{"id":76545,"date":"2021-09-30T13:49:56","date_gmt":"2021-09-30T11:49:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76545"},"modified":"2021-09-30T15:01:25","modified_gmt":"2021-09-30T13:01:25","slug":"die-andere-wahlbilanz-oder-die-menschen-sind-weiter-als-die-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76545","title":{"rendered":"Die andere Wahlbilanz. Oder: die Menschen sind weiter als \u201edie Politik\u201c."},"content":{"rendered":"<p>Am vergangenen Sonntag, dem 26. September 2021, gab es zwei in vielerlei Hinsicht historische Wahlen, &uuml;ber die kaum berichtet wird. An diesem Tag sprachen sich in der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland 56 Prozent f&uuml;r eine Enteignung der gro&szlig;en Wohnungskonzerne aus. Und warum gab es diesen Erfolg? Von <strong>Winfried Wolf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWeil Millionen Menschen das Recht auf bezahlbares Wohnen als Grundrecht sehen und weil bis zu 2000 Aktive diese Kampagne in der Hauptstadt mit enormem Engagement getragen haben. <\/p><p>Am selben letzten Sonntag wurde in der Hauptstadt der Steiermark, in Graz, Elke Kahr zur Oberb&uuml;rgermeisterin gew&auml;hlt. Frau Kahr ist Mitglied der Kommunistischen Partei &Ouml;sterreichs. Sie geht auch heute weiter davon aus, dass &bdquo;die lohnabh&auml;ngigen Menschen der bewussteste Teil der Gesellschaft&ldquo; sind. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Und warum hatten Elke Kahr und ihr Team diesen Erfolg? Sicher nicht, weil sie Kommunisten sind. Sondern vor allem, weil sie mit ihrer konkreten bescheidenen Lebensweise als Vorbild gesehen werden, weil sie sich seit Jahrzehnten insbesondere f&uuml;r die Interessen von Mieterinnen und Mietern stark machen und weil sie einen umfassenden &ouml;ffentlichen Wohnungssektor fordern. Das gef&auml;llt nat&uuml;rlich denen nicht, die im B&uuml;ndnis mit Miethaien und Wohnungskonzernen stehen. Die Schlagzeile in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lautete: &bdquo;Willkommen in Leningraz&ldquo;.<\/p><p>Doch wenden wir uns dem zu, wor&uuml;ber breit berichtet wird &ndash; der Bundestagswahl in Deutschland. Die Ergebnisse, &uuml;ber die in der folgenden Klarheit ebenfalls fast nirgendwo berichtet wird, lauten: <\/p><p>9,7 Millionen Menschen im wahlberechtigten Alter &ndash; rund eine Million mehr als vor vier Jahren &ndash; durften nicht zur Wahl gehen, weil sie keinen deutschen Pass haben. <\/p><p>14,3 Millionen oder ein knappes Viertel der Wahlberechtigten &ndash; also der Menschen mit deutschem Pass &ndash; ging erst gar nicht zur Wahl. 400.000 Menschen w&auml;hlten ung&uuml;ltig. Weitere 4 Millionen &ndash; das entspricht 8,6 Prozent &ndash; machten ihr Kreuz bei Kleinparteien, deren Ergebnis jeweils unter der undemokratischen F&uuml;nf-Prozent-H&uuml;rde blieb. Sie verschenkten mehr oder weniger bewusst ihre Stimme. <\/p><p>Sodann erhielt die Wahlsiegerin SPD 11,9 Millionen Stimmen, was 25,7 Prozent der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler entspricht. Das sind aber zugleich nur 19 Prozent der Wahlberechtigten. Es entspricht sogar weniger als 15 Prozent der Bev&ouml;lkerung im wahlberechtigten Alter. <\/p><p>Nochmals d&uuml;rftiger waren die Ergebnisse von CDU\/CSU, Gr&uuml;nen und FDP. <\/p><p>Und diese Gesamtveranstaltung bezeichnete der Gr&uuml;ne Cem &Ouml;zdemir am Wahlabend bei &bdquo;Anne Will&ldquo; dann als &bdquo;das Hochamt unserer Demokratie&ldquo;. