{"id":77049,"date":"2021-10-17T11:45:21","date_gmt":"2021-10-17T09:45:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77049"},"modified":"2021-10-17T12:25:30","modified_gmt":"2021-10-17T10:25:30","slug":"terror-den-sie-meinen-oder-die-zerstoerung-der-einst-bluehenden-islamischen-city-of-marawi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77049","title":{"rendered":"Terror, den sie meinen oder Die Zerst\u00f6rung der einst bl\u00fchenden islamischen City of Marawi"},"content":{"rendered":"<p>Vier Jahre nach der v&ouml;lligen Zerst&ouml;rung der s&uuml;dphilippinischen Stadt Marawi in Folge des Kampfes gegen den &bdquo;dschihadistischen Terror&ldquo; steht der Gro&szlig;teil der Zivilbev&ouml;lkerung noch immer vor einem Tr&uuml;mmerhaufen oder fristet als Binnenfl&uuml;chtlinge ein tristes Dasein in Ungewissheit und Verzweiflung. Von <b>Rainer Werning<\/b>.<br>\n<!--more--><br>\nMarawi City, im Zentrum der gr&ouml;&szlig;ten s&uuml;dphilippinischen Insel Mindanao gelegen, war bis zum 23. Mai 2017 eine vergleichsweise bl&uuml;hende Stadt mit etwa 250.000 Einwohnern. Sie ist gleichzeitig die Hauptstadt der Provinz Lanao del Sur und liegt idyllisch am n&ouml;rdlichen Ufer des Lanao-Sees in einer H&ouml;he von 700 m &uuml;ber dem Meeresspiegel. Seit dem Fr&uuml;hjahr 1980 nennt sich die Stadt offiziell &bdquo;Islamic City of Marawi&ldquo;, da sie die einzige Stadt in den Philippinen ist, die mehrheitlich von Muslimen bewohnt wird, deren Anteil an der Bev&ouml;lkerung 92 Prozent betr&auml;gt. Seit jeher war Marawi ein Wirtschafts-, Bildungs-, Kultur- und Politikzentrum der Provinz und zudem der Mittelpunkt des Islam im philippinischen S&uuml;den. Lange galt die Stadt als Hort von Toleranz und gegenseitigem Respekt, wo Moros (Muslime), Christen und Indigene friedlich zusammenlebten und zahlreiche renommierte Bildungseinrichtungen gemeinsamen Lernens und Lehrens unterhielten.<\/p><p><b>Schwarze Fahnen &uuml;ber Marawi<\/b><\/p><p>Offensichtlich von mehreren Geheimdiensten des Landes unbemerkt war es dem auf der s&uuml;dlich von Mindanao gelegenen Insel Basilan agierenden F&uuml;hrer der Abu-Sayyaf-Gruppe (ASG) und selbsternannten Emir des Islamischen Staates (IS), Isnilon Hapilon, gelungen, sich mit einigen Vertrauten im Fr&uuml;hjahr 2017 nach Marawi durchzuschlagen. Dort nahmen sie Kontakt zu Omarkhayam Maute und dessen Br&uuml;dern auf, die mit eigenen Gefolgsleuten ebenfalls den Treueeid auf den IS geschworen und sich bereits ein Jahr zuvor in anderen Gemeinden der Provinz Lanao del Sur Gefechte mit Einheiten der philippinischen Streitkr&auml;fte (AFP) geliefert hatten.<\/p><p>Bei dem Versuch, den international als Topterroristen gesuchten Hapilon durch einen AFP-&Uuml;berraschungsangriff am Morgen des 23. Mai 2017 gefangen zu nehmen, schlugen kombinierte Einheiten der ASG und der Maute-Gruppe zur&uuml;ck und durchstreiften Stra&szlig;en im Stadtzentrum Marawis mit den schwarzen Fahnen des IS, um sich schlie&szlig;lich in mehreren Geb&auml;uden &ndash; darunter auch Moscheen &ndash; samt zwischenzeitlich als Geiseln genommenen Zivilisten zu verschanzen. Laut Augenzeugen, darunter auch der Sultan von Marawi, Abdul Hamidullah Atar, z&auml;hlten die K&auml;mpfer der Abu Sayyaf und Maute-Gruppe maximal 50 Mann.