{"id":76452,"date":"2021-09-28T09:06:48","date_gmt":"2021-09-28T07:06:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76452"},"modified":"2021-09-28T09:36:25","modified_gmt":"2021-09-28T07:36:25","slug":"die-brennende-statue-des-borba-gato-der-aufstand-der-bringdienst-fahrer-sao-paulos-gegen-die-digitale-sklaverei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76452","title":{"rendered":"Die brennende Statue des Borba Gato \u2013 Der Aufstand der Bringdienst-Fahrer S\u00e3o Paulos gegen die digitale Sklaverei"},"content":{"rendered":"<p>In den vergangenen Wochen erfasste die brasilianische &Ouml;ffentlichkeit ein Ph&auml;nomen, das bereits seit einigen Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen und Warnungen ist: die Bringdienst-Fahrer, die Millionen Menschen mit bestellten Paketen, zuzustellenden Unterlagen und vor allem mit Essen versorgen. Millionen Autofahrern und Fu&szlig;g&auml;ngern in den brasilianischen Gro&szlig;st&auml;dten sind die rasenden <em>Motoboys<\/em> und <em>Bikers<\/em> mit geschulterten Rucks&auml;cken von <em>Delivery<\/em>-Firmen l&auml;ngst durch unmittelbare Ber&uuml;hrung, zunehmend mit fatalen Unf&auml;llen, bekannt und geh&ouml;ren zur Routine der Nahverkehrs-Hetze. Allerdings brauchte es offenbar einer spektakul&auml;ren Aktion, um das Aufsehen auf die Lage dieser neuen Gattung der Arbeiterklasse zu lenken. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm vergangenen 24. Juli fuhr im Bezirk Santo Amaro der 12-Millionen-Metropole S&atilde;o Paulo ein mit abgefahrenen Gummireifen beladener Lkw vor die &uuml;ber 10 Meter hohe Statue des <em>Bandeirantes<\/em> (&bdquo;Eroberers&ldquo;) Borba Gato. Die Insassen stapelten die Reifen um den Gedenkstein, setzten sie in Brand und verschwanden im Dickicht der Stadt. Innerhalb von Minuten <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=cmcKC5okuI4\">stand das Memorial in Flammen<\/a>, womit sich die stets herrschende, nach &bdquo;Erbe&ldquo; und Geltung trachtende Oligarchie des Bundesstaates S&atilde;o Paulo Ende der 1950er Jahre ein Denkmal ihrer Tradition setzte. Eine sehr umstrittene Tradition, wie ihr nicht nur Ethnologen und Historiker, sondern vor allem die Nachkommen der Betroffenen ihrer Umtriebe bescheinigen, wovon eingefleischte Heimat-Prediger und Denkmalpfleger, die sich mit den Eroberern identifizieren, nichts wissen wollen.<\/p><p>Im Chor mit den Konservativen beeilten sich selbst kritische Journalisten mit der Verurteilung der Brandstiftung, die sie entweder als &bdquo;dumm&ldquo; bezeichneten oder als &bdquo;Provokation&ldquo; dem Polizei-Geheimdienst P2 unterstellten. Doch sie wurden in doppelter Hinsicht &uuml;berrascht. Zum einen von der Diskrepanz nicht weniger Kollegen, die, wie Mois&eacute;s Mendes, schrieben, <a href=\"https:\/\/www.brasil247.com\/blog\/livrem-se-de-borba-gato-para-que-nao-ergam-estatuas-de-bolsonaro-e-seus-milicianos\">&bdquo;Befreit Euch von Borba Gato, bevor sie noch Denkm&auml;ler f&uuml;r Bolsonaro und seine Milizen errichten&ldquo;<\/a>. Zum anderen von dem <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=wWUeLHkKKtw\">Gest&auml;ndnis Paulo Roberto da Silva Limas<\/a>, bekannt als &bdquo;Paulo Galo&ldquo; und Sprecher der von ihm gegr&uuml;ndeten Gruppe &ldquo;Entregadores Antifascistas&ldquo; (Antifaschistische