{"id":76807,"date":"2021-10-10T11:45:48","date_gmt":"2021-10-10T09:45:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76807"},"modified":"2021-10-10T12:26:10","modified_gmt":"2021-10-10T10:26:10","slug":"wir-sind-staub-auf-dem-schachbrett-der-brief-einer-in-der-ukraine-lebenden-russin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76807","title":{"rendered":"\u201eWir sind Staub auf dem Schachbrett\u201c &#8211; Der Brief einer in der Ukraine lebenden Russin"},"content":{"rendered":"<p>In einem pers&ouml;nlichen Brief schildert eine in der Ukraine lebende Russin die politischen und sozialen Verwerfungen, die die Ukraine seit dem Maidan-Umsturz 2014 im Griff haben. Die Schilderungen wurden &uuml;bersetzt von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>, Moskau.<br>\n<!--more--><br>\nVor kurzem erhielt ich von einer Frau aus der Ukraine einen Brief, in dem sie ihre Situation als Russin schildert. Den Namen der Briefeschreiberin kann ich nicht ver&ouml;ffentlichen, da sie sonst wom&ouml;glich Repressionen ausgesetzt w&auml;re. Ich habe die Ukraine seit 1992 vielmals besucht, dort mehrere Monate gelebt und ich habe dort Freunde. Die Russin, die den Brief schrieb, kenne ich schon viele Jahre.<\/p><p><strong>Hier folgt der von Ulrich Heyden &uuml;bersetzte Brief:<\/strong><\/p><p>Hallo!<\/p><p>Ich habe versucht, zu analysieren, inwieweit der ukrainische Faschismus dem deutschen in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts &auml;hnlich ist.<\/p><p>Es scheint, dass wir zur&uuml;ckgekehrt sind in einen Zustand, der in den drei&szlig;iger Jahren in Deutschland herrschte.<\/p><p>Alle Medien werden vollst&auml;ndig von denen kontrolliert, die die Macht im Land ergriffen haben. Man hat die Menschen unterteilt in Richtige und Nicht-Richtige. Wenn Du &bdquo;richtig&ldquo; bist, kannst Du eine Person t&ouml;ten und Dir wird nichts passieren. Die Hauptsache ist, laut zu rufen: &bdquo;Ehre sei der Ukraine &ndash; Ehre den Helden&ldquo;. Der Gru&szlig; der ukrainischen Aufstandsarmee aus den 1940er Jahren ist jetzt der offizielle Gru&szlig; der ukrainischen Streitkr&auml;fte. Man ruft auch: &bdquo;Ukraine &uuml;ber alles&ldquo;. Im Dritten Reich hie&szlig; es &bdquo;Deutschland &uuml;ber alles&ldquo;. <\/p><p>Die russische Literatur wird zerst&ouml;rt. Es kam vor, dass man russische B&uuml;cher &ouml;ffentlich verbrannt hat. Erinnert das an etwas? Dissidenten werden ins Gef&auml;ngnis gesteckt und sogar get&ouml;tet &ndash; so geschehen mit dem Schriftsteller Oles Busina und mit den Einwohnern von Odessa, die im Gewerkschaftshaus starben. Diese Morde wurden demonstrativ durchgef&uuml;hrt und nicht aufgekl&auml;rt. <\/p><p>Es ist sehr schade, dass die Medien im Westen nichts &uuml;ber die tats&auml;chliche Lage in der Ukraine berichten. Deshalb glauben viele B&uuml;rger in den L&auml;ndern des Westens, dass es bei uns einen Krieg mit Russland gibt. Uns glauben die Menschen in den L&auml;ndern des Westens nicht. Sie sehen nur das, was die Medien ihnen erz&auml;hlen &hellip; Das kann man in den sozialen Netzwerken sehen.<\/p><p>Die russischen Medien machen einen gro&szlig;en Fehler, wenn sie absolute Idioten aus der Ukraine in ihre Sendungen einladen. Daher meint die Mehrheit der Russen, dass in der Ukraine alle zu Idioten geworden sind. Viele wollen nicht verstehen, dass alles das, was passiert ist, kein Zufall ist. Ich f&uuml;hrte Fakten an von allen revolution&auml;ren Aufst&auml;nden in Russland seit Beginn des 19. Jahrhunderts und zog Parallelen zu den farbigen Revolutionen des 21. Jahrhunderts. Man h&ouml;rt nicht auf mich. Sowohl von den Vereinigten Staaten als auch vom kollektiven Westen