{"id":77252,"date":"2021-10-24T11:45:18","date_gmt":"2021-10-24T09:45:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77252"},"modified":"2022-01-17T17:47:45","modified_gmt":"2022-01-17T16:47:45","slug":"wenn-der-us-adler-seine-krallen-auf-ein-anderes-land-setzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77252","title":{"rendered":"\u201e &#8230;wenn der US-Adler seine Krallen auf ein anderes Land setzt\u201c"},"content":{"rendered":"<p><i>Not-wendige Betrachtungen &uuml;ber gedankenloses Gedenken und versch&uuml;ttete Erinnerungen im Sog imperialer Kriegslogiken von den Philippinen (1898) bis nach Afghanistan (2021)<\/i><br>\nKein anderes Land hat den Lauf der Weltgeschichte in den vergangenen mehr als 100 Jahren so stark gepr&auml;gt wie die USA. Vor dem Hintergrund des gescheiterten Afghanistankrieges werden in dieser Artikelserie die imperialen Bestrebungen der Vereinigten Staaten in dieser Zeit detailliert dargestellt. Ein zweiteiliges Essay und Pl&auml;doyer wider die Amnesie &ndash; pr&auml;ziser: gegen ein (politisch erw&uuml;nschtes oder gewolltes) Vergessen-<i>Machen<\/i> von <b>Rainer Werning<\/b> (Teil I von II).<br>\n<!--more--><br>\n<i>Der abschlie&szlig;ende 2. Teil wird am n&auml;chsten Wochenende auf den NachDenkSeiten erscheinen.<\/i><\/p><p>Grauenvoll-surreale Bilder, die wir nie vergessen werden! Mit dem siegreichen Einzug der Taliban in Afghanistans Hauptstadt Kabul Mitte August hatten gleichzeitig zahlreiche Afghanen signalisiert, ihrer Heimat schnellstm&ouml;glich den R&uuml;cken zu kehren &ndash; aus Furcht vor Vergeltung, Rache der Sieger oder einfach nur, um ihr nacktes (&Uuml;ber-)Leben im Ausland zu sichern. Derma&szlig;en verzweifelt waren in Windeseile auf das Kabuler Flughafengel&auml;nde gehastete Landsleute, dass sie versuchten, sich an Reifen und Ladeluken bereits von den Pisten abhebender Frachtmaschinen der US-Luftwaffe zu klammern. Und dabei den Tod fanden &ndash; entweder von den Riesenr&auml;dern zermalmt oder &bdquo;abgesto&szlig;en&ldquo;, als kurz nach dem Start die Fahrwerke der Maschinen zuklappten. Im Gegensatz dazu nahmen sich die Bilder der buchst&auml;blich in letzter Minute Geretteten auf dem US-Botschaftsgel&auml;nde in S&uuml;dvietnams fr&uuml;herer Hautstadt Saigon Ende April 1975 nachgerade als profane Wallfahrtsprozession aus.<\/p><p>Knapp einen Monat sp&auml;ter dann die gro&szlig;en Gedenkfeierlichkeiten anl&auml;sslich des 20. Jahrestages der Terroranschl&auml;ge in New York und Washington, die dreitausend Menschenleben forderten. 9\/11, der 9. September 2001, ist seit zwei Dekaden zur Chiffre f&uuml;r einen neuen Zeitabschnitt in der Geschichte mitsamt eines gleichzeitig entfesselten &bdquo;Krieges gegen den Terror(ismus)&ldquo; geworden, dessen Ende meine Generation &ndash; die um 1950 Geborenen &ndash; wom&ouml;glich nicht mehr erleben wird. Wer heute in aufw&auml;ndigen Gedenkfeiern die eigenen Opfer beklagt, es gleichzeitig jedoch unterl&auml;sst, an die Hunderttausende von namenlosen &bdquo;Kollateralsch&auml;den&ldquo; dieses Krieges geb&uuml;hrend zu erinnern, sollte solch hehren Worte wie &bdquo;freedom &amp; democracy&ldquo;, &bdquo;westliche Wertegemeinschaft&ldquo; und &bdquo;regelbasierte und verl&auml;ssliche internationale Ordnung als Grundlage friedlicher Beziehungen zwischen Staaten&ldquo; tunlichst hurtig aus seinem Vokabular tilgen.\n<\/p><p><b>Vorbemerkung<\/b><\/p><p>Im Sinne eben einer solchen Amnesie markiert der Machtwechsel in Kabul Mitte August 2021 &ndash; abwechselnd als &bdquo;Katastrophe&ldquo;, &bdquo;Debakel&ldquo; und &bdquo;verheerende Niederlage der von den USA gef&uuml;hrten westlichen Wertegemeinschaft&ldquo; kategorisiert &ndash; eine Z&auml;sur, die sich eigentlich vorz&uuml;glich dazu eignete, innezuhalten und mit Bedacht zumindest den imperialen Kriegslogiken der vergangenen 130 Jahre nachzusp&uuml;ren. Immerhin waren es um 1894\/95 die drei &bdquo;Sp&auml;tz&uuml;nder&ldquo; unter den Kolonialm&auml;chten &ndash; das Deutsche und das Japanische Kaiserreich sowie die ebenfalls nach fremden M&auml;rkten gierenden USA &ndash; die eigene hegemoniale Ambitionen hegten und entsprechende milit&auml;rische Feldz&uuml;ge in Afrika beziehungsweise in Ost- und S&uuml;dostasien inszenierten. W&auml;hrend sich mit Blick auf Ostasien Japan in zwei siegreichen Feldz&uuml;gen gegen China (1894\/95) und das zaristische Russland (1904\/05) als dortige Regionalmacht etablierte, war in den USA eine erbittert gef&uuml;hrte Debatte dar&uuml;ber in vollem Gange, ob Washington sich ebenfalls au&szlig;erhalb US-amerikanischer Grenzen (milit&auml;risch) engagieren sollte. Die damals zentrale Frage lautete: Sollen die Amerikaner Kolonien erobern oder sich mit ihrem eigenen gro&szlig;en Land zufriedengeben?<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir m&uuml;ssen unserem Blut gehorchen und neue M&auml;rkte und wenn n&ouml;tig neue Gebiete in Besitz nehmen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>So lautete das Credo der Bef&uuml;rworter der Kolonialpolitik, w&auml;hrend die Gegner f&uuml;r au&szlig;enpolitische Zur&uuml;ckhaltung pl&auml;dierten. Zu Letzteren geh&ouml;rte u.a. Samuel Langhorne Clemens, uns besser bekannt als Mark Twain, Autor solcher Bestseller wie &bdquo;Die Abenteuer des Huckleberry Finn&ldquo; und &bdquo;Tom Sawyers Abenteuer.&ldquo; Als Journalisten von dem 65-j&auml;hrigen Erfolgsautor und Schriftsteller wissen wollten, ob er tats&auml;chlich Antiimperialist sei, antwortete er:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sie fragen mich, was Imperialismus bedeutet. Ich genie&szlig;e nicht den Vorteil, genau zu wissen, ob sich unser Volk &uuml;ber den gesamten Globus ausbreiten will. Strebte es danach, w&uuml;rde ich das sehr bedauern. Ich hingegen meine, es ist weder klug noch eine notwendige Entwicklung, in China oder in anderen L&auml;ndern, in denen wir nichts zu suchen haben und die uns nicht geh&ouml;ren, Flagge zu zeigen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Mark Twain z&auml;hlte als scharfz&uuml;ngiger Gegner US-amerikanischer Kolonialpolitik zu den ber&uuml;hmtesten Pers&ouml;nlichkeiten der in den USA selbst r&uuml;hrigen <i>Antiimperialistischen Liga der Vereinigten Staaten von Amerika,<\/i> als deren Vizepr&auml;sident er immerhin von 1901 bis zu seinem Tode 1910 fungierte.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>&bdquo;<b>Remember the Maine!&rdquo; &ndash; Schlachtruf der Imperialisten<\/b><\/p><p>Bis Ende des 19. Jahrhunderts waren amerikanische Siedler nach blutiger Unterjochung verschiedener St&auml;mme sogenannter <i>Native Americans<\/i> bis an die Westk&uuml;ste vorgedrungen. Seit etwa 1890 wurde es laut um den Stillen Ozean. Die Weite dieses gr&ouml;&szlig;ten Weltmeeres befl&uuml;gelte weitschweifende, zunehmend hitzigere Debatten: Sollten die Amerikaner dieses Meer &ndash; mit Berufung auf den Herrn &ndash; zur amerikanischen See machen? Diese Streitfrage spaltete die Vereinigten Staaten in sogenannte &bdquo;Isolationisten&ldquo; und &bdquo;Interventionisten&ldquo; oder auch &bdquo;Imperialisten&ldquo;. Erstere meinten, die USA gen&uuml;gten sich selbst und ihr Territorium stelle einen ausreichend gro&szlig;en Binnenmarkt dar. Die Bef&uuml;rworter eines Imperialismus waren Leute h&ouml;chst unterschiedlicher Provenienz &ndash; Geistliche, Politiker, Gesch&auml;ftsleute und auch Intellektuelle &ndash; die im Wettstreit mit den europ&auml;ischen Kolonialm&auml;chten ja nicht zu kurz kommen wollten.<\/p><p>Der US-amerikanische Historiker Richard Hofstadter hatte in den f&uuml;nfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Politik und Gedankenwelt in den Vereinigten Staaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts analysiert und gezeigt, wie sehr die amerikanische Politik von einem unersch&uuml;tterlichen Sendungsbewusstsein bestimmt wurde. Hofstadter, Professor an der Columbia University in New York, beschrieb die tiefe psychische Krise und Zerrissenheit, die das Land seit 1890 erfassten, als die Expansion der Binnengrenzen abgeschlossen war. In jenen Tagen trieb Politiker, Intellektuelle und Gesch&auml;ftsleute gleicherma&szlig;en die Angst um, nun buchst&auml;blich an ihre eigenen Grenzen gesto&szlig;en zu sein.<\/p><p>Der Drang in den &bdquo;Wilden Westen&ldquo; beruhte auf der ungest&uuml;men wirtschaftlichen Entwicklung an der Ostk&uuml;ste der Vereinigten Staaten. Die Industrialisierung beschleunigte die Konzentration und Expansion von Kapital, das nun lukrative Anlagem&ouml;glichkeiten und neue &ndash; notfalls auch fremde &ndash; M&auml;rkte suchte. Stellvertretend f&uuml;r die Imperialisten hatte Theodore Roosevelt, noch bevor er 1901 Pr&auml;sident wurde, offen erkl&auml;rt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ein gerechter Krieg ist f&uuml;r die Seele des Menschen besser als der Frieden im gr&ouml;&szlig;ten Wohlstand.