{"id":77483,"date":"2021-10-29T16:00:18","date_gmt":"2021-10-29T14:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77483"},"modified":"2021-10-29T16:25:56","modified_gmt":"2021-10-29T14:25:56","slug":"zweiter-und-letzter-tag-der-assange-berufungsanhoerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77483","title":{"rendered":"Zweiter und letzter Tag der Assange-Berufungsanh\u00f6rung"},"content":{"rendered":"<p>Am Donnerstag fand am Londoner Royal Court of Justice der zweite Teil der zweit&auml;gigen Berufungsverhandlung im Auslieferungsverfahren der US-Regierung gegen Julian Assange statt. Hier der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77417\">Bericht der NachDenkSeiten<\/a> &uuml;ber die Vorg&auml;nge am ersten Tag. Am Donnerstag legte die Verteidigung dar, warum das im Januar gef&auml;llte Urteil der Bezirksrichterin, nach dem Assange nicht an die USA ausgeliefert wird, Bestand haben sollte. Dabei waren die Enth&uuml;llungen &uuml;ber <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76516\">Entf&uuml;hrungs- und Mordpl&auml;ne der CIA<\/a> ein zentraler Punkt und wie angesichts dessen die Zusicherungen der US-Regierung bez&uuml;glich Assanges m&ouml;glichen Haftbedingungen zu bewerten seien. Au&szlig;erdem wurde wieder Assanges mentale Gesundheit er&ouml;rtert. Von <strong>Moritz M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWie am Vortag war Julian Assange auch am zweiten Tag der Anh&ouml;rung nicht pers&ouml;nlich anwesend. Seine Verlobte und Rechtsanw&auml;ltin gibt an, dass das Gericht seine Anwesenheit als &bdquo;nicht juristisch notwendig&ldquo; bezeichnet hat. Er selbst zog es dann vor, nicht aus der Distanz und per Video von seinem Zustand und etwaigen Haftbedingungen h&ouml;ren zu m&uuml;ssen.<\/p><p>Der Zugang f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit war am zweiten Tag <a href=\"https:\/\/twitter.com\/MartinSonneborn\/status\/1453731388755087373\">um Einiges einfacher<\/a> und es wurden <a href=\"https:\/\/twitter.com\/rebecca_vincent\/status\/1453654743583281155\">mehr B&uuml;rger auf die Besuchergalerie<\/a> gelassen. Au&szlig;erdem war die Benutzung des Smartphones erlaubt, bis die Richter kurz die K&ouml;pfe zusammensteckten und es dann untersagten. Insgesamt offenbart sich hier im Kleinen die Unberechenbarkeit bzw. Willk&uuml;r der &bdquo;Autorit&auml;ten&ldquo;. In einer richtigen Demokratie sollte es Rechtssicherheit und Standards geben, und nicht einfach nach Gusto entschieden werden.<\/p><p>Obwohl mittlerweile eigentlich klar ist, dass die Behandlung von Assange nicht zuf&auml;llig ist, sondern eine gezielte Verfolgung darstellt. Hierzu der UN-Sonderbeauftragte Nils Melzer in seinem <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72191\">Buch &bdquo;Der Fall Assange&ldquo;<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Denn wenn die Grundrechte einer Person &uuml;ber einen Zeitraum von zehn Jahren in allen Verfahren aller involvierten Beh&ouml;rden in jedem Stadium systematisch verletzt werden, wenn jedes dagegen ergriffene Rechtsmittel jedes Mal versagt, und wenn die &uuml;bergeordneten Beh&ouml;rden trotz zahlreicher Hinweise und Beschwerden in keinem Fall korrigierend eingreifen, dann kann beim besten Willen nicht mehr von normalen Unregelm&auml;&szlig;igkeiten ausgegangen werden, wie sie auch in funktionierenden Rechtsstaaten hin und wieder vorkommen k&ouml;nnen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Den Vormittag verbrachte Verteidiger Edward Fitzgerald damit, zu erl&auml;utern, warum die Gutachten, die Assanges Gesundheitszustand als fragil und suizidal bezeichnen, g&uuml;ltig sind und warum die Richterin diesen mehr Gewicht beima&szlig; als den von der Anklage bestellten Gutachtern, die allerdings auch teilweise denen der Verteidigung zustimmten.