{"id":7680,"date":"2010-12-09T16:39:34","date_gmt":"2010-12-09T15:39:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7680"},"modified":"2014-02-17T10:20:54","modified_gmt":"2014-02-17T09:20:54","slug":"hymnen-auf-den-zuwachs-der-importe-und-schweigen-zu-den-wachsenden-leistungsbilanzueberschuessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7680","title":{"rendered":"Hymnen auf den Zuwachs der Importe &#8230;  Und Schweigen zu den wachsenden Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcssen"},"content":{"rendered":"<p>Das Handelsblatt brachte am 8. Dezember die Meldung <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/konjunktur-nachrichten\/konjunktur-deutsche-importe-brechen-alle-rekorde;2708038\">&ldquo;Deutsche Importe brechen alle Rekorde&rdquo;<\/a>. Die Meldung soll best&auml;tigen, dass wir nichts tun m&uuml;ssen, um die Leistungsbilanzen wieder ausgeglichener werden zu lassen. Ein guter Kandidat f&uuml;r die Manipulation des Monats. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nDas Handelsblatt zitiert den DIHK-Chefvolkswirt Volker Treier: &ldquo;Die Daten belegen: Wir sorgen &uuml;ber h&ouml;here Investitionen und einen st&auml;rkeren privaten Konsum f&uuml;r Impulse in den anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern&rdquo; und &ldquo;Wir sind die Konjunkturlokomotive Europas.&rdquo; Damit trage Deutschland seinen Teil zur L&ouml;sung der Schuldenkrise bei. &ldquo;Wir stabilisieren die Wirtschaft in den Euro-L&auml;ndern&rdquo;.<br>\nOb die deutsche Volkswirtschaft mit den Importen in den anderen L&auml;ndern insgesamt f&uuml;r Impulse sorgt, das kann man aus der Entwicklung der Importe allein nicht ableiten. Dazu muss man wissen, wie sich der Saldo der Leistungsbilanz und der Handelsbilanz weiterentwickelt hat. Die Meldung des Handelsblattes verschweigt wichtige Zahlen: <\/p><p>Der deutsche <strong>Leistungssbilanz&uuml;berschuss<\/strong> ist bis September 2010 von 86,5 Mrd. (im Vorjahr) auf 91 Mrd. in diesem Jahr gestiegen. Der Handelsbilanz&uuml;berschuss hat bis Oktober von 107 Mrd. im Vorjahr auf 125 Mrd. zugelegt. Im September und Oktober war die Zunahme sogar besonders gro&szlig;. <\/p><p><strong>Anmerkungen zum feststellbaren Niedergang des Wirtschaftsjournalismus:<\/strong><\/p><p>Der Beitrag des Handelsblatts ist symptomatisch f&uuml;r den Niedergang des Wirtschaftsjournalismus. Ich muss dazu (noch einmal) eine kleine Geschichte erz&auml;hlen, die das gleiche Problem, n&auml;mlich den Leistungsbilanz&uuml;berschuss Deutschlands zum Gegenstand hat:<br>\nIm Jahre 1968 begann in Deutschland eine l&auml;nger andauernde Diskussion &uuml;ber die Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse und die damit verbundene &Uuml;berbewertung der D-Mark im Vergleich zum Dollar. Die W&auml;hrungsrelation war staatlicherseits festgelegt. Im Jahr 1968 und 69 gab es einen gewaltigen Spekulationsdruck, die D-Mark aufzuwerten. Professor Dr. Karl Schiller, damals Bundeswirtschaftsminister (SPD) und zust&auml;ndig f&uuml;r die W&auml;hrungspolitik, war schon im Sommer 1968 f&uuml;r die Aufwertung, sein Kollege Finanzminister Franz