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p>Nein, ich mache mich keineswegs &uuml;ber die Wahlen lustig. Es ist gut, dass es sie als einigerma&szlig;en freie gibt. Und selbstverst&auml;ndlich habe ich (die LINKE) gew&auml;hlt. Vor allem, weil das die einzige Partei ist, die sich gegen Militarisierung und Auslandseins&auml;tze stellt. Auf die Gr&uuml;nde, warum die LINKE fast v&ouml;llig abgeschmiert ist, ist zur&uuml;ckzukommen.<\/p><p>Grunds&auml;tzlich m&uuml;ssen die Verh&auml;ltnisse analysiert werden, wie sie sind. Wobei das, was jetzt nach der Wahl stattfindet, nochmals erb&auml;rmlicher ist als die nackten Ergebnisse. Der Zweitplatzierte &ndash; dieser Leichtmatrose aus Aachen &ndash; will eine &bdquo;Zukunftskoalition&ldquo; mit FDP und Gr&uuml;nen bilden. Die beiden kleineren Parteien erkl&auml;ren noch am Wahlabend, dass sie eine Regierung mit der Union der Verlierer nicht ausschlie&szlig;en. <\/p><p>Gelingt dem Bankenfreund Olaf Scholz am Ende die Bildung einer Regierung, dann wird derjenige Kanzler, der 2020 in zwei SPD-internen Wahlg&auml;ngen um den Parteivorsitz unterlag &ndash; und dessen Politik von einer Mehrheit der SPD-Mitglieder als wenig sozial und nicht &ouml;kologisch ausgerichtet angesehen wird. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><p>Drei Dinge sind damit ausgemacht: <\/p><p><em>Erstens ist offenkundig<\/em>, dass es sich bei der neuen Regierung um eine politisch schwache Regierung handelt, bei der die Gemeinsamkeit im Wesentlichen darin besteht, dass alle Beteiligten an die Futtertr&ouml;ge wollen. Nach 16 Jahren mit relativ stabiler Merkel-Regierung n&auml;hert sich unser Land auf diesem Gebiet dem EU-Normalma&szlig;. F&uuml;r die Europ&auml;ische Union, in der bislang die zentrifugalen Kr&auml;fte durch eine relative starke deutsche Regierung und eine Achse Berlin-Paris von Merkels Gnaden zusammengehalten wurden, kann dies dramatische Folgen haben. Eine neue EU-Krise, wie es eine solche 2010-2012 gab, k&ouml;nnte sich als Sprengsatz f&uuml;r die gesamte Konstruktion dieses Blocks und erst recht f&uuml;r die W&auml;hrung Euro erweisen.<\/p><p><em>Zweitens liegt auf der Hand<\/em>, dass diese Regierung einen grunds&auml;tzlich unsozialen Charakter haben wird. Sie verfolgt in jedem Fall das Ziel &bdquo;Einhaltung der Schuldenbremse&ldquo;. Sollte sie erkennen, dass Mehrausgaben &ndash; beispielsweise f&uuml;r Klimaschutz &ndash; notwendig werden, wird sie die entsprechenden Gelder nicht bei den Besserverdienenden und den hochprofitablen Unternehmen, sondern bei den kleinen Leuten holen &ndash; &uuml;ber &bdquo;Rentenanpassung&ldquo;, h&ouml;here Sozialbeitr&auml;ge, steigende Energiepreise oder eine Mehrwertsteuererh&ouml;hung. Die beiden wichtigen Elemente, f&uuml;r die Olaf Scholz im Wahlkampf stand und die seiner Wahlkampagne einen gewissen sozialen Anstrich gaben, werden bereits jetzt als absehbares No-Go einer neuen Regierung identifiziert. Die FAZ schrieb dazu: &bdquo;12 Euro Mindestlohn und stabile Rente: Diese Versprechen aus dem Wahlkampf erschweren Ampel-Verhandlungen.