{"id":77843,"date":"2021-11-11T08:00:11","date_gmt":"2021-11-11T07:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77843"},"modified":"2021-11-11T09:29:27","modified_gmt":"2021-11-11T08:29:27","slug":"kritik-an-israels-politik-aus-dem-juedischen-gebot-der-naechstenliebe-heraus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77843","title":{"rendered":"Kritik an Israels Politik aus dem j\u00fcdischen Gebot der N\u00e4chstenliebe heraus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Nachruf auf Rolf Verleger<\/strong><br>\n<strong>Von Arn Strohmeyer<\/strong><\/p><p>Die Nachricht vom Tod Rolf Verlegers muss alle, die sich f&uuml;r einen gerechten Frieden im Nahen Osten einsetzen, tief betroffen machen. Mit ihm verlieren wir zudem einen wunderbaren und liebevollen Menschen, den pers&ouml;nlich gekannt zu haben, eine gro&szlig;e Bereicherung war. Im Januar dieses Jahres hat er mir noch einen langen Brief geschrieben, in dem er auch auf seine Krankheit einging. Der Brief endete mit den Worten: &bdquo;Ich muss sehr teure Pillen schlucken, und die &Auml;rzte sind guter Stimmung. Mal sehen, wie es weitergeht&hellip;&ldquo; Er hat den Kampf gegen seine Krankheit verloren, er ist nur 70 Jahre alt geworden. Wir haben mit ihm einen der besten und kenntnisreichsten Mitstreiter f&uuml;r ein Ende der Gewalt und der Unterdr&uuml;ckung in Israel\/Pal&auml;stina verloren. Der Verlust wiegt sehr schwer.<br>\n<!--more--><br>\nDie Motivation f&uuml;r sein politisches Engagement war das Judentum, so wie er es verstand. &Uuml;ber diese Religion schrieb er: &bdquo;Das Judentum war &uuml;ber Jahrhunderte eine Ideologie der Befreiung, der M&ouml;glichkeit der kommenden Erl&ouml;sung, der Heilung der Welt durch Gottes Gnade.&ldquo; Das Gebot der Tora &bdquo;Liebe Deinen N&auml;chsten wie Dich selbst!&ldquo; oder in anderer &Uuml;bersetzung &bdquo;Liebe Deinen N&auml;chsten &ndash; er ist wie Du!&ldquo; war f&uuml;r ihn die universale Kernaussage dieser Religion. Er zitierte immer wieder den Satz, den der Rabbi Hillel (geb. 70 v.u.Z.) zu einem Sch&uuml;ler auf die Frage nach dem Wesentlichen im menschlichen Leben gesagt hat: &bdquo;Was Dir verhasst ist, das tu Deinem N&auml;chsten nicht an!&ldquo;. Hillel f&uuml;gte hinzu: &bdquo;Das ist die ganze Tora. Der Rest ist Erl&auml;uterung.&ldquo;<\/p><p>Dieses Liebes-Gebot hat Rolf Verleger ganz w&ouml;rtlich genommen, und es war sein Motiv, sich in die israelische Politik einzumischen und einer ihrer entschiedensten Kritiker zu werden. Denn beruflich hatte er als Neurologe gar nichts damit zu tun. Angesichts der unsagbaren Verbrechen, die die Zionisten seit ihrer Einwanderung in Pal&auml;stina an der indigenen Bev&ouml;lkerung begangen haben, schrieb er: &bdquo;Das Judentum, meine Heimat, ist in die H&auml;nde von Leuten gefallen, denen Volk und Nation h&ouml;here Werte sind als Gerechtigkeit und N&auml;chstenliebe.&ldquo;<\/p><p>Im Juli 2006 fiel Israels Armee erneut in den Libanon ein. Der Kriegsgrund war ein milit&auml;risches Scharm&uuml;tzel mit der Hisbollah an der Grenze zum Zedernstaat, bei dem mehrere israelische Soldaten get&ouml;tet und zwei gefangengenommen wurden. Israel antwortete wie immer mit brutaler und unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;iger Gewalt auf den Vorfall. Der Zentralrat der Juden in Deutschland warb daraufhin in gro&szlig;en Zeitungsanzeigen f&uuml;r Solidarit&auml;t mit der israelischen Kriegspolitik. Rolf Verleger, der Delegierter im Zentralrat war, schrieb aus diesem Anlass einen Brief an die Leitung des Zentralrats &ndash; die Pr&auml;sidentin Charlotte Knobloch, Prof. Dr. Korn und Dr. Graumann. Darin kritisierte Verleger massiv die Parteinahme f&uuml;r Israels Invasion, denn diese Milit&auml;raktion werde Israel nicht sicherer, sondern unsicherer machen, weil es sich durch diesen Krieg erneut die Wut und den Hass der Nachbarstaaten zuziehen w&uuml;rde. <\/p><p>Verleger fragte dann in seinem Brief angesichts dieser Gewalteskalation: &bdquo;Ist das noch dasselbe Judentum, das der Rabbi Hillel mit seiner Aufforderung zur N&auml;chstenliebe meinte?