{"id":76352,"date":"2021-09-25T11:45:00","date_gmt":"2021-09-25T09:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76352"},"modified":"2021-10-05T16:58:06","modified_gmt":"2021-10-05T14:58:06","slug":"die-wahrheit-ueber-die-afghanischen-frauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76352","title":{"rendered":"Die Wahrheit \u00fcber die afghanischen Frauen"},"content":{"rendered":"<p>Der Westen, allen voran die USA, sind einem ihrer vorgeblich wichtigsten Ziele in Afghanistan in keiner Weise gerecht geworden: Den afghanischen Frauen zu einem besseren Leben zu verhelfen. Die Politikwissenschaftlerin und Frauenrechtsk&auml;mpferin <strong>Cheryl Benard<\/strong> mit <a href=\"https:\/\/unherd.com\/2021\/09\/the-truth-about-afghan-women\/\">einem analytischen Kommentar<\/a> &uuml;ber dieses kolossale Versagen. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1162\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-76352-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211005_Die_Wahrheit_ueber_die_afghanischen_Frauen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211005_Die_Wahrheit_ueber_die_afghanischen_Frauen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211005_Die_Wahrheit_ueber_die_afghanischen_Frauen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211005_Die_Wahrheit_ueber_die_afghanischen_Frauen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=76352-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211005_Die_Wahrheit_ueber_die_afghanischen_Frauen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"211005_Die_Wahrheit_ueber_die_afghanischen_Frauen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Die Wahrheit &uuml;ber die afghanischen Frauen<\/strong><\/p><p>Die Medien haben sich nur auf einige Feministinnen in Kabul konzentriert<\/p><p><em>Von Cheryl Benard<\/em><\/p><p>Wenn ich &uuml;ber das Projekt des Westens, afghanische Frauen zu befreien, nachdenke, f&auml;llt mir eine Zeile von T.S. Eliot ein: &bdquo;Die letzte Versuchung ist der gr&ouml;&szlig;te Verrat, aus falschem Grund zu tun die rechte Tat.&ldquo; In Afghanistan haben wir 20 Jahre lang eine einmalig selbstgerechte, tragisch fehlgeleitete Mission gef&uuml;hrt, die sich am besten mit der Umkehrung dieses zitierten Satzes ausdr&uuml;cken l&auml;sst.<\/p><p>Wir taten das Falsche, vielleicht aus dem richtigen Grund. Wir wollten das Land entwickeln und afghanische Frauen retten. Deren Leben war die H&ouml;lle, M&auml;dchen wurden von der Schule ausgeschlossen, Frauen wurde verboten, ihr Haus zu verlassen, es sei denn in Begleitung eines m&auml;nnlichen W&auml;chters, B&uuml;rgerwehren verpr&uuml;gelten sie mit St&ouml;cken, wenn ihre Burka zu kurz war. Wir wollten, dass sie in den Genuss der Freuden der Moderne kommen und ein erf&uuml;lltes, gl&uuml;ckliches Leben f&uuml;hren. <\/p><p>Das haben wir, genauso wie die Staatenbildung, gr&uuml;ndlich in den Sand gesetzt. Und statt neue Wege einzuschlagen, sind wir jetzt dabei, mit Anlauf den Schaden zu vergr&ouml;&szlig;ern.<\/p><p>Jetzt lautet unser Mantra: &bdquo;Wir k&ouml;nnen die afghanischen Frauen nicht im Stich lassen.