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der einzige ernstzunehmende Konkurrent der aufstrebenden Vereinigten Staaten war Spanien, das sich seit dem 16. Jahrhundert nebst Portugal als europ&auml;ischer Global Player in S&uuml;damerika, in der Karibik und in den Philippinen als Kolonialmacht etabliert hatte. Um 1900 jedoch war Spaniens Imperium bereits betr&auml;chtlich geschrumpft, fr&uuml;here Kolonien wie Mexiko und Argentinien l&auml;ngst unabh&auml;ngig. Lediglich Puerto Rico, Kuba, die Insel Guam und die Philippinen befanden sich noch in spanischem Besitz. Doch auch in diesen Regionen schw&auml;chten antikoloniale Revolten die einst sieggewohnten Konquistadoren; die Herrschaft brutaler Milit&auml;rs und raffgieriger M&ouml;nchsorden wankte, zudem war die spanische Flotte hoffnungslos veraltet. So verwunderte es nicht, dass die von den USA sozusagen vor ihrer Haust&uuml;r gesuchte Konfrontation mit dem iberischen Rivalen &ndash; der Spanisch-Amerikanische Krieg &ndash; nicht einmal vier Monate dauerte.<\/p><p>Am 15. Februar 1898 erhitzte ein ungeheuerlicher Vorgang in den Gew&auml;ssern vor der kubanischen Hauptstadt Havanna die Gem&uuml;ter in den Vereinigten Staaten. Das amerikanische Kriegsschiff <i>USS Maine<\/i> flog buchst&auml;blich in die Luft. F&uuml;r amerikanische Milit&auml;rs und Politiker stand au&szlig;er Frage: Die Spanier hatten einen Sabotageakt ver&uuml;bt. Jedenfalls lieferte das Schicksal der <i>Maine<\/i> den Vorwand, endlich gegen die spanische Kolonialmacht loszuschlagen. <i>&bdquo;Remember the Maine!&rdquo; &ndash; &bdquo;Erinnert Euch an die Maine!&rdquo;<\/i> &ndash; wurde zum g&auml;ngigen Schlachtruf der Interventionisten.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Innerhalb weniger Wochen erlangten US-amerikanische Marineverb&auml;nde und Bodentruppen die Oberhoheit &uuml;ber Kuba und verleibten sich Puerto Rico ein. Sp&auml;ter dann annektierten sie im Pazifik das bis dahin unabh&auml;ngige, von 1891 bis 1893 von der letzten K&ouml;nigin Lili&#699;uokalani regierte K&ouml;nigreich Hawaii sowie die spanischen Outposts Guam und die Philippinen. Die Hoffnungen der antispanischen Revolution&auml;re, die m&auml;chtigen USA st&uuml;nden ihnen in ihrem Kampf um Freiheit und Unabh&auml;ngigkeit zur Seite, erf&uuml;llten sich nicht. Im Gegenteil: Die Vereinigten Staaten avancierten selbst zur Kolonialmacht.<\/p><p><b>Expansion und koloniale Begehrlichkeiten in S&uuml;dostasien oder &bdquo;Geradewegs hinter den Philippinen liegen Chinas schier unermesslichen M&auml;rkte&ldquo;<\/b><\/p><p>Ein gl&uuml;hender Bef&uuml;rworter des Imperialismus war der aus dem Bundesstaat Indiana stammende junge Senator Albert Jeremiah Beveridge. Seine politische Karriere verdankte er feurigen Pl&auml;doyers f&uuml;r die Annexion der Philippinen. Am 9. Januar 1900 pr&auml;zisierte der Republikaner sein Weltbild in einer Rede vor dem US-Kongress:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Geradewegs hinter den Philippinen liegen Chinas schier unermesslichen M&auml;rkte. Wir werden unseren Teil in der Mission unserer von Gott gesch&uuml;tzten Rasse bei der Zivilisierung der Erde beitragen. Wo werden wir die Abnehmer unserer Produkte finden? Die Philippinen geben uns einen St&uuml;tzpunkt am Tor zum Osten.&ldquo;[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]\n<\/p><\/blockquote><p>Imperialisten wie Senator Beveridge interessierte nicht, dass der philippinische General und Revolution&auml;r Emilio Aguinaldo bereits am 12. Juni 1898 die erste Republik Asiens ausgerufen hatte. Pech f&uuml;r die Filipinos; diese Unabh&auml;ngigkeit war kurzlebig, weil sie in ein politisches Machtvakuum fiel. Die Fernostflotte der U.S. Navy hatte zwar einige Wochen zuvor binnen weniger Stunden des 1. Mai 1898 die maroden spanischen Kriegsschiffe in der Manila-Bucht au&szlig;er Gefecht gesetzt. Doch erst Ende Juni betraten US-amerikanische GIs philippinischen Boden &ndash; faktisch also ein unabh&auml;ngiges Land. Auf der Friedenskonferenz in Paris wurde im Dezember 1898 vereinbart, dass Washington den Spaniern als Trostpreis f&uuml;r den Verlust der Philippinen 20 Millionen Dollar zahlte. Wenige Wochen zuvor hatte der damalige US-Pr&auml;sident William McKinley in einer Ansprache an eine Gruppe protestantischer Geistlicher begr&uuml;ndet, warum sich die USA der philippinischen Inseln bem&auml;chtigten.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In Wahrheit wollte ich die Philippinen nicht, und als wir sie als Geschenk der G&ouml;tter bekamen, wusste ich nichts mit ihnen anzufangen. Ich lief Abend f&uuml;r Abend bis Mitternacht im Wei&szlig;en Haus umher; und ich sch&auml;me mich nicht zu gestehen, dass ich niederkniete und den Allm&auml;chtigen mehr als einmal um Licht und F&uuml;hrung anging. Und eines Abends sp&auml;t d&auml;mmerte es mir: Erstens, dass wir sie nicht an Spanien zur&uuml;ckgeben k&ouml;nnten &ndash; das w&auml;re feige und unehrenhaft; Zweitens, dass wir sie nicht Frankreich oder Deutschland &ndash; unseren Handelsrivalen im Osten &ndash; &uuml;bergeben konnten &ndash; das w&auml;re schlechter Gesch&auml;ftsstil und diskreditierend; Drittens, dass uns nichts &uuml;brigblieb, als sie zu &uuml;bernehmen und mit der Gnade Gottes das Allerbeste f&uuml;r sie zu tun, unsere Mitmenschen, f&uuml;r die Christus auch gestorben ist. Und dann ging ich zu Bett und schlief gut.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Mit dieser Offenbarung &ndash; einer Mischung aus imperialem Sendungsbewusstsein, Rassismus und &Uuml;berlegenheitswahn &ndash; leugnete der Pr&auml;sident schlichtweg die knapp 350-j&auml;hrige Kolonialherrschaft des christlichen Spanien. Geleugnet wurden auch eigene imperialistische Interessen; diese wurden fortan verbr&auml;mt als <i>benevolent assimilation<\/i>. Zu dieser &bdquo;wohlwollenden Assimilierung&ldquo; geh&ouml;rte, dass die neuen Besatzer in den Philippinen das amerikanische Englisch als Amtssprache im Bildungs-, Gesch&auml;fts- und Verwaltungsbereich durchsetzten. Au&szlig;erdem bauten die US-Milit&auml;rs dort die gr&ouml;&szlig;ten St&uuml;tzpunkte au&szlig;erhalb der Vereinigten Staaten auf und schufen unter dem Befehl ihres Generals Arthur MacArthur eine philippinische Armee. Die allerdings hatte sich damit zu begn&uuml;gen, f&uuml;r die US-Streitmacht im Lande Hilfsdienste als Sp&auml;her, Tr&auml;ger oder Informanten zu leisten.<\/p><p>Die US-amerikanischen Milit&auml;rs betraten im Sommer 1898 ein unabh&auml;ngiges Land, die erste freie Republik Asiens. Die Bev&ouml;lkerung leistete auch den neuen Kolonialherren erbitterten Widerstand. Um diesen zu brechen, begannen amerikanische Truppen mit der sogenannten &bdquo;Befriedung&ldquo; der Inseln: Die Folge war der Amerikanisch-Philippinische Krieg. Er begann im Februar 1899 und endete nach der offiziellen Geschichtsschreibung dreieinhalb Jahre sp&auml;ter. Im S&uuml;den der Philippinen, in der Sulu-See und auf der Insel Mindanao, deren Bev&ouml;lkerung vorwiegend muslimisch war und die die Spanier absch&auml;tzig &bdquo;Moros&ldquo; genannt hatten, dauerte die amerikanische &bdquo;Befriedung&ldquo; allerdings bis 1916.<\/p><p><b>Manifester Rassismus im Schatten milit&auml;rischer &bdquo;Pazifizierung&ldquo;<\/b><\/p><p>Im Jahresbericht 1903 des US-Divisionskommandeurs Generalmajor George W. Davis hie&szlig; es beispielsweise:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es wird notwendig sein, nahezu s&auml;mtliche Br&auml;uche auszumerzen, welche bislang das Leben der Moros auszeichneten. Solange der Mohammedanismus vorherrscht, kann der angels&auml;chsischen Zivilisation nur m&uuml;hsam der Weg geebnet werden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>W&auml;hrend des Amerikanisch-Philippinischen Krieges erprobte die neue Kolonialmacht erstmalig s&auml;mtliche Methoden der <i>&bdquo;Counterinsurgency&ldquo;<\/i> (&bdquo;Aufstandsbek&auml;mpfung&ldquo; oder &bdquo;Aufruhrbek&auml;mpfung&ldquo;), die in sp&auml;teren Kriegen in Korea, Vietnam, Laos und Kambodscha sowie im Irak und in Afghanistan &bdquo;verfeinert&ldquo; wurden &ndash; von Nahrungsmittelblockaden bis hin zum <i>strategic hamletting,<\/i> der Errichtung sogenannter &bdquo;strategischer Weiler&ldquo;. Dadurch sollten die Au&szlig;enkontakte von Menschen in einer bestimmten Region eingeschr&auml;nkt beziehungsweise genau &uuml;berwacht werden. Zu diesem Zweck wurde das Gebiet streng patrouilliert, mit Stacheldraht umz&auml;unt und die Bev&ouml;lkerung angewiesen, eine Seitenwand ihrer &ndash; meist aus Bambus oder Nipa gefertigten &ndash; H&auml;user zu entfernen, um diese &bdquo;durchsichtig&ldquo; zu machen. Ziel war es, die Zivilbev&ouml;lkerung von potenziellen &bdquo;Aufr&uuml;hrern&ldquo; und &bdquo;Banditen\/Dieben&ldquo; (ladrones) oder &bdquo;Aufst&auml;ndischen&ldquo; (insurrectos) zu trennen. Sp&auml;ter nannte man dies: &bdquo;der Guerilla das Wasser abgraben&ldquo; und heute wird von &bdquo;terroristischen Akten&ldquo; beziehungsweise der Vorbereitung solcher Akte gesprochen. Zur Abschreckung und um den Widerstand der Filipinos zu brechen, erlie&szlig; die Kolonialverwaltung besondere Gesetze, um auch das Hissen der fr&uuml;heren Nationalflagge und das Singen patriotischer Lieder zu unterbinden. Zuwiderhandlungen wurden schwer bestraft.