{"id":76747,"date":"2021-10-07T10:20:12","date_gmt":"2021-10-07T08:20:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76747"},"modified":"2026-01-27T11:40:40","modified_gmt":"2026-01-27T10:40:40","slug":"emran-feroz-die-deutschen-regierungen-haben-den-brutalen-war-on-terror-washingtons-mitgetragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76747","title":{"rendered":"Emran Feroz: \u201eDie deutschen Regierungen haben den brutalen \u201aWar on Terror\u2018 Washingtons mitgetragen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Am 7. Oktober vor 20 Jahren begann die Invasion Afghanistans. Vor kurzem haben die USA und ihre Verb&uuml;ndeten das Land am Hindukusch verlassen (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=afghanistan\">die NachDenkSeiten berichteten<\/a>). Der Journalist und Bestseller-Autor <strong><a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/der-laengste-krieg\/\">Emran Feroz<\/a><\/strong> findet im Interview mit den NachDenkSeiten klare Worte zum &bdquo;Afghanistan-Desaster&ldquo; und rechnet auch mit der deutschen Politik ab: &bdquo;Auch hier muss man hart sein und die Fakten beim Namen nennen: Deutschland hat den brutalen &bdquo;War on Terror&ldquo; Washingtons mitgetragen und in diesem Kontext die &Ouml;ffentlichkeit regelm&auml;&szlig;ig hinters Licht gef&uuml;hrt.&ldquo; Ein Interview &uuml;ber das Verhalten des Westens, Propaganda, Manipulation und das, was Journalisten im Zusammenhang mit Afghanistan &bdquo;bis heute ungern&ldquo; h&ouml;ren. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>20 Jahre sind seit der Invasion der USA in Afghanistan vergangen. <\/strong><br>\n<strong>Was hat der Krieg Ihrem Land gebracht?<\/strong><\/p><p>Abgesehen von Leid und Armut so gut wie nichts, wie man nun beobachten kann. Das mag hart klingen, doch es beschreibt meiner Meinung nach einen Gro&szlig;teil der Realit&auml;t vor Ort. Die absolute Mehrheit der afghanischen Bev&ouml;lkerung hat von dem NATO-Einsatz und dem &bdquo;War on Terror&ldquo; der Amerikaner nicht profitiert. Die Profiteure waren in erster Linie kleptokratische Zirkel, die mit Hilfe des Westens an die Macht gebracht wurden, um sich und ihre Sippschaft pers&ouml;nlich zu bereichern. All dies hat unter anderem auch zu der R&uuml;ckkehr der Taliban gef&uuml;hrt.<\/p><p><strong>Die so genannte &bdquo;Weltgemeinschaft&ldquo; hat mindestens zugeschaut oder hat den Krieg eben unterst&uuml;tzt. Nach den Anschl&auml;gen in den USA hie&szlig; die Losung, ausgegeben von George W. Bush: &bdquo;Wer nicht f&uuml;r uns ist, ist gegen uns!&ldquo;. Die Bundesregierungen waren &bdquo;daf&uuml;r&ldquo;, haben mitgemacht. <\/strong><br>\n<strong>Gibt es etwas, was Sie deutschen Politikern vorhalten?<\/strong><\/p><p>Auch hier muss man hart sein und die Fakten beim Namen nennen: Die deutschen Regierungen haben den brutalen &bdquo;War on Terror&ldquo; Washingtons mitgetragen und in diesem Kontext die &Ouml;ffentlichkeit regelm&auml;&szlig;ig hinters Licht gef&uuml;hrt. Ende 2019 wurden die sogenannten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=afghanistan-papers\">Afghanistan Papers<\/a> ver&ouml;ffentlicht. Darin wurde deutlich, dass die US-Politelite die eigene Bev&ouml;lkerung regelm&auml;&szlig;ig belogen hat, um den Krieg in Afghanistan weiterhin zu rechtfertigen. Ich w&uuml;rde das auch auf andere NATO-Staaten wie Deutschland ausweiten. Hinzu kommt, dass die Bundeswehr am Hindukusch auch als T&auml;ter agierte und Zivilisten t&ouml;tete, etwa 2009 in Kunduz.<\/p><p><strong>Wir alle erinnern uns noch an die Aussage des SPD-Politikers Peter Struck, wonach die deutsche Freiheit am Hindukusch verteidigt werde. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sich diese Aussage noch mal vor Augen f&uuml;hren?<\/strong><\/p><p>Es handelte sich hierbei um eine extrem populistische Floskel, um den Krieg in Afghanistan fortzuf&uuml;hren. Umso paradoxer ist die Tatsache, dass Struck und Leute dieser Art vor den Realit&auml;ten vor Ort permanent die Augen schlossen und diese verdr&auml;ngten. Diese Einstellung, ja, diese Ignoranz hat uns zum heutigen Tag gef&uuml;hrt, weshalb es nicht sein kann, dass man nun weiterhin weich mit den Verantwortlichen in Berlin und anderswo umgeht.