{"id":76956,"date":"2021-10-13T10:34:38","date_gmt":"2021-10-13T08:34:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76956"},"modified":"2022-02-14T12:01:46","modified_gmt":"2022-02-14T11:01:46","slug":"von-gorillas-und-hyaenen-ein-ex-topmanager-beleuchtet-die-abgruende-der-neofeudalen-eliten-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76956","title":{"rendered":"Von Gorillas und Hy\u00e4nen: Ein Ex-Topmanager beleuchtet die Abgr\u00fcnde der neofeudalen Eliten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hans-Christian Lange<\/strong> geh&ouml;rte selbst einmal zu den einflussreichen Kreisen, die &uuml;ber die Geschicke des Landes und der Welt bestimmen. Um nicht selbst zum Raubtier zu werden, wechselte er die Seiten. Mit seinem neuen Buch liefert er ein Psycho- und Soziogramm der herrschenden Geld- und Politikkaste und postuliert: &bdquo;An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.&ldquo; Im Interview mit den NachDenkSeiten spricht der Politikaktivist &uuml;ber Raffz&auml;hne, die sich in Bunkern verschanzen, versto&szlig;ene &bdquo;Eimermenschen&ldquo; sowie neoliberale &Ouml;kos und Fundis. Seinen Optimismus bewahrt er sich trotzdem. Mit ihm sprach <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8686\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-76956-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211014_Ein_Ex_Topmanager_ueber_die_Abgruende_der_Eliten_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211014_Ein_Ex_Topmanager_ueber_die_Abgruende_der_Eliten_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211014_Ein_Ex_Topmanager_ueber_die_Abgruende_der_Eliten_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211014_Ein_Ex_Topmanager_ueber_die_Abgruende_der_Eliten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=76956-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211014_Ein_Ex_Topmanager_ueber_die_Abgruende_der_Eliten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"211014_Ein_Ex_Topmanager_ueber_die_Abgruende_der_Eliten_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><b>Zur Person<\/b><br>\nHans-Christian Lange, Jahrgang 1957, war in den 1980er Jahren Kanzleramtsberater unter Helmut Kohl und Politikchef von Sozialminister Norbert Bl&uuml;m (beide CDU), bis ihn der damalige Daimler-Boss, der f&uuml;hrende Sozialdemokrat Edzard Reuter, engagierte. Wegen Menschenrechtsskandalen legte sich Lange in den 2010er-Jahren mit F&uuml;hrungsetagen der Automobilindustrie an. F&uuml;r Aufsehen sorgte er als Gr&uuml;nder der ersten deutschen Band- und Leiharbeitergewerkschaft &bdquo;Social Peace&ldquo; sowie als Aktivist der von Sahra Wagenknecht (Die LINKE) initiierten Protestbewegung &bdquo;Aufstehen&ldquo;, deren bayerischer Sektion er vorsteht. Von Lange erschien im Juli im Westend-Verlag: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher-mehr\/buecher\/wirtschaft\/an-ihren-taten-sollt-ihr-sie-erkennen.html\">&bdquo;An ihren Taten sollt ihr sie erkennen. Ein Insider entlarvt die neue Geld- und Politikkaste&ldquo;<\/a><\/p><p><b>Herr Lange, Ihr Buch widmet sich dem Schalten und Walten einer aus Ihrer Sicht alles beherrschenden &bdquo;Geld- und Politikkaste&ldquo;, die im Gefolge des neoliberalen Umsturzes seit bald vier Jahrzehnten den Planeten samt Menschheit ihrer Selbstsucht, Macht- und Raffgier unterworfen hat. Blicken wir auf den Ausgang der Bundestagswahl: Wer betreibt in den n&auml;chsten vier Jahren den Niedergang von Demokratie, Rechtsstaat und allgemeinem Wohlstand in Deutschland? <\/b><\/p><p>Ich habe dazu eine provokante Vorhersage: Wir sehen jetzt schon, dass FDP und Gr&uuml;ne die n&auml;chste deutsche Regierung bestimmen. Damit dominieren zwei neue Politikkasten: neoliberale &Ouml;kos und neoliberale Fundis. Sie rekrutieren sich aus den urbanen Milieus der Lifestyle-Linken und der Lifestyle-Rechten und -Reichen. Beide vertreten einen hohen Macht- und Moralanspruch &ndash; mit dem unversch&auml;mt gro&szlig;en CO2-Fu&szlig;abdruck der Bessergestellten. Sie haben in der Corona-Krise kr&auml;ftig von dem Boom an Betongold und Aktien profitiert &ndash; was ebenfalls typisch ist f&uuml;r eine &bdquo;Gauche caviar&ldquo;.<\/p><p>Aber sie sind totale Minderheiten. Ich habe einmal nachgerechnet und neben das offizielle Wahlergebnis das sogenannte &bdquo;ehrliche&ldquo; gelegt, das man auf die Gesamtbev&ouml;lkerung hochrechnet: Danach vertreten die Gr&uuml;nen nur 8,3 Prozent, die FDP nur 6,4 Prozent der B&uuml;rger in Deutschland. Diese l&auml;cherlichen 15 Prozent treiben die Mehrheit moralisch und machtpolitisch vor sich her und verpassen ihr in den n&auml;chsten Jahren einen riesigen &bdquo;politischen Fu&szlig;abdruck&ldquo;, der bleibende Blessuren hinterlassen wird&hellip;<\/p><p><b>Meinen Sie nicht eigentlich &bdquo;Arschtritt&ldquo;? Aber so eine Gangart ist einem Kuschelb&auml;r wie Gr&uuml;nen-Co-Chef Robert Habeck doch gar nicht zuzutrauen.<\/b><\/p><p>Habeck passt voll in das Schema der &bdquo;Gauche caviar&ldquo;. Warum? Diese Kaste ist kosmopolitisch orientiert und dadurch separatistisch veranlagt. Das hei&szlig;t: Sie koppelt sich, wenn es eng und der Boden hei&szlig; wird, skrupellos vom Heimatstandort ab. Dazu passt Habecks Sich-Outen: &bdquo;Ich wusste mit Deutschland noch nie etwas anzufangen (&hellip;). Vaterlandsliebe fand ich stets zum Kotzen.&ldquo;<\/p><p>Das sehen meine Bandarbeiter anders: Sie gehen notgedrungen mit ihrem Land durch dick und d&uuml;nn. Sie malochen schon die ganze Krise &uuml;ber f&uuml;r das deutsche Sozialprodukt &ndash; eng gedr&auml;ngt am Band oder in den Fleischfabriken &ndash; aber sie hoffen auf diesen Staat. Sie haben keinen Alternativstandort oder einen besseren Alternativjob im Ausland. Sie sind das &bdquo;petit peuple&ldquo;, keine entfesselte Elite &ndash; die sich wie das entfesselte Kapital jederzeit &uuml;ber Grenzen absetzt. Noch schlimmer: Diese privilegierte kosmopolitische Elite hat das &bdquo;petit peuple&ldquo; in der Krise in ihren kleinen engen Wohnungen und Baracken eingesperrt, w&auml;hrend sie sich selbst im Homeoffice abgeschirmt oder mit Privatjets &uuml;berallhin abgesetzt hat. F&uuml;r die Bandarbeiter ist Habeck ein Separatist &ndash; und er hat in ihren Augen gut l&auml;stern &hellip;<\/p><p><b>Und was ist mit Olaf Scholz und seiner Sozialdemokratie? Der ist ja der &bdquo;kleine Mann&ldquo; seit Urzeiten ans Herz gewachsen, zumindest im Umfeld von Wahlen. Diesmal hat die SPD sogar der Linkspartei haufenweise W&auml;hlerinnen und W&auml;hler abgejagt. Ist das &bdquo;petit peuble&ldquo; nur zu vergesslich? Oder einfach zu doof?