{"id":77233,"date":"2021-10-23T11:45:41","date_gmt":"2021-10-23T09:45:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77233"},"modified":"2021-10-23T12:33:35","modified_gmt":"2021-10-23T10:33:35","slug":"das-ende-des-engels-der-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77233","title":{"rendered":"Das Ende des Engels der Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>Vor einem Monat wurde Italien von einer Art Kunstskandal ersch&uuml;ttert, dessen Emp&ouml;rungswellen auch das deutsche Feuilleton erreichten. W&auml;hrend die Sache in den italienischen Medien offenbar noch nicht ausgestanden ist, hat sich hierzulande die Aufregung wieder gelegt. Genau der richtige Moment, um mit einem gewissen Abstand zu schauen, was eigentlich passiert ist, warum es zu einer solchen Aufregung kam und vor allem &ndash; was es &uuml;ber die M&ouml;glichkeiten von Kunst in der Gegenwart aussagt. Von <strong>J&ouml;rg Phil Friedrich<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4629\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-77233-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211022-Das-Ende-des-Engels-der-Geschichte-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211022-Das-Ende-des-Engels-der-Geschichte-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211022-Das-Ende-des-Engels-der-Geschichte-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211022-Das-Ende-des-Engels-der-Geschichte-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=77233-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211022-Das-Ende-des-Engels-der-Geschichte-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"211022-Das-Ende-des-Engels-der-Geschichte-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Das Epizentrum des Bebens ist ein kleiner Ort in S&uuml;ditalien. Sapri hat gut 6.500 Einwohner, ist aber dennoch in Italien nicht unbekannt. 1857 scheiterte dort ein Aufstand, und dem Aufstand sowie seinem Scheitern hat Luigi Mercantini ein Jahr sp&auml;ter ein Gedicht gewidmet: &bdquo;Die &Auml;hrenleserin von Sapri&ldquo;. An dieses Gedicht wiederum erinnert nun eine Skulptur des Bildhauers Emanuele Stifano &ndash; und diese Skulptur ist der Grund f&uuml;r die Aufregung, sowohl in Italien als auch hierzulande.<\/p><p>Es ist bezeichnend, dass die deutschsprachigen Feuilletonistinnen, die sich des Themas annahmen, das Gedicht, das von der Skulptur interpretiert wird, offenbar, wenn &uuml;berhaupt, dann nur oberfl&auml;chlich gelesen haben. Dabei gibt es sogar eine deutsche &Uuml;bersetzung, die man per Online-Recherche in dem B&uuml;cherdienst des Recherche-Anbieters relativ leicht <a href=\"https:\/\/books.google.de\/books?id=bDA7_3zj_ekC&amp;pg=PA69&amp;lpg=PA69&amp;dq=%C3%A4hrenleserin+von+sapri&amp;source=bl&amp;ots=DIslWr5Y4W&amp;sig=ACfU3U1FV1DTbcrvKfp6IOz8tDOxiZCB2Q&amp;hl=de&amp;sa=X&amp;ved=2ahUKEwjtganlkNTzAhUHHuwKHWy8BsMQ6AF6BAgCEAM#v=onepage&amp;q=%C3%A4hrenleserin%20von%20sapri&amp;f=false\">aufsp&uuml;ren kann<\/a>, und wenn man wiederum dem &Uuml;bersetzungsdienst des gleichen Anbieters traut, ist diese &Uuml;bersetzung ziemlich originalgetreu.<\/p><p><strong>Ein genauer Blick aufs Werk<\/strong><\/p><p>Es ist f&uuml;r die Kritik einer Skulptur sicherlich nicht unwichtig, das Werk genau anzusehen, auf das sich der Bildhauer bezog. Das lyrische Ich ist jene &Auml;hrensammlerin, die bei ihrer Arbeit am Morgen ein Schiff ankommen sieht, 300 K&auml;mpfer, &bdquo;jung und stark&ldquo;, die die Erde k&uuml;ssen, als sie an Land kommen. Die Frau sieht ihnen allen ins Gesicht, sie haben Tr&auml;nen in den Augen und l&auml;cheln. Sie sind gekommen, um ihr Land zu befreien. Angef&uuml;hrt werden sie von einem jungen, sch&ouml;nen Kapit&auml;n &bdquo;mit blauen Augen und goldenem Haar&ldquo;. K&uuml;hn nimmt sie seine Hand und spricht ihn an, wohin er, der &bdquo;sch&ouml;ne Kapit&auml;n&ldquo;, ginge, und er antwortet, &bdquo;Schwester, ich gehe, f&uuml;r meine Heimat zu sterben.