<\/p><p>Auf dem H&ouml;hepunkt des Amerikanisch-Philippinischen Krieges &ndash; im Jahre 1900 &ndash; entstand in Manila der <i>Military Order of the Carabao<\/i> (Milit&auml;rische Orden des Wasserb&uuml;ffels), ein martialischer Klub von Offizieren der US-Armee, Marine und des <i>Marines Corps<\/i> sowie akkreditierter US-amerikanischer Kriegskorrespondenten. [Erst sp&auml;ter wurde die Mitgliedschaft in diesem Orden gelockert beziehungsweise erweitert, so dass ihm auch Veteranen anderer US-Milit&auml;rinterventionen in Asien, im Indischen Ozean und Pazifik beitreten konnten.] Vor allem Kriegsgegner und -kritiker im In- wie Ausland hatte der <i>Military Order of the Carabao <\/i>im Visier. Gegen sie zog er schonungslos vom Leder, vor allem w&auml;hrend seiner ausufernden Jahresfeiern, kurz <i>&bdquo;wallows&ldquo;<\/i> genannt. [&bdquo;Wallow&ldquo; hat zweierlei Bedeutung: Es kann &bdquo;weiden&ldquo;, &bdquo;grasen&ldquo; oder auch &bdquo;sich (im Dreck\/in brackigem Wasser) suhlen&ldquo; meinen.] Auf ihnen gr&ouml;lte man zur Melodie von <i>Marching Through Georgia <\/i>ein eigens komponiertes &bdquo;Soldatenlied&ldquo; mit folgendem Text, wobei man alternierend statt &bdquo;Filipinos&ldquo; auch &bdquo;insurrectos&ldquo; (Aufst&auml;ndische) oder &bdquo;ladrones&ldquo; (Diebe) verwendete:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Damn, damn, damn the Filipinos (insurrectos),<br>\nCross-eyed kakiack ladrones!<br>\nUnderneath the starry flag<br>\nCivilize &lsquo;em with a Krag, [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<br>\nAnd return us to our own beloved homes!&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>In dem bis dato gr&ouml;&szlig;ten und gleichzeitig bestdokumentierten Kolonialmassaker in S&uuml;dostasien wurde die damalige zwischen sechs und sechseinhalb Millionen Einwohner z&auml;hlende Bev&ouml;lkerung der Philippinen buchst&auml;blich dezimiert. Andere Quellen sprechen sogar von ann&auml;hernd einer Million Opfern unter der Zivilbev&ouml;lkerung. Es war der erste Guerillakrieg in Asien, in den insgesamt etwa 150.000 GIs der US-amerikanischen Streitkr&auml;fte verstrickt waren und in dem auch &uuml;ber 4.200 Mann ihrer Truppen get&ouml;tet wurden. Im besonders &bdquo;unruhigen S&uuml;den&ldquo; des Archipels gingen Gener&auml;le wie Leonard Wood und John Joseph Pershing als &bdquo;Schl&auml;chter der Moros&ldquo; in die Annalen ein. Sie waren f&uuml;r Massaker verantwortlich, denen vor allem die Zivilbev&ouml;lkerung auf der Insel Jolo zum Opfer fiel.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p><p>Es waren der &bdquo;Philippinen-Feldzug&ldquo; im Allgemeinen und die gewaltsame Unterwerfung des &bdquo;unruhigen S&uuml;dens&ldquo; im Besonderen (den zu erobern es selbst der langw&auml;hrenden Kolonialmacht Spanien verwehrt blieb), die auch und gerade den N&auml;hrboden f&uuml;r die Herausbildung eines betont <i>anti-asiatischen<\/i> Rassismus bildeten. So ward im Zuge der gro&szlig;en kapitalistischen Inwertsetzung des philippinischen Archipels durch den US-Imperialismus und im Umgang mit den kolonialen Untertanen der zutiefst pejorative Begriff <i>&bdquo;<\/i><i>Gook&ldquo;<\/i> gepr&auml;gt. Urspr&uuml;nglich von den GIs verwendet, um auf Prostituierte zu verweisen, wurde der Begriff schon bald absch&auml;tzig f&uuml;r feindliche Soldaten verwandt und avancierte schlie&szlig;lich zum Inbegriff des &bdquo;schlitz&auml;ugigen, hinterh&auml;ltigen und schmierigen Asiaten&ldquo;. Kein Wunder, dass US-amerikanische Soldaten sp&auml;ter im Koreakrieg (1950-53) den Begriff wiederbelebten. Doch erst w&auml;hrend des Vietnamkriegs (1965-75), der in Vietnam selbst der Amerikanische Krieg genannt wird, wurde &bdquo;Gook&ldquo; in Verbindung mit &bdquo;Vietcong&ldquo; (herabsetzend f&uuml;r &bdquo;vietnamesischer Kommunist&ldquo;) umgangssprachlich &bdquo;hoff&auml;hig&ldquo;. Auf subtilere Weise erlebt der Begriff gegenw&auml;rtig eine &bdquo;Renaissance&ldquo;, was das neuerkorene &bdquo;westliche&ldquo; Feindbild China im Rahmen der sogenannten &bdquo;Indo-Pazifik-Strategie&ldquo; betrifft.<\/p><p>Berichte &uuml;ber das Gemetzel in den Philippinen machten auch Schlagzeilen in der US-Presse. Vor allem waren es Kommandanten wie Jacob H. Smith, die Emp&ouml;rung ausl&ouml;sten. Dieser Befehlshaber, der den Spitznamen &bdquo;Bloody Jake&ldquo; &ndash; &bdquo;Blutiger Jakob&ldquo; &ndash; trug, hatte auf der zentralphilippinischen Insel Samar unter anderem den Tagesbefehl ausgegeben:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Pl&uuml;ndern, morden und niederbrennen sollt Ihr. Je mehr Ihr das tut, desto gr&ouml;&szlig;er wird mein Wohlgefallen sein.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Was den Industriellen Andrew Carnegie, wie Twain ein weiteres prominentes Mitglied der Antiimperialistischen Liga, sarkastisch an Pr&auml;sident McKinleys Versprechen erinnern lie&szlig;, die Filipinos emporzuheben, zu zivilisieren und zu christianisieren:\n<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;&Uuml;ber 8.000 von ihnen sind bereits vollst&auml;ndig zivilisiert und in den Himmel geschickt worden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>In den USA selbst war diese Art der Au&szlig;enpolitik heftig umstritten. Im Sommer 1899 ver&ouml;ffentlichte der Publizist George Ade in der Wochenzeitschrift <i>Chicago Record<\/i> seine <i>Stories of Benevolent Assimilation<\/i>. In diesen Geschichten persiflierte er seine sendungsbewussten und kriegsbegeisterten Landsleute. Er mokierte sich dar&uuml;ber, dass diese den Filipinos unbedingt mit L&ouml;ffel und Gabel Essmanieren beibringen wollten, sie mit klobigen, l&auml;cherlich wirkenden M&ouml;belst&uuml;cken begl&uuml;ckten und sie die Absurdit&auml;t lehrten, in der tropischen Hitze Korsetts zu tragen.<\/p><p>Scharfe politische Proteste gegen den Krieg in den Philippinen hagelte es auch seitens der Antiimperialistischen Liga. Ihr Vizepr&auml;sident Mark Twain begr&uuml;ndete seine Kritik mit den Worten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Noch vor einem Jahr war ich kein Antiimperialist. Ich dachte, es sei eine gro&szlig;artige Sache, den Filipinos ein gro&szlig;es St&uuml;ck an Freiheit zu geben. Heute allerdings glaube ich, es ist besser, dass die Filipinos sich selbst darum k&uuml;mmern.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Anfangs hatte Mark Twain den Amerikanisch-Spanischen Krieg begr&uuml;&szlig;t, versprach er sich doch von ihm Hilfe f&uuml;r die kubanischen Revolution&auml;re in ihrem Kampf gegen die verhassten Spanier. Sp&auml;ter aber fand die amerikanische Kriegf&uuml;hrung in den Philippinen in Twain einen unerbittlichen Gegner. Mit &auml;tzender Kritik attackierte er diesen Waffengang, der au&szlig;erhalb der USA die Werte zerst&ouml;rte, die in den Staaten selbst als unantastbar und sakrosankt galten. Im <i>New York Herald<\/i> (Ausgabe vom 15. Oktober 1900) schrieb Mark Twain &uuml;ber den Friedensvertrag von Paris, durch dessen Kolonialschacher die Philippinen als ehemalige spanische Kolonie in amerikanisches &bdquo;Eigentum&ldquo; &uuml;bergegangen waren:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sehr sorgf&auml;ltig habe ich den Vertrag von Paris gelesen und ich erkannte, dass wir keineswegs beabsichtigen, die Philippinen zu befreien, sondern deren Bev&ouml;lkerung zu unterwerfen. Wir gingen dorthin, um zu erobern, nicht, um zu erl&ouml;sen. Wie ich es sehe, sollte es unsere Freude und unsere Pflicht sein, die Bev&ouml;lkerung zu befreien und sie ihre Probleme auf ihre eigene Art l&ouml;sen zu lassen. Ich bin dagegen, dass der Adler seine Krallen auf ein anderes Land setzt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Es war das historische Verdienst der Antiimperialistischen Liga der Vereinigten Staaten von Amerika, die eigene Bev&ouml;lkerung &uuml;ber die Geschehnisse in Amerikas junger Kolonie in Asien umfassend informiert zu haben. Vor allem der prominenteste Vertreter der Liga, Mark Twain, galt im letzten Jahrzehnt seines Lebens als einflussreichster Antiimperialist. Nicht nur in Zeitungsartikeln, auch in seiner Autobiographie ging der ber&uuml;hmte Schriftsteller hart mit den Imperialisten unter seinen Landsleuten ins Gericht.