{"id":77445,"date":"2021-10-29T11:13:02","date_gmt":"2021-10-29T09:13:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77445"},"modified":"2021-11-05T10:08:28","modified_gmt":"2021-11-05T09:08:28","slug":"buergergeld-der-zweite-arbeits-und-sozialpolitische-suendenfall-von-spd-und-gruenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77445","title":{"rendered":"B\u00fcrgergeld \u2013 der zweite arbeits- und sozialpolitische S\u00fcndenfall von SPD und Gr\u00fcnen"},"content":{"rendered":"<p>Hartz IV soll schon bald Geschichte sein. So t&ouml;nt es vollmundig aus den Kreisen der Koalitionsverhandlungen der Ampel-Parteien. Stattdessen soll k&uuml;nftig ein sogenanntes B&uuml;rgergeld die Grundsicherung gew&auml;hrleisten. Die alten Sanktionen bleiben wohl erhalten. Was sich jedoch laut des <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77138\">Sondierungspapiers<\/a> &auml;ndern wird, sind die Zuverdienstm&ouml;glichkeiten. Wer die Grundsicherung vom Staat bekommt, soll k&uuml;nftig mehr Geld hinzuverdienen d&uuml;rfen, ohne dass er hohe Abz&uuml;ge zu bef&uuml;rchten hat. Das klingt aber nur auf den ersten Blick sozial. Das B&uuml;rgergeld droht vielmehr eine Neuauflage des Kombilohn-Modells zu werden, bei dem der Staat und somit der Steuerzahler Unternehmen subventioniert, die Niedrigl&ouml;hne zahlen und sich aus der Sozialversicherung stehlen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6563\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-77445-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211029_Buergergeld_der_zweite_arbeits_und_sozialpolitische_Suendenfall_von_SPD_und_Gruenen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211029_Buergergeld_der_zweite_arbeits_und_sozialpolitische_Suendenfall_von_SPD_und_Gruenen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211029_Buergergeld_der_zweite_arbeits_und_sozialpolitische_Suendenfall_von_SPD_und_Gruenen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211029_Buergergeld_der_zweite_arbeits_und_sozialpolitische_Suendenfall_von_SPD_und_Gruenen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=77445-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211029_Buergergeld_der_zweite_arbeits_und_sozialpolitische_Suendenfall_von_SPD_und_Gruenen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"211029_Buergergeld_der_zweite_arbeits_und_sozialpolitische_Suendenfall_von_SPD_und_Gruenen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40718\">Der Niedriglohnsektor in Deutschland ist nicht vom Himmel gefallen<\/a>. Er war vielmehr die Zielsetzung der Agenda-Politik der rot-gr&uuml;nen Regierungskoalition unter Gerhard Schr&ouml;der. Dieser bekannte 2005 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos <a href=\"http:\/\/gewerkschaft-von-unten.de\/Rede_Davos.pdf\">voller Stolz<\/a>: &bdquo;Wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt.&ldquo; Und das stimmt auch, wobei sich das Attribut &bdquo;der beste&ldquo; nat&uuml;rlich &ndash; wie bei Gerhard Schr&ouml;der auch nicht anders zu erwarten &ndash; nicht auf die Arbeitnehmer-, sondern auf die Arbeitgeberperspektive bezieht. Denn es ist gar nicht so einfach, in einem Land mit relativ hohen Lebenshaltungskosten einen Lohnsektor zu etablieren, bei dem die Eink&uuml;nfte aus der Arbeit nicht zum Leben ausreichen.