{"id":77397,"date":"2021-10-28T09:10:29","date_gmt":"2021-10-28T07:10:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77397"},"modified":"2021-10-28T16:58:52","modified_gmt":"2021-10-28T14:58:52","slug":"wollt-ihr-denn-nur-noch-weicheier-sein-die-sensible-gesellschaft-und-ihre-dialektik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77397","title":{"rendered":"Wollt ihr denn nur noch Weicheier sein? Die sensible Gesellschaft und ihre Dialektik"},"content":{"rendered":"<p>Mehr denn je ist unsere Gesellschaft damit besch&auml;ftigt, das Limit des Zumutbaren neu zu justieren: Welche Begriffe darf man heute noch verwenden und welche nicht? M&uuml;ssen alte Klassiker sprachlich &bdquo;ges&auml;ubert&ldquo; werden, damit sich niemand verletzt f&uuml;hlt? Ab wann ist eine Ber&uuml;hrung eine Bel&auml;stigung? Diese und &auml;hnliche Fragen spalten die Gesellschaft zunehmend und haben bereits zu einem Verlust an demokratischer Debattenkultur gef&uuml;hrt: Viele Menschen haben inzwischen Angst davor, ihre Meinung zu &auml;u&szlig;ern und sind sehr vorsichtig geworden. Die promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins, <b>Svenja Fla&szlig;p&ouml;hler,<\/b> besch&auml;ftigt sich deshalb in ihrem neuen Buch (&bdquo;Sensibel. &Uuml;ber moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren&ldquo;) mit der Dialektik der Sensibilit&auml;t. Sie versucht einen Weg zu finden, wie man zu einem angemessenen Verh&auml;ltnis von gesellschaftlicher Sensibilit&auml;t und individueller Widerstandskraft im Sinne von Robustheit finden kann. Unser Autor <b>Udo Brandes<\/b> hat es bereits f&uuml;r die NachDenkSeiten gelesen und stellt es vor.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4631\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-77397-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211028-Wollt-ihr-denn-nur-noch-Weicheier-sein-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211028-Wollt-ihr-denn-nur-noch-Weicheier-sein-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211028-Wollt-ihr-denn-nur-noch-Weicheier-sein-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211028-Wollt-ihr-denn-nur-noch-Weicheier-sein-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=77397-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211028-Wollt-ihr-denn-nur-noch-Weicheier-sein-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"211028-Wollt-ihr-denn-nur-noch-Weicheier-sein-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Mit Bezug auf Norbert Elias&rsquo; zweib&auml;ndiges Werk &bdquo;Der Prozess der Zivilisation&ldquo; macht Fla&szlig;p&ouml;hler sehr sch&ouml;n anschaulich deutlich, wie m&uuml;hselig f&uuml;r uns Menschen das Zivilisiert-Sein eigentlich sein muss, auch wenn es uns nicht bewusst ist. Daf&uuml;r schildert sie einen Ritter, der im 11. Jahrhundert lebte, und vergleicht dessen Lebensweise mit der eines modernen, verheirateten Akademikers mit seiner Familie in einer Gro&szlig;stadt. Hier ein kleiner Ausschnitt. Den fiktiven Ritter nennt sie &bdquo;Johan&ldquo;:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Johan pl&uuml;ndert