<\/b><i> <\/i><\/p><p>Zu Scholz sage ich nur: Er hat mit Gerhard Schr&ouml;der das neoliberale Hartz-IV durchgepaukt, sein Staatssekret&auml;r J&ouml;rg Kukies ist ein &bdquo;Chicago-Boy&ldquo; und ehemaliger Goldfinger, womit ich seine Vergangenheit als Goldman-Sachs-Manager meine. Die Erfolgsbilanz beider umfasst unter anderem: Cum-Ex und Wirecard, was die offensichtliche Verstrickung in die Finanzoligarchie und das entgrenzte Kapital aufdeckt. Auch wenn Scholz sich mit Ach und Krach und wegen kollabierender Konkurrenten als Erster ins Ziel gerettet hat, so wird er im weiteren Verlauf das halbtote Pferd SPD vollkommen zu Tode reiten.<\/p><p><b>Hat sich die &bdquo;Berufung&ldquo; von Gestalten wie Scholz, Habeck und Baerbock schon biographisch abgezeichnet? <\/b><\/p><p>Ja, nehmen wir das Beispiel Annalena Baerbock. Sie ist so neoliberal gepr&auml;gt, wie Maggie Thatcher es war. Baerbock studierte an der London School of Economics &ndash; einer Kaderschmiede des Gro&szlig;meisters der Neoliberalen, Friedrich von Hayek. Der war f&uuml;r Thatcher das Vorbild ihrer kapitalistischen Revolution. Kein Wunder, dass Baerbock sich im Wahlkampf mit der Wallstreet-affinen Hillary Clinton vergleicht. Und tats&auml;chlich: Die Gr&uuml;nen unter Habeck\/Baerbock treiben f&uuml;r ihren Wahlkampf die gr&ouml;&szlig;ten Einzelspenden aller Parteien ein &ndash; die nat&uuml;rlich nicht von Leiharbeitern stammen, sondern von einem Milliard&auml;r. Das entlarvt diese Partei aus Sicht der kleinen Leute mehr als alles andere. Wie mein Buchtitel bereits warnt: An ihren Taten sollt Ihr sie erkennen! <\/p><p><b>Dann k&ouml;nnte es schon zu sp&auml;t sein. Oder auch nicht: Schlie&szlig;lich werden sich wenigstens Baerbock und Habeck ordentlich f&uuml;rs Klima ins Zeug legen. FDP-Chef Christian Lindner vielleicht nicht ganz so&hellip; <\/b><\/p><p>Sie alle werden eine Umwelt- und Klimapolitik durchdr&uuml;cken, die sich die besseren Schichten locker leisten k&ouml;nnen, die aber die unteren umso h&auml;rter trifft. Das hei&szlig;t: Miet- und Energiepreise und Treibstoffwucher heizen die Inflation weiter an, die schon einmal in der deutschen Geschichte Unter- und Mittelschichten enteignet hat. Neoliberale &Ouml;kos und neoliberale Fundis werden den Osten Deutschlands besonders hart abstrafen, weil er nicht gr&uuml;n und gelb genug gew&auml;hlt hat, und ihm die Braunkohle rasch abschalten &ndash; auch wenn China pro Monat acht neue Kohlekraftwerke aufmacht.<\/p><p>Also wird wieder eine Minderheit Klimaschutz und h&ouml;here Moral wie eine Monstranz vor sich hertragen, w&auml;hrend der Rest durch den Rost f&auml;llt. Deshalb haben die Arbeiter schon vor Corona auf unseren Demos in M&uuml;nchen einen angeblichen Ausspruch von K&ouml;nigin Marie Antoinette abgewandelt: &bdquo;Wenn Ihr kein Geld f&uuml;rs Dieselauto habt, kauft Euch doch einen Elektroporsche!&ldquo;<\/p><p><b>Das zweite Kapitel Ihres Buches prophezeit &bdquo;Grausame statt goldene 20er-Jahre&ldquo; und liefert eine Abgrenzung zwischen den oberen Zehntausend und dem gemeinen Fu&szlig;volk, nicht nur entlang finanzieller und damit verbundener Trennlinien. Sie bringen daneben biologische Abweichungen ins Spiel und schreiben von &bdquo;Ratten&ldquo;, &bdquo;Krebs-&ldquo; und &bdquo;Eimermenschen&ldquo;. An dieser Stelle dachte ich: Jetzt treibt es Lange zu weit &hellip; <\/b><\/p><p>Wir stehen am Anfang neuer 20er-Jahre. Sie &auml;hneln denen des vergangenen Jahrhunderts, als apokalyptische Reiter unterwegs waren: Auch damals w&uuml;tete eine Pandemie, die Spanische Grippe, auch damals schwelgten und protzten Kriegs- und Krisengewinnler wie Jeff Bezos und Elon Musk &ouml;ffentlich und provozierten beim Rest der Gesellschaft Ressentiment und Hass. Das schlug damals genauso in Verschw&ouml;rungstheorien und Vergiftung des politischen Klimas um. Auch damals verrieten die Parteien der Mitte am Schluss ihre Klientel und die Demokratie &ndash; und die Linke versagte.