Zusteller). Der Anschlag sei von ihm im Namen einer Vorstadt-Bewegung namens &bdquo;Revolution der Peripherie&ldquo; ver&uuml;bt worden, um damit &uuml;berhaupt &bdquo;eine Debatte zu er&ouml;ffnen&ldquo;, erkl&auml;rte der 31-j&auml;hrige Afrobrasilianer und wurde im Handumdrehen mit seiner Ehefrau G&eacute;ssica verhaftet. Die Ehefrau kam nach 48 Stunden frei, doch &bdquo;Paulo Galo&ldquo; musste knapp zwei Wochen hinter Gittern verbringen. Es war nicht die erste Festnahme des Arbeiters und Aktivisten, der bereits im M&auml;rz 2021 wegen &bdquo;Beleidigung&ldquo; einiger ihn st&auml;ndig verfolgender und provozierender Polizeibeamter schon einmal auf einem Polizeirevier mit r&uuml;der Behandlung landete.<\/p><p><strong>&bdquo;Bandeirantes&ldquo;: Denkm&auml;ler der Indianerschinder und Sklavenh&auml;ndler<\/strong><\/p><p>Statuen und Denkm&auml;ler wurden in Lateinamerika l&auml;ngst vor den Black-Lives-Matter-Protesten in den USA, die durch den Tod von George Floyd ausgel&ouml;st wurden, in Brand gesetzt und gest&uuml;rzt. Sie begannen in Argentinien nach dem Sturz der blutigen Milit&auml;rdiktatur (1976-1983) mit Farbangriffen, Protest-Graffitis und dem Einsturz der landesweit verbreiteten Statuen des als Nationalheld gefeierten Generals Julio Roca. Mit der Devise &bdquo;Eine Meile Land f&uuml;r jedes Indianer-Ohr!&ldquo; f&uuml;hrte der wei&szlig;e Milit&auml;r in den 1860er Jahren die ber&uuml;chtigte, als &bdquo;Campa&ntilde;a del Desierto&ldquo; bekannte &bdquo;Flurbereinigung&ldquo; Patagoniens mit der Jagd, Massenerschie&szlig;ung und Versklavung zigtausender &uuml;berlebender Indigener der Tehuelche-Ethnie, die seit dem Massaker als ethnologisch ausgerottet gilt.<\/p><p>Doch der Brasilianer portugiesischer Herkunft Manuel de Borba Gato (1649-1718) war Roca mindestens 150 Jahre zuvorgekommen. Borba Gato war ein &bdquo;Bandeirante&ldquo;, eine Bezeichnung, die nicht nur als beherrschendes Narrativ der Geschichtsb&uuml;cher der Grundschulen wirkt, sondern eine Hommage, die bis heute den regionalen Regierungspalast, Autobahnen und eine Mediengruppe schm&uuml;ckt. &Uuml;ber die etymologischen Urspr&uuml;nge des Namens streiten sich die Akademiker seit mehr als einhundert Jahren. Die einen vermuten, der Name habe seinen Ursprung mit den Bannern &ndash; in Portugiesisch: &bdquo;Bandeira&ldquo; &ndash; der <em>Conquistadores<\/em> zu tun, die auf jedem neueroberten Erdflecken gehisst wurden.<\/p><p>Die anderen unterstellen, die Bezeichnung deute auf eine Abwandlung des Wortes &bdquo;Bando&ldquo; (Bande) hin; also um zusammengerottete, bewaffnete, von der portugiesischen Krone rekrutierte S&ouml;ldner-Banden oder Sto&szlig;trupps, die den Auftrag hatten, mit dem &Uuml;berfall auf das damalige West-Brasilien und der Verletzung des Tordesillas-Vertrages Spanien immense Territorien zu entrei&szlig;en. Mit diesen &Uuml;berf&auml;llen wollte sich die Kolonialmetropole jedoch auch mit versklavten Arbeitskr&auml;ften f&uuml;r den Einsatz im Gold- und Silber-Tagebau und im Zuckerrohr-Anbau versorgen. Der renommierte, inzwischen verstorbene brasilianische Ethnologe Darci Ribeiro sch&auml;tzte, mindestens 300.000 Indigene aus ganz Brasilien wurden von den Bandeirantes Sao Paulos versklavt.