{"id":7775,"date":"2010-12-16T09:40:12","date_gmt":"2010-12-16T08:40:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7775"},"modified":"2019-03-02T12:31:33","modified_gmt":"2019-03-02T11:31:33","slug":"heiner-flassbeck-zur-aktuellen-eurokrise-und-zur-marktwirtschaft-des-21-jahrunderts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7775","title":{"rendered":"Heiner Flassbeck zur aktuellen Eurokrise und zur Marktwirtschaft des 21. Jahrunderts"},"content":{"rendered":"<p>F&uuml;r Heiner Flassbeck gibt es nur eine zielf&uuml;hrende L&ouml;sung der Eurokrise: &bdquo;Kurzfristig sind die Zinsdifferenzen durch eine gemeinsame, von allen EWU-L&auml;ndern getragene Euroanleihe zu beseitigen, und es muss verhindert werden, dass die angeschlagenen Defizitl&auml;nder durch ein kontraproduktives Kaputtsparen der &ouml;ffentlichen Haushalte in eine weitere Rezession abgleiten. Gleichzeitig muss den Finanzspekulanten das Handwerk gelegt werden.&ldquo; Und: &bdquo;Will man den Euro &ndash; und mit ihm das ganze europ&auml;ische Projekt &ndash; retten, gibt es mittel- und langfristig nur einen einzigen Ausweg: Die Wettbewerbsf&auml;higkeit der L&auml;nder mit Auslandsschulden muss wiederhergestellt werden und die au&szlig;enwirtschaftlichen Ungleichgewichte m&uuml;ssen beseitigt werden. Das kann innerhalb der EWU nur durch eine Umkehr der Lohnst&uuml;ckkostenpfade erreicht werden: Deutschland braucht st&auml;rker steigende Lohnst&uuml;ckkosten als die EWU-Partner, die S&uuml;deurop&auml;er dagegen unterdurchschnittliche.&ldquo; (S. 214f.) So lautet das Res&uuml;mee in Flassbecks neuem Buch &bdquo;Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts&ldquo;. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Wenn man diesen L&ouml;sungsvorschlag vor dem Hintergrund der gestrigen <a href=\"http:\/\/www.bundesregierung.de\/nn_87716\/Content\/DE\/Artikel\/2010\/12\/2010-12-15-regerklr-bk-eu-rat.html\">Regierungserkl&auml;rung der Kanzlerin<\/a> liest, dann wird schlaglichtartig deutlich, wie national verengt und &ouml;konomisch borniert der wirtschaftspolitische Kurs in Deutschland ist:  &ldquo;Wir d&uuml;rfen nicht den Fehler machen, die Vergemeinschaftung des Risikos als L&ouml;sung erscheinen zu lassen&rdquo; sagte Merkel und wies die Einf&uuml;hrung gemeinsamer Euro-Bonds, die auch EU-Kommissionspr&auml;sident Jose Manuel Barroso, Luxemburgs Ministerpr&auml;sident Jean-Claude Juncker fordern, br&uuml;sk zur&uuml;ck. Stattdessen verlangte Merkel der deutschen Boulevard-Presse folgend erneut Sanktionsmechanismen gegen &bdquo;Haushaltss&uuml;nder&ldquo; nach dem &ndash; wie Flassbeck meint &ndash; &bdquo;primitiven Prinzip, dass, wer Schulden hat, auch Schuld hat&ldquo; (S. 212). Primitiv nennt Flassbeck dieses Prinzip, weil es die einzelwirtschaftliche Logik zum Ganzen erkl&auml;re. Eine Nation die in der Schuldenfalle stecke, k&ouml;nne nicht einfach nur den G&uuml;rtel enger schnallen, sie konkurriere vielmehr mit ihren Gl&auml;ubigern und deshalb m&uuml;sse es unter anderem der Gl&auml;ubiger auch zulassen, dass der Schuldner wieder auf einen gr&uuml;nen Zweig komme. (S. 207) Die fundamentale Fehlentwicklung, die der Verschuldung