Kirchen, vergewaltigt, qu&auml;lt Witwen und Waisen, verst&uuml;mmelt seine Opfer. Einmal hat er in einem Kloster hundertf&uuml;nfzig M&auml;nnern und Frauen die H&auml;nde abgeschnitten und die Augen ausgequetscht. Christiane (seine Frau; UB) ist &uuml;brigens nicht zimperlicher als ihr Mann, im Gegenteil. Niederstehenden Frauen l&auml;sst sie die Br&uuml;ste abschneiden oder die N&auml;gel ausrei&szlig;en. Die eigene Gewaltbereitschaft ist f&uuml;r Johan lebenswichtig und lustbesetzt. Herrscht gerade kein Krieg, k&auml;mpft Johan in Turnieren, die nicht weniger brutal verlaufen. Wer die &sbquo;Entz&uuml;ckung&lsquo; des T&ouml;tens nicht kennt, stirbt schnell&ldquo; (S. 33).<\/p><\/blockquote><p>Und jetzt ein kleiner Ausschnitt aus dem Kontrastprogramm, dem modernen Akademikerhaushalt von heute. Der Protagonist hei&szlig;t hier Jan:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Jan wurde, als er selbst klein war, kein einziges Mal geschlagen. Nie k&auml;me es ihm in den Sinn, Hand anzulegen, auch bei seinen Kindern setzt er selbstverst&auml;ndlich auf die Kraft von Zuwendung und Diskurs. Er nimmt sich Zeit f&uuml;r sie, schmust und spricht ausf&uuml;hrlich mit ihnen, f&uuml;hlt sich ein in ihre Welt. Wenn er seiner sechsj&auml;hrigen Tochter &sbquo;Pipi Langstrumpf&lsquo; vorliest (die Ausgabe stammt noch aus seiner eigenen Kindheit), l&auml;sst er das &sbquo;N-Wort&lsquo; weg und sagt stattdessen &sbquo;S&uuml;dseek&ouml;nig&rsquo;, damit sein Kind die Bezeichnung, mit der schwarze Menschen jahrhundertelang herabgew&uuml;rdigt wurden und immer noch werden, gar nicht erst in ihren Wortschatz &uuml;bernimmt. (&hellip;) Er kocht gern, und aus ethischen Gr&uuml;nden, nur vegetarisch. Tiere seien leidensf&auml;hige Wesen, die einen tiefen, dr&auml;ngenden Lebenswillen in sich tr&uuml;gen: Welchen anderen Schluss als den Verzicht lasse dieser Tatbestand zu, so Jan, wenn Freunde ihn auf seinen Vegetarismus ansprechen&ldquo; (S. 34).<\/p><\/blockquote><p><b>Feinf&uuml;hligkeit bedeutet immer auch Zwang &ndash; gegen das eigene Selbst<\/b><\/p><p>Beide Portr&auml;ts, die im Buch deutlich l&auml;nger sind, machen eines sehr sch&ouml;n anschaulich: Der moderne zivilisierte Mensch muss im Laufe seiner Sozialisation ein enormes Ausma&szlig; an Affektregulierung lernen und verinnerlichen. Mit anderen Worten: Sensibilit&auml;t hat einen Preis: Den verinnerlichten Zwang, die eigenen Affekte zu unterdr&uuml;cken. Fla&szlig;p&ouml;hler formuliert das so:<\/p><blockquote><p>&bdquo;An die Stelle der &auml;u&szlig;eren Gewalt tritt im Zuge der Zivilisationsgeschichte in immer st&auml;rkerem Ma&szlig;e eine innere: das peinigende, einzw&auml;ngende Gewissen&ldquo; (S.104).<\/p><\/blockquote><p>Aber funktioniert das Gewissen reibungslos? K&ouml;nnen wir ohne Probleme unsere Affekte regulieren?