{"id":77622,"date":"2021-11-04T15:30:59","date_gmt":"2021-11-04T14:30:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77622"},"modified":"2021-11-05T15:33:38","modified_gmt":"2021-11-05T14:33:38","slug":"willy-wimmer-zum-9-november","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77622","title":{"rendered":"Willy Wimmer zum 9. November"},"content":{"rendered":"<p>Der 9. November regt an, &uuml;ber die Lage Deutschlands Rechenschaft abzulegen. An diesem Tag fiel 1989 die Mauer in Berlin und schon vorher waren die Amtsstuben in Moskau nur von einem Thema bestimmt: die kommende Wiedervereinigung Deutschlands. Zu diesem Zeitpunkt war es im Bonner Kabinett noch unerw&uuml;nscht, die Gespr&auml;chsergebnisse aus Moskau zu diesem Thema wiederzugeben. Auch nicht den Hinweis darauf, dass h&ouml;chste Gespr&auml;chspartner im Kreml davon sprachen, diese Wiedervereinigung sei im Juni 1989 bei dem Besuch des sowjetischen Generalsekret&auml;rs Gorbatschow in Bonn zwischen ihm und Bundeskanzler Kohl verabredet worden. Wenn man sich die offiziellen Lesarten zu diesem Prozess in Deutschland vor Augen f&uuml;hrt, hat das wenig mit dem zu tun, was auf dieser Ebene vereinbart worden ist.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2640\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-77622-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211105-Willy-Wimmer-zum-9-November-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211105-Willy-Wimmer-zum-9-November-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211105-Willy-Wimmer-zum-9-November-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211105-Willy-Wimmer-zum-9-November-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=77622-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211105-Willy-Wimmer-zum-9-November-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"211105-Willy-Wimmer-zum-9-November-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der Weg seither ist auch von strategischen Entt&auml;uschungen bestimmt, die eine erneute Zuspitzung in Europa wahrscheinlicher werden lassen, als uns allen lieb sein d&uuml;rfte. Man erinnert sich noch daran, wie verhalten das Echo in Westdeutschland darauf war, die Einheit der Nation erleben zu k&ouml;nnen. Jahrzehntelang war die Rede davon, der Schl&uuml;ssel f&uuml;r die Wiedervereinigung liege in Moskau und Moskau bestimme dar&uuml;ber, ob und wann es diesen Schl&uuml;ssel herausr&uuml;cken werde. Jetzt war es im Sommer und Herbst 1989 soweit und viele in Westdeutschland wussten nicht, was sie davon halten sollten. Warum die Glocken l&auml;uten lassen? So, wie es in Stunden der Gefahr, aber auch der Freude in jedem Land der Welt, in dem es Glocken gibt, geschieht? <\/p><p>Diese Zur&uuml;ckhaltung galt nicht nur dem Gedanken an die Einheit, auch die zielf&uuml;hrende &Uuml;berlegung von Generalsekret&auml;r Gorbatschow vom &ldquo;gemeinsamen Haus Europa&rdquo; schlug nicht viele vom Hocker, obwohl es nach den &ldquo;R&ouml;mischen Vertr&auml;gen&rdquo; des Jahres 1957 die logische und zwingende Konsequenz aus den Verheerungen des 20. Jahrhunderts gewesen w&auml;re. Die politische F&uuml;hrung in Bonn fuhr dagegen auf dieses Thema geradezu ab und die Jahre bis zum Ausscheiden von Hans-Dietrich Genscher aus dem Amt des Bundesau&szlig;enministers im Fr&uuml;hjahr 1992 waren davon bestimmt, dem Gedanken von Gorbatschow Substanz zu geben. Die deutsche Hungerhilfe f&uuml;r die darbende Bev&ouml;lkerung der Sowjetunion war ein Zeichen daf&uuml;r, wie die Deutschen &uuml;ber diese Politik dachten. War doch das damalige Jahrhundert beispielhaft von der britischen Hungerblockade gegen Deutschland auch nach dem Ende des Ersten Weltkrieges mit Millionen Opfern ebenso bestimmt wie von der Hungerblockade Leningrads durch das damalige Deutsche Reich mit ebenfalls Millionen Opfern. Die Menschen wollten jetzt Freundschaft, aber und sie mussten erleben, dass die Hoffnungen erneut zunichte gemacht wurden.<\/p><p>Das ist keine historische Frage, sie ist aktuell und bestimmt uns heute und f&uuml;r die vor uns liegende Zukunft. Das, was antagonistisch die Zeit des Kalten Krieges bestimmt hatte, war wie weggeblasen. Alle Zeichen waren auf Verst&auml;ndigung und Kooperation gestellt. Der hochangesehene sowjetische Spitzendiplomat Valentin Falin hat die damalige Lage&nbsp;in Bezug auf die gestalterischen M&ouml;glichkeiten des Westens und gerade der Bundesrepublik Deutschland in eine kurze Formel gebracht. Danach h&auml;tten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nur Deutschand und Japan Konsequenzen aus diesem Weltkrieg gezogen, als sie sich mit Vehemenz auf die Entwicklung ihrer Gesellschaften und den sozialen Ausgleich in ihren Staaten st&uuml;rzten und die nationalen Mittel nicht durch hohe Ausgaben