&ldquo; Und damit meinen wir &ndash; wir m&uuml;ssen Visa ausstellen und sie evakuieren. Aber offensichtlich k&ouml;nnen wir nicht alle afghanischen Frauen ausfliegen. Die &Uuml;brigen &uuml;berlassen wir, ganz auf sich gestellt, einem mittelalterlichen Regime &ndash; nachdem wir alle gebildeten, wohlhabenden, gut vernetzten und cleveren Leute abgesch&ouml;pft haben. Wir lassen sie in Armut und am Hungertuch nagend zur&uuml;ck, nachdem wir jene, die f&uuml;r die Nahrungsmittelprogramme und die Krankenh&auml;user gearbeitet haben, schnell ausgeflogen haben. Die US-Botschaft ist verrammelt. So, liebe Leute, sieht im Stich lassen aus. <\/p><p>Das traurige Geheimnis unseres gro&szlig;en afghanischen Befreiungsprojekts lautet: Als wir uns aufmachten, die afghanischen Frauen zu retten, hatten wir vom Wer, Wie und Warum keine Ahnung. Wir haben mit jenen zusammengearbeitet, die wir leicht finden und mit denen wir leicht interagieren konnten, Menschen aus der st&auml;dtischen und weltl&auml;ufigen Bev&ouml;lkerungsschicht, jene, die uns durchschauten und unseren Bedarf an photogenem Erfolg bedienen konnten. Diejenigen in den Slums und D&ouml;rfern haben wir nie erreicht.  <\/p><p>Selbst jetzt scheint uns nicht bewusst zu sein, dass &bdquo;die afghanischen Frauen&ldquo; keine Einheit bilden. Dabei unterscheiden sie sich je nach Lebensumst&auml;nden, Einstellung und je nach Einflussfaktoren so deutlich voneinander, als geh&ouml;rten sie unterschiedlichen Spezies an.<\/p><p>Ich schlage daher eine praktische Anleitung zu afghanischen Frauen vor.  Beginnen wir mit der Gruppe, die sonst immer ins Hintertreffen ger&auml;t: die gew&ouml;hnlichen, durchschnittlichen, unterdr&uuml;ckten, &uuml;bersehenen und ungeliebten Frauen, die die Mehrheit der weiblichen Bev&ouml;lkerung des Landes ausmachen. Sie sind afghanische Nachtigallen, die scheu hinter den Lehmw&auml;nden ihrer Behausungen hervorlugen, konturlose Silhouetten in graubrauner Kleidung, daran gew&ouml;hnt, &uuml;bersehen und ausgeschlossen zu werden. Und im Besitz, das glaube ich, einer einzigartig sch&ouml;nen Stimme, wenn die Umst&auml;nde nur je erlaubten, sie erklingen zu lassen.<\/p><p><strong>Typ eins: Die unsichtbaren echten Frauen von Afghanistan<\/strong><\/p><p>Der gr&ouml;&szlig;te Teil der afghanischen Frauen geh&ouml;rt der armen Stadt- und Landbev&ouml;lkerung an und viele sind Binnenfl&uuml;chtlinge, die in Lagern leben. Ihr Leben hat sich in den vergangenen zwei Jahrhunderten kaum ver&auml;ndert &ndash; und schon gar nicht in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Die Kommunisten haben es versucht, indem sie den einzigen ehrlichen Versuch unternahmen, ein verwurzeltes System zutiefst patriarchaler, stammesm&auml;&szlig;iger und feudaler Unterdr&uuml;ckung zu reformieren. Die Vertreter dieses Systems haben dagegen Widerstand geleistet, und in unserem Eifer, die Sowjets auf diesem Stellvertreter-Schlachtfeld zu schlagen, haben wir daf&uuml;r gesorgt, dass sie sich durchsetzten.