<\/p><p><b>Freuds Triebtheorie oder warum man das B&ouml;se nicht ausrotten kann<\/b><\/p><p>Ein wichtiger &ndash; und wie ich finde &uuml;berzeugender &ndash; Baustein in Fla&szlig;p&ouml;hlers Argumentation ist die Freudsche Triebtheorie. Dazu zitiert sie aus Freuds Schrift &bdquo;Zeitgem&auml;&szlig;es &uuml;ber Krieg und Tod&ldquo;, die er unter dem Eindruck des 1. Weltkrieges und der zu Beginn des Krieges zu beobachtenden Kriegsbegeisterung geschrieben hat. Freud fragt darin, warum der zivilisatorische Fortschritt einen solchen Krieg zulasse, und kommt zu dem Ergebnis, dass die Ausrottung des B&ouml;sen eine Illusion ist. Fla&szlig;p&ouml;hler schreibt dazu:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Das verheerende Problem liegt nun f&uuml;r Freud nicht in der negativen Bewertung unserer &sbquo;Triebveranlagung&lsquo; als solcher &ndash; wie sollte sonst Kultur entstehen? &ndash; sondern darin, dass die im modernen Menschen noch wohnende &sbquo;Gef&uuml;hlsambivalenz&lsquo; nicht gesehen und anerkannt wird. &sbquo;Starkes Lieben und starkes Hassen&lsquo;, so zeige sich in seiner Arbeit, seien in der Regel in ein und demselben Menschen vereint, und alles h&auml;nge davon ab, ob und in welcher Weise die verp&ouml;nte Seite verarbeitet, die Triebveranlagung des Menschen gebunden, &uuml;bersetzt, aufgefangen wird. Um so fataler ist es aus Freuds Sicht, dass die &sbquo;Kulturgesellschaft (&hellip;) die gute Handlung fordert und sich um die Triebbegr&uuml;ndung derselben nicht k&uuml;mmert&rsquo;, sogar bestrebt ist, die &sbquo;sittlichen Anforderungen m&ouml;glichst hoch zu spannen&lsquo;. Auf diese Weise erkl&auml;rten sich nicht nur die zahlreichen neurotischen Pathologien, sondern &ndash; und hier kommen wir auf den Krieg zur&uuml;ck &ndash; man erziehe den Menschen zu reinem Kulturgehorsam, der &auml;u&szlig;erst fragil sei&ldquo; (S. 96).<\/p><\/blockquote><p>Mit anderen Worten: Auch die &bdquo;Gutmenschen&ldquo; k&ouml;nnen ihre aggressiven Triebe oder &bdquo;das B&ouml;se in sich&ldquo; nicht komplett ausl&ouml;schen. Und genau deshalb ist es auf der politischen Ebene eine ausgesprochen destruktive Herangehensweise, die Staaten des politischen Westens grunds&auml;tzlich als die Guten zu betrachten, und Staaten wie Russland, China und andere Staaten mit autorit&auml;ren Regimen grunds&auml;tzlich als die B&ouml;sen. Und hier, das ist jetzt meine Schlussfolgerung (Fla&szlig;p&ouml;hler denkt wohl auch in diese Richtung, deutet dies auf S. 95 unten aber nur sehr vorsichtig an), liegt auch der Grund daf&uuml;r, warum den in ihrem Selbstbild so guten, vern&uuml;nftigen und sensiblen Gr&uuml;nen oft so viel Feindseligkeit entgegenschl&auml;gt: Es ist eine Reaktion auf deren eigene Feindseligkeit und Aggression, die stets mit einer moralisierenden Selbstgerechtigkeit kombiniert ist &ndash; und sie blind macht f&uuml;r ihre eigene Feindseligkeit und lustvolle Aggression. Diese Aggression dr&uuml;ckt sich zum Beispiel in einem inquisitorischen Verfolgungsdrang gegen&uuml;ber &bdquo;politisch Unkorrekten&ldquo; aus, die auch vor den eigenen Mitgliedern nicht Halt macht. So musste sich zum Beispiel die Spitzenkandidatin der Berliner Gr&uuml;nen umgehend einem Entschuldigungsritual unterziehen, als sie auf einem Parteitag spontan auf eine Frage zu ihrer Biografie geantwortet hatte, dass sie auch als Kind schon gerne die Rolle des Indianerh&auml;uptlings eingenommen habe. F&uuml;r die Normalos unter den Lesern: &bdquo;Indianer&ldquo; ist in gr&uuml;nen Kreisen ein furchtbar b&ouml;ses Wort, das man nicht in den Mund nehmen kann, ohne sich selbst mit Bosheit und moralischer Verwerflichkeit zu infizieren. Ein anderes Beispiel: Die Gr&uuml;nen, bei ihrer Gr&uuml;ndung noch explizite Pazifisten, sind derzeit au&szlig;enpolitisch die nach meinem Eindruck militaristischste und aggressivste Partei im Deutschen Bundestag. Und das wird nat&uuml;rlich gelabelt als &bdquo;Kampf f&uuml;r Menschenrechte, Demokratie und Freiheit&ldquo;. Ohne dass ich das jetzt im Detail gepr&uuml;ft habe, wage ich die These, dass selbst die rechtsradikale AFD au&szlig;enpolitisch friedfertiger ist, als es die Gr&uuml;nen sind.<\/p><p><b>Aggression ist eine f&uuml;r das Leben notwendige psychische Struktur<\/b><\/p><p>Fla&szlig;p&ouml;hler zieht aus den zitierten &Uuml;berlegungen von Freud (und au&szlig;erdem Ernst J&uuml;ngers &bdquo;Essay &uuml;ber den Schmerz&ldquo;) die Schlussfolgerung, dass der Unterdr&uuml;ckung der aggressiven Triebe des Menschen &ndash; im Interesse einer sensibleren und gerechteren Gesellschaft &ndash; eine Dialektik innewohnt, die zum gegenteiligen Ergebnis f&uuml;hren kann. Und vor allem: Dass es nicht m&ouml;glich ist, jeglichen Schmerz aus dem Leben zu verdr&auml;ngen. Und dass dies nicht nur nicht m&ouml;glich ist, sondern auch ein gutes Leben verhindert, weil zu viel Sensibilit&auml;t und Sicherheitsstreben unsere Vitalit&auml;t zerst&ouml;rt. Denn den archaischen Triebkr&auml;ften wohne auch eine F&auml;higkeit zur Resilienz inne, wie Fla&szlig;p&ouml;hler mit Blick auf Kriegsopfer formuliert:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Es braucht mitunter lange, bis ein Mensch begreift, was ihm widerfahren ist. Doch: Er hat &uuml;berlebt. Etwas in ihm hat ihn nicht sterben lassen. Diese aus der Todesangst geborene Kraft entbindet sich unbewusst im Moment der Gewalt. Sie entspringt ebenjenem unb&auml;ndigen, urgeschichtlichen, unbewussten Lebensdrang (&hellip;). Ein Antrieb, der den Menschen &uuml;ber sich hinaushebt, ohne dass er selbst sich intentional dazu entschlie&szlig;en k&ouml;nnte. (&hellip;) Sie geschieht dem Subjekt vom Triebgrund her. Diese Kraft ist es, die das Opfer im entscheidenden Moment gerettet hat&ldquo; (S. 119-120).<\/p><\/blockquote><p>Und diese Kraft erm&ouml;gliche es auch,<\/p><blockquote><p>&bdquo;die lebensbedrohliche, existentielle Krise zu bew&auml;ltigen, gar gest&auml;rkt aus ihr hervorzugehen&ldquo; (S. 120).<\/p><\/blockquote><p>In meinen Worten ausgedr&uuml;ckt: Aggression ist nicht per se etwas Schlechtes, sondern im Gegenteil eine f&uuml;r das Leben notwendige psychische Struktur: Um sich wehren zu k&ouml;nnen, um kein hilfloses Opfer zu werden, aber auch um ganz banale Aufgaben des allt&auml;glichen Lebens zu bew&auml;ltigen, um etwas &bdquo;in Angriff zu nehmen&ldquo; (eine der Bedeutungen des lateinischen Wortes &bdquo;aggredere&ldquo;, von dem das Wort Aggression abgeleitet ist), wie etwa die Suche nach einer neuen Wohnung. Und deshalb ist es falsch, Aggression aus dem Leben verbannen zu wollen. Denn es ist gar nicht m&ouml;glich. Sie ist ein Teil der menschlichen Seele, wie das Herz ein unverzichtbarer Teil des Organismus. Und w&auml;re das Leben nicht furchtbar schal, wenn wir alle nur noch lieb zueinander w&auml;ren, und es nicht einmal mehr die sublimierten und zivilisierten Formen der Aggression, wie zum Beispiel Ironie, Polemik, Spott oder derbe Sprache g&auml;be?