 starben dem RKI zufolge 90.882 Menschen an oder mit Corona. Eine Absch&auml;tzung der &Uuml;bersterblichkeit auf Grundlage der Sterbedaten des Statistischen Bundesamtes erbringt f&uuml;r diesen Zeitraum eine &Uuml;bersterblichkeit von 2,48%. Das bedeutet, dass lediglich 34.508 Personen mehr gestorben sind, als nach den vorangegangenen Jahren zu erwarten gewesen w&auml;re. Die &Uuml;bersterblichkeit macht damit nur 38,0% der vom RKI ausgewiesenen Zahl an Coronatoten aus.<\/p><p>Zu einem vergleichbaren Ergebnis kommt eine Studie, die von der Hebrew University in Jerusalem zusammen mit der Universit&auml;t T&uuml;bingen durchgef&uuml;hrt wurde und in der die Sterbedaten von 103 L&auml;ndern miteinander verglichen wurden. [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Es wurden jeweils die l&auml;nderspezifischen &Uuml;bersterblichkeiten (excess mortality) errechnet und diese dann mit der Anzahl gemeldeter Coronatoter verglichen. Abweichend vom Vorgehen des Statistischen Bundesamtes ist die Basislinie nicht auf Grundlage der letzten vier, sondern der letzten f&uuml;nf Jahre errechnet worden. Die Studie kommt f&uuml;r Deutschland zu dem Ergebnis, dass bis zum 20. Juni 2021 (also bis zur 24. Woche) etwa 39.000 Menschen mehr verstorben sind, als nach den Vorjahren zu erwarten gewesen w&auml;re. Das entspricht 43% der vom RKI bis dahin gemeldeten Zahl an Coronatoten.<\/p><p>Die in der Studie festgestellten Differenzen zwischen der Zahl gemeldeter Coronatoter und der aus der &Uuml;bersterblichkeit abgeleiteten Anzahl sind von Land zu Land sehr unterschiedlich. Teilweise sind sie gering, teilweise gro&szlig; und sie k&ouml;nnen sowohl positive wie negative Werte annehmen. Eine Systematik ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Richtet man den Fokus allerdings speziell auf die europ&auml;ischen L&auml;nder, so f&auml;llt auf, dass es einen grunds&auml;tzlichen Unterschied zwischen den ost- und den westeurop&auml;ischen Staaten gibt. W&auml;hrend in den L&auml;ndern des &bdquo;Ostens&ldquo; die errechnete &Uuml;bersterblichkeit fast ausnahmslos h&ouml;her ist als die ausgewiesene Zahl an Coronatoten, ist es im &bdquo;Westen&ldquo; genau umgekehrt. Hier liegt die &Uuml;bersterblichkeit in drei von vier F&auml;llen unter der Zahl der Coronatoten. Den Ost-West-Unterschied f&uuml;hren die Autoren darauf zur&uuml;ck, dass die Coronatoten im &bdquo;Osten&ldquo; weniger vollst&auml;ndig erfasst werden als im &bdquo;Westen&ldquo;. Einzelnen L&auml;ndern unterstellen sie sogar &bdquo;purposeful misdiagnosing or underreporting of COVID-19 deaths&ldquo;. [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]<\/p><p>Doch auch zwischen den westeurop&auml;ischen L&auml;ndern, in denen die Coronatoten besser und vollst&auml;ndiger erfasst werden, bestehen gro&szlig;e Unterschiede. W&auml;hrend die &Uuml;bersterblichkeit in Gro&szlig;britannien immerhin 90% der Coronatoten ausmacht, sind es in Frankreich 70%, in Schweden 60%, in Finnland 40%, in Irland 30% und in Luxemburg sogar nur 20%. Deutschland liegt mit 43% im unteren Mittelfeld. Auf die Gr&uuml;nde, warum die Unterschiede zwischen den L&auml;ndern so gro&szlig; sind, geht die Studie nicht n&auml;her ein. Das ist bedauerlich, da sich dahinter durchaus interessante Erkenntnisse verbergen k&ouml;nnten. Sie geht allerdings der grunds&auml;tzlichen Frage nach, woran es liegen k&ouml;nnte, dass die ermittelte &Uuml;bersterblichkeit in den meisten westeurop&auml;ischen L&auml;ndern unter den offiziellen Angaben zur Zahl der Coronatoten liegt. Als Ursache f&uuml;r den Effekt macht sie die ausgebliebenen Grippeinfektionen in den Jahren 2020 und 2021 aus. &bdquo;The difference between the official reported COVID-19 deaths and the excess deaths may correspond to the number of deaths typically caused to influenza and other infectious respiratory diseases in winter months.&rdquo; [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]<\/p><p>Die Einsch&auml;tzung, dass die Zahl der Covidtoten dadurch untersch&auml;tzt wird, ist im Prinzip zutreffend, doch stellt sich die Frage, ob die ausgebliebene Grippe den Effekt vollst&auml;ndig oder nur teilweise erkl&auml;rt. Vielleicht gibt es andere, bisher nicht bedachte Faktoren, die &auml;hnlich wichtig oder sogar wichtiger sind als der Grippeeinfluss. Dieser Frage ist die Studie leider nicht vertiefend nachgegangen.<\/p><p>Dabei h&auml;tte es einen einfachen Weg gegeben, das Dunkel etwas aufzuhellen. Man h&auml;tte lediglich die Berechnung der Basismortalit&auml;t ab&auml;ndern m&uuml;ssen. Statt die Basislinie aus allen vier bzw. f&uuml;nf Vorjahren abzuleiten, h&auml;tte man sich auf die Jahre beschr&auml;nken k&ouml;nnen, in denen es keine ausgepr&auml;gte Grippewelle gab. Das waren in Deutschland die Jahre 2016 und 2019. Dann h&auml;tte man eine Referenzkurve zur Verf&uuml;gung gehabt, in der der Einfluss der Grippe auf den Verlauf weitgehend (oder vielleicht sogar vollst&auml;ndig) ausgeschaltet w&auml;re.<\/p><p>Um &sbquo;bessere&rsquo; Sch&auml;tzwerte f&uuml;r die Zahl der Coronatoten zur Verf&uuml;gung zu haben, ist dieser Weg in der vorliegenden Auswertung konsequent beschritten worden. Die Basislinie, die allen weiteren &Uuml;berlegungen zur &Uuml;bersterblichkeit zugrundeliegt, ist abgeleitet aus den Sterbedaten der (weitgehend grippefreien) Jahre 2016 und 2019!<\/p><p>Mit der so abgewandelten Basislinie erh&auml;lt man f&uuml;r den Coronazeitraum bis zur 31. Woche 2021 eine &Uuml;bersterblichkeit von 46.271 Personen. Der Wert liegt mit einem Plus von 11.763 Personen deutlich &uuml;ber dem urspr&uuml;nglichen Wert von 34.508 Personen, bleibt jedoch immer noch weit hinter der RKI-Zahl von 90.832 Coronatoten zur&uuml;ck. Der Grippeeffekt allein erkl&auml;rt die starke Untersch&auml;tzung der Zahl der Coronatoten folglich nicht.