<\/p><p>Noch am selben Tag (23. Mai 2017) erkl&auml;rte der Sprecher der AFP, Brigadegeneral Restituto Padilla, man habe keinerlei Kenntnis dar&uuml;ber, dass sich auf Mindanao oder landesweit IS-K&auml;mpfer aufhielten. Gleichzeitig versicherte Generalstabschef Eduardo A&ntilde;o in mehreren Interviews besorgten Medienvertretern, dass in Marawi &bdquo;alles unter Kontrolle&ldquo; sei und &bdquo;kein Grund zur Besorgnis&ldquo; bestehe, zumal die Zahl der &bdquo;Aufst&auml;ndischen&ldquo; nur &bdquo;zirka 50 Mann&ldquo; betrage.<\/p><p>Doch nur wenige Stunden nach dieser Erkl&auml;rung verh&auml;ngte Pr&auml;sident Duterte, der sich zu der Zeit auf einer Russlandreise befand, mit der Proklamation Nr. 216 unverz&uuml;glich das Kriegsrecht &uuml;ber den gesamten S&uuml;den der Philippinen und setzte die Habeas-Corpus-Akte au&szlig;er Kraft, ein Erlass, der mehrfach verl&auml;ngert wurde. So hochumstritten dieser Akt war, so widerspr&uuml;chlich waren die Erkl&auml;rungen seitens der Regierung. Um bei alledem noch &Ouml;l ins lodernde Feuer zu gie&szlig;en, entschloss sich die Staatsf&uuml;hrung, ab dem 3. Juni 2017 FA-50-Kampfflugzeuge einzusetzen und das Stadtzentrum systematisch unter Beschuss zu nehmen.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir Maranaos (die dominante ethnolinguistische Bev&ouml;lkerung in den beiden Provinzen Lanao del Sur und Lanao del Norte &ndash; RW) haben seit jeher unsere eigenen Formen von Konfliktbew&auml;ltigungen&ldquo;,\n<\/p><\/blockquote><p>erkl&auml;rte Abdul Hamidullah Atar in einem ersten Gespr&auml;ch mit diesem Autor am 18. September 2018,<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;doch uns wurde keine Chance gegeben, um sich in den Konflikt einzuschalten. Durch die ebenso rasche wie g&auml;nzlich unn&ouml;tige Erkl&auml;rung des Kriegsrechts waren Leute wie ich sowie Stadtobere von Marawi City kaltgestellt. Alles wurde nunmehr dem Milit&auml;r &uuml;berlassen. In extremen F&auml;llen &ndash; bei Konflikten, die zu eskalieren drohen, oder Clanfehden (Rido) &ndash; greifen Maranaos auch schon mal zu den Waffen. Aber Bomben einzusetzen und damit sehenden Auges derma&szlig;en gro&szlig;e Zerst&ouml;rungen und Verw&uuml;stungen in Kauf zu nehmen, war die dem&uuml;tigendste Erfahrung, die wir in unserem Leben jemals machen mussten &ndash; begangen von den eigenen Landsleuten!<\/p>\n<p>Die f&uuml;nfmonatige Belagerung der Islamic City of Marawi hat zur schweren Traumatisierung der Bewohner der Stadt und anderer nahegelegener Gemeinden gef&uuml;hrt. Und gleichzeitig enorme Angst, Trauer, Furcht und Ratlosigkeit in den Herzen und K&ouml;pfen seiner B&uuml;rger gesch&uuml;rt. Weit &uuml;ber tausend Menschen starben, Zehntausende wurden &uuml;ber Nacht zu Fl&uuml;chtlingen &ndash; obdachlos und ohne Lebensgrundlage. Der Krieg zerst&ouml;rte das zentrale Gesch&auml;ftsviertel der Stadt und hinterlie&szlig; Sachsch&auml;den in Milliardenh&ouml;he sowie verlorene wirtschaftliche Chancen.