{"id":76641,"date":"2021-10-04T11:27:36","date_gmt":"2021-10-04T09:27:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76641"},"modified":"2021-10-04T12:31:55","modified_gmt":"2021-10-04T10:31:55","slug":"wenn-monatsende-das-geld-knapp-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76641","title":{"rendered":"Wenn am Monatsende das Geld knapp wird"},"content":{"rendered":"<p>Der Begriff &bdquo;Streckwoche&ldquo; ist den Betroffenen sehr wohl, besser unwohl, bekannt. Er steht f&uuml;r die letzte Woche im Monat, die Zeit, in der das Haushaltsgeld knapp wird oder manchmal gar keins mehr da ist, um einzukaufen, die Versorgung f&uuml;r sich und die Familie abzusichern, Rechnungen zu begleichen. Da hilft wenigstens der Gang zur &bdquo;Tafel&ldquo;. Diese Einrichtungen gibt es in Deutschland &uuml;ber 950 Mal. Von &Uuml;berlegungen, sie &uuml;berfl&uuml;ssig zu machen, liest man nichts in Wahlprogrammen. Am Wochenende wurde daf&uuml;r vom Verein &bdquo;Tafel Deutschland&ldquo; der inzwischen 14. Tafeltag gefeiert. Am Sonntag war &bdquo;Tag der Deutschen Einheit&ldquo; &ndash; beide Tage bilden zusammen eine tragikomische Kombination. Ein Besuch einer Tafel-Einrichtung bringt Ern&uuml;chterndes zutage im reichen Land. Von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie vergangene Woche war eine Streckwoche. Der Monat ist noch nicht zu Ende. Doch braucht es Geld, um &bdquo;durchzukommen&ldquo;. Im s&auml;chsischen Vogtland, in Plauen, gibt es ein gro&szlig;es Haus f&uuml;r bed&uuml;rftige Menschen. Das Geb&auml;ude hei&szlig;t &bdquo;Sozialkompetenzzentrum&ldquo; mit Tafel, Kleiderkammer, Suppenk&uuml;che. Es befindet sich in der Schlossstra&szlig;e. Untypisch ist das f&uuml;r den Stra&szlig;ennamen, wird der doch im Monopoly-Spiel einem anderen Eigent&uuml;mer-Typ zugeordnet. Wer bei Monopoly die Schlossallee ergattert, hat es gepackt. In Plauen&hellip;<\/p><p>Das Kompetenzzentrum ist eine Parallelwelt, ein kleiner Kosmos der Menschlichkeit, der Zuwendung, der Hilfe, der Selbsthilfe. Neben Tafel und Kleiderkammer ist die Suppenk&uuml;che ein beliebter Ort, wo f&uuml;nf Mal die Woche zu sehr kleinen Preisen sehr gro&szlig; aufgekocht wird. Der Speisesaal l&auml;dt zum Mittag und Kaffee, zum Verweilen, zum Reden und Ausruhen ein. Das Zentrum ist nicht nur Ort sozialen Gebens. Es ist ein Ort des Gef&uuml;hls des Gebrauchtwerdens, des Zusammenhalts. Die Leute, die Hilfe brauchen, erhalten diese hier von Menschen, die ebenfalls selbst nicht auf der Sonnenseite der Gesellschaft leben. Viele Menschen sind aus Plauen und aus der Umgebung, es kommen mehr und mehr Menschen mit Migrationshintergrund hinzu, in der Schlossstra&szlig;e f&uuml;hlen sich irgendwie alle wohl. Es wird gelacht, es wird gearbeitet, es wird richtig Gesch&auml;ft gemacht, im Haus, au&szlig;er Haus. Die Kleiderkammer haben die Frauen der Einrichtung wie ein kleines Kaufhaus eingerichtet. Die Lebensmittelausgabe der Tafel ist freundlich gestaltet. Ein kleiner &bdquo;Schalter&ldquo; dient dazu, dass Leute neben Essen auch Sachen wie Zahnpasta oder Waschmittel ordern k&ouml;nnen.<\/p><p>Die Streckwoche aber &ndash; die tut den Leuten nicht sehr gut. Es f&uuml;hlt sich an wie Niederlage, Monat f&uuml;r Monat. Das sp&uuml;ren die Mitarbeiter um Teamleiterin Jana Morawetz. Im Geb&auml;ude des Zentrums ist dann stets mehr Betrieb als sonst. Viele Menschen stehen geduldig bei der Tafel an. Viele Leute bezahlen nicht mit Scheinen. &bdquo;In dieser Woche bekommen wir meist Hartgeld, Centst&uuml;cke, es wird angeschrieben&ldquo;. Ein Mann will ein paar Semmeln bezahlen, 50 Cent kostet das. Er hat 45.