zugrunde liege, sei das au&szlig;enwirtschaftliche Ungleichgewicht und nicht, wie in Deutschland behauptet, das Ungleichgewicht in den &ouml;ffentlichen Haushalten (S. 77). Dem Problem der Staatsschulden werde wesentlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet, als dem weit wichtigeren Problem der Zahlungsbilanz und der Ungleichgewichte in der internationalen Wettbewerbsf&auml;higkeit (S. 79). Wie man es auch drehe und wende, aus dem Verh&auml;ltnis von &ouml;ffentlicher Schuldenstandsquote, Defizitentwicklung und Zinsdifferenzen am Kapitalmarkt lie&szlig;en sich keine sinnvollen Erkenntnisse f&uuml;r die Stabilit&auml;tsprobleme innerhalb der EWU gewinnen. Die massiven Sparanstrengungen die jetzt etwa von den s&uuml;deurop&auml;ischen Staaten abverlangt w&uuml;rden, versch&auml;rften nur die Rezession und leerten die &ouml;ffentlichen Kassen weiter.<\/p><p>Die Regierung versto&szlig;e seit Jahren gegen die einfache Lehre: &bdquo;Wenn der Gl&auml;ubiger Deutschland die R&uuml;ckzahlungsf&auml;higkeit seiner Schuldner in S&uuml;deuropa systematisch untergr&auml;bt, indem er ihre relative Wettbewerbsposition permanent verschlechtert, wird er damit leben m&uuml;ssen, dass er auf faulen Krediten sitzen bleibt und dem Schuldner durch Stundung, verbesserte Zinskonditionen oder gar Schuldenerlass entgegenkommen muss, will er keinen Totalausfall seiner Verm&ouml;gensanspr&uuml;che riskieren.&ldquo; (S. 214)<\/p><p>Deutschland sei gefangen in der Ideologie, dass ausschlie&szlig;lich sparen und niedrige L&ouml;hne mehr Besch&auml;ftigung und Wachstum schafften und solange man nur diesen &bdquo;Tunnelblick&ldquo; (S. 238) habe, sieht Flassbeck nur noch den Ausweg aus der Eurokrise, &bdquo;dass die S&uuml;deurop&auml;er einschlie&szlig;lich Frankreichs eine eigene W&auml;hrungsunion mit einem &bdquo;S&uuml;d-Euro&ldquo; gr&uuml;nden&ldquo;, (S. 216) w&uuml;rde diese S&uuml;d-Union gegen&uuml;ber dem &bdquo;Nord-Euro&ldquo; um 30 oder besser gar 40 Prozent abgewertet, dann w&auml;re die Wettbewerbsf&auml;higkeitsl&uuml;cke mit einem Schlag mehr als ausgeglichen &ndash; ein in Deflation verharrendes Deutschland bliebe mit seiner tollen Wettbewerbsf&auml;higkeit allein zur&uuml;ck.<\/p><p>So aktuell die Schlusskapitel des neuen Buches von Heiner Flassbeck sind, obwohl sie schon im Sommer geschrieben wurden, so spannend liest es sich f&uuml;r den an &ouml;konomischen Grundfragen Interessierten. Es ist immer wieder faszinierend mit welch einfachen und zugleich &uuml;berzeugenden Argumenten der in Genf arbeitende Direktor der UNCTAD (United Nations Conference on Trade and Development) die Glaubenss&auml;tze der herrschenden &ouml;konomischen Lehre ad absurdum f&uuml;hrt. Was Heiner Flassbeck im <a href=\"\/?p=7500\">Pleisweiler Gespr&auml;ch<\/a> nur thesenhaft und in Ausschnitten vortragen konnte, kann man in der &bdquo;Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts&ldquo; ausf&uuml;hrlich nachlesen.