{"id":7754,"date":"2010-12-15T11:24:25","date_gmt":"2010-12-15T10:24:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7754"},"modified":"2014-02-17T10:13:25","modified_gmt":"2014-02-17T09:13:25","slug":"zur-diskussion-um-die-wirtschaftliche-bedeutung-von-gleichheit-und-ungleichheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7754","title":{"rendered":"Zur Diskussion um die wirtschaftliche Bedeutung von Gleichheit und Ungleichheit"},"content":{"rendered":"<p>Unser sehr produktiver Hinweisgeber Orlando Pascheit hat einige Beitr&auml;ge zum Thema zusammengestellt und kommentiert. Wir dokumentieren diese zu ihrer gef&auml;lligen Information und Diskussion. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die Dokumentation beginnt mit dem Beitrag des FDP-Generalsekret&auml;rs Christian Lindner im Tagesspiegel:<\/strong><\/p><blockquote><p><strong>Ungleichheit ist besser<\/strong><br>\nSelten ist eine wissenschaftliche Ver&ouml;ffentlichung politisch so euphorisch begr&uuml;&szlig;t worden wie die Studie &bdquo;Gleichheit ist Gl&uuml;ck&ldquo; der britischen Wissenschaftler Kate Pickett und Richard Wilkinson. Sie pl&auml;dieren f&uuml;r einen neuen Egalitarismus. Der Versuch des Buchs, den Vorrang der Gleichheit vor der Freiheit wissenschaftlich zu belegen, ist gescheitert. Zahlreiche Rezensenten haben methodische Zweifel angemeldet, weil die Vergleichsl&auml;nder willk&uuml;rlich ausgew&auml;hlt wurden und mit der Einkommenssituation nur eine Variable untersucht wird. Aktuelle Untersuchungen des &bdquo;Zentrums f&uuml;r gesellschaftlichen Fortschritt&ldquo; zeigen auch, dass es keine Verbindung zwischen Zufriedenheit und Gleichheit gibt. Auch die ungebrochene Attraktivit&auml;t der USA als Einwanderungsland mit hoher sozialer Ungleichheit lehrt uns: Menschen verbinden Gl&uuml;ck, Fortschritt und Lebenschancen nicht mit Gleichheit &ndash; sondern mit Freiheit. Um diese Freiheit sorgen sich Liberale.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/meinung\/ungleichheit-ist-besser\/3621826.html\">Tagesspiegel<\/a><\/p><\/blockquote><p><strong>Dazu die Anmerkung von Orlando Pascheit:<\/strong><\/p><p>Viele B&uuml;rger tendieren dazu, Politiker f&uuml;r dumm und unwissend zu halten, weil sie sich kaum vorstellen k&ouml;nnen, dass diese auf ahnungslos machen. Dieser Auffassung ist der Doyen der &Ouml;sterreichischen Wirtschaftswissenschaften, Kurt W. Rothschild, wie folgt entgegen getreten: &bdquo;Dumme kann man gescheit machen. Aber wenn einer ein Interesse hat, da k&ouml;nnen Sie sich tot reden, der ist gescheit genug zu wissen, was sein Interesse ist und was nicht&ldquo;. Der Generalsekret&auml;r der FDP ist nicht dumm und nicht unwissend, er leugnet schlicht, was ihm in seinem Studium der Politikwissenschaften, der Philosophie nicht entgangen sein kann. F&uuml;r die Moderne steht der Wahlspruch: libert&eacute;, &eacute;galit&eacute;, fraternit&eacute;. Und nicht umsonst steht Freiheit an erster Stelle, was nachfolgenden Autoren durchaus bewusst war. So formulieren die Autoren des &bdquo;Kommunistischen Manifests&rdquo;, Sozialismus sei &ldquo;eine Association, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung f&uuml;r die freie Entwicklung aller ist.&rdquo; Ausgangspunkt ist die Freiheit des Einzelnen. Wo m&ouml;chte der Magister der Politikwissenschaften eine &bdquo;Philosophie der Gleichheit&ldquo; verorten? Leider l&auml;sst er sich dar&uuml;ber nicht n&auml;her aus.<\/p><p>Worum geht es heute? Weltweit ist eine zunehmende Tendenz zur Ungleichheit zu beobachten. Der Akteur dieser Entwicklung ist ein grenz&uuml;berschreitender Geldadel, der mit einer Heerschar von h&ouml;rigen Managern und Politikern seinen Abstand zur Mehrheit der Bev&ouml;lkerung halten und ausbauen m&ouml;chte und damit die Chancen eines jeden von uns, sich nach seinen F&auml;higkeiten zu entwickeln, schm&auml;lert &ndash; bis hin zu dem Skandal, dass die Meisten gar nicht mehr dazu kommen, sich zu fragen, was ihre F&auml;higkeiten seien.