<\/p><p>Das Leben dieser Frauen ist trist und schwierig. Man bedauert, dass sie geboren wurden, ihre M&uuml;tter wurden daf&uuml;r verachtet oder gar bestraft, keinen Sohn hervorgebracht zu haben. Ihre Kindheit dient nur dazu, sie auf den Sklavendienst vorzubereiten. Zun&auml;chst sind sie ihren Br&uuml;dern zu Diensten, die dazu ermuntert werden, sie herumzubefehligen. Allzu bald ist es dann Zeit f&uuml;r die Heirat, oft werden sie mit einem Verwandten oder einem deutlich &auml;lteren Mann verheiratet, dem die Familie etwas Gutes tun will. Es gibt keine Liebe, die das Los der Frauen ertr&auml;glicher machen k&ouml;nnte, und angesichts der getrennten Lebenswelten, die den Kontakt zwischen Mann und Frau auf ein grausames Minimum beschr&auml;nken, hat sie kaum eine Chance, sich im Laufe der Zeit zu entwickeln. Das Ansehen einer Frau erh&ouml;ht sich erst, wenn sie erwachsene S&ouml;hne hat; das gibt ihr das Recht, &uuml;ber ihre Schwiegert&ouml;chter zu bestimmen, die statt weiblicher Solidarit&auml;t dann noch einen weiteren Tyrannen vorgesetzt bekommen.<\/p><p>Was wurde mit den zwei Billionen Dollar an Investitionen f&uuml;r diese Gruppe afghanischer Frauen erreicht, welche Verbesserungen ihres Lebensstandards erreicht? Achtung, Spoiler: nicht viel.<\/p><p>Laut UNICEF ist die H&auml;lfte aller Todesf&auml;lle afghanischer Frauen im Alter zwischen 15 und 49 auf unbehandelte Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt zur&uuml;ckzuf&uuml;hren &ndash; das sind Statistiken, die direkt aus dem Mittelalter kommen k&ouml;nnten. 2017 erkl&auml;rten <a href=\"https:\/\/www.msf.ie\/article\/afghanistan-one-most-dangerous-places-earth-have-baby\">&bdquo;&Auml;rzte ohne Grenzen&ldquo;<\/a>, Afghanistan sei einer der gef&auml;hrlichsten Orte, um ein Kind zu bekommen. Das ist das Ergebnis von mehr als 15 Jahren westlicher Projekte und Investitionen.<\/p><p>Und wie steht es mit dem allgemeinen Lieblingsthema, der Bildung? Keine &ouml;ffentliche Rede zu Afghanistan kam aus, ohne Folgendes als gro&szlig;en Triumph zu verk&uuml;nden: &bdquo;3,5 Millionen M&auml;dchen gehen wieder zur Schule, vier F&uuml;nftel der Grundschulm&auml;dchen sind eingeschrieben.&ldquo; Wunderbar. Applaus. Das einzige Problem: Es stimmt nicht. <\/p><p>Human Rights Watch <a href=\"https:\/\/www.hrw.org\/report\/2017\/10\/17\/i-wont-be-doctor-and-one-day-youll-be-sick\/girls-access-education-afghanistan\">berichtete<\/a> 2017: &bdquo;16 Jahre nach der von den USA geleiteten Milit&auml;rintervention, die die Taliban-Regierung vertrieben hat, besuchen rund zwei Drittel der afghanischen M&auml;dchen nicht die Schule.&ldquo;  <\/p><p>Das alles haben wir also nicht getan. Stattdessen haben wir Folgendes getan:<\/p><ol>\n<li>Wir haben <a href=\"https:\/\/www.cnbc.com\/2021\/09\/10\/9\/11-millionaires-and-corruption-how-us-money-helped-break-afghanistan.html\">eine winzige, privilegierte urbane Elite<\/a> professioneller Feministinnen erzeugt und gep&auml;ppelt, die super zu Vortr&auml;gen herumgereicht wurden, jedoch keinerlei Bezug zum &ndash; und ich w&uuml;rde sogar behaupten, keinerlei Interesse am &ndash; tats&auml;chlichen Leben afghanischer Frauen haben und die ihre Privilegien nur selten f&uuml;r das Wohl ihrer &auml;rmeren Schwestern einsetzten.