Josef Strau&szlig; war aus vielerlei Gr&uuml;nden dagegen, unter anderem zur St&uuml;tzung der Flugzeug- und R&uuml;stungsindustrie in Bayern. Im November 1968 verst&auml;ndigte man sich auf einen Kompromiss, die Erschwerung der Exporte durch eine Abgabe und die Erleichterung der Importe durch einen vier-prozentigen Abschlag bei der Mehrwertsteuer. (Siehe Anlage)<\/p><p>Dieser Kompromiss hielt aber nicht lange. Die Spekulation auf die Aufwertung der D-Mark ging weiter. Deshalb holte der Bundeswirtschaftsminister Mitte M&auml;rz 1969 sein K&uuml;chenkabinett zusammen. Als Redenschreiber geh&ouml;rte ich zu diesem Kreis. Mit dazu geh&ouml;rte auch sein Grundsatzreferent Tietmeyer (CDU) und sein Staatssekret&auml;r Sch&ouml;llhorn (CSU). Schiller fragte, ob er dem Bundeskanzler Kiesinger (CDU) die Aufwertung der D-Mark vorschlagen soll und forderte jeden von uns auf, sich dazu pers&ouml;nlich zu &auml;u&szlig;ern. Bei den Parteig&auml;ngern von CDU und CSU &uuml;berlagerte ihre politische R&uuml;cksichtnahme auf Strau&szlig; und Kiesinger den &ouml;konomischen Sachverstand. Sachlich waren wir uns n&auml;mlich alle einig, dass eine Aufwertung der DM &uuml;berf&auml;llig w&auml;re. Ich pl&auml;dierte f&uuml;r diese Aufwertung. Aus sachlichen Gr&uuml;nden und aus politischen Gr&uuml;nden. Denn ich wusste: wenn der Koalitionspartner CDU\/CSU dem SPD-Wirtschaftsministers bei dieser sachlich eindeutigen Frage die Gefolgschaft verweigert, dann gewinnt die SPD Ansehen und Wirtschaftskompetenz bis weit ins konservative Lager hinein und wird auch die Wirtschaftsjournalisten konservativer Pr&auml;gung beeindrucken.<\/p><p>Schiller hat dann am 9. Mai 1969 im Kabinett die Aufwertung offiziell beantragt. Kiesinger und Strauss waren dagegen. Es kam zu keiner Entscheidung und stattdessen zu einer H&auml;ngepartie. Wir bereiteten uns darauf vor, dass dieses Thema eines der Hauptthemen im begonnenen Wahlkampf werden w&uuml;rde. Zusammen mit der Agentur der SPD erarbeiteten wir eine ganzseitige Anzeige f&uuml;r die Bild-Zeitung mit der Schlagzeile: &ldquo;Wir verschenken jeden 13. VW&rdquo;.<\/p><p>Wie erwartet bekam Schiller im Wahlkampf Unterst&uuml;tzung auch von Wirtschaftsjournalisten konservativer Pr&auml;gung, aus dem Handelsblatt, aus der FAZ, aus der Welt und konservativen Regionalzeitungen. Es lief wie geplant.<br>\nUnter den damaligen Bonner Wirtschaftsjournalisten gab es einen engeren Zirkel mit mehrheitlich konservativen Journalisten, eng angebunden an den BDI und die Arbeitgeberseite. Dazu z&auml;hlten &ndash; neben zwei herausragenden eher linksliberalen Journalisten, n&auml;mlich Ricci Kohlmey (Fuchsbriefe) und Rolli M&uuml;ller (FR und Vater von Mario M&uuml;ller) &ndash; zum Beispiel Kurt Steves (Die Welt), Hans-Henning Zencke ( mit einem Bauchladen konservativer Bl&auml;tter) und Fritz Ullrich Fack (FAZ). Selbst diese konservativen Journalisten konnten sich auf eine Unterst&uuml;tzung der Position von Kiesinger und Strauss aus fachlichen Gr&uuml;nden nicht einlassen. <\/p><p>Das ist der gro&szlig;e Unterschied zu heute. Heute machen wie am eingangs zitierten Beispiel sichtbar die Wirtschaftsjournale jede Kampagne mit. Und sei sie auch noch so d&uuml;mmlich. Im konkreten Fall ist es absurd, weiterhin auf eine Politik der Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse zu setzen. Das ruiniert jedes W&auml;hrungssystem.