<\/p><p>Sie haben recht: Tats&auml;chlich greife ich im Buch krasse Ph&auml;nomene politischer Diskriminierung und sozialer Perversion auf. Zum Beispiel halten sich heute die Milliard&auml;re unseres Landes Leiharbeiter als sogenannte Eimermenschen. Unsere liberale &Ouml;ffentlichkeit schaut aber lieber weg und pflegt Orchideenthemen wie &bdquo;Gendersprache&ldquo;, was es den Untersten in der Nahrungskette des Kapitalismus noch schwerer macht, ihre Anliegen auszudr&uuml;cken.<\/p><p><b>In Ihrem Buch schildern Sie, wie die Reichen und M&auml;chtigen ihr M&ouml;glichstes tun, sich den Anblick des Elends, das sie selbst erschaffen haben, zu ersparen, etwa mit &bdquo;neuen deutschen Schutzbunkern&ldquo;. Wie erfolgreich sind sie dabei?<\/b><\/p><p>Sehr erfolgreich! Die Finanz&ndash; und Immobilienm&auml;rkte boomen durch das Wahlergebnis noch mehr als zuvor schon. Ihre Teilhaber, die rechte wie linke Boh&egrave;me, bereichern sich automatisch von Tag zu Tag und sozusagen im Schlaf &ndash; w&auml;hrend der Rest der Bev&ouml;lkerung um den Schlaf gebracht wird. Im ersten Jahr der Corona-Krise haben die Konzerne fast 300.000 Leiharbeiter entlassen &ndash; ohne Entsch&auml;digung und ohne Arbeitslosengeld. Ich gebe zu: Innerhalb dieser verzweifelten Massen von Ohnm&auml;chtigen und politisch Unsichtbaren, die besonders h&auml;ufig von Covid-19 befallen wurden, kursieren &uuml;ble Verschw&ouml;rungstheorien gegen die Oberen.<\/p><p>Ich wei&szlig; aber, dass die obersten Kreise noch krimineller vorgehen: Zuerst vergiften sie das Klima ihres Landes. Aktuelle Enth&uuml;llungen &uuml;berf&uuml;hren Facebook und Co. eines neuen Klassenkampfs: Reiche und Einflussreiche verbreiten, unterst&uuml;tzt von den Algorithmen der Tech-Konzerne, ungehindert Hass, w&auml;hrend diese den Normalb&uuml;rgern solche Botschaften wegl&ouml;schen. Dadurch vergiften sie die Gesellschaft von oben.<\/p><p><b>Was aber f&uuml;r sie selbst nicht ohne Folgen bleibt? <\/b><\/p><p>Richtig. Die Privilegierten werden logischerweise zum Opfer ihrer eigenen Botschaften: Vor der Bundestagswahl haben die deutschen &bdquo;Onepercenter&ldquo;, also das oberste Prozent, aus Paranoia und Panik neue Rekordsummen ins Ausland transferiert, in diesem Jahr erneut rund 100 Milliarden Euro, obwohl Deutschland das Geld nach der Krise dringend ben&ouml;tigt. US-Amerikanische Investoren bieten f&uuml;r reiche Separatisten sogar Luxusappartments in Bunkerbauten an &ndash; auch in Deutschland. Das zeigt: Diese Klientel hat klare Schlussfolgerungen aus der bisherigen Pandemie gezogen. Sie will sich bei der n&auml;chsten Krise oder m&ouml;glichen sozialen und politischen Verwerfungen m&ouml;glichst risikolos absetzen und sich gegen sogenannte Querulanten und Aktivisten genauso wie gegen Viren immunisieren. Darum wird sie sowohl Beatmungsger&auml;te wie medizinisches Personal, aber auch Bodygards gleich mit in ihre Refugien nehmen.