<\/li>\n<li>Wir haben mit Vorliebe M&auml;dchenschulen gebaut. Das war &bdquo;in&ldquo; und wir ignorierten fr&uuml;he Hinweise, wonach das Mantra &bdquo;Bauen und dann kommen sie schon&ldquo; f&uuml;r Afghanistan keine G&uuml;ltigkeit besa&szlig;. Es gab nicht genug Lehrer, und die nicht enden wollende Gewalt lie&szlig; aus Sicherheitsgr&uuml;nden nur ganz kurze Wege zu. Sicher w&auml;re es besser gewesen, stattdessen Krankenh&auml;user zu errichten und fahrende Krankenschwestern und Hebammen auszubilden, sich auf Ern&auml;hrungs- und Wasserprojekte sowie grundlegende &ouml;ffentliche Bildung in puncto Hygiene und Erster Hilfe zu konzentrieren. <\/li>\n<li>Dann kam das Jahr 2021 und pl&ouml;tzlich standen die Taliban in Kabul, und wir reagierten mit Hysterie. Ein Plan B w&auml;re ratsam gewesen, startklare Visaerteilungsmechanismen im Falle unmittelbarer Gef&auml;hrdung ausgebildeter Personen oder profilierter Aktivisten. Stattdessen luden wir pr&auml;ventiv so viele m&auml;nnliche und weibliche Fachkr&auml;fte in Flugzeuge &ndash; all die Menschen mit n&uuml;tzlichen F&auml;higkeiten: &Auml;rzte und Krankenschwestern, Journalisten, Frauen mit handwerklichem Geschick, Lehrer, IT-Experten. Jeder, der die Zivilgesellschaft, die wirtschaftlichen Beziehungen, das Sozialwesen und gem&auml;&szlig;igte Werte aufrechterhalten h&auml;tte k&ouml;nnen, wurde in ein Flugzeug gedr&auml;ngt und so weit wie m&ouml;glich weggeflogen. Keine Evakuierung, eher eine umgekehrte kulturelle Revolution, die binnen Tagen ausl&ouml;schte, was wir &uuml;ber zwei Jahrzehnte gehegt hatten.<\/li>\n<\/ol><p>Wie sind wir nur so weit vom Weg abgekommen? Wir hatten ein Ziel: Befreiung und Erm&auml;chtigung der Frauen. Und wir hatten eine Theorie. Wir mussten die afghanischen Frauen bilden, sie &ouml;konomisch unabh&auml;ngig machen und sie in die Politik bringen.<\/p><p>Ich habe das fehlende Glied in dieser Formel 2002 zum ersten Mal wahrgenommen. Ich sa&szlig; in meinem B&uuml;ro bei der RAND Corporation an einem Stapel Berichte und Statistiken &uuml;ber Afghanistan. Was mir ins Auge stach, war ein Problem, das niemand ernsthaft zu beachten schien: die grundlegende k&ouml;rperliche Verfassung der durchschnittlichen afghanischen Frau.<\/p><p>Fast &uuml;berall auf der Welt leben ein wenig mehr Frauen als M&auml;nner und haben eine l&auml;ngere Lebenserwartung. Das ist vor allem in L&auml;ndern der Fall, die sich im Krieg befinden. Denn auch wenn die gesamte Bev&ouml;lkerung leidet, &uuml;bernehmen doch vor allem die M&auml;nner das K&auml;mpfen. Doch in Afghanistan gab es einen deutlichen M&auml;nner-&Uuml;berhang. <\/p><p>Die Gr&uuml;nde daf&uuml;r lagen auf der Hand. Gutes Essen und medizinische Versorgung bekamen vor allem Jungen und M&auml;nner. Das machte M&auml;dchen weit anf&auml;lliger f&uuml;r Krankheiten und Mangelern&auml;hrung, was zu Wachstumsproblemen f&uuml;hrte und dazu, dass sich ihre K&ouml;rper nicht richtig entwickelten. Kombiniert mit Kinderheirat erh&auml;lt man 12- und 13-j&auml;hrige M&auml;dchen, die schwanger werden, ihr