{"id":77595,"date":"2021-11-04T09:53:51","date_gmt":"2021-11-04T08:53:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77595"},"modified":"2022-02-14T11:59:54","modified_gmt":"2022-02-14T10:59:54","slug":"wir-koennen-einiges-von-daenemark-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77595","title":{"rendered":"\u201eWir k\u00f6nnen einiges von D\u00e4nemark lernen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Erstmals seit 68 Jahren sitzt mit Stefan Seidler wieder ein Vertreter des S&uuml;dschleswigschen W&auml;hlerverbandes (<em>SSW<\/em>) im Bundestag, Als Partei der d&auml;nischen Minderheit ist der SSW durch das Wahlgesetz von der F&uuml;nf-Prozent-H&uuml;rde bei Bundestagswahlen befreit. Der SSW muss nur so viele Stimmen erringen, wie bei der Sitzverteilung f&uuml;r die Zuteilung des letzten Mandates notwendig sind. Bei den Bundestagswahlen am 26. September w&auml;ren das 40.000 Stimmen gewesen, der SSW, der nur in Schleswig-Holstein kandidierte, erhielt &uuml;ber 55.000 Stimmen. Doch was will diese &bdquo;D&auml;nen-Partei&ldquo; eigentlich erreichen und wof&uuml;r steht sie? <b>Rainer Balcerowiak <\/b>sprach mit<b> Stefan Seidler<\/b>.<br>\n<!--more--><br>\n<b>Herr Seidler, mit Ihnen geh&ouml;rt erstmals seit 68 Jahren wieder ein offizieller Vertreter der d&auml;nischen und friesischen Minderheit dem Deutschen Bundestag an. Warum hat Ihre Partei diese M&ouml;glichkeit in den vergangenen Legislaturperioden nicht genutzt?<\/b><\/p><p>Wir haben uns mit dieser Frage sehr lange intern auseinandergesetzt. Lange war es einfach so, dass wir wenig Chancen hatten, die f&uuml;r ein Mandat im Bundestag notwendigen Stimmen zu erreichen. Ohnehin haben wir uns immer als Regionalpartei verstanden und sind sowohl in vielen Kommunen als auch im Landtag von Schleswig-Holstein eine stabile politische Kraft und waren zwischen 2012 und 2017 auch an einer Landesregierung beteiligt (zusammen mit SPD und Gr&uuml;nen). In den letzten Jahren haben wir aber gemerkt, dass die Unterst&uuml;tzung f&uuml;r den SSW w&auml;chst, und das nicht nur im eigentlichen Siedlungsgebiet der d&auml;nischen Minderheit in S&uuml;dschleswig, sondern im ganzen Bundesland. Das ist sozusagen die rechnerische &Uuml;berlegung. Wir haben aber gerade als Regionalpartei auch immer wieder die Erfahrung gemacht, dass vieles, was unsere Region betrifft, &uuml;ber unsere K&ouml;pfe hinweg entschieden wird und Schleswig-Holstein in vielerlei Hinsicht benachteiligt wird. Daher haben wir uns diesmal entschieden, f&uuml;r den Bundestag zu kandidieren, um sowohl der d&auml;nischen und friesischen Minderheit als auch dem ganzen Bundesland eine vernehmbare Stimme auf Bundesebene zu geben.<\/p><p><b>Welche Rolle k&ouml;nnen Sie als einzelner, fraktionsloser Abgeordneter im Bundestag spielen? Ihre Arbeits- und Wirkungsm&ouml;glichkeiten als &bdquo;Einzelk&auml;mpfer&ldquo; sind ja recht limitiert, etwa Rederecht, Ausschussarbeit und Zugriff auf Ressourcen betreffend. W&uuml;rde es da nicht Sinn machen, sich formal einer nahestehenden Fraktion anzuschlie&szlig;en, bei Wahrung Ihrer politischen Unabh&auml;ngigkeit?