{"id":77900,"date":"2021-11-12T13:04:18","date_gmt":"2021-11-12T12:04:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77900"},"modified":"2021-11-12T15:16:48","modified_gmt":"2021-11-12T14:16:48","slug":"der-zielkonflikt-gruener-politik-zwischen-umverteilung-und-klimaschutz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77900","title":{"rendered":"Der Zielkonflikt gr\u00fcner Politik zwischen Umverteilung und Klimaschutz"},"content":{"rendered":"<p>Soziale Teilhabe und effektive Umwelt- und Klimapolitik sind keine unvereinbaren Zielkonflikte, sondern m&uuml;ssen Hand in Hand gehen. Dieser Satz ist wohl eine Lebensl&uuml;ge gr&uuml;ner Politik. Linke Politik und Klimaschutz lassen sich n&auml;mlich keineswegs so einfach unter den Hut bringen, wie es gerne suggeriert wird. Mehr noch &ndash; aus makro&ouml;konomischer Sicht gibt es sogar einen Zielkonflikt zwischen Umverteilung von oben nach unten und Klimaschutz. Wer &ndash; wie Teile der Gr&uuml;nen &ndash; den Fokus prim&auml;r auf &bdquo;Gr&uuml;nes Schrumpfen&ldquo; und eine &bdquo;Postwachstumsgesellschaft&ldquo; richtet, der sieht in einer Verbesserung der materiellen Grundlagen der unteren Einkommensgruppen eher ein Problem. Dies erkl&auml;rt wohl auch zumindest zum Teil das geringe Engagement der Gr&uuml;nen f&uuml;r eine sozial und &ouml;konomisch progressive Politik. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3785\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-77900-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211112_Der_Zielkonflikt_gruener_Politik_zwischen_Umverteilung_und_Klimaschutz_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211112_Der_Zielkonflikt_gruener_Politik_zwischen_Umverteilung_und_Klimaschutz_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211112_Der_Zielkonflikt_gruener_Politik_zwischen_Umverteilung_und_Klimaschutz_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211112_Der_Zielkonflikt_gruener_Politik_zwischen_Umverteilung_und_Klimaschutz_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=77900-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211112_Der_Zielkonflikt_gruener_Politik_zwischen_Umverteilung_und_Klimaschutz_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"211112_Der_Zielkonflikt_gruener_Politik_zwischen_Umverteilung_und_Klimaschutz_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>F&uuml;r was wir unser Geld ausgeben, ist vor allem eine Frage des Einkommens. So ist beispielsweise der prozentuale Anteil der Ausgaben f&uuml;r Wohnkosten umso h&ouml;her, je weniger ein Haushalt verdient. W&auml;hrend Geringverdiener-Haushalte mit einem Nettoeinkommen von weniger als 1.300 Euro im Schnitt 44,5% ihres Einkommens f&uuml;r die Wohnkosten bezahlen m&uuml;ssen, sind es bei Haushalten mit &uuml;ber 5.000 Euro Nettoeinkommen lediglich 29,1%. Umgekehrt steigen andere Konsumausgaben mit steigendem Einkommen nicht nur absolut, sondern auch relativ &ndash; so sind die Ausgaben f&uuml;r &bdquo;Verkehr&ldquo; bei gutverdienenden Haushalten mit 16,4% relativ zum Einkommen genau doppelt so hoch wie bei schlecht verdienenden Haushalten mit 8,2%. In absoluten Zahlen sind sie bei den Gutverdienern mit 762 Euro pro Monat &uuml;brigens sogar achtmal so hoch wie bei den Geringverdienern mit 87 Euro pro Monat. Hier stellt der Kauf von Autos den gr&ouml;&szlig;ten Kostenblock dar. W&auml;hrend auf 100 Gutverdiener-Haushalte 187 Autos kommen (davon 72,8% Neuwagen), kommen auf 100 Geringverdiener-Haushalte nur 43 Autos (davon 12,5% Neuwagen). Dieser Trend ist linear &ndash; je mehr ein Haushalt verdient, desto mehr Geld gibt er nicht nur absolut, sondern auch relativ f&uuml;r genau die Konsumausgaben aus, die klimapolitisch problematisch sind. Die nicht minder problematischen Kosten f&uuml;r Kraftstoffe sind hier &uuml;brigens noch nicht einmal ber&uuml;cksichtigt. <\/p><p>Nun k&ouml;nnte man zu dem Schluss kommen, dass es aus diesem Grund auch klimapolitisch sinnvoll sei, von oben nach unten umzuverteilen. Doch so einfach ist es leider nicht, da die Geringverdiener nach der Umverteilung ja auch ein anderes Konsumverhalten haben. In der Volkswirtschaft spricht man an dieser Stelle von der marginalen Konsumquote. Diese beschreibt, f&uuml;r was ein zus&auml;tzlich verdienter Euro ausgegeben wird. Und diese marginale Konsumquote sinkt mit steigendem Einkommen. Das hat wiederum vor allem etwas damit zu tun, dass die Haushalte nicht nur absolut, sondern auch relativ mit steigendem Einkommen mehr Geld sparen bzw. investieren. W&auml;hrend ein Haushalt aus dem unteren Einkommenszehntel nur 1,8% seines Monatseinkommens sparen kann, liegt der Anteil im obersten Einkommenszehntel bei 17,0%. W&uuml;rde man die Einkommensskala noch weiter unterteilen, w&auml;re