<\/p><p><b>Das l&auml;sst sich doch durchaus optimistisch wenden: Wenn sich dem, wie Sie schreiben, &bdquo;Klassenkampf von oben&ldquo; dann doch einmal eine soziale Revolution widersetzt, muss man die dann Entmachteten nicht mal mehr verjagen.<\/b><\/p><p>Das mag sein, aber so weit sind wir noch nicht. Bis dahin wird der Kampf von Oben gegen Unten gef&uuml;hrt. Im neuen deutschen Bonzenzentrum M&uuml;nchen nimmt die neofeudale Schickeria den Arbeitern jetzt nicht nur die Arbeit, sondern auch das Zuhause weg. Sie selektiert in den Hotspots der &bdquo;Nouveaux riches&ldquo; skrupellos Normalverdiener aus. Das Pikante daran: In Schwabing, dem ehemaligen Revoluzzer-Quartier der Arbeiter und Anarchisten, in dem Lenin zur Jahrhundertwende untertauchte und Kurt Eisner die &bdquo;Bolschewistische Sowjetrepublik Bayern&ldquo; ausrief, bek&auml;mpfen heute weder kapitalistische Wohnkonzerne noch eine rechte Guerilla die Arbeiter. Das sind vielmehr Lifestyle-Linke und -Rechte, die das schmutzige Gesch&auml;ft erledigen. Sie besetzen unorthodox via Wucherwettbewerb die H&auml;user und Wohnungen, um sie dann sogar teilweise leerstehen zu lassen. Denn Mieter bringen zu wenig Rendite und wohnen den teuren Bestand nur ab.<\/p><p>Linksliberale Bourgeoisie und Boh&eacute;miens, die &bdquo;Bobos&ldquo;, tauschen so das &bdquo;petit peuple&ldquo; St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck sozialdarwinistisch aus: 8.000 M&uuml;nchner m&uuml;ssen jeden Monat die Stadt verlassen, 100.000 im Jahr, eine Million in zehn Jahren, nur weil sie finanziell nicht mehr mithalten. Sie reisen allerdings aus den Billigsiedlungen und Barackenzimmern drau&szlig;en vor den Toren der Stadt jeden Morgen wieder an, um den alten Wohlstandsb&uuml;rgern den Hintern abzuputzen, die Krankenh&auml;user am Laufen zu halten und die Schickeria in den Restaurants zu bedienen &ndash; und m&uuml;ssen danach schleunigst wieder aus der Stadt verschwinden.<\/p><p><b>Wie tief gehen Ihre pers&ouml;nlichen Einblicke in die Kreise der herrschenden Geld- und Politikkasten? <\/b><\/p><p>Die meisten Mitb&uuml;rger haben dort leider zu wenig Einblicke in die oberen Etagen und was da abgeht. Als ich in die streng abgeriegelten innersten Zirkel der Wirtschafts- und Finanzelite Deutschlands und Europas vorgesto&szlig;en bin, war das f&uuml;r mich wie eine Expedition in ein hermetisch abgeriegeltes Biotop, in dem sich eine seltene Spezies aufh&auml;lt. Ich erlebte dort, wie oberste Kreise von Reichen und Einflussreichen sich durch Herrschaftswissen ungeheure Vorteile gegen&uuml;ber der Normalbev&ouml;lkerung verschaffen &ndash; die Grundlage f&uuml;r ihre heutige Machtzusammenballung. Dort begegnete ich mehreren Exemplaren einer neuen Spezies: n&auml;mlich derjenigen des radikalen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts. <\/p><p>Einer von ihnen war der als &bdquo;Hy&auml;ne&ldquo; bezeichnete CEO von Daimler-Benz, J&uuml;rgen Schrempp, ein anderer der &bdquo;Gorilla&ldquo; und Boss von Lehman Brothers, Richard Fuld. Die Wallstreet-Insider betitelten ihn so wegen seiner besonders r&uuml;den Managementmethoden. Fuld verk&ouml;rperte in den USA, wof&uuml;r inzwischen auch eine neue Generation deutscher Manager steht: Den Typus des sozialdarwinistisch gepr&auml;gten Unternehmensanf&uuml;hrers.<\/p><p><b>Die Frage muss man Ihnen einfach stellen: Versuchen Sie in Ihrer Rolle des Sozial- und Politaktivisten Ihre eigene Vergangenheit als fr&uuml;herer Topmanager und Politikberater abzusch&uuml;tteln? Als eine Art Wiedergutmachungstour?