<\/p><p>Eines der Kernelemente f&uuml;r die Rahmenbedingungen dieses Niedriglohnsektors ist die staatliche Subventionierung von schlecht bezahlten T&auml;tigkeiten. Diese Subventionierung funktioniert vor allem durch einen &bdquo;Lohnzuschuss&ldquo;, den im Hartz-IV-Modell die sogenannten Aufstockungen darstellen. Vereinfacht: Wer trotz seiner regul&auml;ren Arbeit am Ende des Monats nicht &uuml;ber das Existenzminimum kommt, kann sein Einkommen durch Hartz-IV-Leistungen aufstocken lassen. Somit bezahlt die Gemeinschaft die Differenz zwischen (Niedrig-)Lohn und Existenzminimum &ndash; eine Summe, die in einer wirklich sozialen Marktwirtschaft der Arbeitgeber bezahlen m&uuml;sste. <\/p><p>Mit einem funktionierenden Markt hat dies nichts zu tun. W&uuml;rde der Arbeitsmarkt auch in den unteren Lohnklassen funktionieren, h&auml;tte der Anbieter von Arbeitskraft die M&ouml;glichkeit, einen zu schlechten Preis (also hier: Lohn) abzulehnen. Das ist im Hartz-System durch die Androhung von Sanktionen nicht m&ouml;glich. Der Arbeitnehmer wird also dazu gezwungen, einen &ndash; wie &Ouml;konomen sagen &ndash; &bdquo;falschen&ldquo; Preis zu akzeptieren. Und die Allgemeinheit sorgt &uuml;ber die &bdquo;Aufstockung&ldquo; daf&uuml;r, dass er dies zumindest auf allerniedrigstem Niveau auch kann. Mit Solidarit&auml;t hat das aus dieser Perspektive nicht viel zu tun. K&ouml;nnte der Arbeitnehmer seine Miete oder seine Nahrungsmittel nicht mehr bezahlen, w&uuml;rde er obdachlos werden oder w&uuml;rde verhungern und st&uuml;nde dem Niedriglohnsektor nicht mehr zur Verf&uuml;gung. K&ouml;nnte er sich sein Auto oder das Ticket f&uuml;r Bus und Bahn nicht mehr leisten, k&auml;me er nicht mehr zum Arbeitsplatz. Der Arbeitgeber hat also aus &ouml;konomischer Perspektive gro&szlig;es Interesse daran, dass seine Besch&auml;ftigten im Niedriglohnsektor nicht unter das Existenzminimum fallen. Man sollte diese &ouml;konomische Perspektive &uuml;brigens nicht mit Zynismus verwechseln. Genau so argumentiert die neoliberale Schule der Volkswirtschaft.<\/p><p>Ein weiterer Effekt der Deregulierung des Arbeitsmarktes durch die Agenda-Politik war (und ist) die Flucht aus der Sozialversicherung. Wer nur in einem &bdquo;geringf&uuml;gigen&ldquo; Ma&szlig; arbeitet, zahlt auch keine Sozialabgaben f&uuml;r die Krankenversicherung, die Rente oder die Arbeitslosenversicherung. Der Arbeitnehmer hat zwar dann mehr Netto vom Brutto, wie es ein alter Wahlkampfschlager der FDP so sch&ouml;n forderte, aber der eigentliche Profiteur dieser Umgehung der Sozialsysteme ist nat&uuml;rlich der Arbeitgeber, da er ebenfalls keine Beitr&auml;ge f&uuml;r die Sozialsysteme abf&uuml;hren muss. Das sind die ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigten &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo;, die ebenfalls mal ein Wahlkampfschlager waren. Auch dies sollte man aus der Arbeitgebersicht betrachten, um den eigentlichen Sinn dahinter zu verstehen: Wenn ein Supermarkt einen vollzeitt&auml;tigen Verk&auml;ufer zum Mindestlohn besch&auml;ftigt, muss der Arbeitgeber f&uuml;r diese Arbeitskraft die vollen Sozialbeitr&auml;ge zahlen. Besch&auml;ftigt er stattdessen drei oder vier Teilzeitverk&auml;ufer auf Minijob-Basis kommt er um diese Kosten herum. Die Folge f&uuml;r die Gesellschaft: Immer mehr Menschen werden aus einem &bdquo;echten&ldquo; sozialversicherungspflichten Vollzeitjob herausgedr&auml;ngt, bei dem der Arbeitgeber sich parit&auml;tisch an der Finanzierung des Sozialsystems beteiligt. <\/p><p>Summa summarum bilden also die Hartz-Gesetze kombiniert mit den M&ouml;glichkeiten zur Schaffung nicht-sozialversicherungspflichtiger Arbeitsverh&auml;ltnisse genau die Rahmenbedingungen, unter denen laut Gerhard Schr&ouml;der &bdquo;Europas bester Niedriglohnsektor&ldquo; entstehen konnte. Und die Gemeinschaft subventioniert dies &uuml;ber ihre Steuern und &uuml;ber die Sozialsysteme.