Baby verlieren, f&uuml;r ihr Versagen beschimpft und dazu gezwungen werden, es noch einmal zu versuchen. &Uuml;berdurchschnittlich viele M&auml;dchen und Frauen starben aufgrund von Vernachl&auml;ssigung, grober Behandlung, Entbehrung, Verweigerung der F&uuml;rsorge und k&ouml;rperlicher Misshandlung. <\/p><p>Ich erinnere mich auch daran, als ich anfing, meine zutiefst feindselige Haltung gegen&uuml;ber den Taliban zu hinterfragen. Das war 2018. Russland hatte ein Treffen zum Friedensprozess veranstaltet und die Taliban hatten eine &bdquo;Moskauer Erkl&auml;rung&ldquo; ver&ouml;ffentlicht, in der sie ihre Plattform erl&auml;uterten. Ein Abschnitt befasste sich mit dem Thema Frauen. Wie erwartet fand ich darin die &uuml;bliche Verdrehung der Tatsachen: Frauen h&auml;tten &bdquo;alle Rechte, die ihnen im Islam garantiert werden&ldquo;, was auch immer das in der Interpretation der Taliban-M&auml;nner bedeutete.<\/p><p>Doch dann <a href=\"https:\/\/www.longwarjournal.org\/archives\/2018\/11\/at-moscow-conference-taliban-refers-to-itself-as-the-islamic-emirate-61-times.php\">hie&szlig; es weiter<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n&ldquo;Frauen sehen sich vielen Katastrophen gegen&uuml;ber. Die sogenannten Frauenrechtsaktivistinnen sind 17 Jahre in Afghanistan geblieben; in diesem Zeitraum kamen Milliarden Dollar ins Land, und trotzdem steht Afghanistan ganz oben auf der Liste der L&auml;nder, in denen viele Frauen aufgrund von fehlenden Gesundheitseinrichtungen bei der Geburt sterben. Afghanistan geh&ouml;rt immer noch zu den L&auml;ndern, in denen die Lebenserwartung von Frauen im Schnitt nur 45 Jahre betr&auml;gt. Aufgrund von Korruption ist das Geld unter der &Uuml;berschrift der Frauenrechte in die Taschen derer geflossen, die Slogans f&uuml;r Frauenrechte hervorbringen &hellip;&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Das war erstaunlich empathisch. Dem konnte ich auch nicht widersprechen. Afghanischen Feministinnen und ihren internationalen Unterst&uuml;tzern schien die Masse der Frauen im Land gleichg&uuml;ltig zu sein, sie hatten keinen ernsthaften Versuch unternommen, die gr&ouml;&szlig;ten &bdquo;Katastrophen&ldquo; zu bek&auml;mpfen: Nahrungsmittelknappheit, unzureichende Gesundheitsversorgung und fehlende physische Sicherheit.<\/p><p>Ich pers&ouml;nlich hatte schon lange den Respekt vor den Feministinnen Kabuls verloren, die nur ihr eigenes Fortkommen im Sinn hatten und genau wussten, welche westlichen Kn&ouml;pfe sie dr&uuml;cken mussten, diese F&auml;higkeit aber fast ausschlie&szlig;lich zu ihrem eigenen Vorteil einsetzten. Sie liebten es, an Konferenzen im Ausland teilzunehmen, waren Expertinnen darin, lukrative Vertr&auml;ge zu ergattern, um sich gegenseitig in solchen Kompetenzen wie der &ouml;ffentlichen Rede, der &Uuml;bernahme von F&uuml;hrungsaufgaben und der Organisation von &bdquo;Kampagnen&ldquo; zu &bdquo;schulen&ldquo;, und genossen es, in ausl&auml;ndischen Medien f&uuml;r ihren &bdquo;Mut&ldquo; gefeiert zu werden. In den Provinzen h&auml;tte man sie nicht gefunden bei dem Versuch, Frauen auf dem Land aufzurichten. Und als F&uuml;hrungsst&auml;rke und ihr vielgepriesener Mut dringend erforderlich waren, zogen sie in den Westen. Wie die Nationalarmee ihres Landes waren sie eine riesige Entt&auml;uschung.