<\/p><p>Das derzeitige wirtschaftliche System versage, weil es nicht mehr aus einem Zusammenspiel von unabh&auml;ngiger Politik, Unternehmertum und Arbeitnehmerinteressen gebildet werde, sondern weil die Politik von vorneherein darauf ausgerichtet sei, die Arbeitnehmer zu schw&auml;chen und die Unternehmen zu st&auml;rken (S. 13). Marktwirtschaft k&ouml;nne aber nicht ohne strikte Regeln und ohne einen durchgreifenden Schiedsrichter funktionieren, dar&uuml;ber hinaus m&uuml;sse der Staat das gesamte System makro&ouml;konomisch steuern.<\/p><p>So sei etwa der zentrale Geburtsfehler der europ&auml;ischen Union, dass man der Zentralbank nur die Aufgabe der Geldwertstabilit&auml;t und nicht auch die Verantwortung f&uuml;r Besch&auml;ftigung gegeben habe. Mit diesem Fehler habe die Ideologie der Flexibilisierung der Arbeitsm&auml;rkte und die weitere Ideologie, wonach die Inflationsrate unabh&auml;ngig von den Arbeitsm&auml;rkten geldneutral sei, aufrecht erhalten werden k&ouml;nnen. W&auml;re man diesen Glaubenslehren nicht gefolgt, so h&auml;tte die gro&szlig;e Krise der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion, an deren Wurzel das deutsche Lohndumping stehe, wahrscheinlich vermieden werden k&ouml;nnen. (S. 19).<\/p><p>Wie im Pleisweiler Gespr&auml;ch geht Flassbeck mit dem &bdquo;Herdentrieb&ldquo; und der Tatsache, dass auf den Finanzm&auml;rkten keine Werte geschaffen w&uuml;rden und im Gegenteil sogar noch die Realwirtschaft gesch&auml;digt w&uuml;rde, hart ins Gericht (S. 25f.) Aus einem Casino k&ouml;nne eben nicht mehr herauskommen als hineingetragen w&uuml;rde, dort gebe es allenfalls ein Nullsummenspiel (S. 28). Flassbeck erl&auml;utert das am Beispiel der Rohstoffm&auml;rkte, die eben nicht von Angebot und Nachfrage sondern von Spekulationen getrieben w&uuml;rden (S. 31). &bdquo;Die Herde gewinnt, so lange sie rennt&ldquo;. Das Anreizsystem auf den Finanzm&auml;rkten funktioniere also gerade umgekehrt, wie auf den normalen M&auml;rkten, wo der Investor nur gewinnen k&ouml;nne, wenn er sich von der Masse abhebe (S. 41). <\/p><p>Das &bdquo;Wirtschaftwunder&ldquo; der 50er und 60er Jahre sei vor allem deshalb zustande gekommen, weil die Teilhabe der Menschen am gemeinsam erarbeiteten Zuwachs der Wertsch&ouml;pfung garantiert gewesen sei (S. 41). Mit der Ideologie vom sog. &bdquo;Standortwettbewerb&ldquo; sei es zu einer Stagnation der Kaufkraft und des Wachstums gekommen. Das Gegenteil von dem, was die neoklassische Theorie behaupte, sei eingetreten: Mit dem Zur&uuml;ckbleiben der Reall&ouml;hne hinter der Produktivit&auml;t sei die Besch&auml;ftigung systematisch gesunken und nicht etwa angestiegen. Der einzige &bdquo;Erfolg&ldquo; sei der Exportboom gewesen und der sei wiederum urs&auml;chlich f&uuml;r die Krise des europ&auml;ischen W&auml;hrungssystems.<\/p><p>Anders als &bdquo;98 Prozent der &Ouml;konomen&ldquo; glaubten, m&uuml;sse die Wirtschaft darauf setzen, dass die Produkte, die mit einer immer besseren Technologie erzeugt w&uuml;rden, auch abgesetzt w&uuml;rden, und das gehe eben nur, wenn die Reall&ouml;hne der Produktivit&auml;t folgten. Wenn dann noch daf&uuml;r gesorgt w&uuml;rde, dass nicht zu viel gespart w&uuml;rde, dann k&ouml;nnte auch eine Marktwirtschaft im 21. Jahrhundert noch funktionieren. &bdquo;Die gesamte Wirtschaftspolitik der letzten 30 Jahre, die Reformen des Arbeitsmarktes, die Versuche zur Verbesserung des Standorts Deutschland, alles war unternehmerischem Handeln abgeschaut, ohne jede gesamtwirtschaftliche Perspektive&ldquo; (S. 53)<\/p><p>Hinter dem Widerstand gegen den Mindestlohn stehe die &bdquo;&auml;u&szlig;erst primitive&ldquo; Vorstellung vom Arbeitsmarkt nach dem Motto: &bdquo;Wer zu viel bekommt, muss entlassen werden, wer zu wenig bekommt, geht&ldquo; (S. 56).  