<\/p><p><strong>Reden wir &uuml;ber Manipulation und Propaganda. Der Krieg in Afghanistan musste von den NATO-Staaten gut &bdquo;verkauft&ldquo; werden, die Bev&ouml;lkerungen mussten von der Notwendigkeit der Eins&auml;tze &uuml;berzeugt werden. <\/strong><br>\n<strong>Haben Sie Beispiele f&uuml;r Propaganda und Manipulation der westlichen Seite?<\/strong><\/p><p>Da gibt es leider nur allzu viele. Der Krieg im Irak galt bei vielen als Vergehen, w&auml;hrend man jegliches Handeln in Afghanistan verteidigte. Da ging es dann um die Befreiung der afghanischen Frau. Das Bild der Burka tragenden Afghanin ist omnipr&auml;sent geworden, auch in diesen Tagen. Es wird direkt mit einem vermeintlichen Befreiungsakt seitens westlicher Akteure in Verbindung gebracht. Der gesamte &bdquo;War on Terror&ldquo; in Afghanistan wurde von westlicher Seite regelm&auml;&szlig;ig reingewaschen. F&uuml;r die meiste Gewalt machte man ausschlie&szlig;lich innerafghanische Akteure verantwortlich. Dabei waren es US-Drohnenpiloten, die zwanzig Jahre lang zahlreiche Menschen in afghanischen D&ouml;rfern terrorisierten und per Knopfdruck in die Luft jagten. <\/p><p>Dieser vermeintlich pr&auml;zise Krieg wird von f&uuml;hrenden Politikern weiterhin verharmlost. Man will uns weiterhin weismachen, dass man erfolgreich &bdquo;Terroristen&ldquo; bek&auml;mpft habe. W&auml;hrenddessen sitzen viele prominente Ziele in der neuen Taliban-Regierung. Ich frage mich Folgendes: Wenn all diese M&auml;nner leben, wer wurde dann &uuml;berhaupt get&ouml;tet? Die Antwort ist klar: Haupts&auml;chlich afghanische Zivilisten. Davon haben wir allerdings meist nichts mitbekommen, weil wir gleichzeitig mit Hollywood-Propaganda und &Auml;hnlichem vollgepumpt wurden. Der &bdquo;gute Krieg&ldquo; hat sich auch in der Popkultur durchgesetzt und dazu gef&uuml;hrt, dass viele Menschen in Europa oder in den USA nicht gewusst haben, was in Afghanistan passiert. Selbst in der Green Zone in Kabul haben sich viele Menschen, darunter auch Afghanen selbst, diese Dinge reingezogen, sodass sie am Ende nicht mehr wussten, was zwanzig Kilometer weiter passiert ist.<\/p><p><strong>Welche Rolle haben die Medien gespielt?<\/strong><\/p><p>Ich denke, es ist wichtig, die Rolle der Medien etwas aufzuteilen. Als der US-Krieg in Afghanistan begann, r&uuml;hrten viele Medien in westlichen Staaten die Kriegstrommel. Der &bdquo;Kreuzzug&ldquo; Bushs wurde kaum hinterfragt. Man wollte nicht als &bdquo;Verr&auml;ter&ldquo; abgestempelt werden. Innerhalb k&uuml;rzester Zeit wurde ein einfaches Schwarz-Wei&szlig;-Bild gemalt. Es gab nur noch &bdquo;gut&ldquo; und &bdquo;b&ouml;se&ldquo;. Dies war auch beim Irak-Krieg der Fall, wo viele bekannte Medien, die viele von uns weiterhin konsumieren und bewundern, L&uuml;gen verbreiteten. Ein gutes Beispiel hierf&uuml;r ist der renommierte &bdquo;New Yorker&ldquo;, der Heilige Gral des westlichen Journalismus. Wer heute noch in diesem Magazin landet, hat praktisch seine Karriere gekr&ouml;nt. Dabei hat der &bdquo;New Yorker&ldquo; bewusst L&uuml;gen verbreitet, um die Invasion des Irak zu rechtfertigen. Als das Ganze rauskam, gab es kaum Konsequenzen. &Auml;hnliche Dinge haben sich auch im Kontext von Afghanistan ereignet. Gleichzeitig gab es nicht zuletzt in den US-Medien viele wichtige Recherchen, die die Gr&auml;uel des Krieges deutlich machten. Dieser konstruktive Journalismus hat sich vielerorts allerdings nicht immer durchgesetzt, wie die letzten Tage und Wochen wieder einmal verdeutlicht haben.<\/p><p><strong>Als sich gerade die NATO-Staaten aus Afghanistan zur&uuml;ckgezogen haben, war das Desaster f&uuml;r jeden offensichtlich. Meine Beobachtung ist: Medien haben einerseits zwar in der Folge dann relativ kritisch berichtet, ihre eigene hochproblematische Berichterstattung im Zusammenhang mit dem Krieg bleibt aber unangetastet. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Ich sehe das &auml;hnlich. Viele Reporter, die Afghanistan besuchten, waren extrem eurozentristisch. Sie wuchsen mit einem Weltbild auf, das sie nicht einfach ablegen konnten. Gleichzeitig gab es sprachliche und kulturelle Barrieren und ein verzerrtes Bild der Berichterstattung, etwa wenn aus dem Hotelzimmer oder dem sicheren Compound &bdquo;berichtet&ldquo; wurde. Jene, die die eigentliche Arbeit gemacht haben, waren meist lokale Journalisten, die stets ihr Leben riskierten. Das h&ouml;ren die Verantwortlichen bis heute ungern.<\/p><p><strong>Die USA und ihre Verb&uuml;ndeten waren 20 Jahre in Afghanistan. Pl&ouml;tzlich, zumindest von au&szlig;en so wahrgenommen: wie auf Knopfdruck! hat das B&uuml;ndnis das Land verlassen.<\/strong><br>\n<strong>W&uuml;rden Sie f&uuml;r uns bitte diese Entwicklung kritisch einordnen?<\/strong><\/p><p>Die Stagnation war bereits in den Jahren zuvor sichtbar. Die meisten Gefechte wurden nur noch von afghanischen Akteuren ausgetragen, w&auml;hrend die NATO-Truppen sich hinter ihren dicken Mauern versteckten. Ich denke, dass auch viele Soldaten immer mehr bemerkt hatten, wie sehr sie fehl am Platz waren. F&uuml;hrende US-Milit&auml;rs wussten schon lange zuvor, dass sie die l&auml;ndlichen Gebiete Afghanistans nie dauerhaft einnehmen k&ouml;nnten. Das hatte nicht nur mit den Taliban zu tun, sondern eben auch mit der dortigen Bev&ouml;lkerung. Es herrschte der klassische Guerilla-Krieg. Ein weiterer Mann, der das eingesehen hatte, war Donald Trump, der die Verhandlungen mit den Taliban voranbrachte. Die Afghanen waren Trump egal. Er wollte nur wiedergew&auml;hlt werden. Seine Einsch&auml;tzung, dass der Krieg in Afghanistan nicht zu gewinnen sei und nur Ressourcen verschlingen w&uuml;rde, war allerdings gewiss nicht falsch.<\/p><p><strong>F&uuml;r die meisten Beobachter d&uuml;rfte klar gewesen sein, was nach einem schnellen R&uuml;ckzug westlicher Truppen passieren w&uuml;rde.<\/strong><br>\n<strong>Als es dann so weit war, rieben sich Medienvertreter und Politiker &ouml;ffentlich die Augen und waren erstaunt &uuml;ber das Tempo, mit dem die Taliban die Kontrolle &uuml;bernommen haben.<\/strong><br>\n<strong>War das denn wirklich so erstaunlich?<\/strong><\/p><p>Die Einnahme Kabuls war etwas &uuml;berraschend. Ich denke, das hat sogar die Taliban selbst &uuml;berrascht. Doch alles andere war vorhersehbar. Die Taliban waren bereits Jahre zuvor in den Distrikten rund um die Provinzhauptst&auml;dte, die im August wie Dominosteine fielen, pr&auml;sent. Sie haben dort aus dem Schatten heraus regiert. Der Moment des Abzugs wurde lediglich genutzt, um sich endg&uuml;ltig zu zeigen. Gleichzeitig war auch der Zustand der afghanischen Armee bekannt. Sie war von der Korruption der Kabuler Eliten durchtr&auml;nkt, so wie praktisch alle anderen staatlichen Institutionen. Viele Soldaten hatten weder Nahrung noch Munition. Am Ende wurden viele von ihnen von ihren eigenen F&uuml;hrern, die sich jahrelang deren Geh&auml;lter einsteckten, verkauft.<\/p><p><strong>Wie geht es nun den Menschen in Afghanistan?<\/strong><br>\n<strong>Was sind Ihre Erfahrungen?<\/strong><\/p><p>Viele blicken in eine ungewisse Zukunft. Die Taliban kontrollieren mittlerweile das ganze Land, sogar das Panjsher-Tal, was sie in den 90er-Jahren nicht erobern konnten. Demnach sind sie st&auml;rker denn je zuvor. Mehr und mehr Regierungen werden sie wohl akzeptieren, obwohl ihre jetzige Regierung selbst f&uuml;r afghanische Verh&auml;ltnisse alles andere als inklusiv ist, das hei&szlig;t: m&ouml;glichst alle B&uuml;rger Afghanistans mit einbezieht. Gleichzeitig versuchen viele Afghanen, das Land zu verlassen. Sie stehen vor einer humanit&auml;ren Katastrophe. Es drohen Hunger und ein harter Winter.<\/p><p><em>Lesetipp: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/usa\/der-laengste-krieg.html?listtype=search&amp;searchparam=feroz\">Emran Feroz: Der l&auml;ngste Krieg. 20 Jahre War on Terror<\/a>. Westend. 224. S. 18 Euro. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 7. Oktober vor 20 Jahren begann die Invasion Afghanistans. Vor kurzem haben die USA und ihre Verb&uuml;ndeten das Land am Hindukusch verlassen (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=afghanistan\">die NachDenkSeiten berichteten<\/a>). 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