<\/b><\/p><p>Nein, ich schlie&szlig;e nur an fr&uuml;her an, als ich mit Schichtarbeit mein Studium verdiente, als ich als junger Typ zum Betriebsrat gew&auml;hlt wurde und literarische Preise f&uuml;r sozialkritische Texte bekommen habe. So habe ich immer wieder versucht, den Stummen und Ohnm&auml;chtigen eine Stimme zu geben. Aber ich bin auch auf Abwege geraten, als ich in die oberen Etagen vorgedrungen bin. Dort habe ich versucht, gemischte Raubtiergruppen in Schach zu halten. Dabei wendet man aber automatisch niedere Instinkte an, um zu &uuml;berleben, ja man wird teilweise selbst zum Raubtier. Ich erlebte eine Welt von Menschenverachtung, Skrupellosigkeit und Null-Solidarit&auml;t. Wer angebissen wird, wird schleunigst entsorgt. Auch ich wurde angebissen und habe mir schwere Blessuren zugezogen. Es waren die Arbeiter, die mich mit ihrer Solidarit&auml;t gerettet haben. Ihnen bin ich bis heute verbunden. Und darum versuche ich, all die absto&szlig;enden und bitteren Erfahrungen und Einsichten weiterzugeben.<\/p><p><b>Ihren Worten, so wie auch Ihrem Buch, merkt man eine gro&szlig;e Wut und Verbitterung an. Sie haben wirklich Angst vor dem, was in vielleicht schon naher Zukunft bevorsteht. Richtig? <\/b><\/p><p>Ich rechne in der Tat damit, dass irgendwann die Verschw&ouml;rungstheorien von oben und unten und die toxischen Reaktionen in politische Realit&auml;t umkippen &ndash; so wie in den 1920er-Jahren. Dann werden die deklassierten unteren Schichten und die ausgequetschten Mittelschichten selbst zu apokalyptischen Reitern und kehren zur&uuml;ck, um mit Hass und Gewalt die Lifestyle-Zonen und -Verstecke zu zerst&ouml;ren &ndash; so wie Teile der Gelbwesten vor drei Jahren das Zentrum von Paris demoliert und fast den &Eacute;lys&eacute;e-Palast gest&uuml;rmt haben.<\/p><p>&Uuml;brigens geht in diesen Tagen wieder Angst im Palast des Monsieur Macron um. Der Grund: Die Energie- und Heizkosten schie&szlig;en in Frankreich durch die Decke. 2018 hatte die CO2-Steuer schon einmal die Massen zum monatelangen Aufstand aufgeputscht. Jetzt muss Macron wieder mit dem Gespenst der Gelbwesten zu Bett gehen &ndash; weil ihn das die Wahl im n&auml;chsten Jahr kosten kann. Die neoliberalen Kasten m&uuml;ssen sich etwas einfallen lassen &ndash; oder sich in ihre Verstecke fl&uuml;chten. Wir m&uuml;ssen uns ebenfalls etwas einfallen lassen und uns neu von unten organisieren.<\/p><p><b>Bisweilen hatte ich beim Lesen den Eindruck, dass Sie, gerade mit Blick auf Deutschland, die nach meinem Empfinden &auml;u&szlig;erst k&uuml;mmerliche Protest- und Widerstandskultur ein St&uuml;ck weit verkl&auml;ren. Woher nehmen Sie den Optimismus, dass die Deklassierten in absehbarer Zukunft das Heft des Handelns an sich rei&szlig;en? <\/b><\/p><p>Von Oskar Lafontaine habe ich gelernt, dass man nicht mit dem Finger schnippen kann und damit prompt eine Widerstandsbewegung formiert. Das l&auml;uft so nicht in der Politik &ndash; wie die Geschichte lehrt. Aber einiges weist darauf hin, dass die Lage sich von allein zuspitzt. Wenn ich die Situation der Arbeiter betrachte, dann rumort es stark unter der Oberfl&auml;che &ndash; auch deshalb, weil sich noch niemals in der Geschichte der Menschheit eine kleine Kaste derart vom Rest der Menschheit abkoppeln und abschirmen konnte.