<\/p><p><strong>Afghanischer Frauentyp Nummer zwei: die lebende Erfolgsstory<\/strong><\/p><p>Fu&szlig;ballspielende afghanische M&auml;dchen. Eine afghanische Stra&szlig;enk&uuml;nstlerin. Ein afghanisches Robotik-Team.<\/p><p>Als was, wenn nicht als eine extrem herablassende Haltung, l&auml;sst sich die &uuml;beraus erfreute Verbl&uuml;ffung erkl&auml;ren, mit der wir solche Geschichten aufnehmen? Warum ist es so erstaunlich, dass afghanische M&auml;dchen ein Instrument oder Fu&szlig;ball spielen lernen k&ouml;nnen? Warum sollten sie anders als jedes andere M&auml;dchen in jedem anderen Land sein, wenn sie dazu die Chance bekamen? Angesichts der miserablen Lage des durchschnittlichen afghanischen M&auml;dchens &ndash; waren das wirklich die Aktivit&auml;ten, die unsere Aufmerksamkeit verdient haben?<\/p><p>Die Amerikanische Universit&auml;t von Afghanistan hat ein j&auml;hrliches Budget von 28 Millionen Dollar, f&uuml;r das sie 1.700 Studenten ausbildet, fast alle von ihnen erhalten ein volles Stipendium, rund die H&auml;lfte von ihnen sind M&auml;dchen. Der Campus ist sch&ouml;n, die Infrastruktur hochmodern. Diese Studierenden waren sich ihres unversch&auml;mten Gl&uuml;cks doch wohl bewusst und deshalb wild entschlossen, ihren Landsleuten etwas davon zur&uuml;ckzugeben.<\/p><p>Doch als der Augenblick der Wahrheit eintrat, waren sie nur ihre eigenen F&uuml;rsprecher. Sie wollten in die USA geflogen werden &ndash; und wer kann ihnen das vorwerfen? Sie sind die verw&ouml;hnten Kinder unserer schlechten Erziehung, Produkte einer Erziehung, die Anspruchsdenken &uuml;ber Idealismus stellte. Fr&uuml;her wurden sie gruppenweise nach Washington D.C. gebracht und als Fundraiser in F&uuml;nfsternehotels eingesetzt. Am Ende des Abends holte man sie erneut auf die B&uuml;hne, um zus&auml;tzliche Spenden locker zu machen.   <\/p><p>Ging es dabei darum, ein Programm f&uuml;r die Vernachl&auml;ssigten zu unterst&uuml;tzen, vielleicht Nachhilfe zur Alphabetisierung f&uuml;r Dorfm&auml;dchen? Nein, sie wurden aufgefordert, Geld f&uuml;r neue Sporttrikots einzutreiben, und alle applaudierten und z&uuml;ckten ihre Scheckhefte. Wunderbar! Afghanische M&auml;dchen, die Basketballk&ouml;rbe werfen.<\/p><p>Die erwachsenen Mitglieder der lebendigen Erfolgsgeschichte stammen aus wohlhabenden Familien oder Clans. Viele von ihnen haben eine doppelte Staatsb&uuml;rgerschaft oder Familie im Ausland. Sie sind weit gereist und besitzen P&auml;sse und Visa. Die meisten von ihnen waren schon &uuml;ber alle Berge, ehe das Ausfliegen begann.<\/p><p><strong>Afghanischer Frauentyp drei: Die mutige Aktivistin<\/strong><\/p><p>Doch, so sagen Sie, einige gebildete Frauen sind doch offensichtlich geblieben; wir sehen Bilder von ihnen, wie sie demonstrieren und auf Kundgebungen gehen. <\/p><p>Schauen wir einmal genauer hin. Der erste Auftritt der Aktivistinnen fand vor dem Pr&auml;sidentschaftspalast statt, acht Frauen hielten Schilder hoch, auf denen sie ihre Rechte einforderten, an den darauffolgenden Tagen fanden sich etwas gr&ouml;&szlig;ere Gruppen ein, die die gleiche Botschaft vor diversen anderen &ouml;ffentlichen Geb&auml;uden vorbrachten. Auf den Fotos sieht man, wie sie w&uuml;tend schreien und entschlossen die Faust recken.