<\/p>\n<p>Die Verh&auml;ngung des Kriegsrechts &uuml;ber den gesamten S&uuml;den machte die gesamte Situation noch schlimmer und komplizierter. Tats&auml;chlich wurde seitens der Sicherheitskr&auml;fte exzessive Gewalt angewendet, um die militante Gruppe zu eliminieren. Auf Kosten der Besitzt&uuml;mer einfacher Menschen: nicht weniger als 8.000 H&auml;user, 32 Moscheen, 21 Krankenh&auml;user und Privatschulen sowie Dutzende von arabischen und Koranschulen und andere &ouml;ffentliche und private Einrichtungen wurden vollst&auml;ndig zerst&ouml;rt.&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]\n<\/p><\/blockquote><p><b>Fluchtbewegungen &amp; Wiederaufbau im Schneckentempo<\/b><\/p><p>W&auml;hrend der Belagerung flohen ann&auml;hernd 360.000 Menschen aus Marawi und den benachbarten Gemeinden. Als Pr&auml;sident Duterte am 17. Oktober 2017 offiziell das Ende der Kampfhandlungen verk&uuml;ndete, waren &uuml;ber eintausend Tote zu beklagen &ndash; 163 Regierungssoldaten, 47 Zivilisten sowie 847 &bdquo;Aufst&auml;ndische&ldquo; samt Sympathisanten. Zu den Toten geh&ouml;rte neben den Maute-Br&uuml;dern auch Isnilon Hapilon, deren Leichen am 16. Oktober gefunden wurden.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es scheint, dass die Regierung g&auml;nzlich ungeeignete Ma&szlig;nahmen verfolgt&ldquo;,\n<\/p><\/blockquote><p>klagt noch heute der Sultan von Marawi mit verbittertem Unterton,<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;um den Wiederaufbau zu beschleunigen und die Situation der Gefl&uuml;chteten entscheidend zu verbessern. Der verz&ouml;gerte Wiederaufbau wird militanten Gruppen einen N&auml;hrboden bieten; sie k&ouml;nnen junge Menschen rekrutieren, die unter der Belagerung gelitten haben. Dies wird in Zukunft zu einem veritablen Problem werden. Dar&uuml;ber hinaus sind die finanziellen Hilfen aus der Staatskasse und aus dem Ausland bei den meisten Menschen &uuml;berhaupt nicht angekommen &ndash; von mangelnder Transparenz und Rechenschaftspflicht &uuml;ber deren Verbleib ganz zu schweigen. Eine umfassende Untersuchung dessen, was genau bei der Belagerung von Marawi geschah, wurde von der Regierung nie angestrengt und somit das legitime Recht der Opfer auf Zugang zu umfassenden Informationen und l&uuml;ckenlose Aufkl&auml;rung hintertrieben.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Nach der Belagerung wurde qua Pr&auml;sidialverf&uuml;gung die Task Force Bangon Marawi gegr&uuml;ndet und mit dem Regierungsauftrag betraut, einen Wiederaufbau-, Gesundungs- und Entwicklungsplan zu erstellen. Doch bis dato hat die Regierung ihr Versprechen, die am st&auml;rksten betroffenen Gebiete in Marawi wiederaufzubauen, nicht erf&uuml;llt. Dar&uuml;ber hinaus wollen die Ger&uuml;chte nicht verstummen, die AFP h&auml;tten ein vitales Interesse daran, in Stadtn&auml;he oder sogar in der Innenstadt auf Dauer Milit&auml;rcamps zu errichten. W&uuml;rde das tats&auml;chlich in die Realit&auml;t umgesetzt, verf&uuml;gten die AFP &uuml;ber ein bedeutsames logistisches Zentrum im Herzen Mindanaos, um von dort aus den &bdquo;Kampf gegen den Terror(ismus)&ldquo; zu dirigieren.