gibt es f&uuml;r das Regime in der Ukraine umfassende Unterst&uuml;tzung. <\/p><p>Viele B&uuml;rger der Russischen F&ouml;deration schreiben in Kommentaren, dass uns in der Ukraine alles gef&auml;llt und wir deshalb nicht k&auml;mpfen. Aber wie kann man k&auml;mpfen? <\/p><p>Unter der jetzigen Macht in der Ukraine wurden alle Gesetze umgeschrieben. Nach den neuen Gesetzen kann ein Mensch wegen einer anderen Meinung ins Gef&auml;ngnis kommen. Wenn du anders denkst, dann hei&szlig;t das, dass du mit deinen Gedanken die territoriale Integrit&auml;t der Ukraine verletzt. Hier ist der Artikel im Strafgesetzbuch! Geh&rsquo; ins Gef&auml;ngnis! <\/p><p>Die Drecksarbeit f&uuml;r den Geheimdienst erledigen Pseudo-Patrioten und streunende Aktivisten wie Sergej Sternenko. F&uuml;r jede ihrer illegalen Handlungen, sogar f&uuml;r Morde, werden sie von den ukrainischen Gerichten freigesprochen. <\/p><p>In Odessa gab es am 23. August dieses Jahres einen Vorfall mit einem B&uuml;rger der USA. Dieser Amerikaner ging durch die Stadt. Er trug ein T-Shirt mit den Farben der russischen Flagge und der Aufschrift &bdquo;Russland&ldquo;. Na und? <\/p><p>Im Polizeirevier erlaubte die Polizei den Radikalen, mit dem US-B&uuml;rger &bdquo;Aufkl&auml;rungsarbeit zu leisten&ldquo;. Sie rissen ihm sein T-Shirt vom Leib und warfen es in den M&uuml;lleimer. Die Radikalen fotografierten den Pass des Amerikaners. Und das alles vor den Augen der Polizei, direkt in der Wache! Die Polizisten standen, wie am 2. Mai 2014, als das Gewerkschaftshaus brannte, als Zuschauer und guckten zu. <\/p><p>Alles wurde von den Radikalen fotografiert. All diese Fotos kursieren jetzt in den sozialen Netzwerken. Sie posteten die Fotos sogar auf der Website der Mutter des Festgenommenen. Die Radikalen ver&ouml;ffentlichten im Internet sogar die Wohnadresse des Festgenommenen in den USA! Die Fotos des Amerikaners wurden auch auf der Website &bdquo;Mirotworets&ldquo; gepostet, auf der &bdquo;Feinde der Ukraine&ldquo; an den Pranger gestellt werden.<\/p><p>Die Vereinigten Staaten haben sich zu dem Vorfall nicht ge&auml;u&szlig;ert. Das T-Shirt des US-B&uuml;rgers war ja in den Farben der russischen Flagge und mit der Aufschrift &bdquo;Russland&ldquo;. Das widerspricht ihrer Idee. Man muss allen den Glauben einfl&ouml;&szlig;en, dass Russland der Feind ist. <\/p><p>Soll ich die Ukraine verlassen? Wohin soll ich fahren? Viele Ukrainer halten die Kreise der H&ouml;lle nicht aus, die man durchlaufen muss, um eine Aufenthaltserlaubnis in Russland zu bekommen.  Sie kehren zur&uuml;ck, wenn es in der Ukraine noch einen Ort gibt, an den sie zur&uuml;ckkehren k&ouml;nnen. <\/p><p>Und es gibt solche, die hier alles verkauft haben, aber in Russland keine Arbeit finden konnten. Sie k&ouml;nnen nirgendwohin zur&uuml;ckkehren &hellip; Also riskiere ich es nicht. Ja und warum sollte ich meine Heimatstadt verlassen?<\/p><p>Um ehrlich zu sein, habe ich vor den Ereignissen auf dem Maidan 2013-2014 noch nicht mal &uuml;ber das Thema Auswanderung nachgedacht, so wie die meisten Sowjetb&uuml;rger, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion au&szlig;erhalb von Russland befanden. Wir wurden Ausl&auml;nder &hellip; das war ungem&uuml;tlich. Ich musste mich damit abfinden.<\/p><p>Ab 1991 wurde langsam die Idee vorangetrieben, &bdquo;Die Ukraine ist nicht Russland&ldquo;. Sie erfanden die Holodomor-Hungersnot, die Russland vorgeworfen wird. Und so wurde der Hass auf Russland und die Russen eingepflanzt und gen&auml;hrt. K&uuml;nstlich. Und dieser Hass explodierte und f&uuml;hrte im rasanten Tempo zum Februar 2014. <\/p><p>Da fingen alle an, nachzudenken. Bis dahin haben wir gearbeitet, Kinder gro&szlig;gezogen, es gab etwas, was uns nicht gefiel. Aber wir haben uns damit abgefunden. Meine Kinder wurden in der Sowjetunion geboren. Und pl&ouml;tzlich war dieses Land weg.