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Wahlspruch unseres Landes ist, &sbquo;In God we trust&lsquo;, und jedes Mal, wenn wir dieses sch&ouml;ne Wort auf einer Dollarm&uuml;nze lesen, scheint es, als bebte und winselte es vor R&uuml;hrung. Das ist unser &ouml;ffentliches Motto. Unser privates ist offenbar: &sbquo;Wenn der Angelsachse etwas haben will, nimmt er sich&lsquo;s einfach.&lsquo;&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dass der Autor des &bdquo;Huckleberry Finn&ldquo; so vehement gegen die politische F&uuml;hrung seines Landes opponierte, war seinen &ndash; letztlich m&auml;chtigeren &ndash; Gegnern ein Dorn im Auge. Diese setzten nach dem Tod des begnadeten Schriftstellers und gl&uuml;henden Demokraten alles daran, die letzte Dekade seines Schaffens im kollektiven Ged&auml;chtnis seiner breiten Leserschaft und Bewunderer zu tilgen. Die meisten Biographien &uuml;ber Mark Twain klammern seine aktive Zeit in der Liga bis heute einfach aus. Weilte er noch heute unter uns, h&auml;tte er als selbsterkl&auml;rter Antiimperialist verdammt schlechte Karten und k&ouml;nnte &uuml;beraus froh sein, als Schriftsteller und streitbarer Publizist nicht &ouml;ffentlich verschwiegen oder unzeremoniell mit dem Bannfluch ge&auml;chtet und zensiert zu werden.<\/p><p>Erst im Sommer 1946 gew&auml;hrten die USA den Philippinen die formale Unabh&auml;ngigkeit, wenngleich sie gleichzeitig qua vertraglichem Regelwerk ihre Machtpr&auml;rogativen wahrten. Auch f&uuml;rderhin diente der Inselstaat aufgrund der dort gr&ouml;&szlig;ten au&szlig;erhalb des nordamerikanischen Kontinents befindlichen US-Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte, <i>Subic Naval Base<\/i> und <i>Clark Air Field<\/i>, als operativer Dreh- und Angelpunkt der Aggressionskriege Washingtons gegen Vietnam, Laos und Kambodscha. Bis zum heutigen Tag genie&szlig;en dort GIs im Rahmen des <i>Erweiterten Verteidigungsabkommens (EDCA)<\/i> zwischen Manila und Washington das Privileg, auf Rotationsbasis die Milit&auml;reinrichtungen der <i>Armed Forces of the Philippines (AFP<\/i>) zu nutzen, w&auml;hrend knapp 28.500 Soldaten allein im benachbarten Klientelstaat S&uuml;dkorea stationiert bleiben &ndash; von weiteren US-Truppenkontingenten auf Okinawa und in Japan ganz zu schweigen.<\/p><p>&bdquo;<b>&Uuml;bergang von der hemisph&auml;rischen Hegemonie zum globalen Imperium&ldquo;<\/b><\/p><p>Dem Kulturwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Nordamerika, Michael Hochgeschwender, ist zuzustimmen, wenn er konstatiert:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In der Zeit zwischen 1890 und 1920 (&hellip;) vollzog sich ein &Uuml;bergang von der hemisph&auml;rischen Hegemonie zum globalen Imperium. Die sozio&ouml;konomischen und ideellen Elemente waren zu dieser Zeit schon festgef&uuml;gt, die kulturellen Faktoren kamen allm&auml;hlich hinzu und wurden im Laufe der folgenden Jahrzehnte noch ausgebaut. Auf der machtpolitischen Ebene wurde dieser &Uuml;bergang an mehreren Beispielen sichtbar: dem amerikanisch-spanischen Krieg von 1898, der endg&uuml;ltig den Eintritt der USA in die Welt der imperialistischen M&auml;chte markierte, dem gro&szlig;en Realignment mit Gro&szlig;britannien um 1900, ihrer Rolle in der Chinapolitik um 1900 unter dem Stichwort open door sowie der Tatsache, dass die europ&auml;ischen M&auml;chte die USA auf der Konferenz von Algeciras 1906[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] als Schiedsrichter akzeptierten. Dieser Prozess vollzog sich allerdings nicht ohne Zwischenschritte. Waren die USA bereits um 1900 als regionales oder hemisph&auml;risches Imperium und aktive Kolonialmacht vollst&auml;ndig in das System der europ&auml;ischen Gro&szlig;m&auml;chte eingebettet, so folgte der Schritt zur globalen Gro&szlig;macht im Kontext des Ersten Weltkrieges. Selbst die anschlie&szlig;ende Phase des so genannten Isolationismus &auml;nderte an diesem Faktum wenig. (&hellip;) Sicher ist allerdings, dass die milit&auml;rische Macht der USA, die in unseren Tagen den wohl imposantesten Bereich amerikanischer imperialer Politik ausmacht, erst mit dem Zweiten Weltkrieg und dem anschlie&szlig;enden Kalten Krieg zu einer Schl&uuml;sselkategorie des amerikanischen Herrschaftsanspruchs mutierte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Sachlich und ruhig verk&uuml;ndete US-Pr&auml;sident Harry S. Truman am 6. August 1945 im Radio die Nachricht, die USA h&auml;tten soeben eine Atombombe auf die japanische Stadt Hiroshima abgeworfen. Nachdem Mitte Juli 1945 erstmals eine Atombombe im S&uuml;dwesten der Vereinigten Staaten erfolgreich getestet worden war, hatte sich die US-Regierung f&uuml;r den Einsatz ebendieser Waffe entschieden. Sie wollte Japan nicht nur zur schnellen Kapitulation zwingen, sondern auch und gerade gegen&uuml;ber ihrem &auml;rgsten Rivalen, der Sowjetunion, Macht und technische &Uuml;berlegenheit demonstrieren und Stalin vor eigenen weltpolitischen Machtanspr&uuml;chen warnen. In einer Rede am 9. August 1945 sagte dann Pr&auml;sident Truman, er danke Gott daf&uuml;r, dass die USA im Besitz der Bombe seien und nicht andere L&auml;nder. Gleichzeitig betonte er, dass ein Land freier B&uuml;rger jeder Diktatur &uuml;berlegen sei.<\/p><p>Nach nicht einmal zwei Jahren nach dem Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg hatte sich zwischen den Verb&uuml;ndeten von einst &ndash; den USA und der Sowjetunion &ndash; ein tiefer Graben aufgetan, der auf Dauer die kategorische Trennlinie zwischen der &bdquo;freien Welt&ldquo; und dem Kommunismus sowie die Partitur des Kalten Krieges bilden sollte. Als die Sowjetunion im Jahre 1947 versuchte, ihren Einflussbereich in S&uuml;dosteuropa und dem Nahen Osten &ndash; namentlich in Griechenland, in der T&uuml;rkei sowie im Iran &ndash; zu erweitern, veranlasste das Washington, im Gegenzug seinen weltweiten Hegemonialanspruch doktrin&auml;r festzuschreiben.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die freien V&ouml;lker der Welt rechnen auf unsere Unterst&uuml;tzung in ihrem Kampf um die Freiheit. Wenn wir in unserer F&uuml;hrungsrolle zaudern, gef&auml;hrden wir den Frieden der Welt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>So lautete denn auch einer der Kerns&auml;tze anl&auml;sslich einer Rede von Pr&auml;sident Truman vor dem US-Kongress am 12. M&auml;rz 1947, mit der er die fortan nach ihm benannte Doktrin verk&uuml;ndete. Integrale Bestandteile dieser auf F&uuml;hrungsposition bedachten Au&szlig;enpolitik waren das <i>European Recovery Program, <\/i>der sogenannte <i>Marshallplan<\/i>, mit dem 16 westeurop&auml;ische Staaten finanziell beim Wiederaufbau nach dem Krieg unterst&uuml;tzt wurden, sowie verst&auml;rkte Milit&auml;reins&auml;tze und der Aufbau eines weltumspannenden Netzes von US-Milit&auml;rbasen.<\/p><p>Ausgerechnet <i><b>Korea<\/b><\/i> &ndash; von 1910 bis 1945 japanische Kolonie &ndash; geriet aufgrund seiner exponierten geostrategischen Lage in Ostasien als erstes Land in den Strudel des beginnenden Kalten Krieges und der West-Ost-Blockkonfrontation. Bereits vor der Kapitulation Japans hatten sich die USA und die Sowjetunion darauf verst&auml;ndigt, Korea in zwei Besatzungszonen aufzuteilen und einstweilen treuh&auml;nderisch zu verwalten. N&ouml;rdlich des 38. Breitengrads hatte die Rote Armee das Sagen und st&uuml;tzte durch ihre Pr&auml;senz die antijapanischen Partisanenverb&auml;nde des sp&auml;teren Pr&auml;sidenten Kim Il-Sung. Im s&uuml;dlichen Teil landeten US-amerikanische Milit&auml;rverb&auml;nde an, die dem konservativen Politiker Rhee Syngman zur Macht verhalfen.<\/p><p>Im Nachbarland China zeichnete sich bereits ein Sieg der von Mao Tse-tung gef&uuml;hrten Kommunistischen Partei ab. So wurde die koreanische Halbinsel zum konflikttr&auml;chtigsten Schauplatz der West-Ost-Konfrontation. Mitte August 1948 konstituierte sich im S&uuml;den der Halbinsel mit Washingtons Hilfe die Republik Korea. Drei Wochen sp&auml;ter zog der Norden nach und rief &ndash; mit sowjetischer Unterst&uuml;tzung &ndash; die Demokratische Volksrepublik Korea aus. Damit war die Teilung des Landes besiegelt. Doch keine der beteiligten Parteien wollte dies als endg&uuml;ltig hinnehmen.