&ldquo; Daraufhin folgt sie dem Zug, beobachtet die K&auml;mpfe und auch das Sterben, bis zum Ende folgt ihr Blick dem &bdquo;goldenen Haar und den blauen Augen&ldquo;.<\/p><p>Es ist also keineswegs so, wie Francesca Polistina in der <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/stil\/sexismus-sapri-statue-1.5433423\">&bdquo;S&uuml;ddeutschen Zeitung&ldquo;<\/a> Glauben machen will, dass die &Auml;hrensammlerin nur &bdquo;mit geb&uuml;hrendem Abstand&ldquo; dem Trupp folgt. Auch Karen Kr&uuml;ger beschreibt in der <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/italien-sexistische-statue-sorgt-fuer-empoerung-17557917.html\">FAZ<\/a> in knappen Worten die &Auml;hrensammlerin als eine unbeteiligte zuf&auml;llige Beobachterin des Geschehens.<\/p><p>Das Gedicht erz&auml;hlt von einer tragischen Liebe, bei der national-historische Ereignisse sich mit der kurzen Begegnung zweier junger Menschen verkn&uuml;pfen, die sich nur durch den Lauf der Geschichte &uuml;berhaupt begegnen und schon innerhalb eines Tages durch eben diesen Lauf wieder auseinandergerissen werden. Es ist keineswegs einfach eine Beschreibung eines Aufstandes, wie ihn wom&ouml;glich Theodor Fontane gedichtet h&auml;tte. Es ist Liebesgedicht und Helden-Epos in einem. Diesem Gedicht und seiner lyrischen Hauptgestalt ist die Statue gewidmet, die nun so heftig kritisiert wird, weil sie nicht so aussieht, wie man sich eine &Auml;hrenleserin des 19. Jahrhunderts vorzustellen hat, und weil sie &uuml;berhaupt keine politische Aussage hat.<\/p><p>Die Kritiken erinnern an den Umgang mit Kunst zu Zeiten des sozialistischen Realismus. Da soll Kunst eine Funktion, eine Botschaft haben, und zwar nat&uuml;rlich die &bdquo;richtige&ldquo;, die progressive. Sie soll den richtigen Standpunkt in der aktuellen politischen Debatte haben &ndash; und sie soll eben realistisch sein. Realistisch, das hei&szlig;t dann allerdings, wenn man genau hinsieht, sie soll irgendwie historistisch eine ferne Vergangenheit zeigen, nur nichts mit der Gegenwart zu tun haben. Sie soll an irgendwelche heroischen Vorbilder erinnern, wie wir sie uns in einer Idealisierung vorzustellen haben, unterdr&uuml;ckte, darbende Frauen in diesem Falle, die den Revolution&auml;r begr&uuml;&szlig;en und seinem Tod eventuell nachweinen. Auf keinen Fall sollte so ein Werk den Eindruck erwecken, die Geschichte, die da erz&auml;hlt wurde, k&ouml;nnte etwas mit uns zu tun haben.<\/p><p>Schaut man sich das Werk aber mit dem Wissen um den Inhalt des Gedichts an, dann erkennt man in der Statue genau die Spannung zwischen geschichtlicher Aktion und individueller Liebe. Bedenkt man zudem, dass das Gedicht in Italien allgegenw&auml;rtig ist und in der Schule gelehrt wird, wird sichtbar, dass der Bildhauer es geschafft hat, eine Interpretation des damaligen Geschehens f&uuml;r die Gegenwart anzubieten. Die stolze junge Frau schreitet vom Ufer aus ins Landesinnere, sie wendet sich zum Ufer um und auch ihre linke Hand ist so ge&ouml;ffnet, als ob sie jemanden fassen und mit sich ziehen will. In welchem Moment der Geschichte erfasst das Werk sein Modell? Es gibt ein R&auml;tsel auf, denn genau besehen l&auml;sst sich die Haltung nur so deuten, dass die junge Frau den K&auml;mpfern nicht etwa nachgeht, sondern vorangeht, sie f&uuml;hrt, dass sie den sch&ouml;nen Kapit&auml;n mit den blauen Augen und dem goldenen Haar nicht &bdquo;mit geb&uuml;hrendem Abstand folgt&ldquo;, sondern ihn, der unsichtbar bleibt, eher zieht.<\/p><p><strong>Erinnerung an Benjamins &bdquo;Engel der Geschichte&ldquo;<\/strong><\/p><p>Der deutschsprachige Betrachter wird an Walter Benjamins &bdquo;Engel der Geschichte&ldquo; erinnert: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es gibt ein Bild von Paul Klee, das Angelus Novus hei&szlig;t. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als w&auml;re er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen, und seine Fl&uuml;gel sind aufgespannt. &hellip; Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Fl&uuml;geln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schlie&szlig;en kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, &hellip;. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der Sturm vom Paradies verf&auml;ngt sich im Kleid der &Auml;hrensammlerin. Und deshalb noch ein Satz zum viel kritisierten Kleid, das vom Wind hauteng an den Leib der Frau gedr&uuml;ckt wird. Es ist vor allem ein Grund zur Bewunderung f&uuml;r die Meisterschaft des Bildhauers. Man bedenke: es handelt sich um eine Skulptur aus undurchsichtiger Bronze. Dennoch hat man das Gef&uuml;hl, man s&auml;he ein durchscheinendes Material, man s&auml;he durch den leichten Stoff die Formen und Rundungen der Frau. Vermutlich ist dies zus&auml;tzlich durch Farbunterschiede gelungen, die den Eindruck von Schatten erzeugen &ndash; in jedem Falle meisterhaft.<\/p><p><strong>Konsequenzen einer emp&ouml;rungswilligen Kunstpolitik<\/strong><\/p><p>Damit zur&uuml;ck von der gro&szlig;en Kunst zur banalen Kunst-Politik. Zu fragen ist ja, was der Umgang der Politik mit solchen Werken f&uuml;r Folgen f&uuml;r die Kunst hat. Es ist nicht das erste Mal, dass eine Skulptur zu Protesten vonseiten angeblicher Feministinnen und Frauenrechtler f&uuml;hrt. Erst vor wenigen Monaten hagelte es f&uuml;r eine Skulptur vor dem Freiburger Lorettobad <a href=\"https:\/\/www.badische-zeitung.de\/skulptur-vor-dem-freiburger-lorettobad-sorgt-fuer-sexismus-debatte-x1x--202686223.html\">Sexismusvorw&uuml;rfe<\/a>. Dort hat der Bildhauer inzwischen angeboten, die Skulptur wieder abzubauen, und so wird es <a href=\"https:\/\/www.badische-zeitung.de\/die-umstrittene-loretta-skulptur-in-freiburg-wird-abgebaut--202901658.html\">wohl auch kommen<\/a>. <\/p><p>F&uuml;r zuk&uuml;nftige Projekte gibt es zwei naheliegende Konsequenzen. Zum einen werden &ouml;ffentliche Auftraggeber, die den Zorn der Meinungsw&auml;chter f&uuml;rchten, bereits im Vorfeld mit potentiellen K&uuml;nstlern dar&uuml;ber reden, wie das Werk aussehen soll, und wie es auf keinen Fall aussehen sollte. Und K&uuml;nstler werden sicherlich schon im vorauseilenden Gehorsam darauf achten, dass niemand auf die Idee kommen kann, sie k&ouml;nnten Anst&ouml;&szlig;iges produzieren. Die Mechanismen des &ouml;ffentlich finanzierten Kunstmarkts d&uuml;rften da ohne viele Worte wirken &ndash; wer Auftr&auml;ge braucht, kann auf Dauer nicht riskieren, dass die zahlenden Kunden den Skandal f&uuml;rchten, zumal, wenn diese Kunden Politiker sind, die auf keinen Fall als frauenfeindlich, rassistisch oder sonst irgendwie reaktion&auml;r gelten wollen. Was auf der Strecke bleibt, ist die Kunst und ihre Freiheit.<\/p><p>Titelbild: Alessandro Vaiano \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einem Monat wurde Italien von einer Art Kunstskandal ersch&uuml;ttert, dessen Emp&ouml;rungswellen auch das deutsche Feuilleton erreichten. W&auml;hrend die Sache in den italienischen Medien offenbar noch nicht ausgestanden ist, hat sich hierzulande die Aufregung wieder gelegt. Genau der richtige Moment, um mit einem gewissen Abstand zu schauen, was eigentlich passiert ist, warum es zu einer<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77233\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":77234,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,917],"tags":[2387,577],"class_list":["post-77233","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-kultur-und-kulturpolitik","tag-denkmal","tag-italien"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/shutterstock_2060968562.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/77233","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=77233"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/77233\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":77282,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/77233\/revisions\/77282"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/77234"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=77233"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=77233"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=77233"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}