<\/p><p>Irgendwie war es notwendig, zu leben und seinen Lebensunterhalt zu verdienen, Kinder gro&szlig;zuziehen, zu ern&auml;hren und zu unterrichten. Wir konnten das Leben nicht aufhalten. <\/p><p>Wer h&auml;tte gedacht, dass sich alles umdreht? Und was h&auml;tte man damals tun k&ouml;nnen? Oft kehre ich in Gedanken in diese Zeit zur&uuml;ck. NICHTS! Und was h&auml;tten wir 2014 tun k&ouml;nnen? Selbst da, als auf dem Maidan Menschen zu sterben begannen, konnten die Menschen es immer noch nicht glauben.<\/p><p>Wir gingen zum Anti-Maidan. Wir protestierten. Wir glaubten, dass man alles friedlich l&ouml;sen kann, mit friedlichen Protesten. Aber w&auml;hrend all der Jahre der Unabh&auml;ngigkeit wurde das vorbereitet. Wir konnten nicht verhindern, dass dieses Szenario zu Ende gespielt wurde. <\/p><p>Ich bin ein gew&ouml;hnlicher, einfacher Mensch. Wie k&ouml;nnen wir gew&ouml;hnlichen Menschen eine Maschine aufhalten, die uns unterdr&uuml;ckt und reichlich vom Westen finanziert wird? Alle Medien im Westen berichten nur &uuml;ber das, was passt, um Russland f&uuml;r alles verantwortlich zu machen. <\/p><p>Wir sind nicht einmal Bauern, wir sind Staub auf dem Schachbrett, wo der kollektive Westen gegen Russland spielt.<\/p><p>Die Krim ist weg. Der Donbass revoltierte &hellip; Das achte Jahr ist schon H&ouml;lle. Friedliche Menschen sterben, darunter auch Kinder. Als normale Frau, als Mutter und Gro&szlig;mutter kann ich nicht anders, als daran zu denken. <\/p><p>Ich habe im Donbass viele Freunde, die dort leben. Manche verlie&szlig;en den Donbass. Sie hielten es nicht mehr aus.<\/p><p>Jetzt sind wir nach Nationalit&auml;t, Sprache und Religion gespalten. Und auf staatlicher Ebene wird entschieden, welche richtige Menschen sind und welche nicht. <\/p><p>Die russischsprachigen Regionen wurden zu Separatisten erkl&auml;rt. Hier lebten meine Vorfahren. Hier wurde ich geboren, hier wuchs ich auf. Hier war Russisch immer die Sprache im Alltag. Das ist unsere Muttersprache. Warum wurde uns eines Tages gesagt, dass wir eine andere Muttersprache haben? <\/p><p>Dann verbot man unsere Sprache im Kino, in den Beh&ouml;rden, in den Gesch&auml;ften &hellip; &uuml;berall. Man verbietet, die Kinder in ihrer Muttersprache zu unterrichten. Unsere Muttersprache wird zum Feind ernannt. Auf staatlicher Ebene wird der Hass zwischen den Nationalit&auml;ten angestachelt. Vom Rednerpult der Werchowna Rada h&ouml;rt man Beleidigungen gegen russische und russischsprachige B&uuml;rger der Ukraine. Familien zerfallen, Freunde werden zu Feinden. Wozu das Ganze? Und was ist mit dem geeinten Land?<\/p><p>Aber das Schlimmste ist, dass viele Leute es einfach nicht sehen wollen. Sie f&uuml;hlen sich heute wohl, niemand ber&uuml;hrt sie &hellip; HEUTE &hellip; Sie sehen Fernsehen und glauben an den ausgedachten Feind.<\/p><p>Ein Klassiker:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.<br>\nAls sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler.<br>\nAls sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude.<br>\nAls sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.&ldquo;<br>\n(Martin Niem&ouml;ller)\n<\/p><\/blockquote><p>Aber so wird es kommen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem pers&ouml;nlichen Brief schildert eine in der Ukraine lebende Russin die politischen und sozialen Verwerfungen, die die Ukraine seit dem Maidan-Umsturz 2014 im Griff haben. 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