&ldquo; Und er beantwortete die Frage so: &bdquo;Das glaubt mir doch heutzutage keiner mehr, dass dies das &sbquo;eigentliche&lsquo; Judentum ist, in einer Zeit, in der der j&uuml;dische Staat andere Menschen diskriminiert, in Kollektivverantwortung bestraft, gezielte T&ouml;tungen ohne Gerichtsverfahren praktiziert, f&uuml;r jeden get&ouml;teten Landsmann zehn Libanesen umbringen l&auml;sst und ganze Stadtviertel in Schutt und Asche legt. Ich kann doch wohl vom Zentralrat der Juden in Deutschland erwarten, dass dies wenigstens als Problem gesehen wird.&ldquo; Und er schloss seinen Brief mit den Worten: &bdquo;Die israelische Regierung braucht unsere Solidarit&auml;t. Im Moment ist sie aber auf einem falschen Weg, daher braucht sie von solidarischen Freunden jetzt nicht mehr Waffen oder mehr Geld oder mehr public relation, sondern mehr Kritik.&ldquo; Diese Kritik am israelischen Kriegszug und am Zentralrat kam in seiner j&uuml;dischen Gemeinde nicht gut an. Er verlor nach diesem Brief sein Mandat als Delegierter f&uuml;r das Zentralratsdirektorium.<\/p><p>Die Politik Israels gegen&uuml;ber den Pal&auml;stinensern warf f&uuml;r Verleger die Frage nach der j&uuml;dischen Identit&auml;t auf. F&uuml;r ihn war v&ouml;llig klar, dass Israels Gewaltpolitik gegen ein ganzes Volk und der &bdquo;erstickende&ldquo; zionistische Nationalismus nichts mit Judentum zu tun haben. Wenn es f&uuml;r ihn eine Identifikation mit Israel geben konnte, dann nur eine solche: &bdquo;F&uuml;r mich kann es &uuml;berhaupt keinen Zweifel daran geben, Jude sein bedeutet, neben dem Stolz auf die j&uuml;dische religi&ouml;se Tradition, sich dem j&uuml;dischen Staat zugeh&ouml;rig f&uuml;hlen. Und dieses Gef&uuml;hl der Zugeh&ouml;rigkeit bedeutet, sich daf&uuml;r einzusetzen, dass dieser Staat Frieden mit seinen arabischen Nachbarn macht, indem er endlich aufh&ouml;rt, die arabischen Pal&auml;stinenser als Menschen zweiter Klasse zu behandeln.&ldquo;<\/p><p>An die Juden in Deutschland richtete er einen flammenden, aber auch warnenden Apell: &bdquo;Juden in Deutschland, die ihre j&uuml;dische Identit&auml;t auf diese Weise definieren, als Bekenntnis zur aktuellen Politik des j&uuml;dischen Staates, setzen Kritik an Israels Politik gleich mit Verrat am Judentum, denn gem&auml;&szlig; dieser Identit&auml;tsproblematik gibt es kein Judentum au&szlig;erhalb der Unterst&uuml;tzung der Politik Israels. Das ist Nationalismus als Identit&auml;tsersatz. Das ist nicht gut, denn &uuml;bersteigerter Nationalismus hat schon andere L&auml;nder in den Abgrund gef&uuml;hrt, und so k&ouml;nnte es auch Israel gehen.&ldquo;<\/p><p>Aus diesem Geist heraus hat sich Rolf Verleger immer wieder mit seinem kritischen Intellekt, seiner humanit&auml;ren Gesinnung und seinem hohen moralischen Anspruch in die politische Debatte &uuml;ber Israel und den Nahen Osten eingemischt. Seine Stimme, die nun verstummt ist, ist f&uuml;r uns ein unersetzbarer Verlust.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Ein Nachruf auf Rolf Verleger<\/strong><br \/> <strong>Von Arn Strohmeyer<\/strong><\/p>\n<p>Die Nachricht vom Tod Rolf Verlegers muss alle, die sich f&uuml;r einen gerechten Frieden im Nahen Osten einsetzen, tief betroffen machen. Mit ihm verlieren wir zudem einen wunderbaren und liebevollen Menschen, den pers&ouml;nlich gekannt zu haben, eine gro&szlig;e Bereicherung war. 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