{"id":77173,"date":"2021-10-20T13:38:22","date_gmt":"2021-10-20T11:38:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77173"},"modified":"2021-11-05T10:07:14","modified_gmt":"2021-11-05T09:07:14","slug":"vorsicht-vor-den-inflations-warnern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77173","title":{"rendered":"Vorsicht vor den \u201eInflations-Warnern\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Preise steigen. F&uuml;r September meldete das Statistische Bundesamt eine Steigerung des Verbraucherpreisindex um 4,1 Prozent gegen&uuml;ber dem Vorjahresmonat. Das ist der h&ouml;chste Wert seit 1993. Vor allem stark steigende Energiepreise haben in diesem Jahr die Inflation getrieben. Schon warnen zahlreiche &Ouml;konomen und Leitartikler vor der <a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/nachrichten\/inflation-deutschland-benzinpreise-100.html\">&bdquo;R&uuml;ckkehr der Inflation&ldquo;<\/a>. Doch das ist nicht nur zu kurz gedacht, sondern vor allem eine manipulative Finte, um dringend n&ouml;tige Lohnsteigerungen abzuwenden. N&ouml;tig w&auml;ren jetzt vor allem punktuelle Hilfen f&uuml;r die Menschen, die unter den hohen Energiepreisen leiden, und keine alarmistische Debatte &uuml;ber das Inflationsgespenst. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9968\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-77173-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211021_Vorsicht_vor_den_Inflations_Warnern_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211021_Vorsicht_vor_den_Inflations_Warnern_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211021_Vorsicht_vor_den_Inflations_Warnern_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211021_Vorsicht_vor_den_Inflations_Warnern_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=77173-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211021_Vorsicht_vor_den_Inflations_Warnern_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"211021_Vorsicht_vor_den_Inflations_Warnern_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wer in diesen Tagen tankt oder schlimmer noch seinen Heiz&ouml;lvorrat f&uuml;r den Winter aufstocken muss, muss tiefer denn je in die Taschen greifen. Im Schnitt werden f&uuml;r Heiz&ouml;l zurzeit mehr als 90 Cent pro Liter <a href=\"https:\/\/www.tecson.de\/pheizoel.html\">f&auml;llig<\/a> &ndash; das ist mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Nun gibt es Stimmen, die vor allem die Klimapolitik f&uuml;r diesen Preisanstieg verantwortlich machen. Doch das ist nicht sonderlich &uuml;berzeugend. Richtig ist, dass die in diesem Jahr eingef&uuml;hrte Energiesteuer (aka CO2-Abgabe) den Preis erh&ouml;ht hat. Es handelt sich hierbei jedoch &bdquo;lediglich&ldquo; um 7,9 Cent pro Liter. Wenn Sie heute Ihren Heizungstank mit 3.000 Liter f&uuml;llen, zahlen Sie im Schnitt rund 2.700 Euro und damit rund 1.400 Euro mehr als im Jahr zuvor. F&uuml;r die Energiesteuer fallen jedoch &bdquo;nur&ldquo; 237 Euro Mehrkosten an. <\/p><p>Wohin geht der Rest? Das ist vergleichsweise einfach. Vor einem Jahr kostete Roh&ouml;l an den Weltm&auml;rkten rund 40 US-Dollar pro Barrel, heute ist es mit rund 85 US-Dollar doppelt so teuer. Und die aktuellen Heiz&ouml;lpreise sind auch keine historische Ausnahme, sondern lagen auch ohne Energiesteuer in den Jahren 2013 und 2014 auf einem sehr &auml;hnlichen Niveau. Damals lag der Roh&ouml;lpreis &uuml;brigens durchweg &uuml;ber der 100-US-Dollar-Marke. Was die aktuellen Rekordpreise besonders macht, ist