&ldquo; [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<\/p><p><em>Drittens ist klar erkennbar<\/em>, dass diese Regierung in keiner Weise den Aufgaben, die sich ihr stellen, gewachsen sein wird. Beschr&auml;nken wir uns auf zwei Bereiche &ndash; den Klimaschutz und die Bahnpolitik. <\/p><p><em>Zum Klimaschutz:<\/em> Alle relevanten Player einer neuen Bundesregierung setzen auf rein marktwirtschaftliche Mechanismen zur Reduktion der Treibhausgase. Von einer &bdquo;Entfesselung der Marktkr&auml;fte&ldquo; schw&auml;rmt Laschet. Von einer &bdquo;industriellen Modernisierung&ldquo; schwadroniert Scholz. F&uuml;r Baerbock gibt es &bdquo;einen Weg der Klimaneutralit&auml;t, den die Industrie bereits eingeschlagen hat&ldquo;. [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p><p>Tats&auml;chlich wirken die Marktmechanismen in die entgegengesetzte Richtung. Das ist so bei einer Konzentration auf eine CO2-Bepreisung. Diese muss dann als Alibi daf&uuml;r herhalten, dass verzichtet wird auf wirksame Sofortma&szlig;nahmen wie Besteuerung von Kerosin, Wegfall der Dienstwagensubventionierung, Streichung der Diesel-Subventionierung und vor allem auf einen Beschluss zu wirksamen Tempolimits von 120 km\/h auf Autobahnen, von 80 km\/h auf allen anderen Fernstra&szlig;en und von 30 km\/h in allen Wohngebieten. <\/p><p>Das wird besonders deutlich beim Elektroauto-Wahn, f&uuml;r den es nicht zuf&auml;llig eine gro&szlig;e Koalition, bestehend aus Union, SPD, Gr&uuml;ne, FDP und dem Verband der Autoindustrie gibt. Wobei sich Scholz und Laschet beim Lob f&uuml;r das neue Tesla-Werk in Gr&uuml;nheide zu &uuml;bertrumpfen versuchen.<\/p><p>Stichwort Paris: Es ist lehrreich, dass hierzulande das Thema Tempo 30 in allen Wohngebieten nicht durchsetzbar erscheint, dass jedoch diese elementare Forderung vor wenigen Wochen in Paris umgesetzt wurde. F&uuml;r Gesamt-Paris gilt inzwischen Tempo 30 &ndash; die Stadtautobahn Peripheriqie ausgenommen. Wobei die Franzosen nicht viel weniger autoverliebt sind als die Deutschen. Offensichtlich herrscht dort zumindest derzeit mehr Vernunft.<\/p><p><em>Zur Politik im Bereich Schiene:<\/em> Die neue Bundesregierung und die Deutsche Bahn AG werden am Projekt Deutschlandtakt festhalten. Das klingt ja auch gut: bundesweiter Integraler Taktfahrplan; Vorbild angeblich die Schweiz. Und all dies als eine zentrale Ma&szlig;nahme f&uuml;r den Klimaschutz. Doch es ist genau nicht die Schweiz, die da Vorbild ist &ndash; das Negativ-Vorbild ist die Politik der Deutschen Bahn selbst. Konkret: Man will, unter der Tarnkappe &bdquo;Deutschlandtakt&ldquo;, in den n&auml;chsten 10 bis 15 Jahren mehr als 75 Milliarden Euro vor allem in falsche, oft zerst&ouml;rerische Gro&szlig;projekte investieren. Man will, so auf einer neuen Verbindung Hannover &ndash; Bielefeld, erneut, wie im Fall Stuttgart &ndash; Ulm, eine Bolzstrecke f&uuml;r viel Geld und mit einem Energiefresser-Tempo 300 bauen. <\/p><p>Interessant dabei ist: In den Kreisen, die f&uuml;r den Deutschlandtakt trommeln, werden die neuen absurden Gro&szlig;projekte, die ja eigentlich zur Stuttgart21-Tradition zu rechnen sind,  damit begr&uuml;ndet, dass hier alles &bdquo;ganz anders als in Stuttgart&ldquo; sei. Die <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/em> hatte vor ein paar Wochen einen Seite-1-Artikel mit einem Loblied auf den neu projektierten Frankfurter Fernbahntunnel mit der &Uuml;berschrift: &bdquo;KEIN Stuttgart 21 am Main&ldquo;. Dort hei&szlig;t es u.a.: &bdquo;Alle oberirdischen Gleisanlagen im Frankfurter Hauptbahnhof bleiben erhalten &ndash; dank zus&auml;tzlicher Bahnsteige in 35 Metern Tiefe [&hellip;] Mit Stuttgart 21 hat dies mithin wirklich nichts zu tun.