{"id":76777,"date":"2021-10-07T15:57:29","date_gmt":"2021-10-07T13:57:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76777"},"modified":"2021-10-07T17:17:28","modified_gmt":"2021-10-07T15:17:28","slug":"die-autoritaere-verlockung-vonmichael-broening","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76777","title":{"rendered":"Die autorit\u00e4re Verlockung. Von\u00a0Michael Br\u00f6ning."},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/ipg\/autorinnen-und-autoren\/autor\/michael-broening\/\">Der Autor<\/a> ist Leiter der Dependance der Friedrich-Ebert-Stiftung in New York. Der Text ist ein Auszug aus einem Buch, das gerade im Dietz Verlag erschienen ist. Der Buchtitel lautet: &bdquo;Vom Ende der Freiheit. Wie ein gesellschaftliches Ideal aufs Spiel gesetzt wird&ldquo;. Vermutlich ein Beitrag, der Zustimmung und Widerspruch ausl&ouml;sen wird. So ist es auch gedacht. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<b>Der Grundwert der Freiheit muss auch gegen den Illiberalismus von links verteidigt werden.<\/b><\/p><p>In der Debatte &uuml;ber die Gef&auml;hrdung der Demokratie steht immer wieder die Herausforderung von Rechtsau&szlig;en im Fokus. Und sicher: In Zeiten, in denen sich ein abgew&auml;hlter US-Pr&auml;sident weigert, seine Wahlniederlage anzuerkennen, ist der Kampf freiheitlicher Kr&auml;fte gegen die Bedrohung von rechts unabdingbar. Doch auch in Teilen der Linken sind fragw&uuml;rdige antifreiheitliche und antidemokratische Tendenzen zu beobachten, die in aufgekl&auml;rten Kreisen aber allzu oft ausgeblendet werden. Als &bdquo;<i>threat from the illiberal left<\/i>&ldquo; bezeichnete der <i>Economist<\/i> vor einigen Wochen diese Bedrohung. Aber dort, wo es darauf ankommt, l&ouml;ste er damit bislang keinen Prozess der Selbstkritik aus, sondern eher Augenrollen und Entr&uuml;stung.<\/p><p>Das Abwenden von einem demokratischen Ideal auch und gerade in den fortschrittlichen Milieus westlicher Gesellschaften aber ist bedenklich. Denn es f&auml;llt in eine Zeit, in der die Demokratie ohnehin einer einzigartigen Bedrohung ausgesetzt ist. In einem perfekten Sturm aus Pandemie, Autoritarismus, Digitalisierung und Klimakrise finden sich heute neue und alte Feinde der Freiheit zusammen. Traditionelle F&uuml;rsprecher der Freiheit jedoch stemmen sich diesen Gefahren bislang nur reichlich selektiv entgegen. Allzu oft senken fortschrittliche Stimmen aus vermeintlich besten Gr&uuml;nden eher den Daumen &uuml;ber ein scheinbar aus der Zeit gefallenes Ideal.<\/p><p><i><b>Auch in Teilen der Linken sind fragw&uuml;rdige antifreiheitliche und antidemokratische Tendenzen zu beobachten, die in aufgekl&auml;rten Kreisen aber allzu oft ausgeblendet werden.<\/b><\/i><\/p><p>Die einzigartigen Grundrechtseinschr&auml;nkungen im Zuge der Pandemie in westlichen Demokratien etwa wurden von progressiver Seite nur h&ouml;chst selten infrage gestellt. Statt Reflexion waren hier eher Reflexe zu beobachten. In dem Ma&szlig;e, in dem die Coronapolitikmuster von der extremen Rechten abgelehnt wurden, diskreditierten Teile des progressiven Lagers nahezu jede kritische &Auml;u&szlig;erung als politische Fahrl&auml;ssigkeit. Im Resultat erfolgte eine Pandemiebek&auml;mpfung, die sich wesentlich am autorit&auml;ren Vorbild Chinas orientierte, ohne dass dies von progressiven Stimmen im &bdquo;Krieg gegen das Virus&ldquo; auch nur als sonderlich problematisch thematisiert wurde. &bdquo;<i>Follow the science<\/i>&ldquo; lautet die Devise, als ob die Wissenschaft der Politik die Verantwortung abnehmen k&ouml;nnte.