<\/p><p>Eine wichtige Feststellung Fitzgeralds war, dass die Verteidigung ihre Gutachter von der Anklage ins Kreuzverh&ouml;r nehmen lie&szlig;, w&auml;hrend die Anklage selber nur schriftliche Gutachten einreichte, die von der Verteidigung nicht derart inspiziert werden konnten. Ich frage mich, ob die USA sich ihrer Sache so sicher sind, dass sie sich vor Gericht keine wirkliche M&uuml;he geben, oder ob der Anklage einfach die Argumente ausgegangen sind.<\/p><p>Der Beobachter <a href=\"https:\/\/twitter.com\/kgosztola\/status\/1453746501553987585\">Kevin Gosztola<\/a> hatte am Donnerstagnachmittag auch den Eindruck, als habe Chefankl&auml;ger Lewis nichts Neues mehr zu sagen, und trotzdem r&auml;umten ihm die Richter 5 Minuten Extrazeit f&uuml;r sein Schlusspl&auml;doyer ein.<\/p><p>Vorangegangen war diesem eine Einsch&auml;tzung der Zusagen der USA bez&uuml;glich m&ouml;glicher Haftbedingungen f&uuml;r Assange. Verteidiger Mark Summers bemerkte, dass dies das erste Mal sei, dass ein Staat, in dem Mord- und Entf&uuml;hrungspl&auml;ne gegen eine Person geschmiedet wurden, danach offiziell die Auslieferung dieser Person in diesen Staat fordere.<\/p><p>Die CIA sei auch eine der Beh&ouml;rden, die Einfluss auf die Haftbedingungen von Gefangenen in den USA haben, und somit seien die diesbez&uuml;glichen Zusicherungen der USA mit gro&szlig;er Vorsicht zu genie&szlig;en. Assange werde von der CIA als einer ihrer Hauptgegner angesehen. Au&szlig;erdem wies Summers darauf hin, dass im unwahrscheinlichen Falle eines Freispruchs in den USA auch noch eine Zivilklage gegen Assange er&ouml;ffnet werden k&ouml;nne.<\/p><p>Insgesamt erscheint einem dabei nicht das rosige Bild, welches die Anklage am Mittwoch versucht hatte, von den Haftbedingungen in den USA zu zeichnen.<\/p><p>Die Verteidigung k&uuml;ndigte auch an, die Zusagen der USA vor Gericht testen zu wollen und dass eine Gegenberufung (Cross Appeal) geplant sei, in der die von der Richterin in der ersten Instanz akzeptierten Auslieferungsgr&uuml;nde angefochten w&uuml;rden. Dabei w&uuml;rde es dann auch wieder um Fragen der Presse- und Meinungsfreiheit gehen.<\/p><p>Genauere Infos zum zweiten Verhandlungstag finden sich <a href=\"https:\/\/twitter.com\/dhbln\/status\/1453747997444034563\">hier bei Dustin Hoffmann<\/a> und in diesem <a href=\"https:\/\/thedissenter.org\/appeal-hearing-cia-war-assange-most-prominent-critic\/\">englischsprachigen Artikel<\/a> von Mohamed Elmaazi und Kevin Gosztola.<\/p><p>Au&szlig;erdem ist hier noch ein weiterer <a href=\"https:\/\/twitter.com\/StefSimanowitz\/status\/1453736925878095879\">sehr informativer Thread<\/a>. Oder hier: <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Bridges4Media\/status\/1453756470919585800\">Bridges for Media Freedom<\/a>.<\/p><p>Am Donnerstag hatten sich auch der K&uuml;nstler Ai Weiwei und der ehemalige Labour-Parteivorsitzende Jeremy Corbyn bei den hunderten Unterst&uuml;tzern von Julian Assange eingereiht. Es ist schade, dass Corbyn in seiner Zeit als Oppositionsf&uuml;hrer nur ein einziges Mal, kurz nach Assanges Entfernung aus der ecuadorianischen Botschaft, &ouml;ffentlich die Stimme f&uuml;r ihn erhoben hat und das Thema im Wahlkampf Ende 2019 auch &uuml;berhaupt nicht angesprochen hat.