<\/p><p>Seit Jahren forderten daher Nachkommen der Versklavten und Sozialwissenschaftler den Sturz der Statue Borba Gatos, der mit seinem Schwiegervater Fern&atilde;o Dias des V&ouml;lkermordes beschuldigt wird. &bdquo;Wir, Guarani aus den D&ouml;rfern S&atilde;o Paulos, f&uuml;hlen uns jedes Mal gedem&uuml;tigt, wenn wir an dieser Statue vorbeikommen. Borba Gato war ein M&ouml;rder indigener V&ouml;lker und kann nicht als Held betrachtet werden&ldquo;, hei&szlig;t es in einer Petition des Indigenen-Stammes. Mit dem Anschlag auf die Borba-Gato-Statue als Symbol der kolonialen Sklavenhalter-Gesellschaft hatten &bdquo;Paulo Galo&ldquo; und seine &bdquo;Antifaschistischen Zusteller&ldquo; die Absicht, die Fortsetzung der Sklaverei mit anderen Mitteln anzudeuten, womit die digitalen App-Firmen sie als Bringdienst-Fahrer schamlos ausbeuten.<\/p><p><strong>Von der neoliberalen Misere, dem Covid-19-Stress und dem Einbruch der Esskultur<\/strong><\/p><p>In der Debatte &uuml;ber die Ess-Bringdienste <a href=\"https:\/\/ojoioeotrigo.com.br\/2021\/02\/ambiente-alimentar-digital\/\">erinnerte man sich in Brasilien an &bdquo;Blade Runner&ldquo;<\/a>, den Kultfilm der 1980er Jahre. In dem Sci-Fi-Kinoklassiker thematisierte Regisseur Ridley Scott die von der technologischen Entwicklung erzeugten soziokulturellen und politischen Ver&auml;nderungen und fragte sich mit dem Zuschauer, was die Zukunft wohl an be&auml;ngstigenden &Uuml;berraschungen bereithalte. Indes, zwischen fliegenden Autos und Menschen-Klonen konnte sich das Drehbuch trotz aller Genialit&auml;t f&uuml;r das Film-Handlungsjahr 2019 keine frappantere Erfindung vorstellen wie etwa digitale Plattformen f&uuml;r die Bestellung von Lebensmitteln. Denn in einer der ersten Filmszenen &uuml;berquert der Protagonist Rick Deckard (Harrison Ford) in einer regnerischen Nacht die Stra&szlig;e, um Pasta an einem Kiosk zu essen. Im realen Jahr 2019, so die Plattform <em>O Joio e o Trigo<\/em>, w&uuml;rde er sicherlich anders handeln: Er w&uuml;rde die Hand in die Tasche stecken, zu seinem Handy greifen und eine App &ouml;ffnen, um seine Bestellung aufzugeben.<\/p><p>In Wissenschaftskreisen ist von einem <em>digitalen Lebensmittel-Milieu<\/em> die Rede. Verschiedene Ph&auml;nomene k&ouml;nnen beobachtet werden, die den Einbruch der traditionellen, ges&uuml;nderen Esskultur andeuten. Nicht allein Bringdienste, sondern Werbung in sozialen Netzwerken, der Einsatz von Algorithmen zur gezielten Werbung, Arbeitsbedingungen auf virtuellen Plattformen, das Treiben von sogenannten &bdquo;Influencern&ldquo; in der digitalen Szene und selbst der Konsum von Netflix-Sendungen summieren sich zum Umbruch der Essgewohnheiten.<\/p><p>Aus <a href=\"https:\/\/www.ilocomotiva.com.br\/single-post\/2019\/04\/29\/estad%C3%A3o-na-crise-aplicativos-como-uber-e-ifood-viram-maior-empregador-do-pa%C3%ADs\">Untersuchungen des Locomotiva-Instituts<\/a> geht hervor, dass im April 2019 bereits 17 Millionen BrasilianerInnen die Bestell-Plattformen oder Apps von Uber, iFood, 99 und Rappi nutzten und von diesen mit 4 Millionen Bringdienst-Fahrern bedient wurden. Dann brach die Covid-19-Pandemie herein. Die Nachfrage nach App-K&auml;ufen sorgte bereits in den ersten Monaten der sozialen Isolierungsma&szlig;nahmen in Brasilien f&uuml;r einen Anstieg von 30 Prozent, die Nutzerzahl nahm um &uuml;ber 120 Prozent zu und &uuml;berschritt zeitweise 20 Millionen. Die anhaltende Pandemie &ndash; jedoch nicht nur sie, sondern auch die r&uuml;de um sich greifende Prekarisierung der Arbeitswelt &ndash; sorgte 2021 f&uuml;r eine kolossale Marktexpansion, die bis Ende des kommenden Jahres 2022 einen <a href=\"https:\/\/blog.deliverymuch.com.br\/mercado-de-delivery-no-brasil\/\">weltweiten Umsatz von schwindelerregenden 6,3 Billionen US-Dollar<\/a> erreichen k&ouml;nnte. F&uuml;r das Jahr 2024 prognostizieren die Marktschreier der App-Industrie 39 Millionen Nutzer in Brasilien, die heute nahezu 49 Prozent des gesamten lateinamerikanischen Marktes ausmachen.<\/p><p><strong>Die andere Seite: die &bdquo;Uberisierung&ldquo;, ein brutales Symptom der prekarisierten Arbeit<\/strong><\/p><p>Aus einer ein Jahr sp&auml;ter realisierten Umfrage des Locomotiva-Instituts ging Mitte 2020 hervor, dass circa 20 Prozent der erwachsenen Bev&ouml;lkerung Brasiliens &ndash; das entspricht 32,4 Millionen Menschen &ndash; irgendeine Art von <a href=\"https:\/\/www.cnnbrasil.com.br\/business\/cerca-de-11-4-milhoes-de-brasileiros-dependem-de-aplicativos-para-ter-uma-renda\/\">digitaler App zum Arbeiten<\/a> verwenden; eine Zahl, die im Februar 2019 noch bei 13 Prozent lag.<\/p><p>&bdquo;Brasilien besitzt 14,4 Millionen Arbeitslose und 43,5 Millionen arbeitsrechtlich schutzlose Besch&auml;ftigte&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.cut.org.br\/noticias\/brasil-tem-14-4-milhoes-de-desempregados-e-43-5-milhoes-milhoes-sem-direitos-7ac5\">warnte der gewerkschaftliche Dachverband CUT<\/a> Ende August 2021.<\/p><p>Lag die durchschnittliche Arbeitslosenquote im Jahr 2015 &ndash; dem letzten vollen Regierungsjahr von Pr&auml;sidentin Dilma Rousseff &ndash; noch bei 8,5 Prozent, sorgte die systematische und brutale Aush&ouml;hlung von Arbeitsschutz und Sozialrechten durch die Regierungen Michel Temer und Jair Bolsonaro und deren Nutzung durch die Unternehmensseite sechs Jahre sp&auml;ter f&uuml;r eine ann&auml;hernde Verdoppelung von Arbeitslosigkeit und Unterbesch&auml;ftigung. Die sogenannte Informalit&auml;tsrate &ndash; die die Menge der ohne Vertrag und dem Schutz von Arbeitsrechten werkt&auml;tigen Menschen benennt &ndash; spricht f&uuml;r sich und erkl&auml;rt den Absturz von Millionen Arbeitslosen in die F&auml;nge der nationalen und multinationalen App-Unternehmen. Sie betrifft gegenw&auml;rtig 35,6 Millionen Arbeitnehmer, also 40,6 Prozent der erwerbst&auml;tigen Bev&ouml;lkerung des Landes.<\/p><p>Dazu geh&ouml;ren die Bringdienst-Fahrer, die ihren Alltag in der N&auml;he von Einkaufszentren, Restaurants oder Superm&auml;rkten verbringen und auf die ersten App-Bestellungen auf ihrem Handy lauern, die gegen 19 Uhr eingehen. Dann schnappen sie sich ihre Rucks&auml;cke, Fahrr&auml;der oder Motorr&auml;der und machen sich auf in den n&auml;chtlichen Ansturm; ein von unbeschreiblicher Dem&uuml;tigung gepr&auml;gter Wettlauf mit der <em>Uberisierung<\/em>. Eine von der Stiftung Instituto Administra&ccedil;&atilde;o (FIA) durchgef&uuml;hrte und vom brasilianischen Verband Online to Offline (ABO2O) ver&ouml;ffentlichte Umfrage zeigt, dass das <a href=\"https:\/\/outraspalavras.net\/outrasmidias\/o-percurso-desumano-da-comida-ate-sua-casa\/\">Durchschnittsalter der Motorradkuriere und Radfahrer<\/a> bei 29 Jahren liegt. Die Mehrheit (97,4 Prozent) sind M&auml;nner, 73 Prozent haben ein Abitur und 11,7 Prozent gar ein Hochschulstudium oder ein Aufbaustudium abgeschlossen.