<\/p><p><b>Ramponiertes Pr&auml;sidentenimage<\/b><\/p><p>Der Post-Marawi-Konflikt hinterlie&szlig; nicht nur immense physische und materielle Sch&auml;den, er hat sich mehr noch tief in die Seele und Gef&uuml;hlswelt der Menschen hineingebohrt. Die Regierung mag den eigentlichen Kampf, nicht aber die Herzen und Hirne der vom Konflikt Betroffenen gewonnen haben. Vor allem hat der Pr&auml;sident selbst, der in Personalunion Oberkommandierender der AFP ist, einen immensen Imageschaden erlitten.<\/p><p>Zwar lie&szlig; er sich w&auml;hrend der f&uuml;nfmonatigen Belagerung Marawis mehrmals in Kampfuniform bei seinen Soldaten blicken. Doch seine abf&auml;llige Bemerkung, die Stadtbewohner seien selbst schuld am Unheil, weil sie &bdquo;Terroristen&ldquo; in ihrer Mitte geduldet h&auml;tten, brachte bei den meisten Maranaos das Blut in Wallung.<\/p><p>Die vollst&auml;ndige Wiedereingliederung der Gefl&uuml;chteten in Marawi ist eine kollektive Aufgabe, die s&auml;mtliche Interessengruppen von der Planung bis zur Realisierung des Wiederaufbaus der Stadt einbezieht. Solche Position vertrat der Sultan von Marawi mit gleichgesinnten Mitstreitern von Anfang an.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wollen die Beh&ouml;rden erfolgreich sein&ldquo;,\n<\/p><\/blockquote><p>so der Sultan von Marawi,<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;m&uuml;ssen sie unbedingt auf die Stimmen der Geflohenen h&ouml;ren. Nichts geht letztlich ohne sie. Ein Regierungsplan, der kein &rsaquo;Gef&uuml;hl der Zugeh&ouml;rigkeit&lsaquo; aufweist, wird scheitern. Wie es ein Philosoph einst formulierte: &rsaquo;Wenn du schnell gehen willst, geh&rsquo; alleine. Willst du weit gehen, dann geh&lsquo; mit anderen zusammen&lsaquo;. Daher m&uuml;ssen die Menschen bef&auml;higt werden, sich vollumf&auml;nglich an der Rehabilitation Marawis zu beteiligen, um eine offene und partizipative Regierungsf&uuml;hrung, einen integrativen Prozess, einen zuv&ouml;rderst auf die Bed&uuml;rfnisse der Gefl&uuml;chteten ausgerichteten, auf den Menschenrechten basierenden und kulturell sensiblen Wiederaufbau zu gew&auml;hrleisten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><b>Geostrategische und au&szlig;enpolitische Kalk&uuml;le<\/b><\/p><p>Die Zerst&ouml;rung der &bdquo;Heiligen Stadt Marawi&ldquo; bedeutete auch eine radikale Kehrtwende in der Au&szlig;enpolitik des philippinischen Pr&auml;sidenten. Hatte Duterte in seinem Wahlkampf im Fr&uuml;hjahr 2016 zur Einlullung der linken Kr&auml;fte im Lande noch gelobt, als Gegengewicht zu den USA als einstiger Kolonialmacht (1898&ndash;1946) ein B&uuml;ndnis Manila-Peking-Moskau zu schmieden, so hat ihn letztlich doch seine nat&uuml;rliche N&auml;he zum seelenverwandten Donald Trump in die Arme der USA getrieben, die das Land weiter als regionalen Umschlagplatz nutzen wollen.