{"id":7664,"date":"2010-12-08T15:41:17","date_gmt":"2010-12-08T14:41:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7664"},"modified":"2024-09-29T05:17:18","modified_gmt":"2024-09-29T03:17:18","slug":"juncker-wirft-merkel-simples-denken-vor-endlich-sagt-das-einer-finanzkrise-a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7664","title":{"rendered":"\u201eJuncker wirft Merkel simples Denken vor\u201c \u2026 Endlich sagt das einer. (Finanzkrise A)"},"content":{"rendered":"<p>Frau Merkel macht W&auml;hrungspolitik mit dem Blick auf Punktgewinne bei ihren W&auml;hlern in Deutschland. Das ist rundum unverantwortlich. Es bedroht die gemeinsame W&auml;hrung. Au&szlig;erdem rei&szlig;t Frau Merkel mit ihrem Auftreten ein, was ihre Vorg&auml;nger vorher m&uuml;hsam aufgebaut haben: Ansehen bei unseren Nachbarn. &ndash; Der f&uuml;r die Eurogruppe sprechende Luxemburger Ministerpr&auml;sident hat sich zu Merkels Kurs kritisch ge&auml;u&szlig;ert (Siehe Anlage). Das ist mutig, denn es ist nicht leicht, gegen die geballte aber popul&auml;re Unvernunft der deutschen Regierung anzugehen. Ich habe mich zu Merkels Kurs in einem Interview mit <em>La Vanguardia<\/em>, Barcelona ge&auml;u&szlig;ert, dessen Rohfassung in Deutsch hier als Erl&auml;uterung und Kommentar folgt. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Interview (deutsche Rohfassung) mit Herrn <strong>Rafael Poch-de-Feliu<\/strong>, Berliner Korrespondent von <em>La Vanguardia<\/em>, Barcelona, erschienen am 5. Dezember 2010<\/strong><\/p><p><strong>Rafael Poch-de-Feliu:<\/strong><\/p><p>Am Dienstag hat der ehemalige spanische Ministerpresident Felipe Gonzalez gesagt das &bdquo;Europa ein &bdquo;Leadership&ldquo; problem&ldquo; hat. Zum ersten mal hat auch die spanische Regierung ihre Unzufriedenheit &uuml;ber Deutschlands Anti-Krisenpolitik &ouml;ffentlich ausgedr&uuml;ckt. In diesem Zusammenhang frage ich:<\/p><p><strong>1. Hat Europa, ihrer Meinung nach, ein &bdquo;F&uuml;hrungsproblem&ldquo; (Leadership) in der aktuellen Euro-Krise?<\/strong><\/p><p><strong>Albrecht M&uuml;ller (AM):<\/strong> Europa hat das Problem, dass Personen, die wichtig sind f&uuml;r die Meinungsbildung und Entscheidungsfindung in Europa, nicht zu aller erst an das Wohl unseres Kontinents und aller seiner Teile denken, sondern an ihren egoistischen politischen Vorteil. Das kann man &bdquo;F&uuml;hrungsproblem&ldquo; nennen, wenn man will. Dieser Begriff ist sicher auch richtig, wenn man an den Kommissionspr&auml;sidenten denkt, der einfach nicht die Statur und das Gewicht hat, das zum Beispiel Jacques Delors hatte. Aber viel schlimmer als die mangelnde Qualit&auml;t und das mangelnde Standing von Herrn Barroso ist die Tatsache, dass wichtige Politiker Europas in Kategorien der Konkurrenz unter unseren V&ouml;lkern denken. Wettbewerb der Nationen im heutigen Europa &ndash; das ist grotesk. Wenn man so denken will, dann braucht man sich nicht zusammenzuschlie&szlig;en.<\/p><p><strong>2. Wie sch&auml;tzen Sie Deutschlands Anti-Krisenpolitik f&uuml;r Europa ein?<\/strong><\/p><p><strong>AM:<\/strong> Die deutsche Politik leidet genau darunter, dass unsere Bundeskanzlerin offensichtlich zu allererst daran denkt, was sie in Deutschland popul&auml;r macht und nicht daran, was Europa, seinen V&ouml;lkern und dann auch uns gut tut. Die Bundeskanzlerin und ihr Finanzminister haben die Spekulation gegen einzelne Staaten Europas angeheizt, als sie die Beteiligung der Banken an den Rettungsaktionen forderten. Diese Forderung ist popul&auml;r. Aber Frau Merkel und Herr Sch&auml;uble mussten wissen, dass man diese Forderung jetzt gar nicht durchsetzen kann. Die Forderung ist auf Deutschland gem&uuml;nztes innenpolitisches Spielmaterial. Dass unsere Bundeskanzlerin auch bei schwierigen europa- und weltpolitischen Fragen zu allererst auf ihren eigenen parteipolitischen Vorteil achtet, ist sogar den amerikanischen Diplomaten aufgefallen, wie man aus den von Wikileaks ver&ouml;ffentlichten Dokumenten sehen kann.