Aber kein Mensch wisse, wie viel die Arbeit jeweils wert sei, die &bdquo;Entlohnung gem&auml;&szlig; Produktivit&auml;t&ldquo; sei in der Realit&auml;t einer arbeitsteiligen Marktwirtschaft eine von &Ouml;konomen erfundene Fiktion. Das wichtigste Prinzip der Marktwirtschaft sei: Die Masse der Menschen m&uuml;sse vollst&auml;ndig am Wertzuwachs partizipieren, weil man sie nicht nur als Produzenten der G&uuml;ter brauche, sondern auch als Nachfrager, wenn man auf Dauer erfolgreich wirtschaften wolle. &bdquo;Das Wunder der deutschen Nachkriegsentwicklung war ein Lohnwunder&ldquo; (S. 58). <\/p><p>Das Versagen der herrschenden Volkswirtschaftlehre zeige sich nirgendwo deutlicher als am Beispiel des Euro: Die deutsche Preisentwicklung sei weit hinter der der &uuml;brigen Europartner zur&uuml;ckgeblieben. Wegen der Inflationsdifferenzen zwischen den Mitgliedstaaten und der auseinanderlaufenden Angebotspreise h&auml;tten sich die Marktanteile vor allem zugunsten Deutschlands verschoben. Das Verh&auml;ltnis der Nominall&ouml;hne zur Produktivit&auml;t (die Lohnst&uuml;ckkosten) bestimme n&auml;mlich vornehmlich, wie sich die G&uuml;terpreise bei funktionierendem Wettbewerb entwickelten. Ein weiterer zentraler Faktor f&uuml;r die Produktionsentwicklung sei die Auslastung und der Umfang des Kapitalstocks. (Die Geldpolitik nehme nur indirekt Einfluss auf die Preisentwicklung, indem sie durch die Zinspolitik die Investitionen stimuliere oder bremse.)<br>\n&bdquo;H&auml;tte man den Teilnehmern der EWU 1999 gesagt, dass es die zentrale Voraussetzung f&uuml;r die Lebensf&auml;higkeit jeder W&auml;hrungsunion ist, dass sich jedes Mitgliedsland um die Einhaltung der Lohnregel (Inflation plus Produktivit&auml;tsgewinn) bem&uuml;ht, h&auml;tte man sich die &uuml;brigen Maastricht-Kriterien sparen und die fatalen Handelsungleichgewichte vermeiden k&ouml;nnen&ldquo; (S. 76). <\/p><p>Um seine These von den Handelsungleichgewichten zu untermauern, geht Flassbeck ausf&uuml;hrlich auf die herrschende Freihandelstheorie ein. Ricardos Theorem der &bdquo;komparativen Vorteile&ldquo;, auf das sich die herrschende Lehre nach wie vor st&uuml;tze, sei &bdquo;realit&auml;tsfern&ldquo;. So sei etwa weder Lohndumping, noch die Tatsache, dass die Wechselkursbildung heute ein Spielball der Spekulanten geworden sei, erfasst. Vor allem werde auch nicht auf die Direktinvestitionen eingegangen, die hohe Produktivit&auml;t der entwickelten L&auml;nder in L&auml;nder mit niedrigsten L&ouml;hnen verlagerten und auf diese nicht etwa &bdquo;komparative Vorteile&ldquo; sondern Monopolgewinne erm&ouml;glichten. Statt &uuml;ber ein realit&auml;tsferne Freihandelstheorie, sollte man lieber eine Diskussion &uuml;ber ein vern&uuml;nftiges Wechselkurssystem und &uuml;ber das Lohndumping einzelner