&ldquo; [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/p><p>Dass das Projekt fragw&uuml;rdig ist, zeigt allein schon die Zeitvorgabe. Hierzu nochmals die FAZ: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Selbst wenn die B&uuml;rger nicht auf die Barrikaden klettern [&hellip;] so wird es mindestens zwei Jahrzehnte dauern, bis die ersten Z&uuml;ge unter der (Frankfurter) Innenstadt hindurchrauschen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>In Zeiten einer aufziehenden Klimakatastrophe, bei der das n&auml;chste Jahrzehnt entscheidend sein wird, plant man einen Betonbahn-Tunnel, der fr&uuml;hestens 2041 in Betrieb gehen w&uuml;rde. Im &Uuml;brigen gab es Ende der 1990er Jahre das Projekt Frankfurt21. Dies war Teil der 21er Projekte mit dem Kern Stuttgart21, die der damalige Bahnchef Heinz D&uuml;rr angeschoben hatte und die prim&auml;r von den Interessen der Immobilienspekulation gespeist waren. Gegen das Projekt Frankfurt21 bildete sich vor Ort ein breites B&uuml;ndnis mit der Bezeichnung Frankfurt22, in dem der Bahnfreund und Regisseur Klaus Gietinger f&uuml;hrend aktiv war. Dieses B&uuml;ndnis obsiegte; Frankfurt21 musste in die Tonne getreten werden. Und es kam zu einer Alternativplanung, die vom damaligen Bahnchef  Hartmut Mehdorn, von der damaligen hessischen CDU-FDP-Landesregierung und von der Frankfurter Oberb&uuml;rgermeisterin Petra Roth gemeinsam getragen wurde. Diese konkret ausgearbeitete Alternativplanung  sah eine Optimierung des Gleisvorfelds des Frankfurter Hauptbahnhofs vor, mit der die Effizienz des Bahnknotens Frankfurt um rund ein Drittel gesteigert worden w&auml;re. Knapp zwei Jahrzehnte sp&auml;ter ist so gut wie kein Element dieser Alternativplanung umgesetzt worden. Stattdessen wird ein Teil der alten Frankfurt21er-Planung als neues Projekt pr&auml;sentiert und dabei &ndash; bislang erfolgreich &ndash; auf die Vergesslichkeit der Medien spekuliert. <\/p><p>&Uuml;brigens: Das im Zusammenhang mit dem Deutschlandtakt genannte Ziel einer Verdopplung der Zahl der Bahnreisenden ist auch so ein Bluff. Eine Verdopplung bringt f&uuml;r das Klima dann rein gar nichts, wenn alle anderen motorisierten Verkehrsarten weiter munter wachsen. Dann haben wir ein CO2-Plus aus dem Flugverkehr, ein solches aus dem Autoverkehr und ja auch ein solches auf dem Bereich Schiene. Ein Plus auf der Schiene macht nur Sinn, wenn die anderen motorisierten Verkehrsarten drastisch reduziert werden. Doch genau das ist bei keiner der Parteien, die eine neue Regierung bilden wollen, Programmbestandteil.    <\/p><p><em><strong>Absto&szlig;endes Berufspolitikertum<\/strong><\/em><\/p><p>Ein wesentlicher Faktor f&uuml;r den mangelnden Enthusiasmus des Wahlvolks besteht in der <em>Politiker-M&uuml;digkeit<\/em>. Und ich meine es so, wie formuliert; die Rede ist nicht von &bdquo;Politik-M&uuml;digkeit&ldquo;. Die Erfahrungen der Menschen mit der offiziellen Politik sind schlichtweg absto&szlig;end. Auch hier zwei Beispiele: <\/p><p><em>Beispiel Krieg &amp; Frieden:<\/em> Es gab mehr als ein Jahrzehnt lang in der Bev&ouml;lkerung eine deutliche Mehrheit gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Im Bundestag stimmten jedoch immer gut 80 Prozent f&uuml;r die Verteidigung der Freiheit Deutschlands am Hindukusch. Und wie reagierte j&uuml;ngst &bdquo;die Politik&ldquo; auf den Kollaps von Nato und USA in Kabul? Man m&uuml;sse jetzt den Aufbau einer EU-Armee beschleunigen, um autonom Auslandseins&auml;tze durchf&uuml;hren zu k&ouml;nnen. <\/p><p>Olaf Scholz t&ouml;nte: &bdquo;In dieser Legislaturperiode haben wir den gr&ouml;&szlig;ten Aufwuchs f&uuml;r die Bundeswehr [&hellip;] geschafft &ndash; ein Zuwachs von 36 Prozent. Das ist etwas, was ich aus tiefster &Uuml;berzeugung f&uuml;r richtig halte.