<\/p><p>Denn mit dem im Herbst 2017 ausgearbeiteten, jedoch erst Anfang 2018 publik gewordenen Plan <i>&bdquo;Operation Pacific Eagle-Philippines&ldquo; (OPE-P) <\/i>verfolgt Washington das Ziel, Duterte bei der Unterdr&uuml;ckung der Opposition in Inneren zu unterst&uuml;tzen und daf&uuml;r im Gegenzug die Philippinen auf unbestimmte Zeit als Basis und Sprungbrett f&uuml;r eventuelle Milit&auml;raktionen gegen die Volksrepublik China zu nutzen. Auf diese Weise soll die Sicherheit eines verb&uuml;ndeten Landes gew&auml;hrleistet werden, das Ex-US-Pr&auml;sident Trump wiederholt als &bdquo;erstklassige Immobilie&ldquo; bezeichnet hatte.<\/p><p>Der Plan sieht den Einsatz von Spezialeinheiten der USA und den AFP zur Zerschlagung sogenannter extremistischer Gruppierungen in einer zeitlich unbegrenzten Mission vor. Konzipiert als Erweiterung des Kampfes gegen den &bdquo;Islamischen Staat&ldquo; und den mit ihm in S&uuml;dostasien liierten Kr&auml;ften, hat OPE-P fortan zur Folge, dass US-gef&uuml;hrte Spezialkommandos AFP-Truppen bei allen ihren milit&auml;rischen Operationen begleiten, insbesondere auf Mindanao. F&uuml;r diese Mission, der eine &auml;hnliche Priorit&auml;t zugemessen wird wie zuvor der &ndash; mittlerweile allerdings auf ganzer Linie gescheiterten &ndash; &bdquo;Operation Enduring Freedom&ldquo; in Afghanistan, werden erhebliche Summen zur Verf&uuml;gung gestellt.<\/p><p><b>Koordinierte &bdquo;Aufstandsbek&auml;mpfung&ldquo;<\/b><\/p><p>Die angebliche Anwesenheit IS-naher Elemente auf Mindanao und den Nachbarinseln wird von Manila und Washington gleicherma&szlig;en als Rechtfertigung daf&uuml;r herangezogen, dass sich das US-Milit&auml;r dort etabliert, um den Streitkr&auml;ften und den Polizeieinheiten des Landes dabei zu helfen, &bdquo;Radikalisierung und gewaltt&auml;tigem Extremismus&ldquo; im Land Einhalt zu gebieten. Im Verbund mit dem seit Anfang 2017 existierenden philippinischen Aufstandsbek&auml;mpfungsplan <i>&bdquo;Kapayapaan&ldquo; (Frieden)<\/i> soll auch und gerade sichergestellt werden, dass die USA sukzessive eine direkte Rolle bei milit&auml;rischen Operationen gegen den nunmehr 53 Jahre w&auml;hrenden Aufstand der Kommunistischen Partei der Philippinen (CPP) und ihrer Guerillaorganisation, der Neuen Volksarmee (NPA), &uuml;bernehmen.<\/p><p>Nach dem Scheitern der Friedensgespr&auml;che zwischen Manila und dem linken Untergrundb&uuml;ndnis der Nationalen Demokratischen Front der Philippinen (NDFP) im Fr&uuml;hsommer 2017 in den Niederlanden hat Duterte die Mitglieder und Sympathisanten der CPP, NPA und NDFP f&uuml;r vogelfrei erkl&auml;rt und diese Organisationen als &bdquo;terroristisch&ldquo; gebrandmarkt, die er am liebsten noch w&auml;hrend seiner offiziell bis Ende Juni 2022 w&auml;hrenden Amtszeit &bdquo;ausgemerzt&ldquo; s&auml;he.<\/p><p>Dutertes theatralisch inszenierter &bdquo;Anti-Amerikanismus&ldquo; in den ersten Wochen seiner Amtszeit erwies sich schon deshalb als hohl, weil die Spitzen seiner Generalit&auml;t eine urw&uuml;chsige N&auml;he zur alten Kolonialmacht USA besitzen und die meisten von ihnen an dortigen Milit&auml;rakademien ihre Ausbildung und ihr Training genossen haben.