<\/p><p>Der Lord Chief Justice sagt zum Abschluss der Verhandlung, dass die beiden Seiten ihm viel zum Nachdenken gegeben h&auml;tten und dass es einige Zeit brauchen wird, um zu einer Entscheidung zu kommen. Julian Assanges Verlobte sprach nach der Verhandlung von einem Zeitraum von mehreren Wochen.<\/p><p>Es ist die Frage, ob man gespannt sein darf, denn man sollte nicht vergessen, dass es das Vereinigte K&ouml;nigreich ist, welches f&uuml;r die derzeitigen unmenschlichen Haftbedingungen des Untersuchungsh&auml;ftlings Assange verantwortlich ist.<\/p><p>Es war der britische Supreme Court, der Assange 2012 an Schweden ausliefern wollte, ohne dass ein richterlicher Haftbefehl aus Schweden vorlag. Im Fall Assange lag nur die Anfrage eines Staatsanwaltes vor. Dies f&uuml;hrte sogar zu einer entsprechenden Gesetzes&auml;nderung, die bei Assange aber r&uuml;ckwirkend keine Anwendung fand.<\/p><p>Es war der Crown Prosecution Service, der die schwedischen Kollegen mehrmals dazu aufforderte, die dortigen Voruntersuchungen nicht einzustellen.<\/p><p>Die britischen Beh&ouml;rden investierten 16 Mio. Pfund Sterling in die Bewachung des &bdquo;potentiellen Sexualstraft&auml;ters&ldquo; Assange in der ecuadorianischen Botschaft. Diese Anschuldigungen entpuppten sich sp&auml;ter als haltlos.<\/p><p>Es war ein Londoner Gericht, welches Assange quasi zur H&ouml;chststrafe, n&auml;mlich 50 von 52 Wochen, f&uuml;r Kautionsvergehen verurteilte.<\/p><p>Es war der britische Innenminister Sajid Javid, der im Juni 2019 die Einleitung des Auslieferungsverfahrens gegen Assange erlaubte, anstatt es als politisch motiviert abzulehnen.<\/p><p>Es war die Londoner Bezirksrichterin Baraitser, die seine Auslieferung in die USA wegen m&ouml;glicher unmenschlicher Haftbedingungen am 4. Januar ablehnte, ihn aber zwei Tage sp&auml;ter auch nicht auf Kaution freilie&szlig; und ihn seitdem weiterhin im Hochsicherheitsgef&auml;ngnis Belmarsh unter &auml;hnlichen Bedingungen einsitzen l&auml;sst.<\/p><p>Wenn dies nicht nur f&uuml;r Assange so ernsthafte Folgen h&auml;tte, k&ouml;nnte man diese Tatsachen, gepaart mit der Selbstdarstellung des Vereinigten K&ouml;nigreichs als <a href=\"https:\/\/www.gov.uk\/government\/topical-events\/global-conference-for-media-freedom-london-2019\">Hort der Pressefreiheit<\/a>, als lustige Realsatire bezeichnen.<\/p><p>Leider stehen mit dem Fall Assange aber auch Presse- und Meinungsfreiheit weltweit auf dem Spiel. Die Bundesregierung schweigt zu alledem, und so ist es an uns, wenigstens etwas L&auml;rm zu machen und Widerstand zu leisten.<\/p><p>Am 6. November gibt es in Hamburg eine gro&szlig;e <a href=\"https:\/\/www.freeassange.eu\/#veranstaltungen\/event_hamburg_2021-11-06\">Demonstration &bdquo;Alle f&uuml;r Assange&ldquo;<\/a>, Teil einer bundesweiten Aktion, koordiniert u.a. von <a href=\"https:\/\/www.freeassange.eu\/#aktionsuebersicht\">FreeAssange.EU<\/a>.<\/p><p>Ob demonstrieren in der heutigen Zeit etwas bringt, steht wiederum auf einem anderen Blatt, aber man trifft wenigstens Gleichgesinnte, mit denen man &uuml;ber weitere Schritte des zivilen Ungehorsams diskutieren kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Donnerstag fand am Londoner Royal Court of Justice der zweite Teil der zweit&auml;gigen Berufungsverhandlung im Auslieferungsverfahren der US-Regierung gegen Julian Assange statt. Hier der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77417\">Bericht der NachDenkSeiten<\/a> &uuml;ber die Vorg&auml;nge am ersten Tag. 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