<\/p><p>Wichtig ist es vielmehr, sich der eigenen aggressiven Triebe bewusst zu sein und sie in konstruktive Bahnen zu lenken. Wer sie aber leugnet und an sich selbst nur noch das Gute und moralisch Reine sehen will, der wird eines Tages von seinen verleugneten aggressiven Trieben eingeholt und beherrscht werden. So wie es der Film &bdquo;Falling Down &ndash; ein ganz normaler Tag&ldquo; zeigt. Michael Douglas spielt darin einen &uuml;berangepassten Kleinb&uuml;rger, dem ein doppeltes Ungl&uuml;ck widerfahren ist: Er verlor seine Anstellung und seine Frau hat ihn verlassen. Aus dem &uuml;berangepassten Kleinb&uuml;rger wird dadurch schlie&szlig;lich ein vor Aggression &uuml;bersch&auml;umender Gewaltt&auml;ter, der bei den kleinsten Anl&auml;ssen explodiert und schlie&szlig;lich zum M&ouml;rder wird und dann selbst von der Polizei erschossen wird. Sein aggressiver Schatten, den er in seiner &Uuml;beranpassung stets unterdr&uuml;ckt hatte, ist eben durch dieses &Uuml;berma&szlig; an Anpassung (= Aggressionsunterdr&uuml;ckung) nicht mehr zu b&auml;ndigen gewesen.<\/p><p><b>Fla&szlig;p&ouml;hlers Schlussfolgerung<\/b><\/p><p>Fla&szlig;p&ouml;hlers Schlussfolgerung aus ihrer Reflektion diverser psychologischer, soziologischer und philosophischer Autoren ist, dass Empathie keineswegs nur einseitig positiv zu sehen ist:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Es ist richtig und wichtig, das Leiden Betroffener nachzuempfinden, mit ihnen mitzuf&uuml;hlen. Nur so erf&auml;hrt erlittenes Unrecht Anerkennung. Nur so gibt es die Chance auf Gerechtigkeit. Doch ist die reine Empfindung noch keine Moral. Nichts kann von der Notwendigkeit des Urteils und der damit einhergehenden Distanzierung entbinden. Denn nicht alles, was nachempfunden werden kann, verdient Solidarit&auml;t und Anerkennung. Als Gef&uuml;hl birgt die Empathie selbst tiefe Abgr&uuml;nde. Ihre dunkle Seite ist der Lustgewinn, der sich aus fremden Leid ziehen l&auml;sst. Diese Seite zeigt sich auch dann, wenn man Menschen regelrecht in Opferpositionen gefangen h&auml;lt. Etwa, indem man paternalistisch f&uuml;r andere spricht, sich sch&uuml;tzend vor sie stellt und an ihrer statt sagt, welche Begriffe sie diskriminieren. Oder indem man Frauen auf hilflose Wesen reduziert&ldquo; (S. 90-91).<\/p><\/blockquote><p>Und ganz am Schluss ihres Buches schreibt sie res&uuml;mierend:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Wird die Sensibilit&auml;t verabsolutiert, f&uuml;hrt sie zu einem problematischen Menschenbild. Wenn W&ouml;rter mit Verletzungsrisiko weitr&auml;umig zu umgehen respektive vollkommen kontextunabh&auml;ngig zu tilgen sind; wenn Ausstellungen, in denen Motive mit negativem Assoziationspotenzial zu sehen w&auml;ren, nicht stattfinden k&ouml;nnen; wenn Menschen ihre Arbeit verlieren, wenn sie