{"id":76295,"date":"2021-09-23T09:05:32","date_gmt":"2021-09-23T07:05:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76295"},"modified":"2021-09-24T07:20:45","modified_gmt":"2021-09-24T05:20:45","slug":"deutungen-eines-mordes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76295","title":{"rendered":"Deutungen eines Mordes"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt Menschen, die hassen die Welt, wie sie ist. Sie hassen die Gesellschaft, sie hassen alle, die sich irgendwie an die Regeln dieser Gesellschaft halten, sie hassen vermutlich sich selbst daf&uuml;r, dass sie selbst sich auch zumeist nach diesen Regeln richten.  Ihren Hass n&auml;hren sie an allem, was sich in der Mehrheitsgesellschaft als Konsens etabliert oder sich zumindest in der &Ouml;ffentlichkeit als Konsens durchzusetzen beginnt. Das kann die gendergerechte Sprache ebenso sein wie die Ehe f&uuml;r alle oder die Impfung gegen das Corona-Virus, aktuell die Corona-Ma&szlig;nahmen &uuml;berhaupt. Vom Kritiker unterscheidet sich der, der die Welt hasst, dadurch, dass er keine Argumente f&uuml;r seine Ablehnung hat, er lehnt all das ab, weil es in der &Ouml;ffentlichkeit der Gesellschaft als gut und w&uuml;nschenswert gilt, er ist Antisemit ebenso wie Feind der Geschlechtergerechtigkeit, er ist Impfgegner ebenso, wie er die demokratischen Institutionen und die Corona-Ma&szlig;nahmen ablehnt, der Genderstern regt ihn ebenso auf wie ein schwules Paar, das sich auf der Stra&szlig;e k&uuml;sst. Von <strong>J&ouml;rg Phil Friedrich<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2473\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-76295-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210923_Deutungen_eines_Mordes_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210923_Deutungen_eines_Mordes_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210923_Deutungen_eines_Mordes_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210923_Deutungen_eines_Mordes_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=76295-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210923_Deutungen_eines_Mordes_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210923_Deutungen_eines_Mordes_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Manche dieser Menschen werden zu Amokl&auml;ufern, einige zu Terroristen, die meisten von ihnen leben vermutlich unauff&auml;llig und einsam ihr Leben, bis sie vom Hass zerfressen in Einsamkeit sterben.<br>\nEs spricht nach allem, was bisher bekannt ist, vieles daf&uuml;r, dass der M&ouml;rder von Idar-Oberstein, der am Montag den Kassierer in einer Tankstelle erschossen hat, weil dieser ihn aufgefordert hatte, vorschriftsm&auml;&szlig;ig einen Mund-Nase-Schutz zu tragen, zu diesen hassenden Menschen geh&ouml;rt. Der Anlass h&auml;tte vielleicht auch ein anderer sein k&ouml;nnen, aber es ist naheliegend, dass die Menschen- und Gesellschaftshasser gegenw&auml;rtig gerade in den Corona-Ma&szlig;nahmen st&auml;ndig Anl&auml;sse finden, die ihren Hass zum Gewaltausbruch bringen.<\/p><p>Kaum war die Tat und ihr Anlass bekannt geworden, begann in den Medien eine Debatte, die den Mord von Idar-Oberstein als Zeichen f&uuml;r eine Radikalisierung der Corona-Ma&szlig;nahmengegner, der Querdenker, der Anh&auml;nger von Verschw&ouml;rungstheorien und der Impfgegner deutete. Das aber kehrt die Kausalit&auml;t um. Es gibt keine Indizien daf&uuml;r, dass die Proteste der Querdenker grunds&auml;tzlich radikaler oder gewaltt&auml;tiger werden, dass Menschen, die den Impfungen kritisch, skeptisch oder ablehnend gegen&uuml;berstehen, im Laufe der Monate zunehmend zu Gewalttaten bereit w&auml;ren. Radikalisierung von Menschen, das bedeutet im herk&ouml;mmlichen Sinn &ndash; etwa im Zusammenhang mit Islamismus und islamistischem Terror &ndash; dass etwa junge Muslime, die zuvor keinen Hang zur Gewalt hatten, durch gezielte Beeinflussung durch charismatische Vork&auml;mpfer die Bereitschaft entwickeln, selbst gewaltt&auml;tig zu werden. Es ist nicht bekannt, dass in der Querdenkerszene oder bei Impfskeptikern solche Entwicklungen stattfinden. Zwar mag es sein, dass Menschen in ihren Protestformen radikaler und kompromissloser werden. Bei der Dynamik dieser Prozesse d&uuml;rfte das Wechselspiel von Solidarisierung mit &ouml;ffentlich ge&auml;chteten Meinungsf&uuml;hrern und der Zuschreibung radikaler Ansichten durch die &Ouml;ffentlichkeit eine gro&szlig;e Rolle spielen. Wer ein paar Mal Ansichten eines &bdquo;Querdenkers&ldquo; gelesen und geh&ouml;rt hat und diesen spontan zugestimmt hat, und sodann die pauschale Behauptung h&ouml;rt, dass alle, die dem zustimmen, selbst Querdenker seien, kommt wom&ouml;glich trotzig zu der Ansicht, dann eben lieber ein Querdenker zu sein, als sich die kritische Sicht verbieten zu lassen.