{"id":77036,"date":"2021-10-15T13:07:48","date_gmt":"2021-10-15T11:07:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77036"},"modified":"2021-10-15T14:02:17","modified_gmt":"2021-10-15T12:02:17","slug":"die-zukunft-der-briefwahl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77036","title":{"rendered":"Die Zukunft der Briefwahl"},"content":{"rendered":"<p>Die Zunahme derer, die sich f&uuml;r die Briefwahl entscheiden, wird von Parteien und Kommentatoren fast wie ein Schicksal hingenommen. Weder wird gefragt, warum immer mehr Menschen die Briefwahl der Abstimmung im Wahllokal vorziehen, noch wird &uuml;ber die Konsequenzen dieser Entwicklung nachgedacht. So kann Briefwahl den Stimmungswahlkampf anfachen, sie schr&auml;nkt das Wahlgeheimnis ein und sie ist anf&auml;llig f&uuml;r Vorw&uuml;rfe der Manipulation. Von <strong>J&ouml;rg Phil Friedrich<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Anteil der Briefw&auml;hler bei Bundestagswahlen nimmt in Deutschland seit Jahrzehnten zu. In diesem Jahr d&uuml;rfte er &ndash; genaue Zahlen liegen noch nicht vor &ndash; bei rund 40% gelegen haben. Das ist ein enormer Anstieg gegen&uuml;ber fr&uuml;heren Wahlen, zuletzt lag der Anteil der Briefwahlstimmen bei knapp 29% und hatte sich von Wahl zu Wahl um 3-4% erh&ouml;ht. <\/p><p>Auch wenn der sprunghafte Anstieg mit der Corona-Pandemie erkl&auml;rt wird, scheint es dringend n&ouml;tig, sich mit der Zukunft der Briefwahl zu besch&auml;ftigen. Derzeit wird die Zunahme derer, die am Wahlsonntag lieber zu Hause bleiben und stattdessen auf dem Postweg ihre Stimme abgeben, von politischen Parteien und &ouml;ffentlichen Kommentatoren eher wie ein Schicksal hingenommen. Weder wird gefragt, warum immer mehr Menschen die Briefwahl der Abstimmung im Wahllokal vorziehen, noch wird &uuml;ber die Konsequenzen dieser Entwicklung nachgedacht.<\/p><p><strong>Briefwahl unterst&uuml;tzt den Stimmungswahlkampf<\/strong><\/p><p>Einige Parteien scheinen die Briefwahl als M&ouml;glichkeit f&uuml;r sich entdeckt zu haben, den eigenen Stimmanteil zu erh&ouml;hen. Das Kalk&uuml;l dahinter k&ouml;nnte sein, die W&auml;hlenden in dem Moment zur Stimmabgabe zu motivieren, in dem die Stimmung gerade g&uuml;nstig ist: Die eigene Kandidatin ist wom&ouml;glich gerade mit einem guten Auftritt in den Medien aufgefallen &ndash; wer sich jetzt spontan daf&uuml;r entscheidet, diese Kandidatin zu w&auml;hlen, hat sp&auml;ter keine M&ouml;glichkeit mehr, bei schlechteren Nachrichten oder vielleicht einfach durch weiteres Nachdenken die Sache noch mal anders zu entscheiden. Man holt die Leute ab, wenn sie gerade Sympathien entwickeln. Das funktioniert nat&uuml;rlich nur f&uuml;r die Parteien, die mit ihrem Spitzenpersonal gut in den gro&szlig;en Medien vertreten sind. Das d&uuml;rfte der Grund sein, warum gerade Gr&uuml;ne und FDP auf ihren Gro&szlig;plakaten massiv f&uuml;r die Briefwahl geworben haben: man wirkt irgendwie modern und hofft auf die spontane Entscheidung im g&uuml;nstigen Moment.<\/p><p>Damit ist aber schon ein Grund genannt, der gegen die Briefwahl spricht: Sie unterst&uuml;tzt den Stimmungswahlkampf, der sich an diejenigen wendet, die sich eigentlich nicht intensiv mit Programmen besch&auml;ftigen, die nicht lange nachdenken wollen, sondern die lieber aus einer Laune, einer Stimmung heraus entscheiden und dann froh sind, mit der Sache durch zu sein und sich nicht weiter Gedanken machen zu m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Anf&auml;llig gegen den Vorwurf der Manipulation<\/strong><\/p><p>Es gibt weitere, gravierende Gr&uuml;nde, die gegen die Briefwahl sprechen. Man muss bedenken, dass das Vertrauen in das Wahlverfahren darin begr&uuml;ndet ist, dass es im Prinzip durch jeden, der zweifelt, &uuml;berwacht werden kann. Dazu muss es so weit, wie es irgendwie geht, simpel und transparent sein. Das ist auch der wichtigste Grund, der gegen elektronische oder gar Online-Wahlen spricht. Jedes Verfahren, das nicht weitgehend durch unmittelbare Beobachtung gepr&uuml;ft werden kann, ist anf&auml;llig gegen den Vorwurf, dass manipuliert wird. Dabei kommt