<\/p><p>Lindner steht im Dienst dieser Plutokratie. Wie kann er sonst derart hinter die Auffassung eines Urliberalen wie Adam Smith zur&uuml;ckfallen? Es bleibt nur die Erkl&auml;rung: seine ureigensten Interessen sind ganz andere. Smith ging es um die Benachteiligten, die Armen, wenn er f&uuml;r den intervenierenden Staat eintrat. So schrieb er: &ldquo;When the regulation is in favor of the workmen, it is always just and equitable; but it is sometimes otherwise when in favor of the masters.&rdquo; Er trat f&uuml;r eine Besteuerung der Reichen ein: &ldquo;It is not very unreasonable that the rich should contribute to the public expense, not only in proportion to their revenue, but something more than in that proportion&rdquo;. Lindner widmet den ganzen letzten Absatz dem vulg&auml;ren Marktliberalismus, der da hei&szlig;t: der Markt mache den Menschen frei. Dies hat Adam Smith nie behauptet, er beobachtete die Tendenz freier Menschen zur Marktt&auml;tigkeit &ndash; Freiheit ist der Ausgangspunkt der Markt&auml;tigkeit und nicht die Folge. Der Ausgangspunkt der sogenannten Ordoliberalen war die Unfreiheit des vermachteten Marktes durch Kartelle.<\/p><p>Aber Ausgangspunkt des Philosophen Lindner war ja die Studie von Kate Pickett und Richard Wilkinson. Vorweg sei zun&auml;chst gesagt, dass gewiss manche Rezensenten Zweifel angemeldet haben, aber so einflussreiche Zeitungen wie der &bdquo;Economist&ldquo; oder die <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/RubC17179D529AB4E2BBEDB095D7C41F468\/Doc~E2E5BBA6046D345D4AAA1D01481545212~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">FAZ<\/a> haben die Schrift positiv gew&uuml;rdigt. Vor allen geht es den Autoren nicht um den Zusammenhang von Zufriedenheit und Gleichheit, sondern ob sich Ungleichheit bzw. Gleichheit rentiert. Zu diesem Zweck haben die Wissenschaftler anhand von &uuml;ber zweihundert Datens&auml;tzen der Industrienationen Lebensqualit&auml;tsparameter wie Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Gesundheitszustand der B&uuml;rger, Bildungsniveau usw. verglichen und ins Verh&auml;ltnis zum Grad der materiellen Ungleichheit gesetzt. Die NDS haben auf das Ergebnis, das klar zugunsten egalit&auml;rer Gesellschaften ausf&auml;llt, hingewiesen. Ein Gleichheitszuwachs vermindert f&uuml;r die gesamte Gesellschaft die Kosten der durch Armut erzeugten sozialen und gesundheitlichen Probleme. Es geht nicht, wie Lindner suggerieren will, einfach um die Zufriedenheit einer Gesellschaft &ndash; f&uuml;r den Politiker nat&uuml;rlich naheliegend &ndash; , sondern um den Nutzen f&uuml;r die Gesellschaft. Leider wird Lindner dort philosophisch, wo er den Nutzen der Ungleichheit f&uuml;r die Gesamtgesellschaft anhand wissenschaftlicher Literatur nachweisen sollte. Allerding wird der state of the art in den Wirtschaftwissenschaften von empirischen Studien von Persson\/Tabellini, Alesina\/Rodrik und Birdsall\/Londono definiert: Zwischen der Ungleichheit in der Verteilung von Verm&ouml;gen und wirtschaftlichem Wachstum besteht ein negativer Zusammenhang.<\/p><p>Eine unl&auml;ngst erschienene Studie konzentriert sich auf Ungleichheit und die aktuelle Finanzkrise:<\/p><blockquote><p><strong>Laut IWF l&ouml;ste zu stark steigender Reichtum der Superreichen Finanzkrise aus<\/strong><br>\nUnter marktwirtschaftlichen Bedingungen ist die Produktion im Gleichgewicht, wenn die freie Verteilung von Gewinnen auf die Unternehmen daf&uuml;r sorgt, dass die Ressourcen effizient auf die entsprechenden Marktteilnehmer verteilt werden. Nach dem gleichen Muster sind privater Konsum und Investitionen ausgewogen verteilt, wenn das Einkommen proportional zwischen der breiten Gesellschaft und den Reichen verteilt ist. Wenn allerdings der Reichtum &uuml;berproportional an die Superreichen geht, ist das Gleichgewicht gest&ouml;rt. Die Superreichen, oder auch die Investorenklasse, verbrauchen nur einen kleinen Teil ihres Einkommens. Stattdessen suchen sie Wege, es zu investieren. Je mehr ihr Reichtum w&auml;chst, desto mehr Finanzprodukte fragen sie nach.