{"id":76738,"date":"2021-10-07T09:10:29","date_gmt":"2021-10-07T07:10:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76738"},"modified":"2021-10-07T09:25:38","modified_gmt":"2021-10-07T07:25:38","slug":"frankreichs-verlust-ist-kein-gewinn-fuer-china-im-indo-pazifischen-raum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76738","title":{"rendered":"Frankreichs Verlust ist kein Gewinn f\u00fcr China im indo-pazifischen Raum"},"content":{"rendered":"<p>Chinesische Medien haben die Uneinigkeit zwischen den USA und der EU &uuml;ber den AUKUS-Atom-U-Boot-Deal hochgespielt, aber die Kampflinien zwischen dem Westen und China sind nach wie vor fest verankert. Wir geben hier einen Artikel aus der &bdquo;Asia Times&ldquo; wieder &ndash; &Uuml;bersetzung aus dem Englischen von Marco Wenzel.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Eine Analyse dieser Vorg&auml;nge k&ouml;nnen Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76689\">im gestrigen Artikel von Marco Wenzel<\/a> noch einmal nachlesen.<\/em><\/p><p>Von <strong>BERTIL LINTNER<\/strong>, Asia Times, 23. September 2021<\/p><p>Originaltitel: <a href=\"https:\/\/asiatimes.com\/2021\/09\/frances-loss-is-not-chinas-gain-in-indo-pacific\/?mc_cid=692ea86440&amp;mc_eid=f072d9574c\">France&rsquo;s loss is not China&rsquo;s gain in the Indo-Pacific<\/a><\/p><p>Chinas offizielle Staatsmedien haben keine Zeit verloren, den Riss in den Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europ&auml;ischen Union hervorzuheben, der durch Washingtons und Londons &uuml;berraschenden Atom-U-Boot-Deal mit Australien entstanden ist.<\/p><p>Es begann mit einem Meinungsartikel vom 18. September, in dem es hie&szlig;, dass die neu gegr&uuml;ndete trilaterale Sicherheitspartnerschaft, bekannt als AUKUS, &bdquo;Japan und Indien als Quad-Mitglieder einen psychologischen Schlag versetzt hat&ldquo; &ndash; womit der vierseitige Sicherheitsdialog gemeint ist, der die USA, Indien, Japan und Australien in einer strategischen Umarmung gegen China zusammenbringt.<\/p><p>Am 21. September schrieb ein Kolumnist des Sprachrohrs der Kommunistischen Partei Chinas in einem Kommentar, dass &bdquo;man fr&uuml;her dachte, Trump sei der US-Pr&auml;sident, der den transatlantischen Beziehungen am meisten geschadet hat, und [der derzeitige US-Pr&auml;sident] Biden w&uuml;rde sie reparieren, aber jetzt hat Biden etwas noch Schlimmeres getan &ndash; er hat noch mehr Schaden angerichtet, indem er die Verb&uuml;ndeten verraten hat.&ldquo;<\/p><p>Ein anderer Kolumnist ging sogar noch weiter und erkl&auml;rte, dass &bdquo;Canberra die ASEAN zwingen wird, sich mit den USA und Australien gegen China zu verb&uuml;nden&ldquo;, w&auml;hrend er feststellte, dass Malaysia &bdquo;stark&ldquo; gegen den AUKUS-Pakt reagiert habe. Auch Indien sollte vorsichtig sein, denn, wie der Kolumnist schrieb, &bdquo;die USA k&ouml;nnen auch sie verraten oder im Stich lassen&ldquo;.<\/p><p>In der Tat haben die j&uuml;ngsten Entwicklungen im indopazifischen Raum zu einer ernsten Krise in den Beziehungen zwischen den USA und Frankreich gef&uuml;hrt, das im Rahmen eines inzwischen geplatzten 66-Milliarden-Dollar-Gesch&auml;fts eine Flotte von Diesel-U-Booten an Australien verkaufen wollte.<\/p><p>Frankreich rief seine Botschafter in Washington und Canberra zur&uuml;ck, ein Schritt, den Paris im Falle der USA bis n&auml;chste Woche r&uuml;ckg&auml;ngig machen will, w&auml;hrend sich die Europ&auml;ische Union hinter ihren franz&ouml;sischen Partner stellte.<\/p><p>Der Chef der EU-Au&szlig;enpolitik, Joseph Borrell, sagte am Rande der UN-Generalversammlung in New York, dass &bdquo;mehr Zusammenarbeit, mehr Koordination und weniger Zersplitterung&ldquo; f&uuml;r eine &bdquo;stabile indo-pazifische Region&ldquo; erforderlich seien, in der China die wichtigste aufstrebende Macht sei.<\/p><p>Solche Unstimmigkeiten, die an Interessenskonflikte grenzen, sollten zwar nicht untersch&auml;tzt werden, sind aber nicht unbedingt zum Vorteil Chinas, wie es seine nationalistischen Staatsmedien darzustellen versuchen.