<\/p><p>Die Tafel liefert neben dem Vorortgesch&auml;ft auch aus. Die Touren in die anderen, der Plauener Tafel angeschlossenen Kommunen sind sehr nachgefragt. &bdquo;Wir haben neun Anlaufpunkte. 50 Packungen sind heute &acute;rausgegangen&ldquo;, sagt die Tafelmitarbeiterin. In Plauen werden vor Ort 40 abgeholt. Pakete, damit meint Morawetz Kisten, in denen Lebensmittel einsortiert sind. Obst, Gem&uuml;se, Brot, K&auml;se und so weiter. Alles gute Ware. &bdquo;Was man so braucht&ldquo;, so die Plauenerin. Dass die Tafel die Kisten gut best&uuml;cken kann, hat etwas mit den Superm&auml;rkten, den Zulieferern zu tun, wei&szlig; Morawetz. Die m&uuml;ssten so weniger wegwerfen.<\/p><p>Die Bed&uuml;rftigkeit der Menschen nehme zu, so die Teamleiterin. Zwei der dr&auml;ngendsten Ursachen neben Arbeitslosigkeit und dem Abgeh&auml;ngt-Sein in Hartz IV seien die immer noch niedrigen L&ouml;hne in der Region und die steigenden Preise gerade bei Lebensmitteln. Die Verbraucherpreise hebe es durch die Inflation, an die vier Prozent weisen aktuelle Statistiken aus, so Morawetz. &bdquo;Es sind viele berechtigt, bei uns Waren zu beziehen. Man muss nur vorbeikommen mit dem Lohnzettel oder anderen glaubhaften Nachweisen, dass man nicht viel verdient &ndash; schon bekommt man den Zettel.&ldquo; Die Bed&uuml;rftigkeit betr&auml;fe nicht nur Menschen in Hartz IV, auch Berufst&auml;tige oder Studenten, so die Expertin. &bdquo;Letztens hat sich bei uns eine Frau gemeldet, die wieder studieren kann nach dem Lockdown. Aber sie kann nicht mehr auf Baf&ouml;g hoffen. Sie hat kaum Geld. Wenigstens kann sie bei uns Lebensmittel holen, auch am Monatsende.&ldquo; Morawetz meint, dass ein Ein-Personen-Haushalt unter 1096 Euro Gesamtverdienst bed&uuml;rftig sei. &bdquo;Das ist die Armutsgrenze. Weiter geht es mit Zwei- bis Vier-Personen-Haushalten mit den entsprechenden Summen. Nicht wenige Haushalte in Plauen und in der Region verf&uuml;gen &uuml;ber wenig Geld. Da sind Menschen, die gar nicht von Hartz IV betroffen sind. Kein Wunder, dass am Monatsende die Mittel auch bei denen, die &bdquo;normale Leute mit Jobs&ldquo; sind, knapp werden.&ldquo;  <\/p><p>Im Hausflur der Tafel werben Plakate des Vereins &bdquo;Die Tafel Deutschland&ldquo; f&uuml;r den 14. Tafel-Tag am 2. Oktober 2021, sie loben die Arbeit der 60.000 Tafel-Aktiven in &uuml;ber 950 Tafeln. Der 3. Oktober ist Tag der Deutschen Einheit &ndash; in der Schlossstra&szlig;e ist daf&uuml;r kein Plakat zu finden. Daf&uuml;r eines mit dem Titel &bdquo;Wie lange k&ouml;nnen Lebensmittel &uuml;ber das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus verzehrt werden?&ldquo;. Viele Positionen werden aufgez&auml;hlt, unter anderem Brot zwei Tage, Rosinen zwei Monate, Mehl ein Jahr. Die PR-Abteilung der Tafel Deutschland lenkt von der Hauptursache ihrer Einrichtungen ab, haben Leute, die diese Plakate lesen, so ein ambivalentes Gef&uuml;hl. So hei&szlig;t es bei der Tafel eher missionarisch statt deutlich:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es gibt mehr als genug Lebensmittel, doch weil so viele von ihnen verschwendet werden, kommen nicht bei allen Menschen genug davon an. Tafeln haben deshalb eine klare Mission: Sie retten einwandfreie Lebensmittel, die sonst unn&ouml;tig im M&uuml;ll landen w&uuml;rden, und geben sie an armutsbetroffene Menschen weiter.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;Es stimmt, dass wir Lebensmittel retten. Aber das ist nicht der Grund unseres Bestehens, das mit der Lebensmittelrettung ist ein Ergebnis, dass wir aus der Not eine Tugend machen&ldquo;, so Morawetz. In der Tat h&auml;ngen Verfallsdatums-Plakate nicht in den Superm&auml;rkten des reichen Deutschland.  