<\/p><p>Wird man auf ihre Forderungen eingehen? Bin ich zuversichtlich, dass die Taliban vorhaben, eine Atmosph&auml;re von Respekt und Sicherheit f&uuml;r Frauen zu schaffen? Gewiss nicht. <\/p><p>Doch lassen wir uns nicht t&auml;uschen. F&uuml;r <a href=\"https:\/\/www.rand.org\/blog\/2015\/09\/the-us-military-between-a-rock-and-a-repulsive-place.html\">die meisten Frauen dieses Landes<\/a> w&uuml;rde ein islamisches System einen Schritt nach vorne bedeuten, weil ihre gr&ouml;&szlig;ten Probleme nicht auf die Religion, sondern auf Stammestraditionen zur&uuml;ckgehen. Der Islam l&auml;sst keine Zwangsheirat zu und verpflichtet Frauen nicht, sich mehr zu verh&uuml;llen, als es die Schicklichkeit verlangt; er verbannt sie nicht aus dem &ouml;ffentlichen Raum und er verbietet afghanische Br&auml;uche wie die Beilegung von Konflikten, indem man dem feindlichen Clan ein M&auml;dchen als Sklavin gibt. <\/p><p>Die Praktiken, die f&uuml;r Frauen besonders schlimm sind, stammen aus dem sogenannten paschtunischen Kodex, einem stark patriarchalisch, hierarchisch ausgerichtetem System, das besagte, dass das m&auml;nnliche Prestige die totale Unterwerfung und absolute Tugend ihrer Frauen erforderte. Abgeschiedenheit, Verschleierung und Analphabetismus, um jede Gelegenheit f&uuml;r Fehlverhalten zu verhindern, und Ehrenmorde, um den Makel selbst von Ger&uuml;chten oder vermeintlichem weiblichen Fehlverhalten zu beseitigen, sind ihre h&auml;sslichsten Begleiter. Es ist keine &Uuml;berraschung, dass afghanische Frauen <a href=\"https:\/\/www.iiss.org\/blogs\/survival-blog\/2021\/06\/afghanistan-taliban\">in Umfragen<\/a> die Scharia dem Paschtunwali, dem paschtunischen Ehrenkodex, deutlich vorzogen.<\/p><p>Die eigentliche Sorge besteht darin, dass die Taliban, nicht eben eine Gruppe von intellektuellen Theologen, ihre Religion genauso exzentrisch interpretieren k&ouml;nnten wie beim letzten Mal. Das letzte Mal haben sie die Haltung von Singv&ouml;geln verboten. Dabei ist das, daf&uuml;r gebe Ihnen mein Wort, eine Regel, die nirgendwo im Koran zu finden ist. Jegliche Hilfe von au&szlig;en kann jetzt am besten von anderen, fortschrittlicheren muslimischen Gesellschaften und ihren Religionsgelehrten sowie von gebildeten Frauen in der gesamten islamischen Welt kommen, die vergleichbare Herausforderungen gemeistert haben. Aber auch w&auml;hrend ihrer letzten Herrschaft schienen die Taliban ein wenig Mitleid mit den Frauen zu haben. Es war in den Jahren der vom Westen unterst&uuml;tzten Regierung eine <a href=\"https:\/\/www.americanprogress.org\/issues\/security\/reports\/2015\/03\/17\/108613\/tackling-corruption-in-afghanistan-its-now-or-never\/\">bekannte Peinlichkeit<\/a>, dass ein Taliban-Gericht in einem der von ihnen kontrollierten Gebiete das Eigentum einer Witwe an ihrem Land best&auml;tigte, w&auml;hrend ein Regierungsgericht eher Bestechungsgelder von ihrem gierigen Nachbarn annahm.