<\/p><p>Unmittelbar nach dem verlorenen U-Boot-Deal mit Australien telefonierte der franz&ouml;sische Pr&auml;sident Emmanuel Macron mit dem indischen Premierminister Narendra Modi, um die bilaterale Zusammenarbeit zu besprechen. Vielen internationalen Beobachtern ist nicht bewusst, dass Frankreich eine Macht im Indischen Ozean ist und dort mehr Meeresgebiet kontrolliert als jedes andere Land.<\/p><p>Frankreichs Wirtschaftszone im Indischen Ozean umfasst insgesamt 2.650.013 Quadratkilometer, was durch die vielen verstreuten Inseln, die unter franz&ouml;sischer Kontrolle stehen, zu erkl&auml;ren ist.<\/p><p>R&eacute;union mit 860.000 Einwohnern ist ein Departement d&rsquo;outre mer, also ein &Uuml;berseedepartement Frankreichs, ebenso wie die kleinere Insel Mayotte nordwestlich von Madagaskar mit 270.000 Einwohnern. R&eacute;union und Mayotte geh&ouml;ren ebenfalls zu den &uuml;berseeischen Departements Frankreichs.<\/p><p>Neben diesen bewohnten Inseln kontrolliert Frankreich auch die Kerguelen, den Crozet-Archipel, die St.-Paul- und Amsterdam-Inseln sowie eine Reihe kleinerer Inseln um und in der N&auml;he von Madagaskar: Juan de Nova, Europa, Bassas da India, Cloriosa und Tromelin.<\/p><p>Auf keiner dieser Inseln gibt es eine st&auml;ndige Bev&ouml;lkerung, aber franz&ouml;sische Wissenschaftler und Forscher sind auf einigen von ihnen auf Rotationsbasis ans&auml;ssig.<\/p><p>Die meisten dieser Inseln sind klein, aber die gr&ouml;&szlig;te und gebirgigste, Kerguelen, ist halb so gro&szlig; wie Connecticut. Mehr als 100 franz&ouml;sische Wissenschaftler sind im Sommer auf den Kerguelen stationiert, im Winter sind es etwas weniger.<\/p><p>Die Hauptsiedlung, Port-aux-Fran&ccedil;ais, beherbergt eine von der franz&ouml;sischen Raumfahrtbeh&ouml;rde betriebene Satellitenstation, wissenschaftliche Labors, technische Anlagen und, wie man munkelt, auch Waffenlager.<\/p><p>Offiziell unterh&auml;lt Frankreich neben seinen Truppen auf La R&eacute;union auch einen Milit&auml;rst&uuml;tzpunkt in seiner ehemaligen Kolonie Dschibuti am Horn von Afrika sowie eine Abordnung der Fremdenlegion auf Mayotte.<\/p><p>Frankreichs gesamte Truppenst&auml;rke im s&uuml;dlichen Indischen Ozean umfasst 1.900 Flugzeuge und Marinepatrouillenboote sowie 1.350 Soldaten mit Luftunterst&uuml;tzung in Dschibuti. Frankreich unterh&auml;lt auch einen Marinest&uuml;tzpunkt in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit 700 Soldaten, Schiffen und Flugzeugen.<\/p><p>Bisher lag Frankreichs Schwerpunkt in der Region des Indischen Ozeans auf der Bek&auml;mpfung der Piraterie, humanit&auml;rer Hilfe, Katastrophenhilfe und Klimaforschung sowie der Unterst&uuml;tzung der von den USA gef&uuml;hrten Kriegsanstrengungen im Nahen Osten.<\/p><p>Doch mit der Versch&auml;rfung des neuen Kalten Krieges zwischen dem Westen und China wird die Rolle Frankreichs in diesem Machtspiel nicht weniger, sondern mehr Bedeutung erlangen. Bezeichnenderweise hat Frankreich die Idee von routinem&auml;&szlig;igen EU-Patrouillen im S&uuml;dchinesischen Meer vorangetrieben, um die Freiheit der Schifffahrt in den von China beanspruchten Gew&auml;ssern zu gew&auml;hrleisten.<\/p><p>Abgesehen von seiner Pr&auml;senz im Indischen Ozean verf&uuml;gt Frankreich auch &uuml;ber Besitzungen im S&uuml;dpazifik &ndash; Neukaledonien, Franz&ouml;sisch-Polynesien sowie Wallis und Futuna &ndash; was ihm in beiden Ozeanen einen strategischen Vorteil verschafft.<\/p><p>Obwohl China nicht offen als Gegner genannt wird, betont ein vom franz&ouml;sischen Verteidigungsministerium 2016 ver&ouml;ffentlichtes Dokument &bdquo;eine wichtige strategische Partnerschaft&ldquo; mit Australien und Indien.<\/p><p>Mit Australien hat Frankreich &bdquo;zunehmend konvergierende Interessen und gemeinsame demokratische Werte&ldquo;. Die &bdquo;privilegierten Beziehungen&ldquo; Frankreichs zu Indien werden &bdquo;durch gro&szlig;e j&auml;hrliche &Uuml;bungen zwischen Marine (Varuna), Luftwaffe (Garuda) und Armee (Shakti) verk&ouml;rpert&ldquo;.