<\/p><p>Wer ein Motorrad besitzt, bekommt mehr Auftr&auml;ge, arbeitet weniger anstrengend und schafft es vor allem, ein h&ouml;heres Einkommen zu erwirtschaften &ndash; manchmal bekommt er doppelt so viel wie die Radfahrer, doch kaum erzielt selbst ein motorisierter Bringdienstfahrer monatlich mehr als 3.000 Reais, umgerechnet gerade mal 500 Euro.<\/p><p>Die Radfahrer m&uuml;ssen allein f&uuml;r die Anfahrtswege von ihrem Wohnort in den Armenvierteln Sao Paulos mindestens 30 Kilometer hin und zur&uuml;ck in die Pedale treten, weshalb nicht wenige gegen 11 Uhr abends v&ouml;llig ersch&ouml;pft auf einer Parkbank zusammenbrechen und von wachhaltenden Kollegen besch&uuml;tzt dort &uuml;bernachten. Nicht wenige, auch die Motorradfahrer, bekommen &uuml;ber die gesamte Woche hinweg kaum noch Ehefrau und Kinder zu sehen.<\/p><p>Die meisten Bringdienst-Fahrer fielen auf die von ultra-neoliberalen Think Tanks seit Jahren verbreitete und verlogene M&auml;r vom &bdquo;selbstst&auml;ndigen Entrepreneur&ldquo; herein, die zutiefst arbeitnehmerfeindliche Praktiken b&uuml;ndelt und das Kernst&uuml;ck der <em>Uberisierung<\/em> der Arbeit darstellt. Die <em>Uberisierung<\/em> ist n&auml;mlich eine Form der Maskierung und Auf-den-Kopf-Stellung von Erwerbsverh&auml;ltnissen, die den Anschein von Nichtarbeit annehmen sollen. Der Modus Operandi s&auml;mtlicher App-Konzerne verfolgt kein anderes Ziel, als Arbeitsrechte betr&uuml;gerisch zu umgehen und zu untergraben, um damit die unter &bdquo;Vertrag&ldquo; gestellten Arbeitskr&auml;fte unbegrenzt und skandal&ouml;s auszubeuten und exponentielle Unternehmens-Profite zu erzielen. Doch das ist nicht alles. Die Fahrer m&uuml;ssen ihre eigenen Fahrzeuge einsetzen und obendrein Benzin und Wartungskosten &uuml;bernehmen. Unfall-Versicherung? Sie machen Witze! Auch die m&uuml;ssen die Fahrer &uuml;bernehmen. Und falls sie einen Anruf auf ihrer App verpassen oder gerade verhindert sind, werden sie blockiert.<\/p><p>Als erste &bdquo;Vertrags&ldquo;-Bedingung verlangen die App-Konzerne von den Bringdienst-Fahrern die Aufopferung ihrer in der brasilianischen Charta der Arbeitsrechte (CLT) niedergelegten Rechte wie Arbeitslosenversicherung, Garantiefonds (Rentenversicherung) und bezahltem Urlaub. Doch in dieser neuen &bdquo;Landschaft&ldquo; verblassen nicht nur Ur-Rechte, sondern es floriert eine Vielzahl sogenannter &bdquo;intermittierender Arbeitsmodalit&auml;ten&ldquo;, bei denen Arbeiter nur f&uuml;r die Stunden bezahlt werden, die sie arbeiten. Im Klartext f&uuml;r die Fahrer hei&szlig;t dies, dass ihre stundenlange t&auml;gliche Wartezeit auf den eigentlichen Fahreinsatz nicht verrechnet und daher nicht verg&uuml;tet wird.