<\/p><p>Es kam zum Krieg, der drei Jahre dauerte. &Uuml;ber eine Million Zivilisten im Norden und S&uuml;den wurden get&ouml;tet. Laut Angaben der Vereinten Nationen kamen au&szlig;erdem eine Million Soldaten aus Nordkorea und China sowie 250.000 aus S&uuml;dkorea und knapp 55.000 US-amerikanische GIs ums Leben. Bis heute ist und bleibt Korea durch eine 240 Kilometer lange, sogenannte &bdquo;entmilitarisierte Zone&ldquo; geteilt. Eine Verharmlosung ohnegleichen: Denn tats&auml;chlich stehen sich dort eine Million Soldaten gegen&uuml;ber, darunter im S&uuml;den ein Kontingent von reichlich 28.000 GIs. Und es ist im Rahmen des seit Ende der 1970er Jahre existierenden <i>Combined Forces Command (CFC)<\/i> der Befehlshaber der dort stationierten US-Soldaten (seit dem 2. Juli 2021 General Paul J. LaCamera), der im Kriegsfall ebenfalls das Oberkommando &uuml;ber die s&uuml;dkoreanischen Streitkr&auml;fte aus&uuml;bte, eine Funktion, die am pr&auml;zisesten als neuzeitliche Version eines Prokonsuls zu kennzeichnen w&auml;re.<\/p><p><b>Antikommunismus als martialische Staatsdoktrin oder &bdquo;Mit Blick auf Vietnam haben wir uns geirrt, schrecklich geirrt.&ldquo;<\/b><\/p><p>Um angeblich eine Macht&uuml;bernahme der Kommunisten in S&uuml;dvietnam Mitte der 1960er Jahre zu verhindern, bombardierten US-Streitkr&auml;fte das bereits am 2. September 1945 unabh&auml;ngig gewordene Nordvietnam und auch den S&uuml;den des Landes. Die Hintergr&uuml;nde dieses m&ouml;rderischen Zerst&ouml;rungswerks kamen 1971 ans Licht: in der Sonntagsausgabe der <i>New York Times <\/i>vom 13. Juni. In ihr erschien der erste Teil einer Serie &uuml;ber die sogenannten <i>Pentagon-Papiere<\/i>. Ihre Ver&ouml;ffentlichung ersch&uuml;tterte die Regierung des amtierenden US-Pr&auml;sidenten Richard Nixon in ihren Grundfesten. Die Pentagon-Papiere waren von Nixons Verteidigungsminister Robert McNamara in Auftrag gegeben worden. Es handelte sich dabei um streng geheime Dokumente zur amerikanischen Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. In ihnen kam eine Haltung zum Ausdruck, die der Politiker J. William Fulbright als Kreuzzugsdenken bezeichnete. In seinem 1966 erschienenem Buch &bdquo;Die Arroganz der Macht&ldquo; schrieb Fulbright, damals Vorsitzender des Au&szlig;enpolitischen Ausschusses des US-Senats:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Macht verwechselt sich mit Tugend und neigt auch dazu, sich f&uuml;r allm&auml;chtig zu halten. Erf&uuml;llt von ihrer Mission, glaubt eine gro&szlig;e Nation leicht, sie habe nicht nur die Pflicht, sondern auch die M&ouml;glichkeiten, den Willen Gottes zu tun. Gott werde doch gewiss nicht seinem auserw&auml;hlten Bevollm&auml;chtigten das Schwert verweigern.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Mit Blick auf den Krieg in Vietnam und den m&ouml;rderischen Kampf gegen die dort f&uuml;r Freiheit und Unabh&auml;ngigkeit eintretende Vietminh schrieb Senator Fulbright:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn wir den Kommunismus als b&ouml;se Philosophie sehen, so blicken wir durch ein verzerrendes Prisma, durch das wir eher Projektionen unserer eigenen Ansichten wahrnehmen, als das, was in Wirklichkeit da ist. Wenn wir durch dieses Prisma blicken, dann sehen wir die Vietcong, die Dorf&auml;ltesten die Kehlen durchschneiden, als grausame M&ouml;rder; die amerikanischen Piloten aber, die Frauen und Kinder mit Napalm anz&uuml;nden, sehen wir als tapfere Freiheitsk&auml;mpfer (&hellip;)&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Pentagon-Papiere bewiesen, dass die USA den Krieg in <i><b>Vietnam<\/b><\/i> systematisch auf die neutralen Nachbarl&auml;nder Laos und Kambodscha ausweiteten; die Regierung in Washington wollte den Nachschub f&uuml;r nordvietnamesische Truppen unterbinden und verhindern, dass auch diese L&auml;nder kommunistisch w&uuml;rden.<\/p><p>Eine ganze Region wurde jahrelang mit Krieg &uuml;berzogen, einzig und allein, um die US-amerikanische &ndash; auch &ouml;konomische &ndash; Vorherrschaft durchzusetzen. W&auml;hrend der ehemalige US-Verteidigungsminister Robert McNamara sp&auml;ter wenigstens einsah, er habe sich in der Vietnam-Politik &ndash; so w&ouml;rtlich &ndash; &bdquo;geirrt, schrecklich geirrt&ldquo;, betrieb der Au&szlig;enminister Henry Alfred Kissinger auch nach der schmachvollen Niederlage der USA in Vietnam im Jahre 1975 unbek&uuml;mmert eine Politik, die die <i>International Herald Tribune<\/i> als &bdquo;Kissingerschen Realismus&ldquo; charakterisierte. Dazu geh&ouml;rte auch, dass Washington in Lateinamerika US-freundlichen Diktatoren zur Macht verhalf und sie st&uuml;tzte, wie etwa Augusto Pinochet in Chile, Rafael Videla in Argentinien, Hugo Banzer in Bolivien. Die Vereinigten Staaten, die nach dem Ende der Hitler-Diktatur Westdeutschland dabei geholfen hatten, eine Demokratie aufzubauen, handelten hier knallhart gem&auml;&szlig; der Devise: Lieber eine Milit&auml;r-Diktatur als ein sozialistisches Regime.<\/p><p>&Auml;hnlich wie in Lateinamerika verhielten sich die USA in Indonesien. Es ist eine enge Komplizenschaft zwischen dem indonesischen Diktator Suharto und Washington durch Dokumente belegt, die das <i>National Security Archive<\/i> der George Washington University ver&ouml;ffentlichte. Indonesiens starker Mann, Ex-General Suharto, putschte sich im Oktober 1965 an die Macht und errichtete ein milit&auml;risches Terrorregime. Sein Vorg&auml;nger, der charismatische Staatsgr&uuml;nder Ahmed Sukarno, war nicht nur ein vehementer Bef&uuml;rworter der sogenannten Bewegung der blockfreien L&auml;nder. Sukarno distanzierte sich auch schrittweise vom Westen und galt dort fortan als Sicherheitsrisiko.<\/p><p>Suhartos drakonischem Regime fiel bereits bis Ende 1966 mindestens eine halbe Million Menschen zum Opfer, andere Quellen sprechen von weit &uuml;ber eine Million Get&ouml;teter. Wie aus den Dokumenten hervorgeht, &uuml;bermittelte der damalige US-Botschafter in Jakarta, Marshall Green, den indonesischen Sicherheitskr&auml;ften Namenslisten von f&uuml;hrenden Kadern der Kommunistischen Partei Indonesiens (PKI), die ermordet werden sollten. &Uuml;ber die Exekutionen wurde akribisch Buch gef&uuml;hrt. Im Hintergrund dieser Amtshilfe aus Washington bei den Massakern in Indonesien 1965\/66 standen handfeste Wirtschaftsinteressen der USA. Indonesien war schlie&szlig;lich das gr&ouml;&szlig;te und bev&ouml;lkerungsreichste Land S&uuml;dostasiens. Es sollte unbedingt in den Einflussbereich des Westens gelangen, ohne dass man ein zweites Vietnam riskierte. Das erforderte die &ndash; notfalls auch physische &ndash; Liquidierung der PKI, die damals nach der Kommunistischen Partei Chinas und der KPdSU die weltweit drittgr&ouml;&szlig;te kommunistische Partei war.<\/p><p>Heute ist die Region S&uuml;dostasien aus der Sicht der US-amerikanischen Milit&auml;rs und au&szlig;enpolitischen Strategen eine &bdquo;neue Zufluchtsst&auml;tte f&uuml;r Terroristen&ldquo;. So wurden denn unmittelbar nach 9\/11 die Philippinen offiziell als &bdquo;zweite Front im Kampf gegen den internationalen Terrorismus&ldquo; deklariert &ndash; eine Steilvorlage f&uuml;r die jeweiligen Pr&auml;sidenten des Landes, Opposition und Dissens als &bdquo;terroristisch&ldquo; zu denunzieren und entsprechend harsch zu agieren. Erkl&auml;rtes Ziel der Regierungen in Washington und Manila ist ferner die Zerst&ouml;rung der durch Kidnapping und L&ouml;segelderpressung medial bekannt gewordenen Gruppe der &bdquo;Abu Sayyaf&ldquo; (Vater des Scharfrichters). Strategisch geht es um mehr: In der an Rohstoffen &uuml;beraus reichen Region S&uuml;dostasien, wo gleichzeitig der weltweit gr&ouml;&szlig;te Teil der Muslime lebt (Indonesien, Malaysia, Brunei, S&uuml;dthailand &amp; S&uuml;dphilippinen), sollen tats&auml;chliche oder vermeintliche Ableger des Al-Qaida-Netzwerks zerst&ouml;rt werden. Gegenw&auml;rtig bildet die Region Indo-Pazifik &uuml;berdies erkl&auml;rterma&szlig;en den Hauptfokus der US-amerikanischen und NATO-Milit&auml;rstrategie.<\/p><p>&bdquo;<b>Neue Weltordnung&ldquo; als Pr&auml;ludium des (endlosen) &bdquo;Krieges gegen den Terror(ismus)&ldquo;<\/b><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Aus diesen schwierigen Zeiten kann (&hellip;) eine neue Weltordnung hervorgehen: Eine neue &Auml;ra, freier von der Bedrohung durch Terror, st&auml;rker in der Durchsetzung von Gerechtigkeit und sicherer in der Suche nach Frieden. Eine &Auml;ra, in der die Nationen der Welt im Osten und Westen, Norden und S&uuml;den prosperieren und in Harmonie leben k&ouml;nnen. (&hellip;) Heute k&auml;mpft diese neue Welt, um geboren zu werden, eine Welt, die v&ouml;llig verschieden ist von der, die wir kannten. Eine Welt, in der die Herrschaft des Gesetzes das Faustrecht ersetzt (&hellip;) eine Welt, in der der Starke die Rechte des Schwachen respektiert.