L&auml;nder f&uuml;hren, womit sich einzelne L&auml;nder ungerechtfertigte Vorteile verschafften. Handel sei eben keine Einbahnstra&szlig;e: &bdquo;Wer immer gewinnt, wird am Ende verlieren&ldquo; (S. 88). <\/p><p>Flassbeck kennt selbstverst&auml;ndlich auch die Diskussion um die &bdquo;Grenzen des Wachstums&ldquo; bzw. &uuml;ber die S&auml;ttigungsthese. Der herrschend (quantitative) Wachstumsbegriff unterstelle, dass aufgrund der Ideologie der sog. &bdquo;Konsumentensouver&auml;nit&auml;t&ldquo; die Unternehmer und der Staat schlichte Befehlsempf&auml;nger der Verbraucher seien. Die &bdquo;Konsumentensouver&auml;nit&auml;t&ldquo; unterstelle, dass die Wirtschaft dem Menschen diene und nicht umgekehrt. Wirtschaft sei aber eben nicht machtfrei. Die Konsumenten seien nicht in der Lage die Welt zu ver&auml;ndern, sie seien vielmehr Teil eines Systems, das gar nicht in erster Linie daf&uuml;r gemacht sei, ihre W&uuml;nsche zu erf&uuml;llen. Das System m&uuml;sse umgekehrt so gestaltet werden, dass es die W&uuml;nsche der Menschen erf&uuml;llt, die Marktwirtschaft also solche allein tue das nicht (S. 90). <\/p><p>Nur wenn man konsequent eine Wirtschaft analysiere, in der es weder Konsumentensouver&auml;nit&auml;t noch die &Uuml;bereinstimmung von einzelwirtschaftlichen und gesamtwirtschaftlichen Zielen  und Ergebnissen gebe, k&ouml;nne man ein realistisches Bild von Wirtschaft entwerfen. Nur auf dieser Basis k&ouml;nne Wirtschaftspolitik gezielt und zielgenau eingreifen, um das System &bdquo;den wohlverstandenen W&uuml;nschen der Menschen und den von der Natur gesetzten Grenzen anzupassen (S. 91). Das sei die Herausforderung zu Beginn des 21. Jahrhunderts. <\/p><p>Der konstruierte Konflikt zwischen &Ouml;konomie und &Ouml;kologie sei ein Scheinkonflikt. Es gebe keine Definition der G&uuml;ter, deren Produktion man zum Wachstum z&auml;hlen m&uuml;sse oder nicht: &bdquo;Wachstum ist das, was die Gesellschaft w&uuml;nscht&ldquo; (S. 92). Der Staat m&uuml;sse als Pionierunternehmen f&uuml;r das Produkt Umweltschutz auftreten. Mit der Politik der Lohnsenkung jedoch habe man sich um die alten M&auml;rkte geschlagen, statt neue M&auml;rkte zu schaffen. <\/p><p>Derzeit rede man nur noch &uuml;ber die Schuldenkrise. Man komme allerdings um eine simple Wahrheit nicht herum: Die Schulden des einen, sind immer die Verm&ouml;gen eines anderen  (S. 103). Wenn zu viele hoch verschuldet seien und zur gleichen Zeit versuchten, ihre Schulden herunterzubringen, rissen sie das System noch weiter in die Tiefe. Nur massive Zinssenkungen durch die Notenbank und h&ouml;here Schulden des Staates k&ouml;nnten eine Volkswirtschaft stabilisieren, die auf diese Weise das Gleichgewicht verliere.<br>\nSo habe die Schuldenkrise in Griechenland nichts mit einem Bankrott zu tun, sondern mit der Panik von &bdquo;M&auml;rkten&ldquo; verst&auml;rkt durch Politik und Medien. Es w&auml;re darum gegangen in dieser Situation den &bdquo;M&auml;rkten&ldquo; einen so kr&auml;ftigen Schuss vor den Bug zu geben, dass sie sich nicht mehr aus der Deckung trauten (S. 104). H&auml;tte man von Anfang an mit dem Mittel der Euro-Anleihe der Spekulation den Garaus gemacht, h&auml;tte das