<\/p><p>Nat&uuml;rlich kann man nicht ausschlie&szlig;en, dass auch die abgewandelte Basislinie noch einen gewissen Anteil an Grippeverstorbenen enth&auml;lt und dass dadurch die coronabedingte &Uuml;bersterblichkeit weiterhin untersch&auml;tzt wird. Aber man muss andererseits bedenken, dass es auch gegenl&auml;ufige Einfl&uuml;sse gibt. So hat die Hitzewelle im Sommer 2020 viele Tote zur Folge gehabt, die in der errechneten &Uuml;bersterblichkeit mit enthalten sind. Bis zu einem gewissen Grad heben sich die Effekte gegeneinander auf, so dass unsicher bleibt, ob die &Uuml;bersterblichkeit ansteigen oder zur&uuml;ckgehen w&uuml;rde, wenn alle Effekte bekannt w&auml;ren und vollst&auml;ndig ber&uuml;cksichtigt werden k&ouml;nnten. Angesichts dieser Sachlage scheint es angemessener, keine exakte Punktsch&auml;tzung anzustreben, sondern sich mit der Erkenntnis zu begn&uuml;gen, dass der Anteil der Coronatoten, der mittels &Uuml;bersterblichkeit abgesch&auml;tzt werden kann, zwischen 45% und 55% liegen d&uuml;rfte.<\/p><p>Das ist ein &uuml;berraschendes Ergebnis und man fragt sich, woher es r&uuml;hrt, dass der Anteilswert so niedrig liegt. Werden verstorbene Personen vom Statistischen Bundesamt m&ouml;glicherweise nicht vollst&auml;ndig erfasst? Oder sind die RKI-Angaben zur Zahl der Covidtoten falsch, weil nicht zwischen Personen, die AN und die MIT Covid verstorben sind, unterschieden wird?<\/p><p>Beide Vermutungen sind, wie ein Blick auf die Kurvenverl&auml;ufe in der Abbildung 2 zeigt, unzutreffend.<\/p><p>Abbildung 2<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210921-uebersterblichkeit-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210921-uebersterblichkeit-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>In der Abbildung ist der zeitliche Verlauf der &Uuml;bersterblichkeit zusammen mit den RKI-Sterbezahlen aufgetragen und es ist zu erkennen, dass die Verl&auml;ufe bis zum Ende des Jahres 2020 sehr gut &uuml;bereinstimmen. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass sowohl die Daten des RKI als auch die des Statistischen Bundesamtes im Prinzip korrekt sind. Insbesondere w&auml;hrend der sehr ausgepr&auml;gten und steil ansteigenden zweiten Coronawelle stimmen die Verl&auml;ufe bis zur 53. Woche sehr gut &uuml;berein. Erst danach beginnen die Kurven auseinanderzulaufen.<\/p><p>Da in der 52. Woche (also auf dem H&ouml;hepunkt der Epidemie) mit den Coronaimpfungen begonnen wurde, k&ouml;nnte man vermuten, dass dies den Effekt ausgel&ouml;st hat. Das ist jedoch keine befriedigende Erkl&auml;rung. Impfungen k&ouml;nnen zwar bewirken, dass weniger Menschen sterben, aber sie bieten keine Erkl&auml;rung f&uuml;r das Auseinanderdriften der aufgetragenen Kurven.<\/p><p>Es muss einen anderen Grund f&uuml;r diesen ungew&ouml;hnlichen Effekt geben. Und den gibt es tats&auml;chlich. Und es wird sich zeigen, dass er ein zentraler Schl&uuml;ssel f&uuml;r das Verst&auml;ndnis des gesamten Coronageschehens ist. Will man den Effekt verstehen, kommt man allerdings nicht daran vorbei, sich mit dem statistischen Aspekt des &Uuml;bersterblichkeitskonzeptes etwas n&auml;her zu befassen.<\/p><p>&Uuml;bersterblichkeitswerte resultieren aus der Aggregation von Einzelwerten, die in einem komplexen Beziehungsgeflecht von Ursache und Wirkung zueinander stehen. Das erschwert die ursachenspezifische Interpretation der Ergebnisse, kann sie sogar verunm&ouml;glichen. Was damit gemeint ist, soll anhand einiger einfacher &Uuml;berlegungen illustriert werden. Bedenken sollte man dabei, dass es in den konstruierten Beispielen nicht darum geht, die Wirklichkeit exakt abzubilden, sondern darum, auf Basis einfach gehaltener Annahmen interessierende Zusammenh&auml;nge in nachvollziehbarer Weise sichtbar zu machen.<\/p><p>Angenommen in einem bestimmten Monat, und nur in diesem einen Monat, sterben pl&ouml;tzlich und unerwartet sehr viele Menschen an einer (bis dahin m&ouml;glicherweise unbekannten) Krankheit. Weiter sei angenommen, dass an der Krankheit nur Menschen sterben, die ansonsten, d.h. ohne diese Erkrankung, im darauffolgenden Monat gestorben w&auml;ren. Der erste Monat w&auml;re dann mit einer hohen &Uuml;bersterblichkeit verbunden und der zweite Monat mit einer gleich hohen Untersterblichkeit. Die Auspr&auml;gungen w&uuml;rden sich gegeneinander aufheben und die Gesamt&uuml;bersterblichkeit l&auml;ge bei Null. Das Krankheitsgeschehen w&uuml;rde sich in der &Uuml;bersterblichkeit gar nicht bemerkbar machen.<\/p><p>Wandelt man das Szenario etwas ab, indem man unterstellt, dass nur die H&auml;lfte der Betroffenen im darauffolgenden Monat verstorben w&auml;re, die andere H&auml;lfte jedoch noch mindestens ein weiteres Jahr gelebt h&auml;tte, so w&auml;re die Untersterblichkeit im zweiten Monat nur halb so hoch wie die &Uuml;bersterblichkeit im Monat zuvor. In der Gesamtsumme erhielte man eine &Uuml;bersterblichkeit, die halb so hoch w&auml;re wie die Zahl der Verstorbenen.<\/p><p>Nun k&ouml;nnte man auf den Gedanken kommen, bei der Ermittlung der Gesamt&uuml;bersterblichkeit eines Jahres nur die positiven Werte der &Uuml;bersterblichkeit aufzusummieren. Das w&uuml;rde in dem betrachteten Beispiel auf die korrekte Zahl f&uuml;r die Krankheitsverstorbenen hinauslaufen. Allgemein l&auml;sst sich das Problem jedoch nicht so einfach l&ouml;sen.<\/p><p>Um zu verstehen, warum das so ist, muss das Gedankenexperiment etwas ausgeweitet werden. Ausgehend von dem Anfangsszenario mit gleicher &Uuml;ber- wie Untersterblichkeit, wird unterstellt, dass auf den ersten Krankheitsmonat ein zweiter Monat mit gleich hoher Sterbezahl folgt. Dann h&auml;tte man im ersten Monat eine &Uuml;bersterblichkeit, die der Zahl der Verstorbenen entspricht, im zweiten Monat w&uuml;rden sich &Uuml;ber- und Untersterblichkeit ausgleichen und der Wert l&auml;ge bei Null und im dritten Monat h&auml;tte man eine Untersterblichkeit, die so hoch w&auml;re wie die &Uuml;bersterblichkeit im ersten Monat. Wieder w&auml;re die Gesamt&uuml;bersterblichkeit gleich Null, unabh&auml;ngig von der Zahl der Todesf&auml;lle. Und auch wenn man nur die positiven &Uuml;bersterblichkeitswerte aufsummiert, w&uuml;rde die Zahl der Personen, die an der Krankheit verstorben sind, stark untersch&auml;tzt. Man w&uuml;rde auf einen Wert kommen, der nur halb so hoch w&auml;re wie die tats&auml;chliche Verstorbenenzahl.