nicht deren H&ouml;he, sondern vor allem deren Steigerung gegen&uuml;ber dem Vorjahr, als die Rohstoff- und Energiepreise durch die globale Corona-Ma&szlig;nahmen-Krise tief im Keller waren. Und was f&uuml;r das Heiz&ouml;l gilt, gilt wegen des h&ouml;heren Steuersatzes und des damit niedrigeren Anteils des Rohstoffanteils am Verbraucherpreis in abgeschw&auml;chter Form auch f&uuml;r Kraftstoffe, Gas und sogar Strom. Statt &bdquo;die R&uuml;ckkehr der Inflation&ldquo; m&uuml;sste es hier also eher hei&szlig;en: &bdquo;die R&uuml;ckkehr der hohen Energiepreise&ldquo;. <\/p><p>Es sind jedoch nicht nur die Energiepreise, die gegen&uuml;ber dem letzten Jahr deutlich zugenommen haben. Auch die Nahrungsmittelpreise &ndash; hier insbesondere das Gem&uuml;se &ndash; und zahlreiche andere G&uuml;terpreise haben binnen eines Jahres stark zugelegt. Die Gr&uuml;nde daf&uuml;r sind mannigfaltig und haben oft mit den Corona-Ma&szlig;nahmen zu tun. Dabei geht es um gest&ouml;rte Lieferketten und einen Mangel an Arbeitskr&auml;ften, die w&auml;hrend der Ma&szlig;nahmen im letzten Jahr freigestellt und nun nicht so schnell wieder besetzt werden k&ouml;nnen. Prognosen, wie sich diese Preise k&uuml;nftig entwickeln, sind schwer. Sie k&ouml;nnten wieder zur&uuml;ckgehen, wenn die zugrundeliegenden Probleme in den Griff bekommen wurden. Sie k&ouml;nnten aber auch auf dem Niveau bleiben. Dass sie jedoch stetig in diesem Ma&szlig;e steigen, ist sehr unwahrscheinlich. Eine dauerhafte &bdquo;Inflation&ldquo; w&uuml;rde jedoch &ndash; wenn man andere Faktoren herausl&auml;sst &ndash; ein dauerhaftes Steigen dieser Preise voraussetzen. <\/p><p>Sowohl die steigenden Energiepreise auf den Rohstoffm&auml;rkten als auch die Preissteigerungen gelten in der Volkswirtschaft als externe Effekte. Das ist wichtig, wenn man &uuml;ber das Thema Inflation spricht. Solche externen Effekte sind meist vor&uuml;bergehender Natur, k&ouml;nnen jedoch durchaus eine h&ouml;here Inflation ausl&ouml;sen. Dazu m&uuml;ssen jedoch weitere Effekte eintreten. In den 1970ern war es beispielsweise die &Ouml;lkrise, die eine Zeit h&ouml;herer Inflationsraten initiiert hat. Weil die Energiepreise stark stiegen, sahen die damals starken Gewerkschaften ihre Chance gekommen, Lohnabschl&uuml;sse zu fordern &ndash; und auch durchzubekommen &ndash; die noch &uuml;ber den Preissteigerungen lagen. Das l&ouml;ste dann eine sogenannte Lohn-Preis-Lohn-Spirale aus. Die h&ouml;heren L&ouml;hne trieben die Preise und die Gewerkschaften nutzten die Preissteigerungen, um abermals hohe Lohnsteigerungen durchzusetzen. Das w&auml;re alles gar kein Problem gewesen, w&auml;re damals die Bundesbank nicht auf die irrwitzige Idee gekommen, die Inflation &uuml;ber Zinssteigerungen wieder einzufangen und damit eine schwere Wirtschaftskrise auszul&ouml;sen. <\/p><p>Genau um diese Lohn-Preis-Lohn-Spirale geht es auch zwischen den Zeilen bei der aktuellen &bdquo;Inflationsdebatte&ldquo;. Selbstverst&auml;ndlich wissen auch die neoliberalen Leitartikler und monetaristisch denkenden &Ouml;konomen, dass externe Effekte keine dauerhafte Inflation ausl&ouml;sen. Sie wissen jedoch auch, dass die heutigen Preissteigerungen bei den Arbeitnehmern den Wunsch nach l&auml;ngst &uuml;berf&auml;lligen Lohnsteigerungen forcieren. Und dies soll &ndash; komme, was wolle &ndash; verhindert werden. Schon ist die Rede von &bdquo;&uuml;berm&auml;&szlig;ig hohen&ldquo; Lohnsteigerungen (Zitat IfW-Chef Gabriel Felbermayr) und die FAZ stellt fest: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/finanzen\/starke-inflation-warum-die-preise-von-gewerkschaften-abhaengen-17581773.html\">Wie schlimm es [mit der Inflation] kommt, h&auml;ngt nun auch von den Gewerkschaften ab<\/a>&ldquo;.