<\/p><p>Auch hat Duterte entgegen fr&uuml;heren Erkl&auml;rungen keinen der mit den USA bestehenden Milit&auml;rvertr&auml;ge angetastet. Allein das am 28. April 2014 bilateral ausgehandelte und unterzeichnete <i>&bdquo;Abkommen &uuml;ber erweiterte Verteidigungskooperation&ldquo; (EDCA)<\/i> gestattet US-Truppen auf Rotationsbasis und zeitlich unbefristet wie kostenlos, die Milit&auml;reinrichtungen der AFP zu nutzen. So sind und bleiben die Philippinen f&uuml;r die USA eine Art unsinkbarer Flugzeugtr&auml;ger im westpazifischen Raum, der sich gegen jede aufstrebende imperiale Macht richtet, die die USA wirtschaftlich und milit&auml;risch herausfordert.<\/p><p>Die wieder festgezurrten US-philippinischen Beziehungen wurden im November 2017 in recht l&auml;cherlicher Manier bekr&auml;ftigt. Da tr&auml;llerte Duterte in Manila f&uuml;r seinen geladenen Staatsgast Donald Trump ein philippinisches Liebeslied &ndash; mit dem ausdr&uuml;cklichen Hinweis, dies geschehe &bdquo;auf Anordnung des Obersten Befehlshabers der Vereinigten Staaten&ldquo;. Das Lied enthielt solch innige Lyrik wie: &bdquo;Du bist das Licht in meiner Welt, eine H&auml;lfte dieses meines Herzens.&ldquo;<\/p><p><b>Militarisierung und Faschisierung<\/b><\/p><p>W&auml;hrend sich Duterte anfangs &bdquo;&uuml;berrascht&ldquo; zeigte, dass w&auml;hrend der Zerst&ouml;rung Marawis &uuml;berhaupt US-Soldaten vor Ort operierten, wurde zunehmend klarer, dass deren Einsatz sich nicht nur auf logistische und nachrichtendienstliche Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die AFP beschr&auml;nkte, sondern dass sie in direkte Kampfeins&auml;tze einbezogen waren. F&uuml;r Einheiten der AFP, die eher f&uuml;r eine Kriegf&uuml;hrung in Dschungeln ausgebildet sind, war &bdquo;die Schlacht um Marawi&ldquo; eine neue Herausforderung, da dort in urbanem Milieu ein erbitterter H&auml;userkampf gef&uuml;hrt wurde.<\/p><p>Seitdem haben denn auch in Manila mehr denn je jene (Ex-)Milit&auml;rs das Sagen, die einen stramm proamerikanischen Kurs favorisieren und jedweden Dialog mit der NDFP ablehnen. Mindestens 60 Ex-Offizieren aus Armee und Polizei hat der Pr&auml;sident Posten in B&uuml;rokratie und Verwaltung sowie im diplomatischen Korps zugeschanzt &ndash; Tendenz steigend. &Uuml;berdies wurden zum Jahresbeginn 2018 die Geh&auml;lter f&uuml;r Armee- und Polizeiangeh&ouml;rige verdoppelt.<\/p><p>So lieferten die &bdquo;Ereignisse&ldquo; in Marawi City letztlich auch die Blaupause f&uuml;r die Eskalation in- wie ausl&auml;ndischer &bdquo;Aufstandsbek&auml;mpfung&ldquo; in Gestalt der Pl&auml;ne &bdquo;OPE-P&ldquo; und &bdquo;Kapayapaan&ldquo;. Bereits in Marawi hatte sich gezeigt, dass die Pr&auml;senz von US-Spezialeinheiten, die Ausstattung der AFP mit modernster US-amerikanischer und israelischer Kriegstechnologie sowie der Einsatz von Drohnen ma&szlig;geblich dazu beitrugen, bewaffneten dschihadistischen Gruppen das R&uuml;ckgrat zu brechen.