<\/p><p>Aus den &Uuml;berlegungen wird ersichtlich, warum mit einer Kenngr&ouml;&szlig;e wie der &Uuml;bersterblichkeit grunds&auml;tzlich nur ein (mehr oder weniger gro&szlig;er) Teil der an einer bestimmten Krankheit Verstorbenen nachgewiesen werden kann. So lie&szlig;e sich erkl&auml;ren, warum die vom RKI ausgewiesene Zahl an Coronatoten mit 90.832 fast doppelt so hoch liegt wie die aus der &Uuml;bersterblichkeit ableitbare Anzahl von 46.271: Weil viele der Verstorbenen, aufgrund von Vorerkrankungen, auch ohne Coronainfektion in dem betrachteten Jahr bzw. dem betrachteten Zeitraum gestorben w&auml;ren.<\/p><p>Um eine L&ouml;sung f&uuml;r die Sch&auml;tzproblematik zu finden, muss man sich den zweiten Krankheitsmonat in dem konstruierten Beispiel etwas genauer anschauen. In dieser Zeit &uuml;berlagern sich &Uuml;ber- und Untersterblichkeit und sind einzeln nicht mehr sichtbar. Da f&uuml;r eine verl&auml;ssliche Absch&auml;tzung der Zahl der Krankheitsverstorbenen das Wissen um die H&ouml;he der &Uuml;bersterblichkeit unabdingbar ist, m&uuml;sste dieser Anteil nachtr&auml;glich aus der Summe der &Uuml;ber- und Untersterblichkeit herausgerechnet werden. Das ist grunds&auml;tzlich m&ouml;glich. F&uuml;r eine grobe Absch&auml;tzung m&uuml;ssten lediglich zwei Parameter (n&auml;herungsweise) bekannt sein: zum einen der Anteil der Verstorbenen, der unabh&auml;ngig von der Erkrankung nur noch kurze Zeit gelebt h&auml;tte, und zum anderen, wie lange diese Menschen im Mittel noch gelebt h&auml;tten. Wenn man beides wei&szlig;, ist es grunds&auml;tzlich m&ouml;glich, mittels entsprechender Korrekturfaktoren die Zahl der Coronaverstorbenen aus der &Uuml;bersterblichkeit herauszufiltern. Die Sch&auml;tzwerte w&auml;ren allerdings mit gr&ouml;&szlig;eren Unsicherheiten behaftet, da zum einen die Korrekturfaktoren nie genau bekannt sind und zum anderen in der Realit&auml;t viele weitere Faktoren die &Uuml;bersterblichkeit beeinflussen und das Ergebnis umso unsicherer wird, je komplexer der zur Anwendung kommende Rechenalgorithmus ist.<\/p><p>In einem fr&uuml;heren Artikel, der am 6. Juli 2021 auf den NachDenkSeiten erschienen ist, hatte ich einen ersten Versuch unternommen, den Anteil der Verstorbenen, die nur noch kurze Zeit zu leben gehabt h&auml;tten, abzusch&auml;tzen. [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Dabei bin ich zu dem Schluss gekommen, dass dies f&uuml;r 85% der Coronaverstorbenen zutrifft. Das war eine voreilige und falsche Schlussfolgerung, bei der ich den verzerrenden Einfluss, den die Grippejahre auf den Verlauf der Basislinie aus&uuml;ben, nicht bedacht und folglich nicht angemessen ber&uuml;cksichtigt hatte. Tats&auml;chlich liegt der Anteil, wie oben gezeigt, eher bei 45% bis 55%.<\/p><p>Das Wissen um den zwischen &Uuml;ber- und Untersterblichkeit bestehenden stochastischen Zusammenhang kann genutzt werden, um aus der &Uuml;bersterblichkeitskurve mittels geeigneter Korrekturfaktoren Sch&auml;tzwerte f&uuml;r die Zahl der Coronatoten abzuleiten. F&uuml;r den Anteil Verstorbener, die nur noch kurze Zeit gelebt h&auml;tten, h&auml;tte ein Wert von 0,5 als Korrekturfaktor nahe gelegen. Da jedoch nicht ausgeschlossen werden kann, dass die verwendete Basislinie nicht noch einen gewissen Anteil an Grippeverstorbenen enth&auml;lt, und um die Zahl der Coronatoten nicht zu untersch&auml;tzen, ist der Faktor mit 0,55 etwas h&ouml;her angesetzt worden. Grobe Sch&auml;tzwerte f&uuml;r die Zeit, die die betroffenen Menschen ohne die Infizierung noch gelebt h&auml;tten, k&ouml;nnen aus den Kurvenverl&auml;ufen in Abbildung 2 abgelesen werden. Als Kriterium kann entweder die Zeitspanne vom Beginn der jeweiligen Coronawelle bis zu dem Zeitpunkt, an dem die aufgetragenen Kurven beginnen auseinanderzulaufen, gew&auml;hlt werden oder aber die Zeitspanne zwischen dem Maximum und dem Minimum der &Uuml;bersterblichkeit. In der ersten Welle liegen die Zeitpunkte nahe zusammen und sind lediglich zwei bis drei Wochen voneinander entfernt. In der zweiten Welle ist die Zeitspanne l&auml;nger und betr&auml;gt zehn bis zw&ouml;lf Wochen.<\/p><p>Auf Basis dieser Annahmen ist der Versuch unternommen worden, die Zahl der w&ouml;chentlich gestorbenen Coronainfizierten abzusch&auml;tzen. Das Ergebnis des Rechenprozesses ist in Abbildung 3 dargestellt und kann insgesamt als durchaus zufriedenstellend angesehen werden. Die aus der &Uuml;bersterblichkeit abgeleitete Zahl an Coronatoten stimmt jetzt &uuml;ber den gesamten Zeitraum hinweg recht gut mit den RKI-Sterbezahlen &uuml;berein.<\/p><p>Summiert man die aus der &Uuml;bersterblichkeit resultierende Zahl der Coronaverstorbenen auf, so erh&auml;lt man f&uuml;r den Zeitraum von der 10. Woche 2020 bis zur 31. Woche 2021 eine Gesamtzahl von 82.047 Verstorbenen.<\/p><p>Abbildung 3<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210921-uebersterblichkeit-03.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210921-uebersterblichkeit-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Die Anpassung wird noch etwas besser, wenn man die in den Hitzeperioden Verstorbenen aus der Betrachtung herausnimmt und nur &Uuml;bersterblichkeitswerte mit positiver Auspr&auml;gung (Werte &gt;0) bei der Summation ber&uuml;cksichtigt (vgl. Abb. 4). Der Sch&auml;tzwert f&uuml;r die Gesamtzahl der Coronaverstorbenen erh&ouml;ht sich dann noch einmal geringf&uuml;gig auf 83.717 Personen. Die aus den Sterbefalldaten des Statistischen Bundesamtes abgeleitete Gesamtzahl an Coronaverstorbenen macht damit immerhin 92,2% des vom RKI ausgewiesenen Wertes aus.