<\/b><\/p><p>Entsprechende Angebote haben wir von allen anderen demokratischen Parteien bekommen, mit denen wir uns ja auch auf Landes- und Kommunalebene immer im konstruktiven Dialog befinden. Aber dadurch, dass ich als Abgeordneter unabh&auml;ngig bleibe, bleibt mir auch die notwendige Flexibilit&auml;t. Vor allem kann ich ohne R&uuml;cksicht auf Fraktionsdisziplin und Debattenregie immer meine Stimme erheben und den Finger in die Wunden legen, wenn es um die f&uuml;r uns wichtigen Themen geht. Das betrifft zum einen die Minderheitenpolitik, aber auch infrastrukturelle und wirtschaftliche Probleme meines Bundeslandes. Nat&uuml;rlich gibt es Beschr&auml;nkungen f&uuml;r Einzelabgeordnete, etwa bei der Redezeit. Aber wir sind es als Norddeutsche ja gewohnt, uns immer sehr kurz zu fassen. Und nat&uuml;rlich werde ich im Bundestag auch den regen Austausch und die Kooperation mit Kollegen aus den anderen demokratischen Parteien suchen.<\/p><p><b>Auf seinem Parteitag nach der Bundestagswahl hat der SSW seine Erwartungen und Forderungen an die k&uuml;nftige Bundesregierung formuliert. Die Rechte nationaler Minderheiten in Deutschland spielen dabei eine zentrale Rolle, dabei beziehen Sie sich sowohl auf D&auml;nen und Friesen, aber auch auf Sorben in Brandenburg und Sachsen. Warum spielen andere, zahlenm&auml;&szlig;ig sehr bedeutende nationale Minderheiten, wie etwa t&uuml;rkischst&auml;mmige B&uuml;rger, keine Rolle bei diesen &Uuml;berlegungen?<\/b><\/p><p>Das ber&uuml;hrt die Frage, was man unter nationalen Minderheiten versteht. Das sind eigentlich nur die, die in den betreffenden Regionen schon lange ans&auml;ssig waren. S&uuml;dschleswig geh&ouml;rte sehr lange Zeit zu D&auml;nemark und die Friesen haben in der K&uuml;stenregion auch schon immer gelebt. Auch die Sorben k&ouml;nnen auf eine lange Siedlungsgeschichte in Mitteldeutschland zur&uuml;ckblicken. Sinti und Roma w&uuml;rde ich ebenfalls als nationale Minderheit sehen. Eine Volksgruppe, die schon lange in Deutschland und anderen Teilen Europas ans&auml;ssig ist und eigentlich immer schweren Diskriminierungen ausgesetzt war. Den Status dieser vier nationalen Minderheiten und die damit verbundenen Rechte w&uuml;rden wir auch gerne im Grundgesetz verankert sehen. Das hei&szlig;t nat&uuml;rlich nicht, dass wir uns nicht auch f&uuml;r die Belange anderer Minderheiten einsetzen wollen, wie auch die der t&uuml;rkischen B&uuml;rger, die hier zugewandert sind.<\/p><p><b>Kann bzw. sollte man Parteien &uuml;berhaupt ethnisch definieren? Auch der SSW wird ja viele Mitglieder und Unterst&uuml;tzer haben, die nicht aus D&auml;nemark stammen oder d&auml;nische bzw. friesische Eltern haben.<\/b><\/p><p>Die d&auml;nische Minderheit hat in dieser Region ja immer gelebt. Und so war es nach dem 2. Weltkrieg auch ein Anliegen der Siegerm&auml;chte, dass deren Rechte sowohl in dem Bundesland als auch in der neu gegr&uuml;ndeten Bundesrepublik garantiert werden. Sp&auml;ter, 1955, gab es zu dem Komplex noch die Bonn-Kopenhagener Erkl&auml;rungen als eine der Voraussetzungen daf&uuml;r, dass Deutschland wieder eine eigene Armee aufbauen durfte.<\/p><p>F&uuml;r uns ist diese Region einfach unsere Heimat. Und wenn es da schlecht l&auml;uft, betrifft das nat&uuml;rlich auch die Mehrheitsbev&ouml;lkerung. Ich w&uuml;rde das aber nicht unbedingt ethnisch definieren. Nat&uuml;rlich haben wir eine besondere Verbindung zu D&auml;nemark, zur d&auml;nischen Kultur und Lebensart. Und auf unseren Parteiversammlungen werden viele Reden auch auf D&auml;nisch gehalten. Aber unsere Minderheit schottet sich ja nicht ab. Im Gegenteil: Zum Beispiel die d&auml;nischen Schulen und Kinderg&auml;rten, die es hier gibt, erfreuen sich weit &uuml;ber unsere eigene Gemeinschaft hinaus gro&szlig;er Beliebtheit. Und die Zahl unserer W&auml;hler und Unterst&uuml;tzer in anderen Bev&ouml;lkerungsteilen hat ja auch stetig zugenommen.