<\/p><p>Neben der Heterogenit&auml;t und dem Mosaik der Arbeitsmodalit&auml;ten ist jedoch das anhaltende Merkmal homogen: &bdquo;Wir haben immer mehr Prekarisierung&ldquo;, warnen Marco Santana und Ricardo Antunes in einem <a href=\"https:\/\/diplomatique.org.br\/a-pandemia-da-uberizacao-e-a-revolta-dos-precarios\/\">Aufsatz in <em>Le Monde Diplomatique<\/em><\/a>. Denn, wenn zuvor das Outsourcing zur Epidemie expandierte, erlebt man jetzt die Expansion der Uberisierung zur Pandemie, in der Arbeitnehmer zu &bdquo;Dienstleistern&ldquo; oder &bdquo;Unternehmern&ldquo; werden und, wie aus dem Hut gezaubert, Arbeit sich in Nichtarbeit verwandelt; ein wesentlicher Schritt zur Umgehung von arbeitssch&uuml;tzender Sozialgesetzgebung. &bdquo;Mit dieser kehren wir im 21. Jahrhundert zu Ausbeutungsniveaus zur&uuml;ck, die dem Kapitalismus der urspr&uuml;nglichen Akkumulationsphase, der Urform des Kapitalismus, am &auml;hnlichsten sind. Arbeitszeiten von 10, 12, 14, 16 Stunden (oder mehr) pro Tag werden &ndash; wie in der kolonialen Sklavenhaltung und sp&auml;ter, zu Beginn der industriellen Revolution &ndash; &bdquo;normalisiert&ldquo; und zum Alltag deklariert.<\/p><p>Diese digitale Diktatur, mit der von ihr verordneten Sklaverei, wollte &bdquo;Paulo Galo&ldquo; nicht mehr hinnehmen. Galo bedeutet auf Portugiesisch Hahn. Als bewunderter &bdquo;Streithahn&ldquo; scharte er anfangs dreihundert Kollegen um sich und gr&uuml;ndete die Gruppe Antifaschistischer Bringdienstfahrer. Seit Mitte 2020 gelang es der Gruppe, eine landesweite Protestbewegung zu organisieren, die f&uuml;r zahlreiche, von tausenden Fahrern befolgte Warnstreiks sorgte und die App-Konzerne zu Verhandlungen &uuml;ber unaufschiebbare Verbesserungen ihrer Arbeitsverh&auml;ltnisse zwang; ein wohl bescheidener Aufstand gegen die Prekarisierung, die ihren neoliberalen Feldzug unerschrocken fortsetzt.<\/p><p>Titelbild: Reproduktion\/Instagram<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den vergangenen Wochen erfasste die brasilianische &Ouml;ffentlichkeit ein Ph&auml;nomen, das bereits seit einigen Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen und Warnungen ist: die Bringdienst-Fahrer, die Millionen Menschen mit bestellten Paketen, zuzustellenden Unterlagen und vor allem mit Essen versorgen. Millionen Autofahrern und Fu&szlig;g&auml;ngern in den brasilianischen Gro&szlig;st&auml;dten sind die rasenden <em>Motoboys<\/em> und <em>Bikers<\/em> mit geschulterten Rucks&auml;cken von<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76452\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":76453,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,20],"tags":[1740,1613,2387,1917,2196,1792,3087,3111,288,2956],"class_list":["post-76452","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-landerberichte","tag-arbeitsbedingungen","tag-brasilien","tag-denkmal","tag-genozid","tag-indigene-voelker","tag-kolonialismus","tag-lieferdienste","tag-plattformoekonomie","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-sklaverei"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Bildschirmfoto-2021-09-28-um-07.55.20.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76452","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=76452"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76452\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":76454,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76452\/revisions\/76454"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/76453"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=76452"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=76452"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=76452"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}