<\/p><p>Abbildung 4<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210921-uebersterblichkeit-04.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210921-uebersterblichkeit-04.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><b>Vergleich der &Uuml;bersterblichkeit bei Grippe- und Coronainfektionen<\/b><\/p><p>Vorab sei noch einmal darauf hingewiesen, dass die hier angegebenen &Uuml;bersterblichkeitswerte durchweg auf einer Basislinie beruhen, die keine Grippejahre enth&auml;lt. Dadurch liegen die Werte in der Regel etwa einen Prozentpunkt &uuml;ber der &bdquo;offiziellen&ldquo; &Uuml;bersterblichkeit.<\/p><p>In Abbildung 5 sind die w&ouml;chentlichen &Uuml;bersterblichkeitswerte f&uuml;r die Zeit von 2016 bis 2021 aufgetragen. Der Verlauf ist gekennzeichnet durch lange, eher ereignisarme Phasen, in denen die Werte lediglich mehr oder weniger stark um die Basislinie herum schwanken. Daneben gibt es k&uuml;rzere Phasen mit steil ansteigender &Uuml;bersterblichkeit. Ausl&ouml;ser von rapide steigenden &Uuml;bersterblichkeiten sind entweder saisonale Infektionen, hervorgerufen durch Grippe- oder neuerdings Coronaviren, oder au&szlig;ergew&ouml;hnliche Hitzeperioden.<\/p><p>Auff&auml;llig ist, dass von den drei Coronawellen, auf die allgemein immer hingewiesen wird, eigentlich nur die zweite Welle eine H&ouml;he und ein Ausma&szlig; hat, das mit Grippewellen vergleichbar ist.<\/p><p>Abbildung 5<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210921-uebersterblichkeit-05.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210921-uebersterblichkeit-05.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Summiert man die Einzelwerte auf, so erh&auml;lt man die in Tabelle 1 angegebenen Jahreswerte f&uuml;r die &Uuml;bersterblichkeit. Die &Uuml;bersterblichkeitswerte liegen zwischen -0,42% als Minimum (2019) und 2,68% als Maximum (2020). Auff&auml;llig ist, dass das Grippejahr 2018 mit &auml;hnlich vielen zus&auml;tzlichen Toten verkn&uuml;pft ist wie das Coronajahr 2020 (24.844 Tote zu 26.490 Tote).<\/p><p>Tabelle 1<\/p><table>\n<colgroup>\n<col>\n<col>\n<col> <\/colgroup>\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td colspan=\"2\">\n<b>&Uuml;bersterblichkeit<\/b>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<b>Jahr<\/b>\n<\/td>\n<td>\n<b>Anzahl<\/b>\n<\/td>\n<td>\n<b>Prozent<\/b>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n2016\n<\/td>\n<td>\n2.720\n<\/td>\n<td>\n0,30%\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n2017\n<\/td>\n<td>\n15.064\n<\/td>\n<td>\n1,62%\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n2018\n<\/td>\n<td>\n24.844\n<\/td>\n<td>\n2,60%\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n2019\n<\/td>\n<td>\n-3.950\n<\/td>\n<td>\n-0,42%\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n2020\n<\/td>\n<td>\n26.490\n<\/td>\n<td>\n2,68%\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n2021*)\n<\/td>\n<td>\n13.377\n<\/td>\n<td>\n2,25%\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"3\">*) bis zur 31. Woche<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table><p>Unterschiede in der &Uuml;bersterblichkeit werden deutlicher sichtbar, wenn man das Krankheitsgeschehen saisonal, d.h. jahres&uuml;bergreifend betrachtet (vgl. Tab. 2 und Abb. 6). Es zeigt sich, dass die &Uuml;bersterblichkeit bei Corona etwa doppelt so hoch ist wie bei der Grippe. W&auml;hrend Corona in dem betrachteten Zeitraum mit knapp 48.000 zus&auml;tzlichen Toten verbunden ist, belaufen sich die Werte bei der Grippe in der Saison 2016\/17 auf 25.373 Tote und in der Saison 2017\/18 auf 22.381 Tote. Die Werte gelten jeweils f&uuml;r die Zeit von der 30. Woche des Vorjahres bis zur 29. Woche des Folgejahres.<\/p><p>Tabelle 2<\/p><table>\n<colgroup>\n<col>\n<col>\n<col>\n<col> <\/colgroup>\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td colspan=\"2\">\n<b>&Uuml;bersterblichkeit<\/b>\n<\/td>\n<td rowspan=\"2\">\n<b>RKI-Angaben zur<br>\nZahl der Grippe-<br>\nbzw. Coronatoten<\/b>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<b>Saison<\/b><b>*)<\/b>\n<\/td>\n<td>\n<b>Anzahl<\/b>\n<\/td>\n<td>\n<b>Prozent<\/b>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n2016 \/ 2017\n<\/td>\n<td>\n25.373\n<\/td>\n<td>\n2,71%\n<\/td>\n<td>\n22.900\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n2017 \/ 2018\n<\/td>\n<td>\n22.381\n<\/td>\n<td>\n2,37%\n<\/td>\n<td>\n25.100\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n2018 \/ 2019\n<\/td>\n<td>\n-4.052\n<\/td>\n<td>\n-0,44%\n<\/td>\n<td>\nnoch nicht verf&uuml;gbar\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n2019 \/ 2020\n<\/td>\n<td>\n-10.587\n<\/td>\n<td>\n-1,13%\n<\/td>\n<td>\nnoch nicht verf&uuml;gbar\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n2020 \/ 2021\n<\/td>\n<td>\n47.881\n<\/td>\n<td>\n4,67%\n<\/td>\n<td>\n81.589\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"4\">*) von der 30. Woche des Vorjahres bis zur 29. Woche des Folgejahres<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table><p>Wiederum taucht die Frage auf, welcher Zusammenhang zwischen den &Uuml;bersterblichkeitswerten und der tats&auml;chlichen Zahl der Grippe- bzw. Coronatoten besteht. F&uuml;r die Coronasituation kann die Frage relativ verl&auml;sslich beantwortet werden, da aufgrund der PCR-Tests bekannt ist, wieviele Verstorbene mit Sars-CoV-2 infiziert waren. Bei den Grippeverstorbenen verf&uuml;gt man &uuml;ber keine vergleichbaren Zusatzinformationen.