ganze Spektakel erst gar nicht gegeben. <\/p><p>Man brauche im &Uuml;brigen das ganze &bdquo;Kartenhaus des Bankensystems&ldquo; dazu gar nicht. Die Banken seien nichts anderes als Kreditvermittler im Auftrag des Staates, denn sie leiteten letztlich die von der Zentralbank zur Verf&uuml;gung gestellte Liquidit&auml;t an Kreditnehmer weiter. Es sei auf Dauer nicht hinnehmbar, dass die Banken vom Staat billiges Geld via Zentralbank bek&auml;men und damit wiederum Staatsanleihen dieses Staates kauft, die weit h&ouml;here Zinsen abwerfen (S. 190).  Dass die Europ&auml;ische Zentralbank nicht direkt, sondern nur &uuml;ber den Umweg der Refinanzierung der Banken Staatsanleihen kaufe, sei nur der Ideologie zu verdanken, wonach nur die Weisheit der &bdquo;M&auml;rkte&ldquo; den Staat hindere, das Geld zu verschleudern. Wenn aber Finanzmarktakteure dank der Finanzmarktliberalisierung ein W&auml;hrungssystem, ja die Weltwirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs f&uuml;hrten, dann st&ouml;re das die Neoliberalen nicht weiter. Der Aberwitz sei, dass im Fr&uuml;hjahr 2010 die gleichen Akteure, die mit ihren Wettschulden die Staaten in immer h&ouml;here Defizite getrieben h&auml;tten, nun anfingen &uuml;ber Staatsbankrotte zu reden. <\/p><p>Auf den Finanzm&auml;rkten, seien die Dinge fundamental schief gelaufen. Marktwirtschaft m&uuml;sse endlich wieder als ein dienendes Element der Demokratie zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden. Nur weil die Finanzm&auml;rkte nach der gro&szlig;en Depression der 30er Jahre strikt reguliert worden seien, habe es das gro&szlig;e Wirtschaftswunder gegeben. Entscheidende Voraussetzung sei die Beendigung der Spekulation mit W&auml;hrungen. Wechselkurse zwischen W&auml;hrungen seien neben dem Zins der wichtigste Preis einer offenen Volkswirtschaft. Sie bewegten die gesamte Palette der Au&szlig;enhandelspreise. Solange das monet&auml;re Problem nicht gel&ouml;st sei, l&ouml;se man auch kein anderes.<br>\nMan m&uuml;sse das W&auml;hrungssystem m&ouml;glichst handelsneutral machen, d.h. die nominalen Wechselkurse m&uuml;ssten der Inflationsdifferenz der L&auml;nder folgen, also den realen Wechselkurs konstant halten.<\/p><p>Kern des Problems innerhalb des Europ&auml;ischen W&auml;hrungssystems sei, dass ein Land &uuml;ber Jahrzehnte Lohnzur&uuml;ckhaltung betreibe, ohne dass es die M&ouml;glichkeit der Auf- oder Abwertung gebe. <\/p><p>&bdquo;Wer klare und einfache Diagnosen hat, hat in der Regel auch klare und einfache Therapien&ldquo; (S. 177) schreibt Flassbeck. Bei allem Verst&auml;ndnis f&uuml;r didaktische Zuspitzung und daf&uuml;r, dass er die Irrlehren der herrschenden Lehre bis ins Absurde treiben m&ouml;chte, an manchen Stellen sind seine Diagnosen doch etwas zu einfach und dementsprechend auch die Therapievorschl&auml;ge.<br>\nDie Empirie gibt ja Flassbeck Recht, wenn er das Lohndumping in Deutschland als eine zentrale Ursache der &ouml;konomischen Ungleichgewichte herausstellt, aber m&uuml;sste man nicht noch das Steuerdumping auch noch erw&auml;hnen?