<\/p><p>Anfang September 2018 reiste Duterte als erster Pr&auml;sident der Philippinen eigens nach Israel, um der dortigen Regierung f&uuml;r deren Engagement &bdquo;bei der Niederschlagung des Aufstands in Marawi&ldquo; zu danken. Neben &bdquo;Galil&ldquo;-Sturm- und &bdquo;Galil Sniper&ldquo;-Scharfsch&uuml;tzengewehren bezog Manila aus Israel au&szlig;erdem dort produzierte Pr&auml;zisionsdrohnen vom Typ &bdquo;Hermes 450&ldquo; und &bdquo;Hermes 900&ldquo;, die nach entsprechender Installierung und Unterweisung durch israelische Milit&auml;rexperten vor Ort auch im S&uuml;den der Philippinen eingesetzt werden.<\/p><p><b>Bitteres Fazit<\/b><\/p><p>Vier Jahre nach der Belagerung und Zerst&ouml;rung Marawis konstatiert Abdul Hamidullah Atar, Sultan von Marawi, bitter:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eine gro&szlig;e Zahl von Binnenfl&uuml;chtlingen ist noch immer unterversorgt. &Uuml;ber 25.000 Familien leben in Evakuierungszentren, bei Verwandten oder in einer &Uuml;bergangsunterkunft, wo sie auf die R&uuml;ckkehr nach Hause warten, um ihr Leben wieder halbwegs zu normalisieren. Ihre H&auml;user, Gesch&auml;fte und Lebensgrundlagen in den am st&auml;rksten betroffenen Gebieten der Stadt wurden durch die Belagerung und Pl&uuml;nderungen (auch seitens der AFP) v&ouml;llig zerst&ouml;rt, die &Uuml;berreste von Bomben und anderen nicht explodierten Sprengs&auml;tzen und Kampfmitteln bleiben eine akute Bedrohung.<\/p>\n<p>Die Regierung hat den Bewohnern von &sbquo;Ground Zero&lsquo; bis heute das Recht auf R&uuml;ckkehr und Zugang zu ihren Grundst&uuml;cken verweigert! Von den 27.000 Familien mit mehr als 7.000 H&auml;usern, die w&auml;hrend des Konflikts teilweise oder vollst&auml;ndig besch&auml;digt wurden, hat die Regierung nur mehr als hundert erlaubt, ihre H&auml;user wieder aufzubauen. Viel wurde versprochen und nur wenig eingehalten. Und das Wenige droht durch widerstreitende politische Interessen im bereits angelaufenen Wahlkampf zu zerrinnen. (Anfang Mai 2022 finden in den Philippinen die n&auml;chsten Pr&auml;sidentschaftswahlen statt &ndash; RW)<\/p>\n<p>Vier Jahre nach dem Ende der K&auml;mpfe gewinnt der Plan der Regierung, die Stadt zu militarisieren, immer mehr an Konturen. Das Milit&auml;r hat bereits die Enteignung von zehn Hektar Land innerhalb von Marawi City beantragt, um ein Milit&auml;rlager zu errichten, abgesehen von eintausend Hektar Land au&szlig;erhalb von Ground Zero. Normalerweise werden Milit&auml;rlager weit entfernt von besiedeltem Gebiet errichtet. Nunmehr aber wird die anhaltend missliche Lage der Stadt genutzt, um zus&auml;tzliche Milit&auml;rcamps zu errichten, die letztlich unser aller Sicherheit, Kultur und Zukunft unseres Volkes bedrohen.&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">**<\/a>]\n<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: Cristina Menina\/shutterstock.com<\/p><p>Dr. <strong>Rainer Werning<\/strong>, u.a. Ko-Herausgeber des im Fr&uuml;hjahr 2019 im Berliner regiospectra Verlag in 6. Auflage erschienenen <i>Handbuch Philippinen<\/i>, interviewte Abdul Hamidullah Atar, Sultan von Marawi, erstmalig Mitte September 2018 in Br&uuml;ssel anl&auml;sslich der Tagung des <i>Internationalen Tribunals der V&ouml;lker &uuml;ber die Philippinen.