<\/p><p>Hierzu schreibt das RKI in seinem &bdquo;Bericht zur Epidemiologie der Influenza 2018\/2019&ldquo;:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Im Gegensatz zu anderen Erkrankungen wird Influenza auf dem Todesschein h&auml;ufig nicht als Todesursache eingetragen, selbst wenn im Krankheitsverlauf eine Influenza labordiagnostisch best&auml;tigt wurde und wesentlich zum Tod beigetragen hat. Es ist die Erfahrung vieler L&auml;nder, dass sich Todesf&auml;lle, die der Influenza zuzuschreiben sind, in anderen Todesursachen, wie z.B. Diabetes mellitus, Pneumonie oder &sbquo;Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems&rsquo; verbergen k&ouml;nnen. Daher ist es international &uuml;blich, die der Influenza zugeschriebene Sterblichkeit mittels statistischer Verfahren zu sch&auml;tzen, indem Gesamttodesfallzahlen herangezogen werden.&ldquo; [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p><\/blockquote><p>Mit anderen Worten: Die Zahl der Todesf&auml;lle wird &uuml;ber die Abweichung der beobachteten Mortalit&auml;t von der zur erwarteten Mortalit&auml;t abgesch&auml;tzt, also mittels der &Uuml;bersterblichkeit. Eine M&ouml;glichkeit, das Ergebnis, das man dabei erh&auml;lt, zu verifizieren, gibt es nicht. Folglich kann niemand sagen, wie hoch die Dunkelziffer bei der ausgewiesenen Zahl der Grippetoten ist. Statistisch absch&auml;tzbar ist der Grad der Untersch&auml;tzung nicht.<\/p><p>Daraus resultiert ein Dilemma, das sich deutlich in den vom RKI ver&ouml;ffentlichten Sterbezahlen zeigt (vgl. Tab. 2). W&auml;hrend die ausgewiesene Zahl an Coronatoten fast doppelt so hoch ist wie der &Uuml;bersterblichkeitswert, der im Rahmen der vorliegenden Studie ermittelt wurde, stimmen die Werte beim Grippegeschehen weitgehend &uuml;berein. Zwar gibt es auch hier Abweichungen, doch ist keine systematische &Uuml;ber- oder Untersch&auml;tzung zu erkennen.<\/p><p>Als Erkl&auml;rung f&uuml;r die Diskrepanz kommen eigentlich nur die w&auml;hrend des Coronageschehens in gro&szlig;er Zahl durchgef&uuml;hrten PCR-Tests in Betracht. Wenn es diese Tests nicht gegeben h&auml;tte und man sich bei der Absch&auml;tzung der Zahl der Coronatoten (wie bei der Grippe) allein auf die Sterbedaten des Statistischen Bundesamtes h&auml;tte st&uuml;tzen m&uuml;ssen, w&auml;re der Sch&auml;tzwert sehr viel niedriger ausgefallen. F&uuml;r den gesamten Zeitraum des Coronageschehens h&auml;tte der Wert vermutlich zwischen 45.000 und 50.000 gelegen statt bei 81.589 (f&uuml;r die Zeit von der 30. Woche 2020 bis zur 29. Woche 2021) bzw. 90.832 (f&uuml;r die Zeit von der 10. Woche 2020 bis zur 31. Woche 2021). Diese Erkenntnis wiegt schwer und ist, was den Umgang mit den Sterbezahlen und deren Bewertung betrifft, von nicht zu untersch&auml;tzender Bedeutung.<\/p><p>Die tats&auml;chliche Zahl der Grippetoten m&uuml;sste, wenn man sie mit der Zahl Coronatoter vergleichen wollte, m&ouml;glicherweise verdoppelt werden. Ein solches Ergebnis w&auml;re zumindest zu erwarten, wenn der Anteil der Verstorbenen, der auch ohne zus&auml;tzliche Grippe- oder Coronainfektion nur noch kurze Zeit gelebt h&auml;tte, bei Grippe- und Coronaerkrankungen etwa gleich hoch w&auml;re. Die tats&auml;chliche Zahl der Grippetoten in der Saison 2016\/17 bzw. 2017\/18 w&uuml;rde dann auf 45.000 bis 50.000 ansteigen. Der Unterschied zur Zahl Coronatoter w&uuml;rde sich auf einen Schlag halbieren, von einer Relation von 1:4 auf eine Relation von 1:2. W&auml;re der Anteil derjenigen mit kurzer Lebensperspektive bei der Grippe niedriger als bei Corona, m&uuml;sste der Sch&auml;tzwert f&uuml;r die Zahl der Grippetoten weniger stark angehoben werden. Das ist allerdings eher unwahrscheinlich, da es bedeuten w&uuml;rde, dass an der Grippe mehr gesunde, nicht vorerkrankte Menschen sterben als an Corona, die Grippe also letztlich gef&auml;hrlicher w&auml;re als Corona.<\/p><p>Trotz der Unsicherheit, mit der derartige &Uuml;berlegungen zwangsl&auml;ufig verbunden sind, soll noch ein weiteres Szenario ausgerollt werden, bei dem es diesmal um den Aspekt der Letalit&auml;t geht, also dem Verh&auml;ltnis der Todesf&auml;lle zur Zahl der Erkrankten. Allgemein besteht bedauerlicherweise wenig Einigkeit dar&uuml;ber, wie hoch das Sterberisiko bei einer Grippeinfektion ist. Manche Experten gehen von einer Infektionssterblichkeit von 0,05% bis 0,1% aus, andere eher von 0,1% bis 0,2%. Am h&auml;ufigsten ist in der Literatur ein Wert von 0,1% zu finden. Diese Werte m&uuml;ssten etwa verdoppelt werden, wenn sich unter den Verstorbenen bei der Grippe ein &auml;hnlich hoher Anteil an Menschen mit kurzer Lebensperspektive bef&auml;nde wie bei Corona und man weiter davon ausgeht, dass die Grippe &auml;hnlich infekti&ouml;s ist wie Corona.<\/p><p>Angenommen, die Infektionssterblichkeit bei der Grippe l&auml;ge bei 0,1%, dann w&auml;re Corona mit einer Infektionssterblichkeit von 0,2% verbunden. Das w&auml;re gegen&uuml;ber der Grippe kein geringer oder gar vernachl&auml;ssigbarer Unterschied, aber er w&uuml;rde aus Sar-CoV-2 noch keinen Killervirus machen. Immerhin 99,8% aller Betroffenen w&uuml;rden an einer Infektion nicht sterben, sondern wieder gesund werden.<\/p><p>Dem Ergebnis liegen zugegebenerma&szlig;en Annahmen zugrunde, von denen man zum gegenw&auml;rtigen Zeitpunkt nicht sagen kann, ob sie zutreffend sind oder sich eher als realit&auml;tsfern erweisen werden. Es w&auml;re Aufgabe von Politik und Wissenschaft, daf&uuml;r zu sorgen, dass solche, f&uuml;r das Verst&auml;ndnis des Coronageschehens wichtigen Fragen genauer untersucht und gekl&auml;rt werden. Kompetente wissenschaftliche Einrichtungen, die das leisten k&ouml;nnten, d&uuml;rfte es in Deutschland zur Gen&uuml;ge geben. Wichtig w&auml;re, dass entsprechende Forschungsprojekte angesto&szlig;en und finanziell gef&ouml;rdert werden. Das ist in den anderthalb Jahren, die die Pandemie nun andauert, erstaunlicherweise kaum geschehen. Einer der wenigen, die in Deutschland den Versuch unternommen haben, die Infektionssterblichkeit datenbasiert abzusch&auml;tzen, ist Professor Streeck. Im Rahmen seiner &bdquo;Heinsberg-Studie&ldquo; kommt er zu dem Ergebnis, dass die Infektionssterblichkeit von Sars-CoV-2 bei 0,37% liegt. Je nach angewandtem mathematischen Korrekturverfahren liegt der Wert zwischen 0,24% und 