<\/p><p>Das geht nur noch eine Weile gut. Denn Inflation und Missmanagement, Verschuldung und Korruption mobilisieren nicht nur bereits Deklassierte, sondern ebenso die Mittelschichten. In ihren Augen versagen die Politik- und Geldkasten angesichts immer neuer apokalyptischer Reiter: Sie haben vor der Corona-Krise versagt, dann in der Flutkatastrophe und aktuell beim Fall von Kabul. Und sie werden die soziale Frage wieder nicht l&ouml;sen.<\/p><p><b>Wo bleibt bei all dem Raum f&uuml;r Hoffnung? <\/b><\/p><p>Sie fragten, woher ich meine Zuversicht nehme? Aus der Tatsache, dass noch 2019 die gr&ouml;&szlig;ten Protestwellen weltweit seit dem 2. Weltkrieg ausgebrochen sind &ndash; die erst die Viruswelle und der Ausnahmezustand unter sich begraben haben. Wir werden jetzt daran gehen, einen neuen Gemeinsinn, eine neue Solidarit&auml;t und einen neuen Widerstand von unten aufzuziehen. Das hei&szlig;t, kommunitaristische Werte den neoliberalen, separatistischen Werten knallhart entgegenzustellen. Darum bauen wir die Arbeitergewerkschaft Social Peace jetzt zu einer gr&ouml;&szlig;eren politischen Plattform aus. Dann wird sich zeigen, wer auf welcher Seite der Barrikade steht. Wenn wir das nicht tun, werden sich Hass und Gewalt weiter wie &sbquo;unguided missiles&lsquo; in die Gesellschaft hineinbohren und sie vergiften und spalten.<\/p><p>Buch: <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/an-ihren-taten-sollt-ihr-sie-erkennen\/\">&bdquo;An ihren Taten sollt ihr sie erkennen. Ein Insider entlarvt die neue Geld- und Politikkaste&ldquo;, Westend Verlag, 256 Seiten<\/a><\/p><p>Titelbild: Jeff Whyte\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/c811bd0223564a1d8d3cdd144df5672b\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Hans-Christian Lange<\/strong> geh&ouml;rte selbst einmal zu den einflussreichen Kreisen, die &uuml;ber die Geschicke des Landes und der Welt bestimmen. Um nicht selbst zum Raubtier zu werden, wechselte er die Seiten. Mit seinem neuen Buch liefert er ein Psycho- und Soziogramm der herrschenden Geld- und Politikkaste und postuliert: &bdquo;An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.&ldquo; Im<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76956\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":76959,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,209,132,190],"tags":[2665,2027,365,2252,2066,2084,288,831,687],"class_list":["post-76956","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-interviews","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wahlen","tag-baerbock-annalena","tag-gentrifizierung","tag-inflation","tag-klassenkampf","tag-macron-emmanuel","tag-oberschicht","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-scholz-olaf","tag-ungleichheit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/shutterstock_1931935523-Kopie.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76956","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=76956"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76956\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":80786,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76956\/revisions\/80786"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/76959"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=76956"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=76956"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=76956"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}