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Mit diesen Worten verk&uuml;ndete der fr&uuml;here US-Pr&auml;sident George Herbert Walker Bush am 11. September 1990 die sogenannte <i>Neue Weltordnung<\/i> &ndash; auf den Tag genau elf Jahre vor den Terroranschl&auml;gen gegen das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington. Kurz zuvor hatte ein anderer US-Amerikaner einen weitaus weniger publicitytr&auml;chtigen Auftritt. Am 30. August 1990 wagte es der damals 22-j&auml;hrige Marinekorporal Jeff Paterson, seinem obersten Landesvater und Kriegsherrn &ouml;ffentlich den Gehorsam aufzuk&uuml;ndigen. Paterson weigerte sich, in ein Flugzeug mit dem Ziel Saudi-Arabien einzusteigen. Er war der erste Soldat, der w&auml;hrend des Aufmarsches von US-Truppen am Golf den Kriegsdienst verweigerte, also noch zu einer Zeit, bevor die USA im Januar 1991 den Bombenkrieg gegen Irak begannen. Paterson begr&uuml;ndete seinen mutigen Schritt mit den Worten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Als Dienst habender Korporal der US-Marine wurde ich im August 1990 in den Nahen Osten beordert &ndash; der Golfkrieg stand unmittelbar bevor. Vier Jahre zuvor &ndash; ich dachte, ich w&uuml;sste mit meinem Leben nichts Besseres anzufangen &ndash; hatte ich mich in der Rekrutierungsstelle von Salinas in Kalifornien gemeldet und den Milit&auml;rbeamten gesagt, sie sollten mich dorthin schicken, wo ich am meisten gebraucht werde. (&hellip;) Vielleicht w&uuml;rde ich noch heute so wie die jungen Menschen denken, die sich gegenw&auml;rtig von der Armee anheuern lassen, wenn ich nicht vier Jahre im Marine-Infanteriekorps zugebracht h&auml;tte. Die meiste Zeit &uuml;bte meine Einheit den Kampf gegen Bauern, die es wagten, &sbquo;amerikanischen Interessen&rsquo; in ihrer Heimat entgegenzutreten &ndash; speziell in Nicaragua, El Salvador, Guatemala. Ich habe schreckliche Armut in den Philippinen gesehen, von der US-Regierung subventionierte Prostituiertenringe f&uuml;r die Truppen in S&uuml;dkorea und ungehemmten Rassismus gegen&uuml;ber der Bev&ouml;lkerung auf Okinawa und in Japan. Mit dieser Wirklichkeit konfrontiert, habe ich den Prozess meiner pers&ouml;nlichen Ent-Amerikanisierung begonnen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Neue Weltordnung, die Pr&auml;sident Bush Senior ausmalte, sollte die Schwachen sch&uuml;tzen und das &bdquo;Gleichgewicht des Schreckens&ldquo; beenden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren viereinhalb Jahrzehnte vom Kalten Krieg und der Konfrontation zwischen West und Ost gepr&auml;gt. Beide Superm&auml;chte, die USA und die Sowjetunion, dr&uuml;ckten ihren jeweiligen Einflusssph&auml;ren den Stempel auf und lie&szlig;en &ndash; wie in Mosambik, Angola oder Afghanistan &ndash; notfalls blutige Stellvertreterkriege f&uuml;hren. Die Machtbalance funktionierte, solange beide Seiten stillschweigend die Regel befolgten, nicht im Revier des Anderen zu wildern. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und der realsozialistischen Regime &auml;nderte die Situation. Die USA w&auml;hnten sich nunmehr als unanfechtbare Weltmacht Nummer Eins. F&uuml;r zahlreiche Politiker, Publizisten und Akademiker im Westen ein Grund zum Jubeln. Stellvertretend f&uuml;r diese triumphalistische Grundhaltung frohlockte beispielsweise John Lewis Gaddis, Geschichtsprofessor an der Yale University und Autor zahlreicher Publikationen &uuml;ber die &Auml;ra des Kalten Krieges:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Zum ersten Mal seit &uuml;ber f&uuml;nfzig Jahren stellt keine Gro&szlig;macht oder Machtgruppe mehr eine eindeutige Gefahr dar f&uuml;r die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Um diesen Sieg dauerhaft auskosten zu k&ouml;nnen, arbeiteten Milit&auml;rstrategen und Politiker in Washington umgehend Pl&auml;ne aus, wie dieser Erfolg zu sichern sei. Schon 1991 ver&ouml;ffentlichte die Regierung von Bush Senior ihren <i>&bdquo;Base Force Review&ldquo;<\/i>. Im Kern beinhaltete dieses Strategiepapier Folgendes: Galt bis dahin das &bdquo;Anderthalb- Kriege-Konzept&ldquo;, das neben einem gr&ouml;&szlig;eren Konflikt mit der Sowjetunion oder der Volksrepublik China eine begrenzte Milit&auml;roperation als machbar ihn Betracht zog, sollten fortan zwei gr&ouml;&szlig;ere regionale Konflikte &ndash; notfalls gleichzeitig &ndash; f&uuml;hrbar sein. Bis zum Ende von Pr&auml;sident Bill Clintons Amtszeit Anfang 2001 blieb diese Strategie g&uuml;ltig. Das &auml;nderte sich unter seinem Nachfolger. Den Gegnern der Vereinigten Staaten schrieb US-Pr&auml;sident George W. Bush, der Sohn des Architekten der <i>Neuen Weltordnung<\/i>, in seiner Antrittsrede am 20. Januar 2001 ins Stammbuch:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Feinde unserer Freiheit und unseres Landes sollten sich nicht t&auml;uschen. Amerika wird sich weiter in der Welt engagieren, freiwillig und aus historischen Gr&uuml;nden (&hellip;) Ohne Arroganz werden wir uns entschlossen zeigen. Wir werden Aggression und b&ouml;sen Absichten mit Entschiedenheit und St&auml;rke begegnen. Allen Nationen gegen&uuml;ber werden wir f&uuml;r die Werte eintreten, die unsere Nation geschaffen hat. W&auml;hrend des vergangenen Jahrhunderts war Amerikas Glaube an Freiheit und Demokratie ein Fels in der Brandung. Nun ist er ein Samenkorn im Wind, das in vielen Nationen Wurzeln fasst.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dann fanden ausgerechnet in &bdquo;Gottes eigenem Land&ldquo;, als das sich die USA gern bezeichnen, die Anschl&auml;ge vom 11. September 2001 statt. In das Entsetzen &uuml;ber diese Terrorakte mischten sich tiefe Trauer, Rache- und Vergeltungsgel&uuml;ste sowie nachdenkliche Stimmen. In einem Kommentar, der auch in mehreren westeurop&auml;ischen Zeitungen erschien, meldete sich unter anderem der bekannte uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano zu Wort:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Gei&szlig;el der Welt nennt sich nun Usama bin Laden. Die CIA hatte ihm alles beigebracht, was er in Sachen Terrorismus wissen musste: Bin Laden, geliebt und bewaffnet von der Regierung der USA, war fr&uuml;her einer der wichtigsten &sbquo;Freiheitsk&auml;mpfer&rsquo; gegen den Kommunismus in Afghanistan. Bush Vater war Vizepr&auml;sident, als Pr&auml;sident Ronald Reagan sagte, diese Helden seien &sbquo;das moralische &Auml;quivalent der Gr&uuml;nderv&auml;ter Amerikas&rsquo;. Hollywood stimmte mit dem Wei&szlig;en Haus &uuml;berein. Damals wurde Rambo 3 gedreht &ndash; die afghanischen Muslime waren die Guten. Jetzt, dreizehn Jahre sp&auml;ter, in Zeiten von Bush Sohn, sind sie die b&ouml;sesten B&ouml;sen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Als eine der vehementesten Kritikerinnen gegen Bushs Kriegskurs erwies sich Cynthia McKinney. Die demokratische Abgeordnete aus Georgia forderte im Kongress, einen Untersuchungsausschuss einzusetzen. Dieser solle kl&auml;ren, inwieweit Vater und Sohn Bush von der Katastrophe am 11. September profitiert h&auml;tten. George Bush Senior habe n&auml;mlich, so McKinney, f&uuml;r Public-Relations-Auftritte f&uuml;r den weltweit gr&ouml;&szlig;ten Verm&ouml;gensverwalter <i>Carlyle<\/i> f&uuml;rstliche Honorare eingestrichen. Und mit Carlyle habe es eine besondere Bewandtnis. Die streitbare Cynthia McKinney begr&uuml;ndete ihre Anfrage mit dem Hinweis auf Bushs weit verzweigte Gesch&auml;ftsverbindungen, die bis nach Saudi-Arabien reichten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es ist doch bekannt, dass der Vater des Pr&auml;sidenten durch seine Beteiligung am Carlyle-Konzern Gesch&auml;ftsinteressen mit der Baufirma der Familie Usama bin Laden teilte und bei R&uuml;stungsfirmen engagiert ist, deren Aktienkurse seit dem 11. September dramatisch gestiegen sind.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dieser Vorwurf brachte den konservativ-republikanischen Journalisten Jonah Goldberg zur Wei&szlig;glut. In einer Talkshow beschimpfte er Frau McKinney:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sie sind so dumm wie Kristallsalz und so ekelerregend wie Arafats seit drei Wochen nicht gewechselte Unterhosen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>&Auml;hnlichen Angriffen, sogar handfesten Attacken sah sich auch die US-Kongressabgeordnete Barbara Lee ausgesetzt. 1999 votierte sie gegen den NATO-Krieg in Jugoslawien und stimmte als Einzige im Kongress gegen Pr&auml;sident Bush, als dieser dann sp&auml;ter gegen Afghanistan losschlug. Im Land &bdquo;der Freiheit und Demokratie&ldquo; stand Frau Lee nach Morddrohungen unter Polizeischutz. In Europa ehrte der &bdquo;Verein Aachener B&uuml;rgerpreis&ldquo; die beherzte B&uuml;rgerrechtlerin Anfang September 2002 mit dem <i>Aachener Friedenspreis<\/i>. McKinney und Lee z&auml;hlten zu einer Minderheit, die im politischen Washington den Hasstiraden erz&uuml;rnter Medienleute und evangelikaler Prediger &uuml;berlassen wurden und ausgesetzt waren, denen es oblag, sie schlie&szlig;lich matt zu setzen.