0,43%. [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]<\/p><p>In den USA ist Professor Ioannidis von der Universit&auml;t Stanford der Frage der Infektionssterblichkeit bei Corona nachgegangen. Im Auftrag der World Health Organisation (WHO) hat er zwei Studien dazu erstellt. In dem im Oktober 2020 ver&ouml;ffentlichten Abschlussbericht weist er einen Wert von 0,23% als globales Mittel f&uuml;r die Infektionssterblichkeit bei Corona aus und im M&auml;rz 2021 kommt er auf Grundlage einer umfassenden Metastudie zu dem Schluss, dass die Infektionssterblichkeit weltweit bei etwa 0,15% liegt. [<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>][<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>]<\/p><p>Die Letalit&auml;tsquote liegt damit deutlich niedriger, als allgemein angenommen wird. Manche leiten daraus den Vorwurf ab, dass Autoren, die solche Werte ver&ouml;ffentlichen, die Coronaerkrankung verharmlosen w&uuml;rden. Das ist ein ungerechtfertigter Vorwurf. Es besteht kein Zweifel, und wird auch von niemandem bestritten, dass viele Menschen unter Coronaerkrankungen schwer gelitten haben und teilweise noch Monate sp&auml;ter darunter leiden. Aber f&uuml;r eine ad&auml;quate Beurteilung des Gesamtgeschehens kann man es nicht bei der Betrachtung von Einzelf&auml;llen belassen. Es ist wichtig, das Geschehen auch statistisch einzuordnen, also losgel&ouml;st von individuellen Schicksalen. Insbesondere ist es wichtig, aktuelles Krankheitsgeschehen in Relation zu Krankheitsverl&auml;ufen in der Vergangenheit zu betrachten. Das soll zum Abschluss dieser Ausf&uuml;hrungen geschehen, indem der Verlauf der &Uuml;bersterblichkeit bei Corona mit den Verl&auml;ufen bei Grippewellen verglichen wird.<\/p><p>Der Vergleich erfolgt mittels gegl&auml;tteter Kurvenverl&auml;ufe, nicht &uuml;ber die Originalwerte. Das Gl&auml;ttungsverfahren nivelliert extreme Ausschl&auml;ge und gleicht zuf&auml;llige Schwankungen aus, so dass strukturelle &Uuml;bereinstimmungen und Unterschiede besser sichtbar werden. Abbildung 6 vermittelt einen Eindruck davon, wie sich der gegl&auml;ttete Verlauf an die Originalwerte anpasst. F&uuml;r die vergleichende Darstellung ist eine saisonale Sichtweise gew&auml;hlt worden, beginnend und endend jeweils im Sommer.<\/p><p>Abbildung 6<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210921-uebersterblichkeit-06.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210921-uebersterblichkeit-06.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Abbildung 7 zeigt den gegl&auml;tteten Verlauf der &Uuml;bersterblichkeit w&auml;hrend der Coronasaison 2020\/21 zusammen mit dem Grippeverlauf 2016\/17. Die Verl&auml;ufe sind dabei so &uuml;bereinandergelegt, dass sie mit der 30. Woche des Vorjahres beginnen und mit der 29. Woche des Folgejahres enden. Analog ist die Abbildung 8 erstellt worden.<\/p><p>Die Abbildungen f&uuml;hren vor Augen, dass die &Uuml;bersterblichkeitsverl&auml;ufe sich gar nicht so sehr unterscheiden. Der auff&auml;lligste Unterschied ist nicht das Ausma&szlig; der &Uuml;bersterblichkeit, d.h. dass die Coronakurve so sehr viel h&ouml;her ansteigt als die Grippekurve oder die Coronakrankheitswelle so sehr viel l&auml;nger andauert, am auff&auml;lligsten ist die Phasenverschiebung. Das endemische Geschehen bei Corona setzt einige Wochen fr&uuml;her ein als bei der Grippe &uuml;blich. Abgesehen davon &auml;hneln sich die Verl&auml;ufe sehr.<\/p><p>Der Grippeverlauf 2016\/17 ist mit niedrigeren Maximalwerten auf dem H&ouml;hepunkt der Grippewelle verbunden, daf&uuml;r weisen beide Kurven ausgepr&auml;gte Untersterblichkeiten nach Abklingen des Krankheitsgeschehens und einen nahezu synchronen Verlauf auf. Beim Vergleich mit der Grippewelle 2017\/18 verbl&uuml;fft, dass die Kurven etwa gleich hohen Maxima zustreben. Dadurch wirken sie fast wie Zwillingskurven. Insgesamt kann man festhalten, dass die &Uuml;bereinstimmung der Verl&auml;ufe gro&szlig; ist. Auf den ersten Blick f&auml;llt es schwer zu sagen, welcher Verlauf von Corona herr&uuml;hrt und welcher von der Grippe.<\/p><p>Abbildung 7<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210921-uebersterblichkeit-07.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210921-uebersterblichkeit-07.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Abbildung 8<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210921-uebersterblichkeit-08.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210921-uebersterblichkeit-08.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Die relativ geringen Unterschiede in den &Uuml;bersterblichkeitsverl&auml;ufen und der gewaltige Unterschied in den Reaktionen, die darauf erfolgt bzw. nicht erfolgt sind, stehen in einem irritierenden, kaum zu fassenden Missverh&auml;ltnis zueinander. W&auml;hrend die zahlreichen Grippetoten der Jahre 2017 und 2018 den Medien kaum eine Randnotiz wert waren, l&ouml;ste das Coronageschehen eine kollektive Panikreaktion aus, wie sie das Land noch nicht erlebt hat. Der Blick verengte sich schlagartig auf ein Thema: Corona. Monatelang gab es auf allen Fernsehkan&auml;len und in allen Zeitungen nur noch CORONA. Es f&auml;llt schwer, die oben dargestellten &Uuml;bersterblichkeitsverl&auml;ufe damit irgendwie in Einklang zu bringen.<\/p><p>Nat&uuml;rlich sind &Uuml;bersterblichkeitsbetrachtungen nur ein m&ouml;glicher Blick auf das Krankheitsgeschehen. Die Schwere der Krankheitsverl&auml;ufe, die Auslastung von Krankenh&auml;usern und Intensivstationen, die M&ouml;glichkeiten, eine Krankheit medikament&ouml;s oder therapeutisch zu behandeln, sind weitere, f&uuml;r die Beurteilung wichtige Aspekte. Doch wenn staatliche Ma&szlig;nahmen ergriffen werden, um ein Infektionsgeschehen einzud&auml;mmen, so geschieht das letztlich immer, um Leben zu retten, egal ob man als Kriterium f&uuml;r die Lockerung oder Versch&auml;rfung von Ma&szlig;nahmen den Inzidenzwert oder den Grad der Bettenauslastung heranzieht. Der Blick auf die Zahl der Verstorbenen ist mit zunehmender Dauer der Pandemie allerdings immer mehr verlorengegangen. Heute spielen sie in der Diskussion um angemessene Ma&szlig;nahmen kaum noch eine Rolle. Der Blick hat sich auf Inzidenzen und Impfquoten verengt. Von Interesse scheint nur noch zu sein, mit welchen Ma&szlig;nahmen die Inzidenz gesenkt oder die Impfquote gesteigert werden kann.