<\/p><p>Wenn der fr&uuml;here Bundeskanzler Willy Brandt, f&uuml;r den ich vor 40 Jahren gearbeitet habe, so egoistisch gedacht h&auml;tte, dann h&auml;tte es nie eine Unterst&uuml;tzung Deutschlands f&uuml;r die demokratische Entwicklung Spaniens gegeben. Damals gab es noch Solidarit&auml;t zwischen den V&ouml;lkern Europas, heute gibt es Hauen und Stechen. Die deutsche Bundesregierung setzt darauf, das eine verblendete Mehrheit in Deutschland applaudiert, wenn wir reihum die Griechen, die Iren, die Portugiesen und die Spanier zum Sparen zwingen, zum G&uuml;rtel enger schnallen, wie es in unserer Sprache hei&szlig;t. Es ist sehr popul&auml;r, wenn man diese unsinnige Forderung gegen&uuml;ber anderen V&ouml;lkern ausspricht. Da kann man sich so richtig Spitze f&uuml;hlen.<\/p><p>Tats&auml;chlich ist die deutsche Politik jedoch ausgesprochen erfolglos gewesen. Die L&ouml;hne der Mehrheit unseres Volkes stagnieren seit fast 30 Jahren, die sozialen Sicherungssysteme wurden der Erosion preisgegeben, &ouml;ffentliches Verm&ouml;gen wurde privatisiert, die Arbeitsverh&auml;ltnisse sind unsicher geworden, Leiharbeit floriert. Einzig beim Export&uuml;berschuss waren wir Weltmeister beziehungsweise Vizeweltmeister. Aber was ist das wert? Wir haben Forderungen gegen&uuml;ber den USA und anderen Volkswirtschaften angeh&auml;uft, ohne zu bedenken, dass diese auch entwertet und verloren gehen k&ouml;nnen. So wird es kommen.<\/p><p><strong>3. Was sollte in dieser Politik und in der Europ&auml;ischen Anti-Krisen-Strategie im Allgemein ge&auml;ndert werden?<\/strong><\/p><p><strong>AM:<\/strong> Es muss auf das <strong>gemeinsame<\/strong> Interesse geachtet werden. Europa m&uuml;sste das Finanzcasino schlie&szlig;en. Es ist unertr&auml;glich, dass gro&szlig;e Banken und Spekulanten an den Schwierigkeiten einzelner V&ouml;lker verdienen. Konkret: die Kredite zur &Uuml;berbr&uuml;ckung der Schwierigkeiten m&uuml;ssten von der europ&auml;ischen Zentralbank direkt gegeben werden, und nicht f&uuml;r ein Prozent an die Banken und diese geben es dann f&uuml;r 5, 6 oder 8 % weiter. Und noch etwas Konkretes: die Anpassung zwischen den Volkswirtschaften mit hoher Wettbewerbsf&auml;higkeit und Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;ssen auf der einen Seite und den Volkswirtschaften mit niedriger Wettbewerbsf&auml;higkeit und Leistungsbilanzdefiziten auf der andern Seite darf nicht als Einbahnstra&szlig;e verstanden werden. Die deutsche Bundesregierung und die Tarifpartner m&uuml;ssen zu Lohnerh&ouml;hungen in Deutschland ermuntern und zu diesem Zweck auch die Binnenkonjunktur weiter anschieben. Anderen V&ouml;lkern alleine die Last der Anpassung aufzuerlegen, also konkret massive Reallohnsenkungen zu fordern, ist sowohl sozialpsychologisch als auch makro&ouml;konomisch abstrus.<\/p><p>Es tut mir leid, das ich &uuml;ber meine eigene Regierung nur Kritisches sagen kann. Das folgt nicht aus parteipolitischer Orientierung. Es folgt aus meiner Einsicht in &ouml;konomische Zusammenh&auml;nge.<\/p><p><strong>Soweit das Interview.<\/strong><\/p><p>Merkel gewinnt mit ihrer gegen&uuml;ber anderen V&ouml;lkern feindseligen Linie Popularit&auml;t, vor allem auch in rechten Kreisen in Deutschland und bei Euro-Gegnern, die mit ihrer Kritik am Euro unbedingt Recht behalten wollen. F&uuml;r den Schaden, den sie auf mittlere Sicht damit anrichtet, zahlen wir sp&auml;ter.