<\/p><p><strong>Afghanischer Frauentyp vier: Liebling des Koranschullehrers <\/strong><\/p><p>Die Taliban reagierten gereizt auf &bdquo;unsere&ldquo; Frauendemonstrationen. Sie <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2021\/09\/11\/world\/europe\/afghanistan-women-burqas.html\">schickten<\/a> Hunderte von Frauen, die die Taliban unterst&uuml;tzten, Slogans schrien und komplett schwarze, den ganzen K&ouml;rper verh&uuml;llende Kleider trugen &ndash; die, wie iranische feministische Dichterinnen zu sagen pflegten, Frauen wie Kr&auml;hen aussehen lassen &ndash; zur Unterst&uuml;tzung der strengen islamischen Herrschaft durch die Stra&szlig;en von Kabul und anderen St&auml;dten. <\/p><p>Diese Frauen kamen nicht pl&ouml;tzlich aus dem Nichts. Sie wurden in Koranschulen direkt vor unserer Nase und in betr&auml;chtlicher Zahl erzogen, in den angeblichen Jahren der Aufkl&auml;rung und Freiheit w&auml;hrend der s&auml;kularen &Auml;ra, auf die wir so stolz waren. Aber wir hatten keine Ahnung, dass sie da waren.<\/p><p>Eine Gruppe Frauen gegen eine andere auszuspielen, ist eine sehr ung&uuml;nstige Entwicklung, und daran tragen allein wir die Schuld. &bdquo;Wir brauchen keine Frauen, die Afghanistan verlassen haben, um uns zu sagen, was wir tun sollen&ldquo;, hei&szlig;t es auf ihren Transparenten. Das trifft es ganz gut.<\/p><p>Ich bin mir wirklich nicht sicher, was jetzt kommt. Unser zwanzigj&auml;hriges Befreiungsexperiment ist gescheitert, zu einem schwindelerregenden Preis. Wir haben in exotische Frivolit&auml;ten investiert und Leuten Geld hinterhergeworfen, die es am wenigsten brauchten und die sich seitdem nur allzu bereit erwiesen haben, die Hand zu bei&szlig;en, die ihnen die Schecks ausstellte. Und so ist es &ndash; so herzlos es klingt &ndash; wahrscheinlich am besten, wenn wir der &bdquo;letzten Versuchung&ldquo; widerstehen und uns fernhalten. Und hoffen, dass die Nachtigall eines sch&ouml;nen Tages, zu ihrer Zeit, in ihrem eigenen &Ouml;kosystem, singen wird.<\/p><p><em>Cheryl Benard ist Sozial- und Politikwissenschaftlerin, Schriftstellerin und Feministin und setzt sich seit langem f&uuml;r afghanische Frauen ein. Sie hat mehrere B&uuml;cher zum Thema geschrieben, darunter &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Die-Politik-ist-wildes-Tier\/dp\/3426272792\/ref=sr_1_11?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;dchild=1&amp;keywords=Cheryl+Benard&amp;qid=1632333617&amp;sr=8-11\">Die Politik ist ein wildes Tier: Afghanische Frauen k&auml;mpfen um ihre Zukunft<\/a>&ldquo; und &bdquo;Veiled Courage &ndash; Inside the Afghan Women&rsquo;s Resistance&ldquo;<\/em><\/p><p>Titelbild: Ihor Voloshyn\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Westen, allen voran die USA, sind einem ihrer vorgeblich wichtigsten Ziele in Afghanistan in keiner Weise gerecht geworden: Den afghanischen Frauen zu einem besseren Leben zu verhelfen. 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