<\/p><p>Wir sind eine Regionalpartei, Direktkandidaten f&uuml;r den Landtag stellen wir nur in unseren Siedlungsgebieten auf, aber mit der Landesliste sind wir in ganz Schleswig-Holstein pr&auml;sent. Und streiten dann auch f&uuml;r die gesamten Interessen dieses Bundeslandes, das in vielen Bereichen, etwa bei der Verkehrsinfrastruktur, den Strompreisen und der Krankenhausfinanzierung, deutlich benachteiligt wird. Und so sehen wir uns im Bundestag nicht nur als Stimme der d&auml;nischen und friesischen Minderheit, sondern f&uuml;r das gesamte Bundesland.<\/p><p><b>Allgemein fordert der SSW von der Bundesregierung, sich von pragmatischen und vern&uuml;nftigen L&ouml;sungsvorschl&auml;gen aus Skandinavien inspirieren zu lassen, um gesellschaftliche Probleme zu l&ouml;sen. Sowohl was den Wohlfahrtsstaat und die gesamte &ouml;ffentliche Daseinsvorsorge betrifft, als auch den Umgang mit den B&uuml;rgern vor Ort. Wie s&auml;he denn Ihr skandinavisch inspiriertes Modell f&uuml;r die Bundesrepublik konkret aus?<\/b><\/p><p>Da gibt es viele Beispiele. Wir fordern zum Beispiel eine B&uuml;rgerversicherung, was in D&auml;nemark und den skandinavischen L&auml;ndern ja l&auml;ngst Realit&auml;t ist. Oder auch eine armutsfeste Grundrente. Das betrifft ferner den Bildungsbereich, etwa die Kultur des lebenslangen Lernens. Und ganz akut lohnt sich der Blick nach Norden nat&uuml;rlich in Bezug auf die Digitalisierung, wo uns diese L&auml;nder um Lichtjahre voraus sind. Da gibt es den Breitbandanschluss tats&auml;chlich an jeder Milchkanne im kleinsten Dorf. Die haben f&uuml;r den gesamten Bereich der Beh&ouml;rden und des Bildungswesens nur einige wenige Plattformen, die dann auch miteinander kompatibel sind, w&auml;hrend in Deutschland fast jede Institution mit ihrer eigenen Plattform rumwerkeln muss. Und die haben daf&uuml;r gesorgt, dass das Fachpersonal in Beh&ouml;rden und Schulen auch entsprechend ausgebildet ist.<\/p><p>Wir k&ouml;nnen auch immer wieder konstatieren, dass die skandinavischen Modelle des Wohlfahrtsstaats auf gro&szlig;es Interesse bei den anderen Parteien sto&szlig;en und in Debatten oft als positive Beispiele benannt werden. Und nat&uuml;rlich wollen wir auch die politische Kultur des Pragmatismus, die in D&auml;nemark und Skandinavien stark verankert ist, hier voranbringen. Also l&ouml;sungsorientiertes Herangehen an Probleme, &uuml;ber Partei- und Lagergrenzen hinweg.<\/p><p><b>Zur&uuml;ck zu Ihrer regionalen Verortung, allerdings auch mit Bundesbezug. Der phasenweise sehr unterschiedliche Umgang mit der Corona-Pandemie hat ja nicht nur, aber besonders in Grenzregionen wie der deutsch-d&auml;nischen zu einigen Irritationen, Verwerfungen und Konflikten gef&uuml;hrt. Wo sehen Sie denn die wichtigsten Unterschiede zwischen der deutschen und der d&auml;nischen Corona-Politik und wie bewerten Sie den derzeitigen Stand?