{"id":76310,"date":"2021-09-23T12:49:35","date_gmt":"2021-09-23T10:49:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76310"},"modified":"2021-09-23T13:33:37","modified_gmt":"2021-09-23T11:33:37","slug":"geldwaesche-scholz-und-jede-menge-false-positives","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76310","title":{"rendered":"Geldw\u00e4sche, Scholz und jede Menge \u201eFalse Positives\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland hat ein Geldw&auml;sche-Problem. Sichtbar wurde dies einmal mehr am vergangenen Montag, als Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz vor den Finanzausschuss des Bundestages geladen wurde, um &uuml;ber die Missst&auml;nde bei der Financial Intelligence Unit (FIU) Rede und Antwort zu stehen &ndash; einer Spezialeinheit des Zolls zur Geldw&auml;schebek&auml;mpfung, die seit 2017 dem Bundesfinanzministerium unterstellt ist. Das Pikante dabei, nach der Wirecard-Pleite und dem Cum-Ex-Steuerskandal ist dies bereits die dritte Aff&auml;re, die in den Zust&auml;ndigkeitsbereich von Olaf Scholz f&auml;llt. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDoch was ist genau passiert? Anderthalb Wochen zuvor waren mehrere Beamte der Polizei und Staatsanwaltschaft Osnabr&uuml;ck nach Berlin gereist, um gleich zwei Bundesministerien zu durchsuchen, das Justizministerium und das von Olaf Scholz gef&uuml;hrte Finanzministerium. Anlass war ein Ermittlungsverfahren gegen noch nicht identifizierte Mitarbeiter der Zentralstelle f&uuml;r Finanztransaktionsuntersuchungen, wie die FIU offiziell hei&szlig;t. Der Vorwurf lautet auf Strafvereitelung im Amt.<\/p><p><strong>FIU im Visier<\/strong><\/p><p>In dem konkreten Fall geht es um rund 1,7 Millionen Euro, die aus Osnabr&uuml;ck &uuml;ber mehrere dubiose Konten nach Afrika &uuml;berwiesen worden sein sollen. Drei involvierte Banken hatten daraufhin die verd&auml;chtigen Transaktionen gemeldet. Die FIU leitete diese Meldungen aber nicht ordnungsgem&auml;&szlig; weiter, weswegen die Ermittler zu sp&auml;t kamen. In der Folge ist die FIU selbst ins Visier der Strafverfolger geraten. Bereits im Juli 2020 hatten die Osnabr&uuml;cker Beamten die R&auml;umlichkeiten der FIU in K&ouml;ln <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/justiz\/verdacht-auf-strafvereitelung-ermittler-gehen-gegen-zoll-spezialeinheit-fiu-vor-a-8d657c7f-f570-4a16-85c0-82134da79905\">durchsucht<\/a>. Weil jedoch bis heute nicht gekl&auml;rt werden konnte, wer genau f&uuml;r die versp&auml;tet abgegebenen Meldungen verantwortlich ist, wurden nun auch die Berliner Ministerien inspiziert, wo die f&uuml;r die FIU zust&auml;ndige Rechts- und Fachaufsicht angesiedelt ist.<\/p><p>Das alles kommt keineswegs &uuml;berraschend. Denn unter Experten gilt Deutschland schon lange als &bdquo;Geldw&auml;sche-Paradies&ldquo;. Der Strafrechtsprofessor Kai Bussmann von der Universit&auml;t Halle sch&auml;tzte bereits 2015 in einer Dunkelfeldstudie, dass hierzulande mehr als 100 Milliarden Euro an Schwarzgeld pro Jahr <a href=\"https:\/\/wcms.itz.uni-halle.de\/download.php?down=41985&amp;elem=3321735\">gewaschen werden<\/a>. Nur ein Bruchteil davon, n&auml;mlich rund 100 Millionen Euro, werden strafrechtlich abgeurteilt. Das sind lediglich 0,1 Prozent der j&auml;hrlichen Gesamtsumme. &bdquo;Deutschland verfolgt im Wesentlichen nur Peanuts, also untergeordnete F&auml;lle von Geldw&auml;sche&ldquo;, schreibt Bussmann in der Studie.<\/p><p><strong>Sicherer Hafen f&uuml;r Geldw&auml;scher<\/strong><\/p><p>Irrig ist auch die weitverbreitete Vorstellung, dass Geld vor allem in L&auml;ndern mit hoher organisierter Kriminalit&auml;t gewaschen wird. Vielmehr agieren Geldw&auml;scher wie legale Investoren, sie folgen nicht der Kriminalit&auml;t innerhalb eines Landes, sondern dem Erfolg des Wirtschaftsstandorts. &bdquo;Deutschland und weitere Industriel&auml;nder wie Frankreich und UK sind sichere H&auml;fen sowohl unter wirtschaftlichen als auch rechtsstaatlichen Kriterien und ziehen daher inkriminierte Gelder wie ein Magnet an&ldquo;, schreibt Bussmann weiter.<\/p><p>In Deutschland sind im Wesentlichen drei Stellen f&uuml;r Geldw&auml;sche zust&auml;ndig. W&auml;hrend die Finanzaufsicht Bafin die Geldw&auml;schepr&auml;vention der Banken und Sparkassen kontrolliert, sind die lokalen Aufsichtsbeh&ouml;rden (Regierungspr&auml;sidien, Gewerbe&auml;mter oder gar die Standesbeamten) f&uuml;r alle anderen Firmen zust&auml;ndig. Und dann ist da noch die FIU. Deren Aufgabe ist es, die Geldw&auml;scheverdachtsmeldungen zu sammeln, auszuwerten und an die Strafverfolger weiterzuleiten.