<\/i> Seitdem steht er regem&auml;&szlig;ig in Kontakt mit dem Sultan, der Werning dankenswerterweise erst vor wenigen Tagen Updates zur aktuellen Lage in und um Marawi City &uuml;bermittelte.<\/p><p><b>Anmerkungen &amp; Quellen<\/b><\/p><ul>\n<li>Battle for Marawi, Meldung der Nachrichtenagentur Reuters (inkl. kartografischem Material) vom 2. Juni 2017 &mdash; <a href=\"http:\/\/fingfx.thomsonreuters.com\/gfx\/rngs\/PHILIPPINES-ATTACK\/010041F032X\/index.html\">fingfx.thomsonreuters.com\/gfx\/rngs\/PHILIPPINES-ATTACK\/010041F032X\/index.html<\/a><\/li>\n<li>Philippine troops kill remaining leaders of pro-Isis siege in Marawi &ndash; officials, in: The Guardian vom 16. Oktober 2017 &mdash; <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2017\/oct\/16\/philippines-marawi-pro-isis-leaders-killed-say-officials\">theguardian.com\/world\/2017\/oct\/16\/philippines-marawi-pro-isis-leaders-killed-say-officials<\/a><\/li>\n<li>International Peoples&rsquo; Tribunal (IPT) on The Philippines, Brussels (Belgium), 19.9.2018 &ndash; 11 Seiten &ndash; online: <a href=\"http:\/\/iadllaw.org\/newsite\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/IPT2018_Final-Verdict.pdf\">iadllaw.org\/newsite\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/IPT2018_Final-Verdict.pdf<\/a><\/li>\n<li>Lead Inspector General for Operation Pacific Eagle-Philippines &ndash; Quarterly Report to the United States Congress. January 1, 2019 &ndash; March 31, 2019, Alexandria, VA &ndash; siehe dazu auch auf diesen Seiten: <i>Das Kreisen des Pazifischen Adlers &ndash; Washingtons neuer Kolonialkrieg<\/i> &mdash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43241\">nachdenkseiten.de\/?p=43241<\/a><\/li>\n<li>A HOUSE IN PIECES by Manuel Domes, Jean Claire Dy | Philippinen 2020 | 65 Min. | OmeU &ndash; ethnocineca * <a href=\"https:\/\/www.ethnocineca.at\/a-house-in-pieces\/\">ethnocineca.at\/a-house-in-pieces\/<\/a> &mdash; dieser einf&uuml;hlsame Dokumentarfilm l&auml;sst vor allem die Opfer, Betroffenen und Zeugen der Geschehnisse in Marawi zu Wort kommen. <\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Abdul Hamidullah Atar, Sultan von Marawi, im Gespr&auml;ch mit dem Autor am 18. September 2018 in Br&uuml;ssel<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;**<\/a>] E-Mail-Austausch zwischen Sultan Atar und dem Autor &uuml;bers Wochenende vom 8. bis 11. Oktober 2021<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vier Jahre nach der v&ouml;lligen Zerst&ouml;rung der s&uuml;dphilippinischen Stadt Marawi in Folge des Kampfes gegen den &bdquo;dschihadistischen Terror&ldquo; steht der Gro&szlig;teil der Zivilbev&ouml;lkerung noch immer vor einem Tr&uuml;mmerhaufen oder fristet als Binnenfl&uuml;chtlinge ein tristes Dasein in Ungewissheit und Verzweiflung. 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