&ldquo; [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]<\/p><p>Allein diese Aussage ist ein Offenbarungseid f&uuml;r einen potentiellen Bundeskanzler und insbesondere f&uuml;r einen Sozialdemokraten: 14 Prozent der Kinder in diesem Land leben in Hartz-IV-Haushalten. Millionen Existenzen sind wegen (berechtigter) Pandemie-Ma&szlig;nahmen bedroht. Weit mehr als 100.000 Stellen fehlen im Bereich Krankenh&auml;user.  Im Schienenverkehr fehlen zehntausende Besch&auml;ftigte, darunter gut 2000 Lokf&uuml;hrer. <\/p><p>Doch bei all diesen Themen hei&szlig;t es, es gebe &bdquo;kein Geld&ldquo;. Und vor diesem Hintergrund sagt dann der Kanzler in spe, er halte immense Steigerungen der R&uuml;stungsausgaben &bdquo;aus tiefster &Uuml;berzeugung f&uuml;r richtig&ldquo;. Bei einem solchen Verhalten MUSS der m&uuml;ndige B&uuml;rger den Eindruck haben, dass das Kreuzchenmachen in der Wahlurne relativ wenig bewegt.<\/p><p><em>Beispiel Stuttgart 21:<\/em> Der gr&uuml;n-schwarze Koalitionsvertrag f&uuml;r Baden-W&uuml;rttemberg wurde erst vor einem halben Jahr, im Mai 2021, vorgelegt. Darin wird festgehalten: Erg&auml;nzend zu Stuttgart 21, dem Tiefbahnhof mit acht Durchfahrgleisen, wird ein Kopfbahnhof mit sechs bis acht Gleisen als notwendig erachtet, ebenfalls im Untergrund befindlich und irgendwie angeflanscht an den eigentlichen S21-Tiefbahnhof. <\/p><p>Das Aktionsb&uuml;ndnis gegen Stuttgart 21 interpretierte dies korrekt als das Projekt eines <em>&bdquo;zweiten Stuttgart 21&ldquo;<\/em>.  <\/p><p>Jetzt gab es seither ja nicht nur die Hochwasserkatastrophe in NRW und in Rheinland-Pfalz. Es gab im ersten Halbjahr 2021 auch zwei Mal Hochwasser in der Stuttgarter Innenstadt, wobei bei einem Mal die bestehenden und in Betrieb befindlichen Untergrund-Stadtbahnen bzw. S-Bahnen f&uuml;r mehrere Stunden ausfielen. <\/p><p>Erinnert sei an Frei Otto? Das war einer der beiden S21-Architekten; der zweite neben dem S21-Profiteur Christoph Ingenhoven. Frei Otto stieg 2010 aus dem S21-Projekt aus. Er sagte damals, er m&uuml;sse &bdquo;aus moralischer Verantwortung&ldquo; seine Unterst&uuml;tzung f&uuml;r S21 aufgeben. Er erkannte die Gefahr, dass der Bahnhof in der gigantischen, tief in den Boden versenkten Betonwanne &ndash; ich zitiere &ndash; &bdquo;von den umgeleiteten Wasserstr&ouml;men &uuml;berschwemmt&ldquo; werden k&ouml;nnte  &ndash; oder dass das Gegenteil passiert und er aus der Erde &bdquo;aufsteigt  wie ein U-Boot aus dem Meer&ldquo;. [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p><p>Die S21-Planer sehen diese Gefahr durchaus. Deshalb haben sie in die beiden gewaltigen Betonw&auml;nde, die den S21-Trog seitlich begrenzen, riesige senkrechte Schlitze eingelassen. Diese werden dann ge&ouml;ffnet, wenn diese &bdquo;umgeleiteten Wasserstr&ouml;me&ldquo; &ndash; der Nesebach, der durch den D&uuml;ker, der unter dem Trog hindurchf&uuml;hrt, nochmals gestaut wird &ndash; drohen, den S21-Trog aufsteigen zu lassen. Das hei&szlig;t im Klartext: Man plant konkret f&uuml;r einen solchen Fall, den S21-Bahnhof zu fluten.