<\/p><p>Dabei aber wird &uuml;bersehen: Am Ende der Technokratie der vermeintlich rationalen Alternativlosigkeit steht erfahrungsgem&auml;&szlig; nicht eine sakrosankte Politik, sondern eine &Ouml;ffentlichkeit, die die Technokratie als demokratischen S&uuml;ndenfall erlebt. Wer wird den Kampf gegen die pauschalen, oft willk&uuml;rlichen und blindw&uuml;tigen Ma&szlig;nahmen der &Uuml;bergriffigkeit aufnehmen, denen stets eine Tendenz zur Verstetigung innewohnt? Ist es nicht bezeichnend, dass ausgerechnet die Milieus, die bis vor Kurzem noch das Vorzeigen von Reisep&auml;ssen an Staatsgrenzen f&uuml;r eine anachronistische Zumutung hielten, nun das dauerhafte Pr&auml;sentieren von Impfbescheinigungen bei jeder Alltagsbesorgung f&uuml;r alternativlos halten?<\/p><p>Bislang hat es nicht den Anschein, als ob Impulse zur Befreiung von einer &uuml;berbordenden Pandemieb&uuml;rokratie in besonderem Ma&szlig;e von progressiven Kr&auml;ften ausgehen w&uuml;rden. Der Grundsatz &bdquo;Sicher ist sicher&ldquo; aber ist eine denkbar ungeeignete Richtschnur zur Verteidigung der freiheitlich demokratischen Grundordnung.<\/p><p><i><b>In einem perfekten Sturm aus Pandemie, Autoritarismus, Digitalisierung und Klimakrise finden sich heute neue und alte Feinde der Freiheit zusammen.<\/b><\/i><\/p><p>Auch in Bezug auf die aktuellen identit&auml;tspolitischen Kulturk&auml;mpfe ist in Teilen der aktivistischen Linken eine Hinnahme von ideologischen Versatzst&uuml;cken zu beobachten, die emanzipatorischen Ans&auml;tzen zuwiderlaufen. Statt auf die freiheitliche Entfaltung des Individuums und das Ideal einer Gesellschaft ohne Diskriminierung setzen progressive Stimmen hier auf essentialistische Gruppenidentit&auml;ten und auf ergebnisgleiche <i>Equity<\/i>, die den Werten der Selbstbestimmung und der Gerechtigkeit zuwiderlaufen. Eine Abkehr vom Universalismus aber untergr&auml;bt Demokratie, Gerechtigkeit und Solidarit&auml;t egal ob sie auf der Rechten oder der Linken betrieben wird. Doch w&auml;hrend die T&uuml;cken rechtsidentit&auml;rer Ideologien zu Recht in aller Munde sind, werden die identit&auml;tspolitischen Ans&auml;tze des <i>wokeism<\/i> weiterhin reichlich selektiv problematisiert.<\/p><p>Kritik an politischer Korrektheit, <i>cancel culture<\/i> und <i>wokeness<\/i> m&uuml;sse endlich aufh&ouml;ren, forderte zuletzt etwa Jan-Werner M&uuml;ller und steht damit f&uuml;r viele. &bdquo;Was ist mit einem Liberalismus los, der meint, in Zeiten, da in China, Indien und Brasilien Autorit&auml;re stetig ihre Macht ausbauen, vor allem auf eine vermeintlich radikale linke Minderheit eindreschen zu m&uuml;ssen?&ldquo; Nat&uuml;rlich ist der Hinweis auf antifreiheitliche Tendenzen weltweit nur zu gerechtfertigt. Aber lautet nicht eine mindestens ebenso dr&auml;ngende Frage: Was ist eigentlich mit einem Liberalismus los, der auf Kritik nicht mit Selbstreflexion reagiert, sondern nur mit w&uuml;tendem Fingerzeig auf andere? Gibt es mit &bdquo;<i>whataboutism<\/i>&ldquo; auf <i>Planet Woke<\/i> nicht mittlerweile sogar einen eigenen Begriff f&uuml;r den Versuch, unbequeme Diskussionen auf andere Themenfelder zu lenken?