<\/p><p>K&ouml;nnten &bdquo;&uuml;berm&auml;&szlig;ig hohe&ldquo; Lohnsteigerungen denn zu einer neuen Lohn-Preis-Lohn-Spirale f&uuml;hren? Zumindest in der Theorie mag das so sein. In der Praxis sieht es jedoch vollkommen anders aus. Die letzten zwei Jahrzehnte waren eher von einer negativen Lohn-Preis-Lohn-Spirale gekennzeichnet, bei der die Abschl&uuml;sse zu keinen nennenswerten Reallohnsteigerungen f&uuml;hrten und die Preise noch nicht einmal im von der EZB vorgegebenen Zielkorridor stiegen. Dass sich dies nun diametral &auml;ndert und die heute schwachen Gewerkschaften dauerhaft Abschl&uuml;sse durchsetzen k&ouml;nnen, die weit &uuml;ber der Preissteigerung liegen, ist ungef&auml;hr so unwahrscheinlich wie der Gedanke, dass Friedrich Merz sich von einer Verm&ouml;gensbesteuerung begeistern l&auml;sst. Daran &ndash; und damit an das Inflations-Gespenst &ndash; sollten wir also lieber erst gar keinen Gedanken verschwenden. Denn diese Debatte lenkt von wichtigen Fragen im Zusammenhang mit der Preissteigerung ab.<\/p><p>Denn Menschen, die finanziell nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, ist es vollkommen egal, wodurch Preissteigerungen verursacht wurden. Wenn der Arbeiter auf dem Lande sich die Tankf&uuml;llung nicht mehr leisten kann oder Familien sich ihren Heiz&ouml;ltank nicht mehr vollmachen lassen k&ouml;nnen, ist dies ein gesellschaftliches Problem. Doch die Politik ist taub f&uuml;r derlei Probleme. Die soziale Frage spielt keine Rolle mehr. Man will nur noch das Klima retten und auch &uuml;ber den Preis das Verbrauchsverhalten der B&uuml;rger &auml;ndern. Nat&uuml;rlich ist es richtig und wichtig, die Klimagasemissionen zu senken, aber das muss in einem vertretbaren sozialen Rahmen geschehen. Das war in der Vergangenheit nicht der Fall und wird es wohl auch <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77138\">in Zukunft nicht sein<\/a>.  <\/p><p>Wir sollten uns daher auch keine Sorgen um die &bdquo;Inflation&ldquo; machen, sondern die Frage stellen, wie der Staat helfen kann, dass die vorhandenen Preissteigerungen vor allem f&uuml;r Energie und Lebensmittel auch von Menschen getragen werden k&ouml;nnen, die sich dies zurzeit nicht leisten k&ouml;nnen. Und wir sollten widerstehen, im allzu verst&auml;ndlichen Groll &uuml;ber diese Preissteigerungen den manipulativen Unkenrufen der &bdquo;Inflation-Warner&ldquo; hinterherzurennen. Denn &bdquo;weniger Geld&ldquo; war noch nie die richtige Antwort auf &bdquo;h&ouml;here Preise&ldquo;. Das sollten auch die Gewerkschaften beherzigen. <\/p><p>Titelbild: creativeneko\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/10a74371218040a2afd1eb1fe4027aae\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Preise steigen. F&uuml;r September meldete das Statistische Bundesamt eine Steigerung des Verbraucherpreisindex um 4,1 Prozent gegen&uuml;ber dem Vorjahresmonat. Das ist der h&ouml;chste Wert seit 1993. Vor allem stark steigende Energiepreise haben in diesem Jahr die Inflation getrieben. Schon warnen zahlreiche &Ouml;konomen und Leitartikler vor der <a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/nachrichten\/inflation-deutschland-benzinpreise-100.html\">&bdquo;R&uuml;ckkehr der Inflation&ldquo;<\/a>. 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