<\/p><p><strong>Stau an Verdachtsmeldungen<\/strong><\/p><p>Letzteres hat in der Vergangenheit aber so gut wie gar nicht funktioniert. Immer wieder hat man im Zusammenhang mit der FIU von IT-Problemen und Personalengp&auml;ssen geh&ouml;rt, immer wieder kam es zu einem Stau an Verdachtsmeldungen, den die FIU nicht abgearbeitet bekam. Auch wegen dieser Probleme war die Beh&ouml;rde im Sommer 2017 auf Betreiben des damaligen Finanzministers Wolfgang Sch&auml;uble vom Bundeskriminalamt zum Zoll verlegt worden. Ge&auml;ndert hat sich aber wenig. Olaf Scholz, der Sch&auml;uble als Finanzminister folgte, tauschte zwar den Beh&ouml;rden-Leiter aus, erh&ouml;hte das Personal und verschaffte der FIU ein paar mehr Rechte. Doch auch das hat nichts gebracht.<\/p><p>Das Kernproblem blieb, die FIU arbeitet nach wie vor extrem ineffizient. Von den insgesamt 144 000 Geldw&auml;scheverdachtsmeldungen, die 2020 bei der Beh&ouml;rde eingingen, wurden nur 783 strafrechtlich verfolgt, das sind gerademal 0,54 Prozent aller F&auml;lle. Ein Grund daf&uuml;r sind die vielen Falschmeldungen (&bdquo;false positives&ldquo;) aus dem Finanzsektor. Um Rechtsrisiken zu vermeiden, reichen die Banken inzwischen alle m&ouml;glichen Bagatellf&auml;lle an die FIU weiter. In der Folge hat sich das Meldeaufkommen allein in den vergangenen zwei Jahren nahezu verdoppelt, in den vergangenen zehn Jahren sogar verzw&ouml;lffacht. Mit dieser Flut an Verdachtsmeldungen ist die FIU schlichtweg &uuml;berfordert.<\/p><p><strong>Keine wirksame Geldw&auml;scheaufsicht<\/strong><\/p><p>In Deutschland gibt es &bdquo;keine wirksame Geldw&auml;scheaufsicht&ldquo;, hei&szlig;t es folgerichtig in einem geheimen Gutachten des Bundesrechnungshofs, das Anfang des Jahres <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/steuerkriminalitaet-geheimes-gutachten-deutschland-ist-ein-paradies-fuer-geldwaescher\/26846022.html?ticket=ST-3537676-7F7ZGQaQA1t1k9CmW72i-ap3\">an die &Ouml;ffentlichkeit gelangt ist<\/a>. Und &bdquo;Handelsblatt&ldquo;-Redakteur Felix Holtermann konstatiert in seinem Buch &bdquo;Geniale Betr&uuml;ger&ldquo;: &bdquo;Viele FIU-Mitarbeiter sind keine ausgebildeten Kriminalisten. Sie scheitern damit schon am Grundauftrag der Beh&ouml;rde. Eigentlich soll die FIU analysieren, ob eine Geldw&auml;scheverdachtsmeldung auf eine Straftat hinweist, und sie nur dann an die Ermittler schicken. Aus &Uuml;berforderung werden Meldungen jedoch zu Tausenden praktisch ungepr&uuml;ft an die schon jetzt &uuml;berlasteten Staatsanwaltschaften weitergeleitet.&ldquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Und was hat das alles mit Olaf Scholz zu tun? Nach der Wirecard-Pleite und dem Cum-Ex-Skandal ist dies die dritte Aff&auml;re, in die er verwickelt ist. Zwar waren die Missst&auml;nde auch schon bei seinen Vorg&auml;ngern aufgetreten, gleichwohl hat sich Scholz vor gut zwei Jahren vollmundig der Sache angenommen. &bdquo;Geldw&auml;sche ist in unserem Land ein ernstes Problem. Das m&uuml;ssen wir beseitigen&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Scholz-sagt-Geldwaesche-den-Kampf-an-article21175569.html\">sagte der Bundesfinanzminister damals<\/a>. <\/p><p>Heute jedoch dr&auml;ngt sich der Eindruck auf, dass dies reines Wortgeklingel war. Denn au&szlig;er ein paar kosmetischen Ver&auml;nderungen wie die Aufstockung der Mitarbeiterzahl hat Scholz nicht wirklich viel zustande gebracht. Vielmehr scheint der Bundesfinanzminister nie ein gro&szlig;es Interesse daran gehabt zu haben, die FIU grundlegend zu reformieren. Den Chef der FIU, Christof Schulte, beispielsweise hat er kein einziges Mal pers&ouml;nlich getroffen. Hinzu kommt, dass der radikale Umbau einer Beh&ouml;rde politische Schwerstarbeit ist, die einem im Zweifel noch nicht einmal gedankt wird. Sollte Olaf Scholz also tats&auml;chlich der n&auml;chste Bundeskanzler werden, dann bekommt man mit dieser Aff&auml;re nun eine weitere Vorstellung davon, wie und auf welche Art und Weise die Probleme in diesem Land k&uuml;nftig wohl angegangen werden d&uuml;rften.<\/p><p>Titelbild: photocosmos1\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Holtermann, Felix, Geniale Betr&uuml;ger, Frankfurt 2021, S. 128<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland hat ein Geldw&auml;sche-Problem. 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