sich angeblich verletzend ge&auml;u&szlig;ert haben, dann sind Freiheit und Autonomie in Gefahr. &Uuml;berspitzt formuliert: Der Mensch droht zu einer offenen Wunde zu werden, die vor jedem Infektionsrisiko zu sch&uuml;tzen ist. Der Ruf nach institutioneller und staatlicher Kontrolle wird entsprechend lauter. Damit w&auml;re das andere Extrem des Unzumutbaren benannt: Dem ingoranten, reaktion&auml;ren Political-Correctness-Polemiker auf der einen Seite entspricht auf der anderen ein sensibles Selbst, das allen Schutz von der Welt erwartet, von sich selbst hingegen: nichts&ldquo; (S. 212).<\/p><\/blockquote><p><b>Res&uuml;mee<\/b><\/p><p>Fla&szlig;p&ouml;hlers Buch umfasst noch sehr viele andere Aspekte, Theorien und Argumente, die ich im Rahmen dieser Besprechung nicht alle erw&auml;hnen kann. Sie hat aus meiner Sicht ein sehr lesenswertes Buch geschrieben, aber zwei Einw&auml;nde habe ich doch. Erstens: Wenn man ihr Werk mit dem Buch &bdquo;Erwachsenensprache&ldquo; des &ouml;sterreichischen Philosophen Robert Pfaller vergleicht, dann f&auml;llt auf, dass man bei Robert Pfaller klare Positionierungen, Urteile und Botschaften zu lesen bekommt. Das habe ich in einigen Kapiteln von Fla&szlig;p&ouml;hlers Buch vermisst. Ich war bei der Lekt&uuml;re ab und zu frustriert, weil man ihren Standpunkt nicht so recht fassen konnte. Da h&auml;tte ich mir gew&uuml;nscht, sie h&auml;tte &ouml;fter ganz klar Position bezogen. Mein zweiter Einwand: Sie hinterfragt die Motive der Politischen Korrektheitsbewegung nicht. Mit anderen Worten: Sie nimmt deren Motive ernst, unterstellt den Politisch Korrekten also integre Motive. Aber, ob bewusst oder unbewusst: Dies kann, muss aber durchaus nicht der Fall sein. Dahinter steckt m. E. ebenso Narzissmus und das Bed&uuml;rfnis nach Selbsterh&ouml;hung, eine Klassenideologie, eine Machtstrategie und ein Gesch&auml;ftsmodell. Denn mit Politischer Korrektheit kann man heutzutage auch viel Geld verdienen. Viele Unternehmen engagieren inzwischen Antirassismusberater und schulen ihre Mitarbeiter in sensibler Sprache. Und Politische Korrektheit ist auch ein Machtinstrument. Allerdings tut dieser Einwand der Qualit&auml;t des Buches von Svenja Fla&szlig;p&ouml;hler keinerlei Abbruch. Sie hatte eben ein anderes Erkenntnisinteresse und wollte die Frage moderner Empfindlichkeit mehr aus deren Eigenlogik betrachten. Insgesamt betrachtet war ihr Buch eine interessante Lekt&uuml;re. Ich kann es deshalb empfehlen. W&auml;re dies eine Amazonrezension, w&uuml;rde ich wegen der genannten Einw&auml;nde aber nur 4 von 5 m&ouml;glichen Sternen vergeben.<\/p><p><b>Svenja Fla&szlig;p&ouml;hler: Sensibel. &Uuml;ber moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren, Klett-Cotta 2021, 240 Seiten, 20 Euro.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehr denn je ist unsere Gesellschaft damit besch&auml;ftigt, das Limit des Zumutbaren neu zu justieren: Welche Begriffe darf man heute noch verwenden und welche nicht? M&uuml;ssen alte Klassiker sprachlich &bdquo;ges&auml;ubert&ldquo; werden, damit sich niemand verletzt f&uuml;hlt? 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