die Sparquote um so gr&ouml;&szlig;er, je reicher die betroffenen Haushalte sind. Ein Jeff Bezos schafft es schlichtweg nicht, mehr als einen kleinen Anteil seiner Eink&uuml;nfte f&uuml;r Konsumg&uuml;ter auszugeben. <\/p><p>Bei den wirklich reichen Haushalten ist beispielsweise die Zahl der Autos pro Haushalt eher durch die Anzahl der Haushaltsmitglieder als durch die finanziellen Grenzen limitiert. Und hier kommt der &bdquo;Albtraum&ldquo; derer ins Spiel, f&uuml;r die der Klimaschutz die einzige Zielgr&ouml;&szlig;e ist: Wenn ich von oben nach unten umverteile, geben die Menschen das Geld nur f&uuml;r noch mehr Autos, noch mehr Flugreisen und noch mehr G&uuml;ter aus, die mit dem Einsatz begrenzter Rohstoffe hergestellt wurden. So zumindest die Logik der &bdquo;Postwachstums-Fraktion&ldquo;. Oder zugespitzt: Wenn man sich ausschlie&szlig;lich auf die CO2-Bilanz konzentriert, w&auml;re eine Verarmungspolitik aus Sicht der &bdquo;Postwachstums-Fraktion&ldquo; sogar sinnvoll. Zumindest dann, wenn man an den Rahmenbedingungen nichts &auml;ndert und vollkommen ignoriert, welche Auswirkungen die Spar- und Investitionsausgaben f&uuml;r das Klima haben. <\/p><p>Genau dies ist der Widerspruch einer &bdquo;linken&ldquo; Klimapolitik, f&uuml;r die Wachstum stets nur quantitativ und nicht qualitativ definiert ist und immer wieder finden sich Stimmen, wie das Gr&uuml;nen-Mitglied und taz-Journalistin <a href=\"https:\/\/youtu.be\/ckoGgBAcyAw?t=1944\">Ulrike Herrmann<\/a>, die bereits offen eine klassische linke Politik infrage stellen, die auf einen Ausgleich der sozio&ouml;konomischen Verh&auml;ltnisse ausgerichtet ist, und stattdessen eine gr&uuml;ne Schrumpfpolitik (Degrowth) und Rationierungen propagieren. <\/p><p><em>Lesen Sie dazu bitte &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55332\">Es ist kontraproduktiv, Wachstum zu verteufeln &ndash; auch und gerade im Rahmen der Klimadebatte<\/a>&ldquo; und &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14401\">Wachstumswahn, Wachstumszwang, Postwachstumsgesellschaft &ndash; eine irrelevante und in die Irre leitende Debatte<\/a>&ldquo; <\/em><\/p><p>Die Vorstellung, man k&ouml;nne Wachstum und Umverteilung klimagerecht gestalten, wird von solchen Stimmen als &bdquo;<a href=\"https:\/\/youtu.be\/ckoGgBAcyAw?t=1866\">Illusion<\/a>&ldquo; bezeichnet. Sollte man an dieser Politik festhalten, w&uuml;rde dies &bdquo;in die Katastrophe&ldquo; f&uuml;hren &ndash; gemeint ist hiermit nat&uuml;rlich nicht die weitere Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich, sondern die &bdquo;Klimakatastrophe&ldquo;. Diese Position ist unter Gr&uuml;nen und leider mehr und mehr auch unter Linken durchaus popul&auml;r. Dabei handelt es sich jedoch um einen grandiosen Denkfehler.<\/p><p>Es gibt wohl kaum einen Menschen, der um der Sache willen, immer nur mehr vom Gleichen haben will. Ich w&uuml;rde gerne Lebensqualit&auml;t und Komfort genie&szlig;en, sorglos sein und wissen, dass es meinen Kindern sp&auml;ter gut geht. Nicht mehr und nicht weniger. Wie ich diese Ziele erreiche, ist eine Frage der Umst&auml;nde und wer glaubt, dass diese Ziele nicht klimaneutral zu erreichen seien, dem fehlt wohl jeglicher Glaube an die Kreativit&auml;t und Innovationskraft menschlichen Denkens. Unabh&auml;ngig davon muss jedoch gesichert sein, dass m&ouml;glichst viele Menschen die faire Chance bekommen, diese Ziele zu erreichen und zu genie&szlig;en. Und das ist in einer ungleichen Gesellschaft nun einmal nicht m&ouml;glich. <\/p><p>Auch Klimaschutz muss man sich schlie&szlig;lich erst mal leisten k&ouml;nnen. Wenn man sich von der klaren Zielsetzung eines solchen qualitativen, breit gef&auml;cherten Wachstums verabschiedet, dann ist dies per Definition keine linke, sondern streng genommen sogar eine reaktion&auml;re Politik, die dem technischen und gesellschaftlichen Fortschritt ablehnend gegen&uuml;bersteht und soziale sowie &ouml;konomische Zust&auml;nde anstrebt, die eigentlich als &uuml;berwunden gelten sollten. Solange derartige Denkfehler in den Reihen der Gr&uuml;nen popul&auml;r sind, wird die Partei sich auch nicht zu einer wirklich progressiven Kraft entwickeln k&ouml;nnen.<\/p><p>Titelbild: NicoElNino\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/fb730f836c0b41b0bf66a91149c6d953\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Soziale Teilhabe und effektive Umwelt- und Klimapolitik sind keine unvereinbaren Zielkonflikte, sondern m&uuml;ssen Hand in Hand gehen. Dieser Satz ist wohl eine Lebensl&uuml;ge gr&uuml;ner Politik. Linke Politik und Klimaschutz lassen sich n&auml;mlich keineswegs so einfach unter den Hut bringen, wie es gerne suggeriert wird. 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