es gar nicht darauf an, ob dieser Vorwurf plausibel oder rational begr&uuml;ndbar ist oder ob er auf einer aberwitzigen, absurden und abwegigen Verschw&ouml;rungstheorie beruht. <\/p><p>Die einzige M&ouml;glichkeit, gegen jeden Zweifel weitgehend sicher zu sein, ist, das Wahlverfahren mit einfachsten, &uuml;ber Generationen etablierten Kulturtechniken durchzuf&uuml;hren &ndash; und das ist letztlich einzig die Wahl im Wahllokal, mit Wahlkabine, Papier und Stift, mit einer Wahlurne, die direkt nach der Schlie&szlig;ung des Wahllokals durch ehrenamtliche Wahlvorst&auml;nde ge&ouml;ffnet wird, die das Ergebnis ausz&auml;hlen und weitergeben. Nat&uuml;rlich gibt es da immer noch M&ouml;glichkeiten der Manipulation, aber die Briefwahl schafft f&uuml;r die, die zweifeln wollen und skeptisch gegen&uuml;ber den Institutionen sind, weit mehr Ansatzpunkte.<\/p><p>Es kommt &uuml;berhaupt nicht darauf an, wie gro&szlig; der Zweifel an der Briefwahl gegenw&auml;rtig ist, wenn erst die Mehrzahl der Stimmen per Post eingeht, ist es zu sp&auml;t, um einem solchen Zweifel zu begegnen. Die Diskussionen um die Sicherheit der Briefwahl werden die Gesellschaft weiter spalten, wieder werden die, die den Institutionen prinzipiell unkritisch gegen&uuml;berstehen, denen, die zweifeln, Verschw&ouml;rungsdenken unterstellen, so wie umgekehrt die Zweifler sich &uuml;ber die Staatsgl&auml;ubigkeit der Briefwahl-Sympathisanten emp&ouml;ren werden. Dem kann nur begegnet werden, indem man heute einen Konsens daf&uuml;r findet, dass die Briefwahl eher als Ausnahme denn als Regel anzusehen ist.<\/p><p><strong>Briefwahl ist keine geheime Wahl<\/strong><\/p><p>Die Briefwahl hat weitere Schw&auml;chen, das ist bekannt. Gerade, wenn man &uuml;ber eine weitere Absenkung des Wahlalters nachdenkt, muss man ehrlicherweise auch sagen, dass die Briefwahl eben keine geheime Wahl ist &ndash; wer innerhalb einer Familie entscheidet, wo die Kreuze gemacht werden, kann bei der Briefwahl nicht kontrolliert werden. Bei der Pr&auml;senzwahl ist jede wahlberechtigte Person mit ihrer Entscheidung am Ende allein, egal, ob sie eine Jugendliche, ein abh&auml;ngiger Ehepartner oder ein dementes Elternteil ist. Anzunehmen ist, dass die Briefwahl Vorurteile gegen&uuml;ber Teilen der Bev&ouml;lkerung, die sich durch starke famili&auml;re Strukturen auszeichnen, vergr&ouml;&szlig;ern werden. <\/p><p>Schlie&szlig;lich ist der Wahlsonntag auch ein Ritual der Demokratie, eine &ouml;ffentliche Demonstration der Teilnahme am demokratischen Verfahren. Durch den Gang zum Wahllokal und die Begegnung mit anderen W&auml;hlenden, indem man also dem Prozess der demokratischen Willensbildung physisch begegnet, wird Partizipation erlebbar, man erlebt nicht nur die eigene Stimmabgabe, sondern die Wahl als Prozess, an dem tats&auml;chlich alle Teile der Bev&ouml;lkerung gleicherma&szlig;en beteiligt sind.<\/p><p><strong>Wenn erst die Briefwahl der Normalfall ist, ist es zu sp&auml;t<\/strong><\/p><p>Es spricht vieles gegen die Briefwahl als normales Wahlverfahren, und vieles spricht daf&uuml;r, die Pr&auml;senzwahl zu st&auml;rken. Nat&uuml;rlich muss allen, die wahlberechtigt sind, die Chance zur Beteiligung gegeben werden, aber daf&uuml;r gibt es gen&uuml;gend Optionen jenseits der Briefwahl. Die Pr&auml;senzwahl im Wahlb&uuml;ro in den Wochen vor der Wahl kommt der Wahl am Wahlsonntag noch am n&auml;chsten und sollte als zus&auml;tzliche Option ausreichen.<\/p><p>Gegen die Briefwahl zu argumentieren, scheint gegenw&auml;rtig an Don Quichote zu erinnern, der gegen Windm&uuml;hlenfl&uuml;gel zu k&auml;mpfen versuchte. Dennoch sollte die Diskussion wenigstens versucht werden. Wenn erst die Briefwahl der Normalfall ist und Zweifel an dem Verfahren um sich greifen &ndash; ob berechtigt oder nicht, kann dahingestellt bleiben &ndash; ist es zu sp&auml;t.<\/p><p>Titelbild: Bihlmayer Fotografie\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zunahme derer, die sich f&uuml;r die Briefwahl entscheiden, wird von Parteien und Kommentatoren fast wie ein Schicksal hingenommen. 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