<\/p><p>&bdquo; &hellip; <b>ohne Scham die Regeln der Weltordnung festlegen und durchsetzen.&ldquo;<\/b><\/p><p>Im Fr&uuml;hjahr 1991 publizierte der einflussreiche US-amerikanische Politikberater Charles Krauthammer in der vom <i>Council on Foreign Relations (CFR)<\/i> herausgegebenen Zeitschrift <i>Foreign Affairs<\/i> einen Aufsatz mit dem bezeichnenden Titel &bdquo;Das unipolare Moment&ldquo;. Darin hie&szlig; es:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Unsere beste Hoffnung auf Sicherheit (&hellip;) ist Amerikas St&auml;rke und die Willenskraft, eine unipolare Welt zu f&uuml;hren und ohne Scham die Regeln der Weltordnung festzulegen und sie auch durchzusetzen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Diese Regeln schrieb elf Jahre sp&auml;ter nach den Anschl&auml;gen vom 11. September 2001 der neue Verteidigungsminister Donald Rumsfeld fest. Vor Offizieren an der National Defense University in Washington verkn&uuml;pfte Rumsfeld am 31. Januar 2002 die Neue Weltordnung mit der neuen Milit&auml;rdoktrin seines Landes. Bei ihm war jetzt nicht mehr wie zehn Jahre zuvor von zwei &bdquo;Konflikten&ldquo; oder Kriegen die Rede, sondern von vier:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir m&uuml;ssen jetzt handeln, um auf vier gr&ouml;&szlig;eren Kriegsschaupl&auml;tzen die F&auml;higkeit zur Abschreckung zu erreichen. Wir m&uuml;ssen in der Lage sein, zwei Aggressoren gleichzeitig zu besiegen, und dabei die M&ouml;glichkeit haben, eine gro&szlig; angelegte Gegenoffensive zu starten und die Hauptstadt eines Feindes zu besetzen, um dort ein neues Regime zu installieren.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Wenig sp&auml;ter, im Februar 2002, unterrichtete Rumsfeld den Kongress, seine Regierung werde den Feldzug zur Terrorismusbek&auml;mpfung allein in Afghanistan bis mindestens Oktober 2003 weiterf&uuml;hren. Zugleich lehnte Rumsfeld jedoch die Unterst&uuml;tzung der USA f&uuml;r eine erweiterte UN-Friedenstruppe ab, weil &ndash; so der Verteidigungsminister w&ouml;rtlich: <i>&bdquo;eine US-Beteiligung finanziell wie personell auf Kosten der amerikanischen Kriegsanstrengungen gehen (w&uuml;rde).&ldquo;<\/i><\/p><p>Mit Beginn des Afghanistan-Krieges werteten der Wirtschaftswissenschaftler Marc W. Herold von der University of New Hampshire und sein Team akribisch s&auml;mtliche Berichte von Hilfsorganisationen und Journalisten in Afghanistan aus. Das Ergebnis war niederschmetternd &ndash; bereits bis Ende Juni 2002 waren etwa 3.500 zivile Kriegsopfer zu beklagen. Geradezu perfide sei es gewesen, w&auml;hrend der ersten Welle von Luftangriffen gegen Afghanistan schwere Bomben abgeworfen zu haben und sodann gelben Minen gelbe Nahrungsmittelpakete folgen zu lassen. Selig S. Harrison, Direktor des Nationalen Sicherheitsprogramms am regierungsunabh&auml;ngigen <i>Center for International Policy<\/i> in Washington, beschrieb die Wirkung dieser abgeworfenen CBU-87-Clusterbomben so:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die CBU-87 ist eine (&hellip;) &sbquo;Mutterbombe&rsquo;, die 202 Minibomben freisetzt, von denen jede an einem kleinen Fallschirm h&auml;ngt. Diese kleinen Bomben verteilen sich &uuml;ber eine Fl&auml;che, die zwei bis drei Fu&szlig;ballfeldern entspricht. Jeder B-1-Bomber kann drei&szlig;ig solcher CBU-87-Clusterbomben tragen. Bis Ende Januar 2002 hatte die US-Luftwaffe etwa 600 von ihnen &uuml;ber Afghanistan abgeworfen. Obwohl die Minibomben eigentlich bei der Landung explodieren sollen, kommt es in mindestens f&uuml;nf Prozent der F&auml;lle nicht dazu. Das bedeutet nach Einsch&auml;tzung von Experten, dass noch etwa 6.000 nicht explodierte Bomben in der Gegend herumliegen k&ouml;nnten, wo sie genauso gef&auml;hrlich sind wie Landminen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;<b>Wertlose Opfer&ldquo; &amp; &bdquo;ultra-wertvolle Opfer&ldquo;<\/b><\/p><p>Es waren tickende Zeitbomben, die auch nach den Bombenstopps ein normales Leben der afghanischen Zivilbev&ouml;lkerung zunichtemachten. Aus Furcht vor Explosionen mussten Felder brach liegen, Ernten blieben aus. Schlimmer noch: T&auml;glich wurden wahllos Menschen get&ouml;tet und verst&uuml;mmelt. Vor allem Kinder und Jugendliche, die unbedacht mit diesen teuflischen Minibomben in Ber&uuml;hrung kamen. Waren den USA <i>diese<\/i> Opfer gleichg&uuml;ltig? Offensichtlich ja; in einer vergleichbaren Situation &ndash; bei den Auswirkungen des Irak-Embargos n&auml;mlich &ndash; &auml;u&szlig;erte sich mit Madeleine Albright eine hochrangige Regierungsvertreterin zum Thema. Am 12. Mai 1996 fragte Moderatorin Lesley Stahl in der Fernsehshow <i>&sbquo;60 Minutes&rsquo;<\/i> Frau Albright:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir haben geh&ouml;rt, dass eine halbe Million Kinder wegen der Sanktionen gegen den Irak gestorben sind. Ich meine, das sind mehr Kinder, als in Hiroshima umkamen. Und &ndash; sagen Sie; ist es den Preis wert?&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Darauf erkl&auml;rte die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen und sp&auml;tere Au&szlig;enministerin:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich glaube, das ist eine sehr schwierige Entscheidung, aber der Preis? &ndash; Wir glauben, es ist den Preis wert.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dieser ungeheuerliche Satz wurde in den f&uuml;hrenden Medien der Vereinigten Staaten kaum zitiert. Es gab keinen Aufschrei, nicht einmal einen Einwand. Meinungs&auml;u&szlig;erungen wie die des emeritierten Wirtschaftswissenschaftlers Edward S. Herman waren eher selten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das zeigt die Arbeit eines souver&auml;nen Propaganda-Systems. Die US-Regierung findet, dass der Massentod von irakischen Kindern &sbquo;es wert&rsquo; ist. Die Medien lassen das Schicksal dieser &sbquo;wertlosen Opfer&rsquo; im schwarzen Loch verschwinden und erlauben dadurch die unbehinderte Fortf&uuml;hrung dieser Politik. Sind die Vereinigten Staaten selbst das Opfer des Terrorismus, tritt der umgekehrte Prozess in Kraft: Bei diesen &sbquo;ultra-wertvollen&rsquo; Opfern inszenieren die Medien deren Leiden und Tod ausf&uuml;hrlich und interessieren sich nicht f&uuml;r die tieferen Gr&uuml;nde, sondern nur daf&uuml;r, &sbquo;wer&rsquo; es getan hat.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Herman f&uuml;gte hinzu:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Unerm&uuml;dlich r&uuml;hren die Medienkonzerne die Kriegstrommel (&hellip;). Und sie werden Zeitungen verkaufen, ihre Quoten erh&ouml;hen, das &sbquo;nationale Interesse&rsquo; unterst&uuml;tzen, und den Rechten beweisen, dass sie echte Amerikaner sind.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dazu einige Kostproben aus den Medien wenige Tage nach dem 11. September. Im <i>Wall Street Journal<\/i> vom 9. Oktober 2001 schrieb der Wirtschaftshistoriker Paul Johnson in einem Leitartikel: &bdquo;Die Antwort auf Terrorismus? Kolonialismus!&ldquo;. Martin Wolf von der <i>Financial Times<\/i> forderte einen Tag sp&auml;ter: &bdquo;Es braucht einen neuen Imperialismus&ldquo;. In der <i>Washington Post<\/i> hie&szlig; es am 29. Oktober 2001:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn wir Afghanistan stabilisieren wollen, m&uuml;ssen wir unsere postkolonialen Institutionen &ndash; die UNO, die Weltbank, Hilfsagenturen wie das Rote Kreuz &ndash; mit neuer imperialer Energie aufladen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der damalige stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul D. Wolfowitz empfahl am 14. September 2001 in der <i>Washington Post<\/i> gar, &bdquo;ganze Staaten, die den Terrorismus f&ouml;rdern, auszul&ouml;schen!&ldquo;.<\/p><p>US-Pr&auml;sident George W. Bush, laut Verfassung gleichzeitig auch Oberbefehlshaber der Streitkr&auml;fte seines Landes, bezog nun auch den <i>&bdquo;first strike&ldquo;,<\/i> den &bdquo;Erstschlag&ldquo;, in die nach ihm benannte Doktrin ein. Offiziell verk&uuml;ndete er sie am 2. Juni 2002 in der renommierten US-Milit&auml;rakademie <i>West Point<\/i>. Vor etwa eintausend West-Point-Absolventen erkl&auml;rte der Pr&auml;sident in &uuml;berzeugtem Brustton:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Krieg gegen den Terror wird nicht in der Defensive gewonnen. Wir m&uuml;ssen die Schlacht auf dem Boden der Feinde f&uuml;hren, ihre Pl&auml;ne vereiteln und den schlimmsten Bedrohungen begegnen, bevor sie auftauchen. (&hellip;) Wir Amerikaner sind bereit, wo immer n&ouml;tig, mit Pr&auml;ventivschl&auml;gen unsere Freiheit und unser Leben zu verteidigen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>In West Point sprach Pr&auml;sident Bush auch von der Bereitschaft seines Landes, den &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; in bis zu 60 L&auml;ndern zu f&uuml;hren. Davon m&uuml;ssten sich einige, so Bush, auf &bdquo;Nachhilfeunterricht&ldquo; aus den USA einstellen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Einige L&auml;nder bed&uuml;rfen besonderer milit&auml;rischer Ausbildung, um den Terrorismus zu bek&auml;mpfen, und wir werden diese anbieten. Andere Staaten widersetzen sich dem Terror, aber sie tolerieren den Hass, der zu Terror f&uuml;hrt, und das muss sich &auml;ndern.