<\/p><p><i><b>Umfragen in zahlreichen westlichen Staaten belegen, dass weite Teile der &Ouml;ffentlichkeit mittlerweile davor zur&uuml;ckschrecken, politische Meinungen offen zu artikulieren.<\/b><\/i><\/p><p>Deutlich ist dies auch im Ringen um die Meinungsfreiheit zu beobachten. Umfragen in zahlreichen westlichen Staaten belegen, dass weite Teile der &Ouml;ffentlichkeit mittlerweile davor zur&uuml;ckschrecken, politische Meinungen offen zu artikulieren. In den USA etwa belegt eine Umfrage von 2021 des libert&auml;ren <i>Cato Institute<\/i>, dass 62 Prozent der Amerikaner &bdquo;angesichts des herrschenden politischen Klimas&ldquo; darauf verzichten, ihre Meinung zu vertreten. Umfragen im Vereinigten K&ouml;nigreich aus dem Februar 2021 belegen, dass derzeit gerade einmal 12 Prozent der Menschen davon &uuml;berzeugt sind, kontroverse Fragen zu Migration oder Transgender offen diskutieren zu k&ouml;nnen. Und auch in Deutschland sorgte eine Umfrage vom Juni 2021 f&uuml;r Aufsehen, wonach hier gerade noch 45 Prozent der B&uuml;rger der Auffassung sind, man k&ouml;nne seine Meinung frei sagen.<\/p><p>Auff&auml;llig ist dabei, dass Selbstbeschr&auml;nkung der Meinungs&auml;u&szlig;erung auf der Rechten und auf der Linken nicht gleicherma&szlig;en zu Protokoll gegeben wird. Konservative Stimmen scheinen den Druck der &ouml;ffentlichen Meinung viel st&auml;rker zu empfinden als Progressive. Mit Abstand am wenigsten Anpassungsdruck nehmen in Deutschland Anh&auml;nger der Gr&uuml;nen wahr. Und auch in den USA belegt die Umfrage des <i>Cato Institute<\/i>, dass einzig die Gruppe der &bdquo;sehr Liberalen&ldquo; mehrheitlich der Auffassung ist, ihre Meinung jederzeit offen ausdr&uuml;cken zu k&ouml;nnen. Ein vorurteilsfreier Blick auf solche Daten sollte progressiven Kr&auml;ften zu denken geben. Denn wenn ma&szlig;gebliche Teile des progressiven Lagers am Ideal der freien Meinung festhalten, sind sie augenscheinlich nicht besonders erfolgreich darin, die eigene Duldsamkeit gegen&uuml;ber abweichenden Stimmen &uuml;berzeugend zu kommunizieren.<\/p><p>Und die Klimakrise? Hier ist rasches Handeln angesichts eines desolaten Status quo zweifellos erforderlich. Doch auch hier sind in Teilen des progressiven Camps Tendenzen zu beobachten, die die demokratische Nachhaltigkeit des Klimaschutzes langfristig eher reduzieren als bef&ouml;rdern. Freiheit wird hier nicht mehr als Trumpfkarte zur Mobilisierung von Innovation bewertet, sondern als endliches Gut und letztlich als politische Verantwortungslosigkeit. Demokratische Prozesse stehen im Verdacht, vor der Gr&ouml;&szlig;e der Aufgabe zu kapitulieren. Notst&auml;nde, das Umgehen parlamentarischer Arbeit &uuml;ber den Gerichtsweg und massive Einschr&auml;nkungen von Freiheitsrechten sind hier zunehmend das Mittel der Wahl.<\/p><p><i><b>Freiheit wird nicht mehr als Trumpfkarte zur Mobilisierung von Innovation bewertet, sondern als endliches Gut und letztlich als politische Verantwortungslosigkeit.