<\/p><p>Wenn einem diese Zusammenh&auml;nge klar sind, wird man sicher auch die nun debattierten &bdquo;Zuverdienstm&ouml;glichkeiten&ldquo; anders bewerten. Diese sind n&auml;mlich keine soziale Gro&szlig;tat, sondern stellen vielmehr eine Ausweitung der Subventionierung f&uuml;r schlechtbezahlte T&auml;tigkeiten au&szlig;erhalb der Sozialsysteme dar. Wenn ein B&uuml;rgergeld-Empf&auml;nger beispielsweise ohne Abz&uuml;ge 500 Euro im Monat hinzuverdienen d&uuml;rfte, w&auml;re dies allen voran eine gute Nachricht f&uuml;r die Arbeitgeber.<\/p><p>Warum sollte der Supermarktbetreiber dann &uuml;berhaupt noch sozialversicherungspflichtige Vollzeitmitarbeiter einstellen? Es ist doch betriebswirtschaftlich viel g&uuml;nstiger, stattdessen B&uuml;rgergeld-Empf&auml;nger auf 500-Euro-Basis zu besch&auml;ftigen. Die k&ouml;nnen dank des B&uuml;rgergelds ja ihre Miete zahlen und verhungern nicht und 500 Euro zus&auml;tzlich auf die Hand &ndash; es fallen ja weder Steuern noch Sozialabgaben an &ndash; reichen dann auch f&uuml;r ein Leben auf einem immer noch niedrigen, aber immerhin &uuml;ber dem heutigen Hartz-IV-Niveau angesiedelten Leben. <\/p><p>Ist das B&uuml;rgergeld plus Zuverdienstm&ouml;glichkeiten also letztlich doch gar nicht so schlecht f&uuml;r die Betroffenen? Nein! Denn die Alternative zu B&uuml;rgergeld plus Zuverdienst ist in diesem Falle ja nicht die Grundsicherung, sondern ein regul&auml;rer Job plus Sozialversicherung. Die Arbeit muss ja schlie&szlig;lich getan werden und wenn es dem Supermarktbetreiber nicht m&ouml;glich ist, durch die angebotenen Deregulierungen sozialversicherungspflichtige Arbeitsverh&auml;ltnisse zu umgehen, macht er den Supermarkt ja nicht dicht, sondern muss wohl oder &uuml;bel regul&auml;re Arbeitskr&auml;fte einstellen und Sozialabgaben zahlen. Das dr&uuml;ckt den Gewinn. F&uuml;r den B&uuml;rgergeldempf&auml;nger hei&szlig;t dies jedoch, dass er ohne dieses Instrument eher einen regul&auml;ren sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz h&auml;tte und mit der Zeit auch Rentenanspr&uuml;che aufbauen kann. Ein B&uuml;rgergeld mit Zuverdienstm&ouml;glichkeiten versperrt diesen Weg.<\/p><p>Letztlich stellt ein B&uuml;rgergeld mit Zuverdienstm&ouml;glichkeiten somit das klassische Kombilohn-Modell dar &ndash; ein Modell, bei dem der Staat &uuml;ber Transferleistungen niedrig bezahlte Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse subventioniert. Das ist FDP pur. SPD und Gr&uuml;ne stehen somit vor dem zweiten arbeits- und sozialpolitischen &bdquo;S&uuml;ndenfall&ldquo; in ihrer Geschichte. <\/p><p>Titelbild: Benedek Alpar\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/f18d29297a5c4edab6a28cd674fbce4f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hartz IV soll schon bald Geschichte sein. So t&ouml;nt es vollmundig aus den Kreisen der Koalitionsverhandlungen der Ampel-Parteien. Stattdessen soll k&uuml;nftig ein sogenanntes B&uuml;rgergeld die Grundsicherung gew&auml;hrleisten. Die alten Sanktionen bleiben wohl erhalten. Was sich jedoch laut des <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77138\">Sondierungspapiers<\/a> &auml;ndern wird, sind die Zuverdienstm&ouml;glichkeiten. 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