<\/p><p>Es gibt noch zwei weiter Motive f&uuml;r die Haltung und die besserwisserischen &Auml;u&szlig;erungen deutscher Regierungsvertreter gegen&uuml;ber anderen V&ouml;lkern:<\/p><p><strong>Erstens:<\/strong> Wenn man sagt, die anderen V&ouml;lker machen alle Mist, dann erscheint man als erfolgreich und als Wohlt&auml;ter f&uuml;r das eigene Volk. Davon kann aber, wenn man die realen Verh&auml;ltnisse bei Licht betrachtet, keine Rede sein. Im Interview habe ich das am Beispiel der Export&uuml;bersch&uuml;sse erl&auml;utert. Diese bringen der Mehrheit unseres Volkes wenig.<\/p><p><strong>Zweitens:<\/strong> Wenn eine Regierung und ihre Repr&auml;sentanten in der augenblicklichen und gef&auml;hrlichen Situation die Spekulation weiter anheizen, dann muss man fragen, f&uuml;r wen diese Personen arbeiten. F&uuml;r uns jedenfalls nicht. <\/p><p>Wir h&auml;tten aber gerne die Antwort. Auch deshalb sind wir darauf angewiesen, dass nach den Methoden von WikiLeaks bekannt w&uuml;rde, welche Kontakte zwischen Vertreter\/innen der Bundesregierung und den Akteuren der Finanzm&auml;rkte bestehen. Wir brauchen interne Dokumente, die die engen Kontakte zwischen Angela Merkel und Goldman Sachs und\/oder Morgan Stanley z.B. erhellen. Solche zu bekommen, w&auml;re Gold wert f&uuml;r die Demokratie in Deutschland. Siehe dazu auch meinen Beitrag vom 30.11.: <a href=\"?p=7587\">&bdquo;Wir brauchen zur Rettung des Restes an Demokratie eine Art Wikileak zur Aufkl&auml;rung &uuml;ber innere Vorg&auml;nge in D.&ldquo;<\/a><\/p><p><strong>Anlage:<\/strong><\/p><p><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,druck-733529,00.html\">SPIEGEL Online<\/a><br>\n08. Dezember 2010, 13:08&nbsp;Uhr<\/p><p><strong>Streit um Euro-Rettung<br>\nJuncker wirft Merkel simples Denken vor<\/strong><\/p><p>Selten hat der luxemburgische Ministerpr&auml;sident eine deutsche Regierung so scharf kritisiert: Jean-Claude Juncker wirft der Kanzlerin eine &ldquo;uneurop&auml;ische Art&rdquo; und &ldquo;simples Denken&rdquo; vor. Merkel kritisiere seine Idee einer europ&auml;ischen Anleihe, ohne sie wirklich verstanden zu haben.<\/p><p>Hamburg &ndash; Der Streit geht um die sogenannten &ldquo;Euro-Bonds&rdquo;, gemeinsame Anleihen aller Eurol&auml;nder. Angela Merkel hatte Anfang der Woche diesen Vorsto&szlig;, um Staatspleiten im Euro-Raum abzuwenden, strikt abgelehnt. Jetzt warf Luxemburgs Regierungschef in einem Interview mit der &ldquo;Zeit&rdquo; der Kanzlerin vor, auf &ldquo;eine uneurop&auml;ische Art europ&auml;ische Gesch&auml;fte zu erledigen&rdquo;.<\/p><p>&ldquo;Deutschland denkt da ein bisschen simpel&rdquo;, sagt Juncker: &ldquo;Man lehnt unseren Vorschlag ab, bevor man ihn studiert hat.&rdquo; Diese Art, &ldquo;in Europa Tabuzonen zu errichten und sich gar nicht mit den Ideen anderer zu besch&auml;ftigen&rdquo;, wundere ihn sehr.<\/p><p>Juncker erkl&auml;rte, dass es bei seinem Vorschlag mitnichten zu einem einheitlichen Zinssatz k&auml;me &ndash; wie die Bundeskanzlerin kritisiert habe. Stattdessen w&uuml;rden &ldquo;wir einen Teil der nationalen Schuld auf europ&auml;ischer Ebene b&uuml;ndeln und mit Euro-Anleihen bedienen. Der gr&ouml;&szlig;te Teil der Schulden w&uuml;rde aber zu nationalen Zinss&auml;tzen verzinst.&rdquo;<\/p><p>[&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frau Merkel macht W&auml;hrungspolitik mit dem Blick auf Punktgewinne bei ihren W&auml;hlern in Deutschland. Das ist rundum unverantwortlich. Es bedroht die gemeinsame W&auml;hrung. 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