{"id":77056,"date":"2021-10-16T11:45:09","date_gmt":"2021-10-16T09:45:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77056"},"modified":"2021-10-16T13:40:37","modified_gmt":"2021-10-16T11:40:37","slug":"die-notwendigkeit-von-propaganda-fuer-die-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77056","title":{"rendered":"Die Notwendigkeit von Propaganda f\u00fcr die Demokratie"},"content":{"rendered":"<p>Der franz&ouml;sische Philosoph <strong>Jacques Ellul<\/strong> zeigt in seinen Arbeiten, dass die Natur der Propaganda in der Anpassung des Individuums an eine Gesellschaft besteht, die darauf abzielt, das Individuum dienstbar und konform zu machen. Er entschl&uuml;sselt, wie Propaganda im modernen demokratischen Staat in allen Bereichen des t&auml;glichen Lebens zum Einsatz kommt. Nun erscheint sein Buch unter dem Titel &bdquo;Propaganda. Wie die &ouml;ffentliche Meinung entsteht und geformt wird&ldquo; zum ersten Mal auf Deutsch. Rainer Mausfeld sagt &uuml;ber das Buch: &bdquo;Ein bahnbrechender Klassiker der Propagandaforschung mit vision&auml;ren Einsichten in die totalit&auml;ren Gef&auml;hrdungen der modernen Informationsgesellschaft &ndash; eine gedankliche Fundgrube f&uuml;r alle, die besser verstehen wollen, wie Menschen dazu gebracht werden k&ouml;nnen, freiwillig zu gehorchen.&ldquo; Ein Auszug.<br>\n<!--more--><br>\nNicht bestreiten l&auml;sst sich die Tatsache, dass es f&uuml;r die heutige Demokratie notwendig ist, &raquo;Propaganda zu machen&laquo;. Halten wir au&szlig;erdem daf&uuml;r, dass Propaganda, nicht vonseiten des Staates, sondern besonders privatwirtschaftlich, mit der Demokratie verbunden zu sein scheint. Historisch betrachtet wird sich &uuml;berall, wenn das demokratische Regime einmal etabliert ist, Propaganda in verschiedenen Formen festsetzen. Sie l&auml;sst sich insofern nicht vermeiden, als Demokratie einen Appell an die Meinung und den Wettbewerb zwischen mehreren Parteien voraussetzt. Um an der Macht zu bleiben, versuchen diese politischen Parteien, W&auml;hler zu gewinnen und Propaganda zu betreiben.<\/p><p>Erinnern wir uns auch daran, dass das Aufkommen der Massen, gerade durch die Entwicklung der Demokratien, den Einsatz von Propaganda hervorgerufen hat und dass sie letztlich eines der Mittel zur Verteidigung des demokratischen Staates sein wird, wie der Appell an das Volk, mobilisiert durch die Propaganda, zeigt, ganz gleich, ob es sich dabei nun um die Verteidigung des Staates gegen private Interessen oder gegen eine antidemokratische Partei handelt. Es ist eine bemerkenswerte und recht erstaunliche Tatsache, dass gro&szlig;e moderne Propaganda ihren Anfang in demokratischen Staaten genommen hat. W&auml;hrend des Ersten Weltkriegs kam zum ersten Mal das ganze massenmediale Spektrum zum Einsatz, die Methoden der Werbung wurden auf die Politik angewandt, und man suchte auch nach den wirksamsten psychologischen Methoden. Zu dieser Zeit war die deutsche Propaganda noch Mittelma&szlig;, und es waren die franz&ouml;sischen, englischen und amerikanischen Demokratien, die gro&szlig;e Propaganda hervorbrachten. Desgleichen war es die leninistische Bewegung, zu Beginn zweifellos demokratisch, die alle Methoden von Propaganda weiterentwickelt und vervollkommnet hat. Entgegen dem, was man gemeinhin denken k&ouml;nnte, waren es also nicht die autorit&auml;ren Regime, die als Erste diese Art von Ma&szlig;nahmen ergriffen, wenn sie sie sp&auml;ter auch ohne jegliche Skrupel durchf&uuml;hrten. Diese Beobachtung sollte uns dazu veranlassen, &uuml;ber die Beziehung zwischen Demokratie und Propaganda nachzudenken.