<\/p><p>Dabei sind gerade Inzidenzwerte und Impfquoten weit und flexibel interpretierbar und bergen die Gefahr in sich, manipulativ missbraucht zu werden. Nach Einsch&auml;tzung der Weltgesundheitsorganisation ist der Anteil der Bev&ouml;lkerung, der gegen COVID-19 geimpft sein muss, um Herdenimmunit&auml;t sicherzustellen, nicht bekannt und die WHO verweist darauf, dass es sich hier um eine &bdquo;important area of research&ldquo; handelt. [<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>] Angesichts der Bedeutung, die der Frage der Herdenimmunit&auml;t beigemessen wird, verwundert es nicht, wenn sehr unterschiedliche Zielquoten f&uuml;r den Anteil der Bev&ouml;lkerung, der immun sein sollte, um eine unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, im Umlauf sind.<\/p><p>Das RKI beruft sich auf das WHO-Regionalb&uuml;ro f&uuml;r Europa und empfiehlt eine Zielimpfquote von mindestens 80% in der Erwachsenenbev&ouml;lkerung. [<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>] Das w&uuml;rde etwa 60% der Gesamtbev&ouml;lkerung entsprechen. In der renommierten medizinischen Fachzeitschrift THE LANCET ist zu lesen, dass die meisten Epidemiologen davon ausgehen, dass eine Immunisierungsquote von 70% ausreicht, um Herdenimmunit&auml;t zu erreichen. 70% der Bev&ouml;lkerung sollten entweder geimpft sein ODER eine Infektion &uuml;berstanden haben. [<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>]<\/p><p>Prof. Lehr von der Universit&auml;t in Saarbr&uuml;cken setzt die Quote h&ouml;her an und geht davon aus, dass f&uuml;r eine Herdenimmunit&auml;t 85% der Deutschen geimpft oder genesen sein m&uuml;ssten. [<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>] Warum er allerdings so pessimistisch ist zu glauben, dass diese Quote nicht erreichbar sei, ist schwer nachzuvollziehen. Denn wenn man eine Infektionssterblichkeit von 0,2% bis 0,4% unterstellt (s.o.), kann man davon ausgehen, dass angesichts von &uuml;ber 90.000 Menschen, die mittlerweile an Corona verstorben sind, zwischen 27% und 55% der Bev&ouml;lkerung bereits heute auf nat&uuml;rliche Weise gegen Corona gesch&uuml;tzt sind. Von den nicht gesch&uuml;tzten Personen m&uuml;ssten folglich nur 30% bis 58% geimpft werden, um eine Immunit&auml;tsquote von 85% sicherzustellen. Und f&uuml;r den Fall, dass eine Quote von 70% f&uuml;r Herdenimmunit&auml;t ausreichen sollte, m&uuml;ssten sich lediglich 15% bis 45% der noch nicht nat&uuml;rlich Immunisierten um einen &sbquo;Pieks&rsquo; bem&uuml;hen. Das sollte eigentlich nicht so schwer zu erreichen sein und ist m&ouml;glicherweise sogar schon heute der Fall.<\/p><p>Man sollte aufh&ouml;ren, &auml;ngstlich auf die Impfquote zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Mittlerweile ist genug Impfstoff vorhanden, dass sich jeder, der es m&ouml;chte, impfen lassen kann. &bdquo;Jetzt liegt es nicht mehr in der Verantwortung des Staates, sondern in der individuellen Verantwortung jedes und jeder Einzelnen (ob er sich impfen l&auml;sst oder nicht, d. A.)&ldquo;, so die Kassen&auml;rztliche Bundesvereinigung in einer aktuellen Pressemitteilung. [<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>]<\/p><p>Bei den Inzidenzwerten sieht es, was die Datenlage betrifft, nicht viel besser aus. Grenzwerte werden, so hat man den Eindruck, nach Gusto rauf- oder runtergesetzt. Mal ist es wichtig, dass die Inzidenz einen Wert von 50 nicht &uuml;berschreitet, dann wird der Grenzwert auf 35 herabgesetzt, verbunden mit der Einsch&auml;tzung, dass die Inzidenz eigentlich bei 10 liegen sollte, und wenn sich Physiker und Wirtschaftswissenschaftler der Problematik annehmen, sollte eine R&uuml;ckkehr zur Normalit&auml;t eigentlich erst erfolgen, wenn das No-Covid-Ziel erreicht ist. Mit wissenschaftlicher Erkenntnis hat das alles wenig zu tun. Das ist ein maximal unbefriedigender Zustand. Es w&auml;re zu w&uuml;nschen, dass die Politik endlich ausreichend Geld in die Hand nimmt, damit zumindest einige dr&auml;ngende Fragen zum Coronageschehen von unabh&auml;ngigen wissenschaftlichen Institutionen fundiert erforscht werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Doch abgesehen von Kenntnisl&uuml;cken in wissenschaftlichen Detailfragen, haben die zur&uuml;ckliegenden achtzehn Monate gezeigt, dass eine Coronainfektion zwar eine schwere, nicht zu untersch&auml;tzende Erkrankung zur Folge haben kann, dass Sars-CoV-2 jedoch weit davon entfernt ist, ein Killervirus zu sein. Es ist Zeit, dem Rechnung zu tragen und allm&auml;hlich zur Normalit&auml;t zur&uuml;ckzukehren. So sieht das auch die Kassen&auml;rztliche Bundesvereinigung (KBV). Auf der Vertreterversammlung am 17. September 2021 in Berlin forderte der stellvertretende KBV-Vorsitzende Dr. Hofmeister die Aufhebung aller staatlich veranlassten Restriktionen der Corona-Pandemie und f&uuml;gte hinzu: &bdquo;Es muss endlich Schluss sein mit der Gruselrhetorik und Panikpolitik.&ldquo; [<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>]<\/p><p>Titelbild: whiteMocca\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Robert Koch-Institut: <a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/InfAZ\/N\/Neuartiges_Coronavirus\/Projekte_RKI\/COVID-19_Todesfaelle.html\"><strong>Coronavirus SARS-CoV-2- <\/strong>Todesf&auml;lle nach Sterbedatum<\/a> (Stand: 27. August 2021)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Statistisches Bundesamt: <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Themen\/Gesellschaft-Umwelt\/Bevoelkerung\/Sterbefaelle-Lebenserwartung\/Tabellen\/sonderauswertung-sterbefaelle.html\">Sterbef&auml;lle &ndash; Fallzahlen nach Tagen, Wochen, Monaten, Altersgruppen, Geschlecht und Bundesl&auml;ndern f&uuml;r Deutschland 2016 &ndash; 2021<\/a>. Publikation vom 17. August 2021<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Methoden\/WISTA-Wirtschaft-und-Statistik\/2021\/03\/sterbefallzahlen-corona-pandemie-032021.pdf;jsessionid=06215A6A69CB3F65AEA8953B5548C36D.live721?