f&uuml;r den milit&auml;rischen Bereich verschleuderten. Diese &Uuml;berlegung desjenigen, der f&uuml;r die internationale Politik der KPdSU verantwortlich gewesen ist, h&auml;tte die ganze westliche Handlungsf&auml;higkeit innerstaatlich, aber auch bei der Gestaltung der Vertragsbeziehungen im &ldquo;gemeinsamen Haus Europa&rdquo; ausgemacht. Wenn man sich heute nur den Anteil des Sicherheitsapparates der USA am amerikanischen Staatshaushalt und die Milit&auml;rausgaben der NATO-Staaten im Vergleich zu dem ansieht, was die russische oder die chinesische Seite f&uuml;r diesen Bereich ausgeben, dann wei&szlig; man um die gef&auml;hrliche Zuspitzung der Lage in Fragen der globalen Sicherheit und die prek&auml;re Situation in den Staaten, in denen die Konsequenzen aus den &Uuml;berlegungen von Valentin Falin nicht gezogen werden. Dort grassieren nicht nur die sozialen Schieflagen. <\/p><p>Wenn man vor diesem Hintergrund die Jahrzehnte seit dem 9. November 1989 Revue passieren l&auml;sst, ist eine &Uuml;berlegung geradezu zwingend. Die Verantwortung f&uuml;r die heutige Lage, die man in Europa brandgef&auml;hrlich nennen muss, tr&auml;gt eindeutig der Westen, unter Einschluss Deutschlands. Man hat seit dem Fr&uuml;hjahr 1992 gezielt die russische Seite zur&uuml;ckgesto&szlig;en, das Land wirtschaftlich weiter in den Ruin getrieben und wieder versucht, &uuml;ber gigantische Milit&auml;rhaushalte der NATO-Staaten eine Situation herbeizuf&uuml;hren, in der Moskau bereit sein m&uuml;sste, sich dem fremden Willen zu unterwerfen. Man versucht es jeden Tag und mit allen Mitteln, jetzt mit einer Form von &ldquo;Klima-NATO&rdquo;, nachdem der Westen schon seit 1992 alles unternommen hat, internationale Organisationen wie die UN und WHO derart zu ver&auml;ndern, teils zu privatisieren, dass sie untauglich geworden sind, unvoreingenommen mit globalen Herausforderungen fertig zu werden. Nichts von dem, was derzeit um uns herum geschieht, ist das Ergebnis von tagespolitischen &Uuml;berlegungen. Es steckt mehr dahinter. Das Vorgehen des Westens gegen Russland macht das deutlich.<\/p><p>Es war nicht nur Herr George Friedman, der auf die strategische Anlage der Politik der USA gegen&uuml;ber dem euro-asiatischen Kontinent seit der Schaffung des Deutschen Reiches im Januar 1871 hingewiesen hatte. Der britische Premier Disraeli wies 1871 auf die Zeitenwende infolge der Entscheidung zugunsten des Reiches 1871 ebenso hin wie franz&ouml;sische prominente Stimmen. Die Bildung des Deutschen Reiches schuf f&uuml;r Paris, London und Washington deshalb eine neue Lage, weil das Gebiet des ehemaligen &ldquo;Heiligen R&ouml;mischen Reiches deutscher Nation&rdquo; nicht l&auml;nger eine Spielwiese f&uuml;r eigene Interessen im westlichen Europa war. Hier artikulierte sich jetzt in Berlin ein eigener Wille und der drohte, mit dem befreundeten Russland f&uuml;r London, Paris und Washington Randlagen herzustellen. Von Stund&rsquo; an galt f&uuml;r die drei genannten Hauptst&auml;dte der aus der Zeit Karthagos bekannte Satz, nach dem jede gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Berlin und St. Petersburg zu zerst&ouml;ren sei. <\/p><p>Zwei Weltkriege weiter ist das strategische Ziel von Disraeli und anderen immer noch nicht erreicht. Man steht vor der russischen Westgrenze, aber es ist dennoch nicht daran zu denken, dass Moskau fremdbestimmt sein will. F&uuml;r die Deutschen hat der mit dem Fall der Mauer eingeschlagene Weg eine schreckliche Perspektive er&ouml;ffnet, aber nicht nur f&uuml;r uns. Moskau hat Deutschland die Einheit gegeben und das mit einer hoffnungsvollen, europ&auml;ischen Perspektive verbunden. Die vom Westen betriebene Politik unter Verzicht auf den Ausgleich und die Diplomatie hat uns nicht der Kooperation n&auml;her gebracht, sondern dem Krieg &ndash; mit uns als dem Schlachtfeld. Die Diskussion in der neuen Berliner Koalition &uuml;ber amerikanische Atomsprengk&ouml;pfe in Deutschland macht deutlich, was gemeint ist. Dazu kann man viele &Uuml;berlegungen anstellen. Deutsche Politik sollte unmissverst&auml;ndlich von einer &Uuml;berlegung bestimmt sein: In dieser Lage w&auml;hlen wir das Leben.<\/p><p><em>Willy Wimmer, 4. 11. 2021<\/em><\/p><p><strong>Willy Wimmer<\/strong> (CDU) war lange Zeit Abgeordneter des Deutschen Bundestages und in der Regierungszeit von Helmut Kohl Parlamentarischer Staatssekret&auml;r im Verteidigungsministerium.<\/p><p>Titelbild: evgeny petrosyan \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 9. November regt an, &uuml;ber die Lage Deutschlands Rechenschaft abzulegen. An diesem Tag fiel 1989 die Mauer in Berlin und schon vorher waren die Amtsstuben in Moskau nur von einem Thema bestimmt: die kommende Wiedervereinigung Deutschlands. 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