&nbsp; Es ist auf Dauer nicht zu halten. Und es ist f&uuml;r uns ein schlechtes Gesch&auml;ft. Das erkennt man sofort, wenn man in realen Gr&ouml;&szlig;en denkt. Wir verschenken unsere Produktivkr&auml;fte zurzeit nach drau&szlig;en &ndash; damals, wie wir beispielhaft berechnet hatten, jeden 13. VW.<br>\nIm Jahr 1969 konnte man immerhin noch so sehr auf den Verstand der Wirtschaftsjournalisten und auch auf die M&ouml;glichkeit der &Uuml;berzeugung der Mehrheit unseres Volkes setzen, dass Karl Schiller, die SPD und wir als die konzeptionellen Zutr&auml;ger mit der Botschaft, wir w&uuml;rden mit Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;ssen weiterhin jeden 13. VW verschenken, an die &Ouml;ffentlichkeit gingen. Heute undenkbar. Wir haben es mit einer m&ouml;glichen Zur&uuml;ckentwicklung des &ouml;konomischen Sachverstandes zutun.<\/p><p>Nachtrag: Die vollst&auml;ndig konzipierte und schon beim Verlag von &bdquo;Bild&ldquo; deponierte Anzeige erschien nicht. Jahre sp&auml;ter habe ich erfahren, warum nicht. Der fr&uuml;here Mitarbeiter von Franz-Josef Strauss und sp&auml;tere Abgeordnete Dr. Erich Riedl (CSU\/M&uuml;nchen) berichtete mir, Franz Josef Strau&szlig; habe von der Bild-Zeitung unseren Anzeigenentwurf gesteckt bekommen und habe dann im Kressbronner Kreis, dem damaligen Koalitionskreis, benannt nach einem Ort in Oberschwaben\/Bodensee, wo Kanzler Kiesinger gerne tagen lie&szlig;, den Stopp dieser Anzeige erreicht. Nicht stoppen konnten CSU und CDU, dass das Thema des Verschenkens von Wohlstand durch Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse und die notwendige Aufwertung eines der gro&szlig;en Wahlkampfthemen f&uuml;r den Bundestagswahlkampf 1969 wurde. Auch Dank der fachlichen Qualit&auml;t sogar mancher konservativer Wirtschaftsjournalisten. Und im gro&szlig;en Unterschied zu heute.<\/p><p><strong>Anlage:<br>\nAuszug aus Spiegel vom 2.12.1968:<\/strong><br>\nGegen die Stimmen der Freien Demokraten erlegten die Koalitionspartner den Exporteuren bis zum 31. M&auml;rz 1970 vier Prozent Steuer f&uuml;r alle Warenlieferungen &uuml;ber die Grenzen auf. Hingegen sollen die Importeure k&uuml;nftig durch einen vierprozentigen Nachla&szlig; bei der Mehrwertsteuer subventioniert werden. Damit soll der westdeutsche Export&uuml;berschu&szlig; von zuletzt 15 Milliarden Mark j&auml;hrlich vermindert werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Handelsblatt brachte am 8. Dezember die Meldung <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/konjunktur-nachrichten\/konjunktur-deutsche-importe-brechen-alle-rekorde;2708038\">&ldquo;Deutsche Importe brechen alle Rekorde&rdquo;<\/a>. Die Meldung soll best&auml;tigen, dass wir nichts tun m&uuml;ssen, um die Leistungsbilanzen wieder ausgeglichener werden zu lassen. Ein guter Kandidat f&uuml;r die Manipulation des Monats. 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