<\/p><p>Nun kann man zwar ohne allzu gro&szlig;e Kosten einen Stra&szlig;entunnel fluten &ndash; wie z.B. den Tunnel in K&ouml;ln, der zwischen Rhein und K&ouml;lner Dom verl&auml;uft. Da muss man nach einer Flutung &bdquo;nur&ldquo; das Wasser wieder abpumpen und Dreck und Schlamm herausholen. Danach k&ouml;nnen die Autos den Tunnel wieder nutzen. <\/p><p>Flutet man jedoch den S21-Bahnhof &ndash; dann sind davon Hightech-Elektronik und vielf&auml;ltige sensible und ausgesprochen wertvolle Bahnhofs-Infrastruktur betroffen. Das hei&szlig;t: Nach einem solchen Vorgang ist ein Hauptbahnhof Stuttgart f&uuml;r Wochen, wenn nicht f&uuml;r Monate komplett lahmgelegt.<\/p><p>Bis vor einiger Zeit erschien all das vielen wie &uuml;bertriebene Kassandra-Rufe. Doch sp&auml;testens seit der Hochwasserkatastrophe 2021, sp&auml;testens seit den regelm&auml;&szlig;igen Starkregen-Vorkommnissen, ist klar: diese Gefahren sind <em>absolut realistisch<\/em>. Es ist bereits aus diesem Grund absurd, das S21-Projekt weiter zu betreiben. Es ist dann doppelt absurd, wenn eine gr&uuml;n angef&uuml;hrte Landesregierung und wenn demn&auml;chst wohl ein Bundesverkehrsminister mit gr&uuml;nem Parteibuch, sei es Cem &Ouml;zdemir oder Anton Hofreiter, dieses zerst&ouml;rerische, jeder Klimapolitik hohnsprechende Projekt weiter betreiben.       <\/p><p>Der Politik m&uuml;de sind die Menschen nicht unbedingt. Am 24. September waren erneut Zehntausende Fridays-for-Future-Jugendliche auf den Stra&szlig;en, um f&uuml;r eine wirksame Klimapolitik zu werben. <\/p><p>Ein paar Tausend Bahnbesch&auml;ftigte zeigten vor wenigen Wochen, wie wirksam Streiks sein k&ouml;nnen. Die Kolleginnen und Kollegen der GDL konnten sich nach drei Streiks fast in G&auml;nze durchsetzen, was am Ende <em>allen<\/em> Bahnbesch&auml;ftigten zugute kommen wird.<\/p><p>In Berlin stimmten die erw&auml;hnten 56 Prozent f&uuml;r eine ENTEIGNUNG der gro&szlig;en Wohnungskonzerne &ndash; obgleich die SPD-Spitzenkandidatin &bdquo;Enteignung&ldquo; als &bdquo;rote Linie&ldquo; brandmarkte. <\/p><p>Wenn dann die LINKE, die in der Hauptstadt als Einzige diese Kampagne &ndash; wenn auch nicht mit voller Kraft &ndash;  unterst&uuml;tzte, nur 14 Prozent der Stimmen erh&auml;lt, dann wird auch hier just dieser Widerspruch deutlich: Man traut der offiziellen Politik aus guten Gr&uuml;nden nicht &uuml;ber den Weg. [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] Schlie&szlig;lich ist bislang die LINKE Teil eines rot-rot-gr&uuml;nen Senats, der beispielsweise die Berliner S-Bahn zerschlagen und privatisieren will. [<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>]<\/p><p>Eine entscheidende Lehre aus den Wahlen vom letzten Sonntag lautet: Eine gro&szlig;e Zahl von Menschen wei&szlig;: Auf die eigene Kraft, auf Basismobilisierung, auf Streiks kommt es an! Gegen einen abgehobenen Bahnvorstand!  Gegen die Hambacher-Forst-Zerst&ouml;rer! Gegen Mietenhaie! Gegen das Monsterprojekt Stuttgart 21! Gegen neue Gro&szlig;projekte dieser Art wie den Frankfurter Fernbahntunnel oder in Hamburg die Verlegung des Bahnhofs Altona nach Diebsteich. Und damit f&uuml;r eine menschenw&uuml;rdige Zukunft!<\/p><p><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/p><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] FAZ vom 28. September 2021. &Uuml;berschrift: &bdquo;Willkommen in Leningraz&ldquo;.<\/p><p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Anne Will, ARD, 26. September 2021.