<\/p><p>Demselben Dokument zufolge hat Frankreich auch eine &bdquo;Ausnahmepartnerschaft&ldquo; mit Japan aufgebaut.<\/p><p>Obwohl die &bdquo;Partnerschaft&ldquo; mit Australien auf der Kippe steht, gibt es bei der franz&ouml;sisch-indischen Milit&auml;rkooperation keine Anzeichen f&uuml;r eine Abschw&auml;chung. Im April f&uuml;hrten Frankreich und Indien ihre 19. bilaterale Varuna-&Uuml;bung im Arabischen Meer durch.<\/p><p>Die &Uuml;bung umfasste fortgeschrittene Luftverteidigungs- und U-Boot-&Uuml;bungen, Starr- und Drehflugeins&auml;tze und, wie die Organisatoren es nannten, &bdquo;taktische Man&ouml;ver&ldquo;. Indien und Frankreich haben au&szlig;erdem ein 2018 unterzeichnetes Milit&auml;rlogistikabkommen geschlossen, das den gegenseitigen Zugang zu den Milit&auml;reinrichtungen der jeweils anderen Seite in der Region erm&ouml;glicht.<\/p><p>Frankreich unterh&auml;lt auch enge Verteidigungsbeziehungen zu Japan. Laut einer gemeinsamen Erkl&auml;rung, die nach einem Gipfeltreffen zwischen Premierminister Yoshihide Suga und Pr&auml;sident Macron in diesem Monat ver&ouml;ffentlicht wurde, haben sich beide Seiten darauf geeinigt, die Verteidigungszusammenarbeit &bdquo;aktiv&ldquo; fortzusetzen, um einen freien und offenen Indopazifik zu sichern.<\/p><p>Wie bei der Partnerschaft zwischen Indien und Frankreich ist die Hauptsorge die zunehmend selbstbewusste Pr&auml;senz Chinas im Indischen und Pazifischen Ozean.<\/p><p>Am 18. September unterzeichneten das taiwanesische Verteidigungsministerium und der franz&ouml;sische Flugzeughersteller Dassault einen Vertrag &uuml;ber technische Dienstleistungen im Wert von 28,45 Millionen Dollar f&uuml;r die Instandsetzung von 60 Mirage-2000-Jets, die in den 1990er Jahren gekauft wurden. Zum Leidwesen Chinas verkaufte Frankreich im selben Zeitraum sechs Fregatten des Typs Lafayette an Taiwan.<\/p><p>Als im Mai letzten Jahres bekannt wurde, dass Frankreich Techniker nach Taiwan entsandt hatte, warnte China Paris eindringlich davor, die &bdquo;chinesisch-franz&ouml;sischen Beziehungen zu beeintr&auml;chtigen&ldquo;. Frankreich antwortete daraufhin, China solle sich stattdessen auf den Kampf gegen das Covid-19-Virus konzentrieren. Taiwan versucht nun, franz&ouml;sische Ausr&uuml;stung zu kaufen, um die Raketenabwehrsysteme seiner Lafayetten zu verbessern.<\/p><p>Der R&uuml;ckruf des franz&ouml;sischen Botschafters in Canberra und des Botschafters in New York ist zwar beispiellos, aber es ist nicht das erste Mal, dass Frankreich und die USA strategisch aneinandergeraten sind.<\/p><p>Als die USA 2003 im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen die Genehmigung f&uuml;r eine Invasion im Irak einholen wollten, wurde diese zur&uuml;ckgezogen, nachdem klar wurde, dass die st&auml;ndigen Mitglieder Frankreich &ndash; und Russland &ndash; ihr Vetorecht nutzen w&uuml;rden, um die Invasion zu verhindern.<\/p><p>Auch Frankreichs damaliger Au&szlig;enminister Dominique de Villepin erhielt f&uuml;r seine Rede gegen den Irak-Krieg vor den Vereinten Nationen am 14. Februar 2003 gro&szlig;en Beifall.<\/p><p>Es besteht kein Zweifel, dass die &bdquo;Fragmentierung&ldquo;, von der EU-Au&szlig;enpolitikchef Borrell sprach, real ist, ebenso wie der Wunsch der EU, dem Aufstieg Chinas entgegenzuwirken und ihn einzud&auml;mmen.<\/p><p>Doch auch wenn Peking versuchen mag, das st&uuml;mperhafte und erbitterte strategische Machtspiel zwischen den westlichen Staaten auszunutzen, so ist es doch unstrittig, wo die ultimativen Schlachtlinien gezogen werden.<\/p><p>Titelbild: Aleksandar Mijatovic<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chinesische Medien haben die Uneinigkeit zwischen den USA und der EU &uuml;ber den AUKUS-Atom-U-Boot-Deal hochgespielt, aber die Kampflinien zwischen dem Westen und China sind nach wie vor fest verankert. 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