<br>\nGibt es f&uuml;r die Schuldenkrise Griechenlands nicht auch noch andere Probleme als das &ouml;konomische Ungleichgewicht? (Siehe den heutigen Beitrag von Niels Kadritzke)<br>\nSind es wirklich nur die Lohnst&uuml;ckkosten, die die Wettbewerbsf&auml;higkeit einer Volkswirtschaft auf Dauer bestimmen? Ist da nicht doch wieder zuviel Denken in den Kategorien des &bdquo;Standortwettbewerbs&ldquo; im Spiel und eben nicht die Tatsache, dass einzelne Unternehmen mit ihren Produkten miteinander in Konkurrenz stehen? F&uuml;hrt es nicht wenigstens auch zu einem Wettbewerbsvorteil, wenn ein Staat gemessen an anderen viel f&uuml;r Bildung und Wissenschaft und damit f&uuml;r Innovation und im Ergebnis f&uuml;r Produktivit&auml;t tut? Oder umgekehrt, k&ouml;nnte es auf Dauer nicht auch zu Wettbewerbsverschiebungen im Positiven oder im Negativen kommen, wenn ein Staat hohe Steuern einzieht, um hohe soziale oder Umweltstandards zu haben und andere Staaten solche volkswirtschaftlichen Kosten vernachl&auml;ssigen?<br>\nDas sind Fragen, auf die Heiner Flassbeck sicher auch logische oder zumindest plausible Antworten geben k&ouml;nnte &ndash; vielleicht in einem n&auml;chsten Buch.<\/p><p>Man kann Flassbecks Zorn &uuml;ber die herrschenden Ideologien und &uuml;ber seine heruntergekommene Wirtschaftswissenschaft nur zu gut verstehen, er entschuldigt zwar gleich am Anfang daf&uuml;r, aber es h&auml;tte ihm besser angestanden und er h&auml;tte mit seinem neuen Buch vielleicht mehr zweifelnde &Ouml;konomen erreicht, wenn er ihnen nicht alle paar Seiten vorgehalten h&auml;tte, dass sie entweder ignorant oder aber nur einer bornierten Unternehmerlogik folgten. <\/p><p>Heiner Flassbeck, Die Markwirtschaft des 21. Jahrhunderts, Westend Verlag Frankfurt\/Main 2010, 242 Seiten, 22,95 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F&uuml;r Heiner Flassbeck gibt es nur eine zielf&uuml;hrende L&ouml;sung der Eurokrise: &bdquo;Kurzfristig sind die Zinsdifferenzen durch eine gemeinsame, von allen EWU-L&auml;ndern getragene Euroanleihe zu beseitigen, und es muss verhindert werden, dass die angeschlagenen Defizitl&auml;nder durch ein kontraproduktives Kaputtsparen der &ouml;ffentlichen Haushalte in eine weitere Rezession abgleiten. Gleichzeitig muss den Finanzspekulanten das Handwerk gelegt werden.&ldquo; Und:<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7775\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[13,139,208,157],"tags":[423,671,364,499,315],"class_list":["post-7775","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-euro-und-eurokrise","category-rezensionen","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-austeritaetspolitik","tag-eurobonds","tag-flassbeck-heiner","tag-handelsbilanz","tag-merkel-angela"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7775","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7775"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7775\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7778,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7775\/revisions\/7778"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7775"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7775"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7775"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}