<\/p><p>Aber das ist ein weites Feld und kann hier nicht detailliert ausdiskutiert werden. Klar ist aber, dass aus einer solchen Solidarisierung und Identifizierung mit Impfgegnern, Querdenkern oder auch Gender-Gegnern nicht folgt, dass diese Menschen dann auch eine Bereitschaft zur Aggression und Gewaltt&auml;tigkeit entwickeln. Umgekehrt ist die Sache viel plausibler: Diejenigen, die aus ihrem grunds&auml;tzlichen Hass auf die Welt heraus st&auml;ndig nach neuer Nahrung f&uuml;r Wut und nach Anl&auml;ssen f&uuml;r Gewaltausbr&uuml;che suchen, nutzen begierig solche Anl&auml;sse und Gelegenheiten, um ihrem Hass freien Lauf zu lassen. Nat&uuml;rlich hasst, wer die ganze Gesellschaft hasst, auch die Corona-Ma&szlig;nahmen, und solange es Corona-Ma&szlig;nahmen gibt, werden diese Menschen die radikalsten, aggressivsten, gewaltbereitesten Corona-Ma&szlig;nahmen-Gegner sein.<\/p><p>Es stellt sich die Frage, warum in den Kommentaren der Rundfunksender und Zeitungen eher von einer Radikalisierung der Querdenker und Impfgegner die Rede ist als von der Instrumentalisierung der skeptischen und kritischen Stimmen durch radikale Menschenhasser. Vermutlich sitzt die gro&szlig;e Erz&auml;hlung von der allm&auml;hlichen Radikalisierung von Kritikern tief im &Uuml;berzeugungssystem vieler Beobachter. Vielleicht meinen sie auch, dass durch die Deutung, der M&ouml;rder von Idar-Oberstein sei ein &bdquo;radikalisierter Querdenker&ldquo;, Menschen vor einer Begegnung mit den Querdenkern zur&uuml;ckschrecken k&ouml;nnten aus Angst, selbst ungewollt zu Radikalen und Gewaltt&auml;tern zu werden. Als sei der Radikalismus, der Terrorismus oder die Gewaltt&auml;tigkeit so etwas wie eine ansteckende Krankheit, die jeden erfasst, der einer kritischen Einstellung zu staatlichen Ma&szlig;nahmen oder einer Skepsis gegen&uuml;ber den etablierten Institutionen zu nahe kommt.<\/p><p>Umso wichtiger ist es, dieser Deutung eine andere entgegenzusetzen: Tats&auml;chlich kann die Dynamik aus wechselseitiger Abgrenzung zwischen Mehrheitsprinzip-Konsens-Gesellschaft und Skeptikern, aus Fremdzuschreibung von Klischees und Solidarisierung mit diffamierten Aktivisten zu unkritischer Identifikation mit vereinfachenden Weltbildern f&uuml;hren. Das mag zur Aktivierung und zur Bereitschaft zum Protest f&uuml;hren. Keineswegs macht das aber automatisch aus friedlichen B&uuml;rgern Gewaltt&auml;ter, Terroristen und M&ouml;rder. Umgekehrt nutzen gewaltbereite Menschen- und Gesellschaftshasser polarisierende Themen zum Ausleben ihrer Wut und ihrer Gewaltbereitschaft.<\/p><p>Die demokratische Gesellschaft braucht radikalen Protest, sie braucht, dass friedliche Menschen mutig werden und laut und standhaft ihre Kritik zum Ausdruck bringen. Sie braucht Querdenker, die sich dem allzu schnell hergestellten Konsens widersetzen und skeptisch bleiben, wenn die Mehrheit skeptische Distanz zu Institutionen vermissen l&auml;sst. Sie wissen, dass keine Autorit&auml;t, weder die von Medien oder Politikern, noch die von Wissenschaftlern und Intellektuellen, nur auf der Kraft des besseren Arguments beruht, sondern immer auch auf Macht und Einfluss, und dass der Zugewinn von Macht und Einfluss in allen Institutionen immer auch eine Triebfeder ist, wegen der Fakten zurechtgebogen, Tatsachen verschwiegen und Argumente unterdr&uuml;ckt werden. Prinzipielle Skepsis und laute, kompromisslose Kritik helfen dabei, solche Mechanismen aufzudecken und in Schach zu halten.<\/p><p>Die Behauptung, kritische und skeptische Milieus w&uuml;rden ein N&auml;hrboden f&uuml;r Radikalisierung hin zur Gewaltt&auml;tigkeit bis zum Mord sein, ist letztlich der Versuch, ihre kritisch-korrektive Funktion zu diskreditieren, um sich gegen Kritik &uuml;berhaupt immun zu machen. <\/p><p>Titelbild: Burlingham\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Menschen, die hassen die Welt, wie sie ist. 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