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><b>Anmerkungen<\/b><\/p><p><i>Dieser Essay ist drei langj&auml;hrigen Freunden und warmherzigen Genossen gewidmet, die &ndash; leider zu fr&uuml;h verstorben &ndash; als Soziologen und Ethnologen u.a. zu den profundesten Kennern Afghanistans und Zentralasiens im deutschsprachigen Raum geh&ouml;rten: Prof. Dr. Christian Sigrist, Dr. Bernt Glatzer und Dr. Hermann-Josef Wald. Zeit ihres Lebens wandten sie sich gegen eine gewaltsame Intervention in Afghanistan und setzten sich aufgrund ihrer umfangreichen Feldforschungen vor Ort strikt f&uuml;r Zivilit&auml;t und ein vertieftes solidarisches deutsch-afghanisches Verst&auml;ndnis ein<\/i>.<\/p><p>Eine umfangreiche Liste mit wichtigen Quellen, Literaturhinweisen und weiterf&uuml;hrender Lekt&uuml;re finden Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/221021-R-Werning-NDS_Afghanistan-Text-in-2-Teilen_Quellen-als-DOC-FINAL.pdf\">in diesem PDF-Dokument<\/a>.<\/p><p>Titelbild: Lukas Gojda\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/343c982e5188460b80db360cbd77a89e\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Die in Opposition zum US-Kolonialismus Mitte 1898 gegr&uuml;ndete <i>Anti-Imperialist League of the United States of America <\/i>hatte etwa 30.000 Mitglieder. Ihre prominentesten Vertreter waren: Jane Addams (Sozialreformerin, Pazifistin, Friedensnobelpreistr&auml;gerin 1931), Carl Schurz (Politiker, Senator 1869-1875, US-Innenminister 1877-1881), Mark Twain (1835-1910), William James (Psychologe und Philosoph), Samuel Gompers (Gewerkschaftsf&uuml;hrer), Andrew Carnegie (Industrieller). Sie beriefen sich u.a. auf John Quincy Adams (US-Pr&auml;sident von 1825 bis 1829), der 1821 als <i>Secretary of State<\/i> (Au&szlig;enminister) die denkw&uuml;rdige Erkl&auml;rung abgegeben hatte:<i> &bdquo;&Uuml;berall, wo die Fahne der Freiheit und Unabh&auml;ngigkeit entrollt wurde, wird Amerikas Herz, ihr Segen und ihre Gebete sein. Aber sie geht nicht ins Ausland auf der Suche nach Ungeheuern, um diese zu vernichten (&hellip;) Die Grundmaximen ihrer Politik w&uuml;rden sich unmerklich von der Freiheit zur Gewalt wandeln (&hellip;) Sie k&ouml;nnte zur Diktatorin der Welt werden; sie w&auml;re nicht l&auml;nger mehr die Herrscherin ihres eigenen Geistes.&rdquo;<\/i> <i>(eigene &Uuml;bersetzung: RW) &ndash; <\/i>N&auml;heres siehe: <a href=\"https:\/\/hmongwiki.de\/wiki\/American_Anti-Imperialist_League\">hmongwiki.de\/wiki\/American_Anti-Imperialist_League<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Der vollst&auml;ndige Schlachtruf lautete <i>&bdquo;Remember the Maine, to Hell with Spain!&ldquo; &ndash; &bdquo;Erinnert Euch an die Maine, zur H&ouml;lle mit Spanien!&ldquo;<\/i> Der sogenannte &bdquo;Maine-Zwischenfall&ldquo; gab den USA jedenfalls den Anlass zum Krieg gegen Spanien. Je nach politischer Ausrichtung gab es seinerzeit in den USA, in Spanien und auf Kuba unterschiedliche Theorien f&uuml;r die Explosionsursache:<\/p>\n<ul>\n<li>Die <i>Maine<\/i> sei von den Spaniern torpediert worden, um die Kooperation zwischen der Unabh&auml;ngigkeitsbewegung und den USA zu st&ouml;ren.<\/li>\n<li>Die <i>Maine<\/i> sei von der kubanischen Unabh&auml;ngigkeitsbewegung torpediert worden, um die USA zu einem Krieg mit Spanien zu provozieren.<\/li>\n<li>Die <i>Maine<\/i> sei durch einen Heizkesselbrand, der auf das Munitionsdepot &uuml;bergriff, explodiert.<\/li>\n<li>Die <i>Maine<\/i> sei auf Befehl der US-Regierung gesprengt worden, um einen Vorwand f&uuml;r den Krieg mit Spanien zu haben.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Nach jetzigem Stand der Dinge war ein unentdeckter Schwelbrand in einem der Kohlenbunker, was schlie&szlig;lich zu einer spontanen Selbstentz&uuml;ndung der Kohle f&uuml;hrte, f&uuml;r die Katastrophe verantwortlich. Dieser Brand erhitzte den daneben liegenden Munitionsbunker derma&szlig;en stark, dass sich das dort lagernde Schwarzpulver entz&uuml;ndete und die dort ebenfalls deponierten Granaten zur Explosion brachte. &ndash; N&auml;heres siehe: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/USS_Maine_(ACR-1)\">de.wikipedia.org\/wiki\/USS_Maine_(ACR-1)<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] US-Senator Albert J. Beveridge on American Imperialism: <a href=\"https:\/\/wwnorton.com\/college\/history\/ralph\/workbook\/ralprs30.htm\">wwnorton.com\/college\/history\/ralph\/workbook\/ralprs30.htm<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Das <i>Krag-J&oslash;rgensen<\/i> war das zu der Zeit modernste Mehrladegewehr, das haupts&auml;chlich in Norwegen, D&auml;nemark und in den USA genutzt wurde &ndash; N&auml;heres siehe: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Krag-J%C3%B8rgensen\">de.wikipedia.org\/wiki\/Krag-J%C3%B8rgensen<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Offensichtlich wussten die sp&auml;teren NATO-Strategen um die Durchschlagskraft Pershings; Ende der 1970er Jahre diente der General als Namensgeber jener Raketen, die, zusammen mit Cruise Missiles, zur sogenannten &bdquo;Nachr&uuml;stung&ldquo; in Westeuropa disloziert wurden, um einer angeblichen Bedrohung seitens der Sowjetunion zu widerstehen. W&auml;hrend des Ersten Weltkriegs war Pershing Oberkommandierender des sogenannten US-Expeditionskorps in Europa.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Auf der Konferenz von Algeciras 1906 ging es u.a. um die Wahrung kolonialer Besitzanspr&uuml;che seitens Frankreichs und Spaniens und das Vereiteln deutscher Interessen in Nordwestafrika &ndash; N&auml;heres siehe: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Algeciras-Konferenz\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Algeciras-Konferenz<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><i>Not-wendige Betrachtungen &uuml;ber gedankenloses Gedenken und versch&uuml;ttete Erinnerungen im Sog imperialer Kriegslogiken von den Philippinen (1898) bis nach Afghanistan (2021)<\/i><br \/> Kein anderes Land hat den Lauf der Weltgeschichte in den vergangenen mehr als 100 Jahren so stark gepr&auml;gt wie die USA. Vor dem Hintergrund des gescheiterten Afghanistankrieges werden in dieser Artikelserie die imperialen Bestrebungen der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77252\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":77253,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,171,166,161],"tags":[351,1457,2871,1519,1106,2314,368,2986,2102,1426,2529,1620,1497,1268,1792,1564,304,2069,1485,1971,2205,826,1418,1791,1983,2147,564,2700,2664,3187,1556,357,2360],"class_list":["post-77252","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-militaereinsaetzekriege","category-terrorismus","category-wertedebatte","tag-afghanistan","tag-albright-madeleine","tag-antikommunismus","tag-atomwaffen","tag-bin-laden-osama","tag-bush-george-h-w","tag-bush-george-w","tag-exzeptionalismus","tag-geostrategie","tag-hegemonie","tag-imperialismus","tag-indonesien","tag-japan","tag-kalter-krieg","tag-kolonialismus","tag-krieg-gegen-den-terror","tag-kriegsverbrechen","tag-militaerstuetzpunkte","tag-nordkorea","tag-philippinen","tag-praeventivkrieg","tag-rassismus","tag-regime-change","tag-rumsfeld-donald","tag-suedkorea","tag-sowjetunion","tag-spanien","tag-systemkonkurrenz","tag-truppenabzug","tag-twain-mark","tag-usa","tag-vietnam","tag-zivile-opfer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/shutterstock_589791074.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/77252","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=77252"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/77252\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":77361,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/77252\/revisions\/77361"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/77253"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=77252"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=77252"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=77252"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}