<\/p><p>Denn offenkundig besteht ein Widerspruch zwischen den Prinzipien der Demokratie, insbesondere ihrem Menschenbild, und den propagandistischen Verfahren. Die Vorstellung vom rationalen Menschen, der f&auml;hig ist, der Vernunft gem&auml;&szlig; zu denken und zu leben, der in der Lage ist, seine Leidenschaften zu beherrschen und sein Leben an wissenschaftlichen Erkenntnissen und Schemata auszurichten, frei zwischen Gut und B&ouml;se zu w&auml;hlen, all das scheint im Gegensatz zu den geheimen Einfl&uuml;ssen, dem Ingangsetzen von Mythen und dem Appell an das Irrationale zu stehen, wodurch Propaganda gekennzeichnet ist.<\/p><p>Diese Entwicklung unter demokratischen Rahmenbedingungen l&auml;sst sich dennoch sehr gut erkl&auml;ren, wenn man sich nicht auf die Ebene der Prinzipien, sondern auf jene der konkreten Situationen begibt. Waren wir bisher davon ausgegangen, dass es innerhalb einer Demokratie normal und sogar unverzichtbar ist und im Einklang mit dem Regime steht, dass es eine oder mehrere Propagandaaktivit&auml;ten gibt, so existiert gleichwohl nichts, was nach au&szlig;en gerichtete Propaganda zwingend notwendig macht. Die Situation ist eine v&ouml;llig andere. Hier w&uuml;rde n&auml;mlich der demokratische Staat veranlasst, sich als Sprachrohr der gesamten &ouml;ffentlichen Meinung, und die demokratische Nation, sich als ein zusammenh&auml;ngendes Ganzes zu pr&auml;sentieren, was eine gewisse Schwierigkeit darstellt, da es nicht dem getreuen, genauen Bild eines demokratischen Landes entspricht. Zudem w&uuml;rde dies einen endemischen, permanenten Kriegszustand voraussetzen. Wenn nun aber leicht nachzuweisen ist, dass dauerhafte Kriege zur gleichen Zeit wie demokratische Regime aufgekommen sind, so kann nicht weniger leicht gezeigt werden, dass diese Regime einen ausdr&uuml;cklichen, formalen Friedenswillen haben und sich nicht systematisch auf einen Krieg vorbereiten. Damit will ich sagen, dass die faktischen &ouml;konomischen und soziologischen Bedingungen von Demokratien zwar &uuml;bergreifende Konflikte hervorrufen k&ouml;nnen, das Regime als solches aber nicht von Natur aus mit Krieg im Zusammenhang steht. Es wird nolens volens dahin gebracht. Daher passt es sich nur schlecht an diese im Grunde psychologische Situation eines kalten Krieges an.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus gibt es eine weitere Tatsache, die die Demokratie auf ihrem propagandistischen Pfad erheblich behindert: das Fortbestehen bestimmter Merkmale der demokratischen Ideologie.<\/p><p>Der Glaube an die unbesiegbare Macht der Wahrheit ist mit dem Begriff des Fortschritts verbunden und geh&ouml;rt zu dieser Ideologie. Die Demokratien sind von der Vorstellung gen&auml;hrt worden, dass die Wahrheit eine Zeit lang zwar verschleiert werden kann, am Ende aber triumphiert; dass die Wahrheit eine explosive, g&auml;rende Kraft in sich tr&auml;gt, die zwangsl&auml;ufig zur Zerst&ouml;rung der L&uuml;ge und zum blendenden Erscheinen des Wahren f&uuml;hrt. Dieses Wahre stellte sich nun implizit als demokratische Doktrin heraus. Au&szlig;erdem muss betont werden, dass es sich dabei um eine Wahrheit rein ideologischer Natur handelte, die am Ende Geschichte machte, weil sie sich letztlich der Geschichte aufzwang. Diese Haltung steckte bereits im Keim, war (und