__blob=publicationFile\">Felix zur Nieden, Alexander Engelhart &ndash; Sterbefallzahlen und &Uuml;bersterblichkeit w&auml;hrend der Corona-Pandemie<\/a>. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), In: WISTA 3\/2021, S. 47-57<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Statistisches Bundesamt: <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Presse\/Pressemitteilungen\/2021\/01\/PD21_044_12621.html\">Sterbefallzahlen im Dezember 2020: 29% &uuml;ber dem Durchschnitt der Vorjahre<\/a>, Pressemitteilung Nr. 044 vom 29. Januar 2021<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69639\">G&uuml;nter Eder &ndash; Ein statistischer Blick auf die &Uuml;bersterblichkeit in Zeiten von Corona<\/a>. NachDenkSeiten vom 9. Februar 2021<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74005\">G&uuml;nter Eder &ndash; Verlorene Lebenszeit durch Corona.<\/a> NachDenkSeiten vom 6. Juli 2021<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] <a href=\"https:\/\/elifesciences.org\/articles\/69336\">Ariel Karlinsky, Dmitry Kobak &ndash; Tracking excess mortality across countries during the COVID-19 pandemic with the World Mortality Dataset.<\/a> Hebrew University (Israel) and University of T&uuml;bingen (Germany), 30. Juni 2021<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] <a href=\"https:\/\/edoc.rki.de\/bitstream\/handle\/176904\/6253\/RKI_Influenzabericht_2018-19.pdf?sequence=1&amp;isAllowed=y\">Arbeitsgemeinschaft Influenza &ndash; Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland Saison 2018\/2019<\/a>. Robert Koch-Institut (Hrsg.) 2019<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.uni-bonn.de\/de\/neues\/111-2020\">Universit&auml;t Bonn: Ergebnisse der &ldquo;Heinsberg-Studie&rdquo; ver&ouml;ffentlicht. Bonner Forschungsteam ermittelt Sterblichkeitsrate der SARS-CoV-2-Infektion<\/a>. 4. Mai 2020<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.who.int\/bulletin\/online_first\/BLT.20.265892.pdf\">John Ioannidis &ndash; Infection fatality rate of COVID-19 inferred from seroprevalence data. Bulletin of the World Health Organization<\/a>, 14. Oktober 20220 <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] <a href=\"https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/epdf\/10.1111\/eci.13554\">John Ioannidis &ndash; Reconciling estimates of global spread and infection fatality rates of COVID-19: An overview of systematic evaluation. Wiley Online Library<\/a>, 26. March 2021<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.who.int\/news-room\/q-a-detail\/herd-immunity-lockdowns-and-covid-19\">World Health Organization &ndash; Coronavirus disease (COVID-19): Herd immunity, lockdowns and COVID-19<\/a>, 1. Dezember 2020<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/Infekt\/EpidBull\/Archiv\/2021\/Ausgaben\/27_21.pdf?__blob=publicationFile\">Robert Koch-Institut &ndash; Epidemiologisches Bulletin. Aktuelle Daten und Informationen zu Infektionskrankheiten und public health<\/a>. 27\/2021<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.thelancet.com\/action\/showPdf?pii=S0140-6736(21)00870-9\">Eyal Leshem, Benjamin Alan Lopman &ndash; Population immunity and vaccine protection against infection. In: The Lancet Vol. 397<\/a>, S. 1685-1687, 8. Mai 2021<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/nachrichten\/125866\/Coronaprognose-Herdenimmunitaet-in-Deutschland-nicht-erreichbar\">Coronaprognose: Herdenimmunit&auml;t in Deutschland nicht erreichbar<\/a>. &Auml;rzteblatt vom 26. Juli 2021<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;16<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.kbv.de\/html\/2021_54465.php\">Hofmeister: &bdquo;Schluss mit Gruselrhetorik und Panikpolitik&ldquo;<\/a>. Pressemitteilung der Kassen&auml;rztlichen Bundesvereinigung vom 17. September 2021<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit eineinhalb Jahren beherrscht das Thema &bdquo;Corona&ldquo; die t&auml;gliche Debatte. Massive Einschnitte in unser Leben wurden ergriffen, um uns vor der Gefahr durch das Virus zu sch&uuml;tzen. Wie gro&szlig; die Gefahr f&uuml;r die Allgemeinheit tats&auml;chlich ist, l&auml;sst sich aus den offiziellen Zahlen jedoch nur schwer herleiten. Der Statistiker <b>G&uuml;nter Eder<\/b> hat sich f&uuml;r die NachDenkSeiten<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76248\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":74006,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[149],"tags":[2962,2880,2453,2856,405,2834],"class_list":["post-76248","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesundheitspolitik","tag-herdenimmunitaet","tag-impfungen","tag-mortalitaet","tag-robert-koch-institut","tag-statistisches-bundesamt","tag-virenerkrankung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/shutterstock_717730411.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76248","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=76248"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76248\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":76275,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76248\/revisions\/76275"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/74006"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=76248"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=76248"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=76248"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}