<\/b><\/p><p>Generell kann man sagen, dass in D&auml;nemark das Vertrauen der B&uuml;rger in Beh&ouml;rden wesentlich gr&ouml;&szlig;er ist als in Deutschland. Es gibt dort die allgegenw&auml;rtige Erfahrung, dass Beh&ouml;rden schneller und effektiver arbeiten, als das hierzulande oftmals der Fall ist. Es gibt das Grundgef&uuml;hl, dass Beh&ouml;rden tats&auml;chlich f&uuml;r die B&uuml;rger da sind, um Probleme zu l&ouml;sen, und nicht, um neue zu finden, wie es hier oft wahrgenommen wird. D&auml;nemark hat nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie schnell und vor allem transparent reagiert. So wurde etwa ein von der EU zugelassener Impfstoff, bei dem es gewisse H&auml;ufungen von schweren Nebenwirkungen gab, komplett vom Markt genommen &ndash; Ma&szlig;nahmen, mit denen man Vertrauen schafft. Als es dann darum ging, erst eine Test- und dann eine Impf-Infrastruktur aufzubauen, ging das auch sehr schnell und vergleichsweise reibungslos. Da gab es kein Kompetenzgerangel, wer denn eigentlich zust&auml;ndig sei. Das gilt auch f&uuml;r die Restriktionen, die es phasenweise in der Pandemie auch in D&auml;nemark gab.<\/p><p><b>Inzwischen hat D&auml;nemark fast alle Corona-Restriktionen wieder zur&uuml;ckgenommen. Konzerte, Restaurants, Kinos, Clubs, Versammlungen &ndash; eigentlich fast alles wieder wie vor der Pandemie. F&uuml;hlt man sich da als Bewohner einer Grenzregion nicht wie in einer anderen Welt, wenn man auf die andere Seite geht? Und vor allem, wenn man wieder zur&uuml;ckkommt. <\/b><\/p><p>Ja, so kann man das beschreiben. Wenn ich nach D&auml;nemark zum Einkaufen fahre, muss ich mir immer selber auf die Finger hauen, damit ich nicht automatisch zur Maske greife, wenn ich ein Gesch&auml;ft betrete. Das ganze Leben ist dort einfach wieder normal geworden. Das liegt vor allem daran, dass die Impfquote in D&auml;nemark wesentlich h&ouml;her ist, besonders bei den gef&auml;hrdeten Gruppen und beim Gesundheits- und Pflegepersonal. Da sind die Auffrischungsimpfungen jetzt in vollem Gange. Und man guckt in D&auml;nemark schon l&auml;nger eben nicht wie in Deutschland in erster Linie auf die Inzidenzzahlen. Auch da steigt derzeit die Zahl der Neuinfektionen wieder an, vor allem bei Kindern, aber auch bei Geimpften. Doch die Krankheitsverl&auml;ufe sind in der Regel bei diesen Gruppen nicht so dramatisch. Indikator ist die Belastung der Kliniken und besonders der Intensivstationen. Das beh&auml;lt man genau im Blick, sieht aber bislang keinen Anlass, wieder restriktiver zu agieren. Da k&ouml;nnen wir in Deutschland einiges von D&auml;nemark lernen. Man k&ouml;nnte &ndash; zumindest regional &ndash; wesentlich flexibler und pr&auml;ziser mit der Pandemie umgehen.<\/p><p><b>Vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch und viel Erfolg f&uuml;r Ihre Arbeit im Deutschen Bundestag.<\/b><\/p><p>Titelbild: Kira Kutscher \/ shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/b855e9f061c84ad994abee74915ce47c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erstmals seit 68 Jahren sitzt mit Stefan Seidler wieder ein Vertreter des S&uuml;dschleswigschen W&auml;hlerverbandes (<em>SSW<\/em>) im Bundestag, Als Partei der d&auml;nischen Minderheit ist der SSW durch das Wahlgesetz von der F&uuml;nf-Prozent-H&uuml;rde bei Bundestagswahlen befreit. Der SSW muss nur so viele Stimmen erringen, wie bei der Sitzverteilung f&uuml;r die Zuteilung des letzten Mandates notwendig sind. 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