Und eines sei noch erw&auml;hnt: Es ist in Deutschland bei Strafe verboten, Nahrungsmittel aus M&uuml;llcontainern von Superm&auml;rkten zu holen, keine Strafe droht beim Wegwerfen von Lebensmitteln.<\/p><p>Mit der Lebensmittelrettung malt sich der Verein Tafel Deutschland seine Existenzgrundlage sch&ouml;n. Eine Einrichtung wie die in der Plauener Schlossstra&szlig;e ist kein Posten, der in einem Bundesetat, Landes &ndash; oder Kommunalhaushalt vorgehalten wird. Das Haus wird anders gesichert und finanziert: Spenden, Sponsoren, F&ouml;rdergelder, viele ehrenamtliche und m&auml;&szlig;ig bezahlte Stunden von Dutzenden Mitstreitern und die Alimentierung via dritter Arbeitsmarkt (ABM und andere Ma&szlig;nahmen), alles organisiert vom Verein ALI (Arbeitsloseninitiative) unter der Leitung von Konstanze Schumann. <\/p><p>Schaut man als B&uuml;rger, der sich in der Streckwoche bei der Tafel anstellt, in den Verlautbarungen der Sondierungsgespr&auml;che auf die Schlagworte, was so alles wichtig sei in diesem Land in den n&auml;chsten Jahren: Digitalisierung, Klima, eine starke Bundeswehr, Sicherheit. Die Tafeln &uuml;berfl&uuml;ssig machen &ndash; kein Wort.<\/p><p>Der Oktober hat begonnen, neue &bdquo;Kunden&ldquo; hat das Sozialkompetenzzentrum an der Schlossstra&szlig;e aufgenommen. Ein seltsamer Kreislauf dreht auf. Neue Ware wird angeliefert von nahen Superm&auml;rkten, die sonst ihre Waren wegwerfen, weil sie nicht verkauft werden. Dann holen Menschen bei der Tafel Lebensmittel, die sie im Supermarkt nicht kaufen k&ouml;nnen, weil ihnen das Geld fehlt. Und Politiker wie der s&auml;chsische Ministerpr&auml;sident loben zum 3. Oktober: &bdquo;Wir k&ouml;nnen stolz auf unser Land und das Erreichte sein.&ldquo; Der Mann mit dem Br&ouml;tchen-Beutel hat andere Probleme, dankend nimmt er die Ware. Angeschrieben sind 50 Cent. 45 Cent hatte er, die f&uuml;nf Cent packt er in der n&auml;chsten Woche dazu. Dann ist er wieder quitt mit Frau Morawetz.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Begriff &bdquo;Streckwoche&ldquo; ist den Betroffenen sehr wohl, besser unwohl, bekannt. Er steht f&uuml;r die letzte Woche im Monat, die Zeit, in der das Haushaltsgeld knapp wird oder manchmal gar keins mehr da ist, um einzukaufen, die Versorgung f&uuml;r sich und die Familie abzusichern, Rechnungen zu begleichen. Da hilft wenigstens der Gang zur &bdquo;Tafel&ldquo;. Diese<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76641\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":76642,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[132,161],"tags":[881,365,849,288],"class_list":["post-76641","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wertedebatte","tag-armut","tag-inflation","tag-nahrungsmittel","tag-prekaere-beschaeftigung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/211004-Blenz.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76641","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=76641"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76641\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":76654,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76641\/revisions\/76654"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/76642"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=76641"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=76641"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=76641"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}