ist) aber das genaue Gegenteil der heutigen aus dem Marxismus hervorgegangenen Haltung, die Geschichte sei die Wahrheit. Der Beweis durch Geschichte wird heute als der Beweis anerkannt. Wer von der Geschichte best&auml;tigt wird, hat recht gehabt. Aber was bedeutet &raquo;recht zu haben&laquo;, wenn wir von Geschichte sprechen? Es bedeutet zu gewinnen, zu &uuml;berleben und deshalb der St&auml;rkste zu sein. Der St&auml;rkste, das hei&szlig;t heutzutage der T&uuml;chtigste, hat also die Wahrheit inne. Diese hat keinen Inhalt an sich, sie existiert nur insofern, als Geschichte sie gestaltet. Die Wahrheit wird Wirklichkeit, und zwar durch die Geschichte. Man kann leicht erkennen, in welchem Verh&auml;ltnis die beiden Haltungen zueinander stehen und wie leicht man von der einen zur anderen &uuml;bergehen kann. Denn wenn es stimmt, dass die Wahrheit jene unbesiegbare Macht besitzt, die sie von selbst triumphieren l&auml;sst, dann wird es durch eine einfache (aber sehr gef&auml;hrliche) Verschiebung wahr, dass damit die Wahrheit triumphiert. Allein&nbsp;&ndash; und das ist das Schlimme&nbsp;&ndash;, was aus diesen beiden Haltungen folgt, gestaltet sich radikal verschieden.<\/p><p>Zu denken, die Demokratie w&uuml;rde zwangsl&auml;ufig triumphieren, weil sie die Wahrheit selbst sei, f&uuml;hrt dazu, schlicht demokratisch zu sein, zu glauben, dass angesichts der unterdr&uuml;ckerischen Regime die Vorz&uuml;glichkeit des demokratischen Regimes, dem unfehlbaren Urteil der Menschen und der Geschichte gem&auml;&szlig;, sofort ins Auge springe. Wof&uuml;r wir uns also entscheiden, d&uuml;rfte sicher sein. Wie m&uuml;ssen doch die Demokraten, insbesondere die angels&auml;chsischen, immerzu von Neuem erstaunen, wenn sie gewahr werden, dass der Mensch etwas anderes w&auml;hlt und die Geschichte offenbleibt. Im besten Fall wird man sich dann auf folgende Erkl&auml;rung verlegen: &raquo;Wir haben schlecht gew&auml;hlt, weil wir nichts von der Demokratie wussten.&laquo; Doch auch hier treffen wir auf die gleiche &Uuml;berzeugung von der Tugend der Wahrheit. Dass diese aber ohne F&uuml;rsprache f&uuml;r sich zu stehen vermag, stimmt einfach nicht mehr. Wir wollen hier nat&uuml;rlich keine allgemeine Regel formulieren, und so reicht es hin, dass es nicht mehr als allgemeines Gesetz gilt, die Wahrheit triumphiere automatisch. Dies mag zwar f&uuml;r bestimmte Epochen oder f&uuml;r bestimmte Wahrheiten gegolten haben, verallgemeinern l&auml;sst es sich aber nicht. Die Geschichte zeigt, dass die nackte Wahrheit sehr gut unterdr&uuml;ckt werden kann, dass sie ganz verschwindet und dass zu bestimmten Zeiten die L&uuml;ge am m&auml;chtigsten ist.<\/p><p>Jacques Ellul: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/medien\/propaganda.html?listtype=search&amp;searchparam=ellul\">Propaganda. Wie die &ouml;ffentliche Meinung entsteht und geformt wird<\/a>&ldquo;, 468 Seiten, aus dem Franz&ouml;sischen von Christian Driesen, Westend Verlag 2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der franz&ouml;sische Philosoph <strong>Jacques Ellul<\/strong> zeigt in seinen Arbeiten, dass die Natur der Propaganda in der Anpassung des Individuums an eine Gesellschaft besteht, die darauf abzielt, das Individuum dienstbar und konform zu machen. Er entschl&uuml;sselt, wie Propaganda im modernen demokratischen Staat in allen Bereichen des t&auml;glichen Lebens zum Einsatz kommt. 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