<\/b><\/i><\/p><p>Freiheit sei in Zeiten des Klimawandels &bdquo;nun nicht mehr nur etwas, das man lebt und gegen den Staat geltend machen kann, Freiheit ist nun auch etwas, das man materiell und physisch verbrauchen kann. Und nicht darf&ldquo;, jubelt etwa Bernd Ulrich in Bezug auf das Klimaurteil des Bundesverfassungsgerichts. Freiheit als Verbot: Das aber klingt indes weniger nach Aufbruch in eine verhei&szlig;ungsvolle Zukunft als vielmehr nach altbekannten totalit&auml;ren Euphemismen, die auch Bernd Ulrich bekannt vorkommen m&uuml;ssten.<\/p><p>Corona-Ausnahmezust&auml;nde, die Fesseln der Identit&auml;tspolitik, und die allgegenw&auml;rtig verk&uuml;ndeten Alternativlosigkeiten der Klimakrise: Das Abwenden von Teilen des progressiven Milieus vom Ideal der Freiheit k&ouml;nnte umfassender kaum ausfallen. Das aber ist so gef&auml;hrlich wie tragisch, denn gerade auf der Linken kann Freiheit als wirklich allgemeiner Wert gedacht werden, der eben nicht auf die St&auml;rkung von Sonderrechten f&uuml;r Eliten, identit&auml;re Gruppen oder einen monolithisch begriffenen Volksk&ouml;rper abzielt, sondern die Freiheit aller meint und in den Blick nimmt.<\/p><p>Gerade wenn die Freiheit in diesen Tagen der Krisen von falschen Freunden vereinnahmt und gefeiert wird, ist es die Pflicht der weltoffenen Stimmen, dieses gesellschaftliche Ideal nicht sang- und klanglos aufzugeben, sondern wiederzuentdecken. &bdquo;Wir k&ouml;nnen allenfalls darauf hoffen, dass die Freiheit in einem politischen Sinn nicht wieder f&uuml;r Gott wei&szlig; wie viele Jahrhunderte von dieser Erde verschwindet&ldquo;, beendet Hannah Arendt ihr gro&szlig;es Pl&auml;doyer &bdquo;Die Freiheit, frei zu sein&ldquo;. Wir aber sollten nicht nur hoffen, sondern engagiert f&uuml;r freiheitliche Prinzipien Position beziehen. Gerade als Stimmen, die sich f&uuml;r Demokratie, Gerechtigkeit und Zusammenhalt stark machen, fangen wir damit am besten an einem ganz bestimmten Ort an: vor der eigenen Haust&uuml;r.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/ipg\/autorinnen-und-autoren\/autor\/michael-broening\/\">Der Autor<\/a> ist Leiter der Dependance der Friedrich-Ebert-Stiftung in New York. Der Text ist ein Auszug aus einem Buch, das gerade im Dietz Verlag erschienen ist. Der Buchtitel lautet: &bdquo;Vom Ende der Freiheit. Wie ein gesellschaftliches Ideal aufs Spiel gesetzt wird&ldquo;. Vermutlich ein Beitrag, der Zustimmung und Widerspruch ausl&ouml;sen wird. So ist es auch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76777\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,201],"tags":[1112,3041,441,2686,1865,2247,922],"class_list":["post-76777","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-ideologiekritik","tag-buergerrechte","tag-cancel-culture","tag-freiheit","tag-identitaetspolitik","tag-meinungsfreiheit","tag-political-correctness","tag-totalitarismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76777","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=76777"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76777\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":76781,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76777\/revisions\/76781"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=76777"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=76777"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=76777"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}