<\/p><p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Im ersten Wahlgang erhielt das Duo Scholz &ndash; Geywitz 22,7 Prozent, im zweiten waren es 45,3 Prozent &ndash; gegen&uuml;ber 53,1 Prozent, mit denen Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans als Parteivorsitzende gew&auml;hlt wurden. <\/p><p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Dietrich Creutzburg und Manfred Sch&auml;fers, Die roten Linien der SPD, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. September 2021.<\/p><p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Von einer &bdquo;Entfesselung der Marktkr&auml;fte&ldquo; schw&auml;rmt Laschet. Von einer &bdquo;industriellen Modernisierung&ldquo; schwadroniert Scholz. F&uuml;r Baerbock gibt es &bdquo;einen Weg der Klimaneutralit&auml;t, den die Industrie bereits eingeschlagen hat&ldquo;. Baerbock-Aussage in der &bdquo;Elefantenrunde&ldquo; vom 26. September 2021.<\/p><p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Manfred K&ouml;hler, Kein &bdquo;Stuttgart 21&ldquo; am Main, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. Juli 2021. <\/p><p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Interview in Welt am Sonntag vom 12. September 2021.<\/p><p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Zitiert bei: Winfried Wolf,  abgrundtief +bodenlos &ndash; Stuttgart 21, sein absehbares Scheitern und die Kultur des Widerstands, 3. erw. Auflage, K&ouml;ln 2019, S. 160.<\/p><p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Wie bereits bei fr&uuml;heren Wahlen gewannen erneut explizit linke LINKE-Kandidatinnen und Kandidaten deutlich, wohingegen eher angepasste LINKE-Kandidierende vielfach verloren. So erzielten bei den Berliner Wahlen zum Abgeordnetenhaus z.B. Jorinde Schulz im Neuk&ouml;llner Wahlkreis 1 30 Prozent und Lucy Redler in Neuk&ouml;llner Wahlkreis 2 26,6 Prozent der Erststimmen. Das waren jeweils deutliche Zuw&auml;chse &ndash; wohingegen die LINKE stadtweit (leicht) verlor.<\/p><p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Der rot-rot-gr&uuml;ne Senat will die S-Bahn Berlin aufspalten und einzelne Teile derselben zur Vergabe u.a. an private Betreiber ausschreiben. Dieses Privatisierungsvorhaben wird von der Stadtregierung noch dadurch gezielt beg&uuml;nstigt, dass im Vorfeld wichtige Infrastrukturelemente (wie Instandhaltung) mit Steuergeldern zus&auml;tzlich zu den bestehenden &ndash; im Besitz der S-Bahn Berlin befindlichen &ndash; geschaffen werden. Sie st&uuml;nden dann, wenn Private den Zuschlag erhalten, diesen zur Verf&uuml;gung. Die Behauptung, es gebe einen gesetzlichen Zwang zu dieser Ausschreibung, ist falsch. Denkbar w&auml;re eine Direktvergabe der S-Bahn an die bestehenden &ouml;ffentlichen Verkehrsbetriebe BVG oder an eine neuzubildende Gesellschaft in Landeseigentum. Es spricht viel daf&uuml;r, dass auch die kommende Berliner Stadtregierung an dem Projekt festh&auml;lt. Siehe dazu ausf&uuml;hrlich den neuen Film von Klaus Gietinger. <a href=\"https:\/\/bahn-fuer-alle.de\/?nltr=MjA7NTAzNDtodHRwczovL2JhaG4tZnVlci1hbGxlLmRlL21vZHVsLTEtZGVzLWtsaW1hYmFobi1maWxtcy1lcnNjaGllbmVuLWVpbmUtcy1iYWhuLWZ1ZXItYWxsZS87Ozc4ODZlYzkzZTM5MmM1OWM1MDBhYzUxYjEyNWEzNWMw\">Film ansehen<\/a><\/p><p>Titelbild: Von Micra \/ shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am vergangenen Sonntag, dem 26. September 2021, gab es zwei in vielerlei Hinsicht historische Wahlen, &uuml;ber die kaum berichtet wird. An diesem Tag sprachen sich in der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland 56 Prozent f&uuml;r eine Enteignung der gro&szlig;en Wohnungskonzerne aus. Und warum gab es diesen Erfolg? 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