<br>\nDie mittleren und unteren Klassen m&uuml;ssen sich von den Reichen Geld leihen, um vor&uuml;bergehend ihren Verbrauch aufrechterhalten zu k&ouml;nnen beziehungsweise mit dem Wirtschaftswachstum Schritt zu halten. Doch ohne eine entsprechende Erh&ouml;hung des Realeinkommens k&ouml;nnen sie ihre Schulden nicht zur&uuml;ckzahlen, die sich dadurch auft&uuml;rmen und in untragbare H&ouml;hen wachsen. Schlie&szlig;lich platzt die Blase, der Finanzsektor ger&auml;t in eine Krise und die Realwirtschaft schrumpft. Laut den &Ouml;konomen Michael Kumhof und Romain Ranci&egrave;re, die die IWF-Studie verfassten, hat sich der Anteil der privaten Kredite am BIP in den USA zwischen 1980 und 2007 mehr als verdoppelt.<br>\nQuelle:&nbsp; <a href=\"http:\/\/de.ibtimes.com\/articles\/23514\/20101126\/laut-iwf-l-ste-zu-stark-steigender-reichtum-der-superreichen-finanzkrise-aus.htm\">International Business Times<\/a><\/p><\/blockquote><blockquote><p><strong>Inequality, Leverage and Crises<\/strong><br>\nThis paper has presented stylized facts and a theoretical framework that explore the nexus between increases in the income advantage enjoyed by high income households, higher debt leverage among poor and middle income households, and vulnerability to financial crises. This nexus was prominent prior to both the Great Depression and the recent crisis. In our model it arises as a result of increases in the bargaining power of high income households. The key mechanism, reflected in a rapid growth in the size of the financial sector, is the recycling of part of the additional income gained by high income households back to the rest of the population by way of loans, thereby allowing the latter to sustain consumption levels, at least for a while. But without the prospect of a recovery in the incomes of poor and middle income households over a reasonable time horizon, the inevitable result is that loans keep growing, and therefore so does leverage and the probability of a major crisis that, in the real world, typically also has severe implications for the real economy.<br>\nQuelle 1: <a href=\"http:\/\/www.imf.org\/external\/pubs\/ft\/wp\/2010\/wp10268.pdf\">IMF [PDF &ndash; 980 KB]<\/a><br>\nQuelle 2: <a href=\"http:\/\/www.imf.org\/external\/pubs\/ft\/fandd\/2010\/12\/pdf\/kumhof.pdf\">Eine Kurzfsssung bietet Finance &amp; Development December 2010 [PDF &ndash; 320 KB]<\/a><\/p><\/blockquote><p><strong>Anmerkung Orlando Pascheit:<\/strong> Die Studie von Michael Kumhof und Romain Ranci&egrave;re beruht auf Modellrechnungen, und eine wesentliche Annahme des Modells ist eine geschlossene Volkswirtschaft. In k&uuml;nftigen Arbeiten beabsichtigen die Autoren das Modell zu einer offenen Volkswirtschaft zu erweitern. Sie gehen davon aus, dass derselbe Mechanismus, n&auml;mlich die Ausweitung der Kreditvergabe durch hohe Einkommen, sich dann nicht nur auf inl&auml;ndische Haushalte mit armen und mittleren Einkommen, sondern auch auf ausl&auml;ndische Haushalte erstreckt. Die andere Seite des Kapitalbilanz&uuml;berschusses in dem fremden Land w&auml;re eine Erh&ouml;hung seines Leistungsbilanzdefizits. Dieser Mechanismus k&ouml;nnte erkl&auml;ren, dass die globalen Leistungsbilanzungleichgewichte durch die Erh&ouml;hung der Einkommensungleichheit in den &Uuml;berschussl&auml;ndern ausgel&ouml;st worden seien. <\/p><p><strong>Anmerkung Albrecht M&uuml;ller zum letzten Satz des Kommentars:<\/strong> Bei aller Sympathie f&uuml;r die analytische St&auml;rke von Orlando Pascheit: Es w&auml;re zwar sympathisch, der schlimmen Entwicklung der Einkommensverteilung die Verantwortung f&uuml;r die Leistungsbilanzungleichgewichte und die Finanzkrise zuschieben zu k&ouml;nnen. F&uuml;r schl&uuml;ssig halte ich das nicht. Sie mag mitverantwortlich gewesen sein.&nbsp;Siehe dazu auch die Diskussion auf den NachDenkSeiten im November 2008 und zu Beginn des Jahres 2009.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser sehr produktiver Hinweisgeber Orlando Pascheit hat einige Beitr&auml;ge zum Thema zusammengestellt und kommentiert. Wir dokumentieren diese zu ihrer gef&auml;lligen Information und Diskussion. 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